Gott erwählt sich das Kleine, Schwache
Zur PDF6. Sonntag nach Trinitatis, 31.07.2011, 5.Mose 7, 6-12
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören.
Als Schriftwort für die Predigt hören wir aus dem 7. Kapitel des 5.Mosebuches die Verse 6-12:
Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
Der Herr hat euch nicht deshalb angenommen und erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker, – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er eueren Vätern geschworen hat.
Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und die seine Gebote halten.
Er vergilt aber ins Angesicht denen, die ihn hassen und bringt sie um und säumt nicht zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
So halte nun die Gebote und die Gesetze und die Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
Zwei Freunde hatten eine lange Bergwanderung hinter sich. Müde und hungrig kehrten sie, als sie wieder zurück waren im Tal, in dem schönen Gasthof am See ein. Verlockend die Speisekarte: Heute besonders zu empfehlen, die frischen Seeforellen. Sie werden gebracht, wunderbar angerichtet auf einer großen Platte mit goldgelben Kartoffeln und buntem Gemüse, geschmolzene Butter. Eine Pracht! – Nur, sie sehen es beide sofort, die beiden Fische sind doch recht unterschiedlich groß. Jeder schiebt dem anderen die Platte hin. „Nimm Dir doch Du zuerst!“ – Man kann sich denken, was hinter der Höflichkeit der Hungrigen steckt: Jeder erwartet, dass der andere, wenn er zuerst zugreift, aus Anstand nach dem kleineren Fisch greift und den größeren liegen lässt.
Schließlich wird es dem einen zu dumm. „Also, dann mach ich halt den Anfang.“ Sagt er und greift mit leuchtenden Augen nach der deutlich größeren Forelle. Der andere nimmt kurz darauf sichtlich verärgert die kleinere, mit der Bemerkung: „Also, wenn ich zuerst zugegriffen hätte, dann hätte ich ja nach der kleineren Forelle gegriffen.“ „Das war mir schon klar“, erwiderte sein Gegenüber und darum hab ich sie Dir auch schweren Herzens gelassen.“
Typisch. Das Größere, Bessere, Schönere ist begehrenswerter. Wenn man die Wahl hat, dann greift man danach. Und nicht selten ist das Begehren größer als die Rücksicht oder die Höflichkeit. An den Wühltischen des Schlussverkaufs wird gedrängelt und gegrabscht. An der Börse wird nach der großen Rendite Ausschau gehalten. Man wählt, wo immer das möglich ist das Prächtigere aus. Typisch menschlich.
Ganz anders, so wird es uns hier berichtet, handelt Gott. Er erwählt sich nicht ein Volk, das damals führend war. Er lässt sich nicht vom Gold der Ägypter blenden, von ihrer Macht und ihren Rechenkünsten, von ihren gewaltigen Palast– und Pyramidenbauten. Ihn ziehen nicht die kostbaren Stoffe und Teppiche der Schönen und Reichen an. Ihn beeindrucken auch nicht die militärische Überlegenheit und die hohe kulturelle Entwicklung.
Gottes Blick geht an all dem vorbei, auf das Unscheinbare, Kleine, Schwache. Er erwählt sich ein Volk der Verfolgten. Viehhirten, umherziehende Nomaden. Leute, die zunächst keinen Quadratmeter Boden besitzen. Deren Zukunft ungewiss ist und deren Habe sich auf ein Paar Esel laden lässt.
Unter den Völkern der Erde war dieses kleine Volk vor dreieinhalbtausend Jahren nicht erwähnenswert. Als Mose im Auftrag Gottes diese Worte an die Nachkommen Abrahams richtete, waren sie ein Volk ohne Land, ein Volk ohne König, ein Volk ohne Zukunft, ein Volk ohne Ansehen.
Aber und das macht ihnen Mose hier noch einmal ganz groß, ein Volk das von Gott erwählt ist. Ein Volk, dem Gott seinen Willen kundgetan hat und das Gott hütet, wie seinen Augapfel. Warum? Kaum erklärbar. Weil er liebt und weil sich seine Liebe auf alles Schwache und Unvollkommene richtet. Treu ist er in seiner Liebe und barmherzig. Sonst hätte er sich wohl schell wieder abgewendet von diesem Volk.
Es hat ja nie lange gedauert, bis das erwählte Volk die Wunder, Hilfen und Führungen, die es erlebt hatte, wieder vergaß und murrte oder sich von Gott abwandte. Immer wieder hat Gottes Liebe über seinen Zorn gesiegt und seine Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit. So wie Eltern auch ihr unfolgsames Kind nicht verstoßen und eine freche Tochter oder einen unverschämten Sohn nicht rausschmeißen. Weil die Liebe zu ihrem Kind stärker ist. Liebe macht barmherzig und treu.
Solcher barmherzigen und treuen Liebe Gottes ist es allein zu verdanken, dass dieses Volk Israel noch nicht aus der Geschichte verschwunden ist. Ohne Gottes Wunder und Hilfen wäre es schon zu Moses Zeiten in der Wüste zugrunde gegangen. Ohne Gottes Hilfe hätte es nie in dem verheißenen Land gegen die dort ansässigen Völker Fuß fassen können. Ohne Gottes Hilfe wären die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs in der Vielzahl der Völker aufgegangen und aus der Liste der Nationen verschwunden, nachdem man sie 70 n. Chr. aus ihrem Land vertrieben hatte.
Fast 2000 Jahre waren die Juden über die ganze Welt versprengt, wurden immer wieder verfolgt und verjagt. Aber Gott hat sie erhalten und durch die Jahrhunderte bewahrt, bis sie in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wieder zurückkehren durften in ihr Land Israel. Und dort, umgeben von feindlichen Völkern, steht über ihnen immer noch die Liebe Gottes in Barmherzigkeit und Treue, auch wenn sie bis heute ein Volk geblieben sind, das Fehler macht und Gott die Treue bricht.
Erfüllt hat sich die Verheißung Gottes nur an denen, die trotzdem festgehalten haben an dem einen, dem wahren Gott. An den Juden, die ihre Erwählung geschätzt und ihre Überlieferungen in den Worten des Mose und den Weisungen der Gebote nicht aufgegeben haben. Die anderen, die es sicher auch gab, die sich von ihrer heidnischen Umgebung haben beeinflussen lassen, sind untergegangen im Gemisch der Völker.
Nun könnte man ja sagen: Ist es nicht ungerecht, dass Gott sich ein Volk erwählt, wo es doch so viele gibt? – Ja, es wäre ungerecht, wenn die Exklusivität dieser Wahl bis heute geblieben wäre. Wenn alle, die nicht mit Abraham blutsverwandt sind, ausgeschlossen wären von Gottes Erwählung. Aber das ist ja seit 2000 Jahren anders. Gott hat in seiner Barmherzigkeit und Liebe seine Erwählung auf alle Völker ausgeweitet. Das war schon von Anfang an sein Plan, als er zu Abraham sagte(1.Mose 12,3): In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Das hat sich durch Jesus erfüllt. Er ist nicht nur für das eine Volk Mensch geworden, hat sein Leben nicht nur für wenige Auserwählte hingegeben. Den Tod nicht nur für eine kleine Minderheit besiegt, sondern für alle, die sich zu ihm bekennen.
Mit Jesus haben sich auch Gottes Liebe und Treue nicht verändert, ist Gottes Barmherzigkeit nicht aufgehoben worden, sondern noch klarer, noch einladender, noch leidenschaftlicher zum Ausdruck gekommen. Das „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ beim Propheten Jesaja, ist durch das „So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“, durch den Evangelisten Johannes bestätigt und sogar noch übertroffen worden.
Die Treue Gottes ist für alle wirksam geworden, die sich an den einen wahren Gott halten, die sich zu ihm bekennen und die seine Gebote anerkennen und als Grundlage ihres Lebens festhalten. Auch wenn sie dabei merken, dass sie immer wieder versagen, Gebote übertreten, zu schwach sind und es oft nicht schaffen, das zu tun, was sie als richtig erkannt haben. Es hebt Gottes Treue nicht auf, wenn wir schuldig werden. Solange wir nur daran festhalten, dass er treu ist und uns mit unserer Schuld an den wenden, den Gott dafür als Befreier und Erlöser gesandt hat. Seinen Sohn Jesus, den Christus, oder in unsere Sprache übersetzt, seinen Heiland, Jesus, den Retter.
Wie damals dem Volk in der Wüste, hält Gott auch heute noch die Treue, denen, die durch den Glauben an Jesus festhalten an Gottes Erwählung. Wir denken oft, wenn wir gesündigt haben, wenn wir treulos waren, wenn wir eigene Wege gegangen sind, Gott könnte nun unsere Gebete nicht mehr hören. Er würde uns nicht mehr helfen. Er hätte uns deshalb fallen lassen. Aber nein! Die Treue Gottes ist doch größer und seine Liebe wirkt immer neu Erbarmen und Barmherzigkeit.
Wer umkehrt und sich an den Heiland wendet, findet Hilfe. Der wird nicht – wie es vielleicht gerecht wäre – abgewiesen, sondern neu angenommen, findet Vergebung und erfährt Hilfe. Erwählt sein heißt nicht, vollkommen sein müssen oder makellos. Erwählt sein heißt: Du hast Gnade bei Gott gefunden. Es heißt niemals: Du hast dir den Himmel verdient oder gar: Du musst dir den Himmel verdienen.
Gottes Treue und Barmherzigkeit trägt auch durch alle Katastrophen, Kriege, in Notzeiten und selbst bei Wahnsinnstaten einzelner Irrer. Sie endet nicht im Tod. Auch nicht in einem sinnlosen und grausamen Geschehen, sondern sie trägt den, der sein Leben hier vielleicht dadurch verliert. Sie trägt durch alle Tiefen und Tragödien, selbst durch ein grausames Sterben ans Ziel. In den Friedenshafen, in die Herrlichkeit Gottes, wo alle Tränen getrocknet werden.
In der vorletzten Woche waren wir Bayreuther Pfarrer in Nürnberg, im Dokumentationszentrum des Nationalsozialismus auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Nach der Führung, die wir dort hatten, blieb noch etwas Zeit für einen eigenen Rundgang. Viele unglaubliche Bilder und Zeugnisse menschlichen Größenwahns und von irrsinnigem Rassenhass. Bilder von den Nürnberger Prozessen und von den erhängten Kriegsverbrechern, die da den Lohn ihrer Taten ernteten.
Bilder von den zahllosen unschuldigen Opfern. Ein Bild hat mich besonders bewegt. Ein russischer Jude, der mit auf den Rücken gefesselten Händen vor einer Grube kniet, in der schon viele übereinander liegende Tote zu sehen waren. Hinter ihm ein deutscher SS-Mann, der einen halben Meter entfernt seine Pistole auf den Nacken des Mannes gerichtet hat, daneben eine Reihe von weiteren SS-Leuten, die teilnahmslos und tatenlos zusehen. Das Bild hielt den Augenblick kurz vor dem tödlichen Schuss fest. Man sah das Gesicht dessen, den unmittelbar darauf die tödliche Kugel treffen würde. Es war aber keine Verzweiflung zu sehen, kein Hass, keine Bitterkeit, kein Aufschrei. Es war als ginge mitten in der entsetzlichen Szene von diesem Gesicht ein Frieden aus. Als würden diese Augen schon weiter sehen, über das Grausige hinaus, in eine andere Welt.
Ich weiß es nicht, aber vielleicht hat sich da für diesen Angehörigen des erwählten Volks etwas von der Treue Gottes erfüllt. Ich bin bei Dir, mitten in der tiefsten Not. Ich umgebe dich von allen Seiten und ziehe dich zu mir.
Vielleicht haben es auch manche der Opfer von Oslo so erlebt im Wahnsinn des Massakers, das dort ein Mensch angerichtet hat. Im Augenblick des Todes schon hineingenommen in die Liebe Barmherzigkeit und vergebende Treue Gottes. Die Norweger tun gut daran, wenn sie in diesen Tagen nicht mit Wut und Bitterkeit reagieren, sondern als Zeichen der Liebe, die siegt, Blumen in die Höhe halten und nicht Waffen.
Für alle, die sich an den treuen Gott halten, ist es ganz klar: Die unfassbaren Katastrophen dieser Welt beweisen nicht, dass es keinen liebenden Gott gibt, sondern in solchen Nöten beweist Gott seine Existenz an allen, die ihm vertrauen. Sie werden durchgetragen, egal ob sie darin sterben oder überleben. Die, die umkommen, sind in einem Augenblick in der Wirklichkeit Gottes, die, die überleben und bewahrt werden, dürfen mit Gottes Kraft und seiner Liebe das Trauma überwinden und wie ihr Herr am Kreuz die Liebe durchhalten. Sie müssen nicht Blut fordern als Rache, sondern können Blumen als Zeichen der schöpferischen Liebe Gottes zeigen.
Paul Gerhardt, der im Dreißigjährigen Krieg auch viel unmenschliche Grausamkeiten miterlebt und angesehen hat, der als Pfarrer zahlreiche Opfer von Gewalt und Seuchen zu beerdigen, hatte dichtete dennoch:
Warum sollt ich mich denn grämen?
Hab ich doch Christus noch, wer will mir den nehmen?
Wer will mir den Himmel rauben,
den mir schon Gottes Sohn beigelegt im Glauben.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/4116