Gott braucht keine Helden

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Neujahr 2012, Andacht zur Jahreslosung, 2. Kor. 12, 9 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen -Gebet-

Sie haben die neue Jahreslosung vor sich auf dem kleinen Buchzeichen oder der Faltkarte: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Teil eines ganz starken Wortes, das einst der Apostel Paulus als Antwort auf seine Gebete in einem persönlichen Leiden bekommen hat. Ich liebe dieses Wort sehr, denn es hat mir schon oft geholfen und Mut gemacht.

Doch will ich es auch gleich sagen: Es ärgert mich etwas, dass als Jahreslosung nur die zweite Hälfte dieses Wortes gewählt wurde. Es ist Teil eines ganzen Satzes, was Sie hier auf diesem Buchzeichen lesen. Sicher soll eine Jahreslosung möglichst kurz sein, aber doch nicht so kurz, dass es dadurch zu einer Verkürzung der biblischen Botschaft kommt.

Der vollständige Vers aus dem 12. Kapitel des 2. Korintherbriefs lautet: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ich will versuchen es mit meinen Worten zu sagen: Gott antwortet dem Paulus auf seine wiederholten Bitten um Heilung: Sei du nur zufrieden, dass ich dir gnädig bin, dass ich dich angenommen habe, dass Du Vergebung erfahren hast und angenommen bist. Du musst nicht unbedingt stark und gesund sein, um etwas zu bewirken. Meine Kraft ist auch in Schwachen mächtig.

Die Fotografin hat diesen kleinen Keimling in den Mittelpunkt ihres Bildes gerückt. Zart und verletzlich ist er und hat doch schon mit großer Kraft eine Veränderung bewirkt. Hat Erde weggedrückt, sich emporgearbeitet und entfaltet. Manchmal wächst ein zartes Blümchen irgendwo durch einen Spalt in der Teerdecke. Ameisen schleppen ein Vielfaches ihres Körpergewichtes, winzige Vögelchen legen Tausende von Kilometern zurück. Ein kleiner Maulwurf bewegt Tonnen von Erde.

Beinahe könnte man denken, es macht Gott besondere Freude mit Kleinen und Schwachen Großes zu leisten. In der Welt beeindrucken die Starken. Der Löwe brüllt furchterregend. Der Adler muss vor keinem anderen Vogel fliehen. Als König der Lüfte zieht er seine Kreise am Himmel. Bodybuilder lassen ihre unnatürlich aufgeblasenen Muskeln spielen um damit Eindruck zu wecken: Schaut her, wie stark ich bin!

Aber Gott hat seine Geschichte mit Schwachen geschrieben und sich stets Leute ausgesucht, die von sich selber nicht so überzeugt waren. Mose hatte eine Sprachfehler und sollte doch der Sprecher eines ganzen Volkes werden. David war der Kleinste seiner Brüder und besiegte doch den Riesen Goliath. Maria war eine kleine und unbedeutende Magd. Ein junges bescheidenes Mädel vom Land und sie sollte die Mutter des Herrn werden.

Gott hat sie nicht zuerst groß gemacht und dann beauftragt, sondern sie in Dienst genommen in aller ihrer Schwachheit. Sie sollten aus seiner Kraft handeln und verhandeln, siegen und widerstehen. Als Gott es einmal anders machte, entgegen seinen sonstigen Prinzipien, als er denn großen Saul zum ersten König Israels machte, ist die Sache schief gegangen. Saul hat sich was eingebildet auf seine Fähigkeiten. Er hat sich Gott widersetzt und ist gescheitert, vor Gott und den Menschen. Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Paulus hat diese Antwort angenommen und sich sagen lassen. Er hat damit auch seine Krankheit und seine Schwäche angenommen. Vielleicht auch die mitleidigen Blicke und herablassenden Bemerkungen der Menschen. Es war ihm eine Anfechtung, von Gottes Heilungskräften zu reden und zu erleben, dass unter seinem Gebet Kranke gesund wurden, ja sogar Tote wieder aufstanden und er selber war ein kranker Mann.

Zunächst hatte er immer gedacht: Gott muss mich heilen. Er muss mir diese Schwäche oder das, was mich in den Augen der anderen schwach erscheinen lässt, nehmen, damit ich für ihn mächtig wirken kann. Aber der Herr macht ihm mit seiner Antwort klar. Das ist nicht nötig. Ich brauche weder Helden noch Supermänner oder Superfrauen, um mein Ziel zu erreichen. Mit meiner Kraft kann ich trotz deiner menschlichen Schwäche und Armseligkeit mein Ziel erreichen.

Paulus hatte verstanden, darum kann er über seine Schwachheit sprechen und hier seine Erkenntnis an die Gemeinde in Korinth und an die Christen aller Zeiten weitergeben:

Der Herr hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Sind sie auch guten Mutes in Schwachheit? Meistens nicht. Wir sind oft verzagt in Schwachheit. Schnell sind wir beim Jammern und Resignieren: Ich kann das nicht! Ich schaff das nicht! Anstatt die Sache mit Gottvertrauen und Gottes Hilfe anzugehen. So wie David furchtlos auf Goliath zuging. Als der ihn verhöhnte und ihn zu Vogelfutter verarbeiten wollte, antwortete ihm David: Du kommst zu mir mit deinen Waffen, ich aber komme zu dir in der Kraft und im Namen des lebendigen Gottes. Dann flog der Stein und der Riese fiel.

Wir müssen weder Helden sein, noch ist es nötig, dass Gott alle unsere Gebete erhört. Wenn ich meinen Lebensweg zurückschaue, dann muss ich sagen: Ich bin Gott dankbar dafür, dass er manche meiner Gebete erhört hat. Aber ich bin ihm auch dankbar, dass er manche meiner Gebete nicht erhört hat.

Das erste fällt nicht schwer. Wer ist nicht dankbar, wenn eine Sache noch einmal gut gegangen ist. Wenn das Kind wieder gesund ist, wenn das Schuljahr geschafft ist, die Bewerbung erfolgreich war oder wenn das Auto doch noch anspringt.

Das zweite, der Dank für nicht erhörte Gebete ist schon viel schwieriger. Manchmal ist er erst mit großem zeitlichen Abstand möglich. Ich denke daran, wie ich als Jugendlicher einmal schwer verliebt war in ein bestimmtes Mädchen in der Schule. Ich hab immer darum gebetet, dass Gott uns zusammenbringt. Aber es ist einfach nichts geworden. Manchmal hab ich gedacht, der Herr mag mich nicht, weil er mein Gebet nicht erhört hat. Jahre später wusste ich, warum. Er hatte jemand anderen für mich vorgesehen, meine Frau.

Vielleicht ist es Ihnen auf andere Weise auch schon so gegangen. Die Prüfung nicht bestanden, den Job nicht gekriegt oder die Wohnung und Sie haben das als Niederlage empfunden, waren traurig und dachten: Warum hört Gott mich denn nicht? Und heute wissen Sie oder ahnen. Es war gut so.

Es kann sein, dass Gott es gegen Ihren Willen noch besser gelenkt hat und Sie weiter gebracht hat als Sie es sich je erträumt haben. Es kann auch sein, dass Sie durch das Leid, das so lange nicht von ihnen gewichen ist, in Ihrem Glauben vorangekommen sind. Oder dass der Misserfolg Sie heruntergeholt hat von Ihrem Hochmut und der überzogenen Selbsteinschätzung.

Wir brauchen beides. Die Erfahrung der Hilfe Gottes und das Ausbleiben seiner Hilfe. Dein Wille geschehe, heißt das Gebet, das uns oft so schwer über die Lippen kommt. Aber es wird, wo wir uns dazu durchringen, uns immer zum Segen.

Auch der Apostel Paulus hat in seinem Leben beide Erfahrungen gemacht. Gott hat manche seiner Gebete auf wunderbare Weise erhört. Er wurde durch Wunder aus Gefängnissen befreit, vor Mordanschlägen bewahrt und sogar nach dem Biss einer Giftschlange gerettet, durch seine Gebete wurden Kranke gesund, es kamen Menschen zum Glauben, sogar ein Toter erwachte wieder zum Leben.

Paulus hatte tiefe geistliche Erlebnisse, – einige Zeilen vor der Jahreslosung berichtet er von einer Vision – in der er Einblick in die Welt Gottes bekommt und Dinge sieht und hört, die er nicht in Worte fassen kann. 14 Jahre lang hat er überhaupt nicht gewagt, darüber zu reden. Vielleicht hat er gedacht, das glaubt mir doch keiner, vielleicht wollte er sich das Wunderbare nicht durch Kritiker und Neider kaputt machen lassen.

Dem Apostel geht es nicht um geistliche Angeberei, nicht um Eigenlob, sondern um Gotteslob. Und deshalb erzählt er auch ganz ehrlich von seiner persönlichen Not und von seinen nicht erhörten Gebeten. Es gibt da offensichtlich ein großes gesundheitliches Handicap in seinem Leben. Etwas, was ihm körperlich und geistlich schwer zu schaffen macht.

Die Bibelausleger der Jahrhunderte haben gerätselt, was der Apostel mit dem Pfahl im Fleisch (Luther) meint, der ihn so quält. Kopfschmerzen, Organschmerzen, ein Augenleiden, Epilepsie, Malaria oder Rheuma. Vielleicht war es ja auch ein missratenes Kind oder eine gescheiterte Ehe.

Das Bild das Paulus gebraucht ist drastisch und deutlich ein Pfahl im Fleisch, ein Bote des Teufels der ihm ins Gesicht schlägt und ihn peinigt. Große körperliche oder seelische Not, vielleicht auch beides. Starke Schmerzen machen einen ja auch seelisch fertig und bringen den Glauben ins Wanken.

Was es auch gewesen sein mag, es macht dem Paulus immer noch zu schaffen, als er diesen Brief an die Korinther schreibt. Er ist noch nicht fertig damit. Er leidet noch. Es tut noch weh.

Ich bin mir sicher, dass unter uns manche sitzen, die gut verstehen, was der Paulus hier beschreibt. Vielleicht leiden Sie auch unter solchen immer wiederkehrenden Schmerzen, Migräneanfällen, Organschmerzen, Rheuma oder Gicht, es kann so vieles weh tun.

Manche werden unter uns sein, die zwar heile Knochen und Organe haben, denen nicht einmal ein Zahn oder ein Zeh schmerzt, denen es aber in der Seele weh tut, wie der Mensch, den sie lieb haben mit ihnen umspringt. Vielleicht waren es auch Worte, die für Sie ein Schlag ins Gesicht waren oder ein Stich ins Herz. Und immer wenn Sie daran denken, dann tut der Schlag wieder weh und sie spüren den Stich wieder. Und Sie denken, ich will das vergessen, ich hab das doch vergeben und es kommt doch immer wieder.

Es könnte auch sein, dass es Gewissensschmerzen sind, die Sie quälen, weil Sie wieder im Zorn gestraft, im Gespräch gelogen oder im Glauben versagt haben, obwohl sie es doch eigentlich gar nicht wollten. Oder ihr Gewissen verklagt Sie, weil Sie immer noch nicht vergeben oder wieder nicht schweigen konnten, weil Sie gestern Nacht wieder nicht die Kraft hatten den Fernseher rechtzeitig auszuschalten.

Vielleicht haben Sie auch dreimal oder gar noch öfter zum Herrn gefleht oder leidenschaftlich und unter Tränen gebetet, dass der Herr diesen Schmerz, dieses Leid wegnehmen möge, aber Sie tragen noch immer schwer daran. Es tut immer noch weh. Dann dürfen Sie auch das als Trost Gottes nehmen, was dem Paulus hier gesagt wird: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Oder mit der „Hoffnung für alle“: Verlass dich ganz auf meine Gnade. Denn gerade, wenn du schwach bist, kann sich meine Kraft an dir besonders zeigen.

Der Apostel gibt dieses wunderbare Wort an uns weiter. An Sie und mich. Nichts auf der Welt und nichts in dir und mir kann ungeschehen machen, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist, dass er unsere Sünden auf sich genommen und unsere Strafe bezahlt hat. Diese Gnade ist entscheidend.

Mögen wir uns noch so elend, klein schwach, ohnmächtig und hilflos vorkommen, das ist für die Kraft unseres Herrn kein Hindernis. Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Es macht ihm Freude durch jemanden, der nichts von sich hält Großes zu bewirken. Auch dafür ist Paulus ein gutes Beispiel. Er bezeichnet sich als den Kleinsten und Unwürdigsten der Apostel und Boten Jesu. Der aber macht aus ihm trotzdem den erfolgreichsten Missionar des ersten Jahrhunderts.

Ja eigentlich kriegt er trotz seiner nicht erhörten Gebete eine richtige Freude ins Herz und muss nicht verzweifeln, auch wenn er keinen Ausweg für seine augenblickliche Lage sieht.

Er kann sagen: Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit und Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn, wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.

Ist das nicht ein Widerspruch? Nein! Denn wenn ich meine eigene Schwachheit spüre, dann kann ich doch gar nichts anderes tun als mich auf meinen Herrn und seine Kraft, seine Möglichkeiten zu verlassen. Auch wenn ich nicht mehr kann, er kann. Und das macht mich frei, das nimmt mir den Druck.

In manchen Gemeinden und Gemeinschaften singt man noch die Lieder der blinden Sängerin Jane Fanny Crosby, die von 1820 bis 1915 gelebt hat und die in ihrem 95 Jahre langen Leben über 8000 Lieder schrieb. Als sie sechs Wochen alt war bekam sie eine Augenkrankheit und verlor durch falsche medizinische Behandlung das Augenlicht ganz. Im Rückblick auf ihr Leben sagte sie:

„Ich habe nicht einen Augenblick in mehr als 85 Jahren einen Funken Groll dagegen gefühlt, denn ich hab allezeit daran geglaubt, dass der gütige Herr in seiner unendlichen Gnade mich dadurch zubereitete, das Werk zu tun, das er mir anvertraut hat. Wenn ich überlege, wie ich gesegnet wurde, wie kann ich dann unzufrieden sein?“

So wie der Herr an dieser Frau und an Paulus gehandelt hat, kann er trotz aller Schwachheit auch an uns, an Ihnen und mir handeln. Das macht mir Mut für das ganze neue Jahr, obwohl ich bin wie ich bin und meine Schwachheit kenne. Und das macht mir Hoffnung für das vor uns liegende Jahr 2012.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168