Jesus ist ganz Mensch und er ist ganz Gott.

Christmette Kreuzkirche 2015

Wir haben Worte der alten Propheten gehört. Die weihnachtliche Botschaft nach den Evangelisten Matthäus und Lukas. Wir hören in dieser Christnacht nun noch einen anderen weihnachtlichen Text. Ganz anders und ungewohnt. Man könnte sagen: Die Weihnachtsgeschichte nach dem Apostel Paulus, so wie er sie in der Einleitung seines berühmten Briefes an die Römer formuliert hat (Römer 1, 1-7):

Diesen Brief schickt Paulus an alle Christen in Rom. Jesus Christus hat mich zu seinem Botschafter berufen. Ihm diene ich mit meinem ganzen Leben und in seinem Auftrag verkünde ich Gottes frohe Botschaft. In der Heiligen Schrift hat Gott sie schon lange durch seine Propheten angekündigt. Jetzt ist sie in Erfüllung gegangen.
Es ist die Botschaft von seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn. Er ist als Mensch geboren worden und ein Nachkomme König Davids.
Dass er aber auch Gottes Sohn ist, dem alle Macht gegeben wurde, beweist seine Auferstehung von den Toten.
Ich habe seine erbarmende Liebe erfahren und bin als sein Apostel beauftragt, in seinem Namen bei allen Völkern Menschen für Gott zu gewinnen, damit sie an ihn Glauben und ihm gehorsam sind.
Auch ihr in Rom habt euch von Jesus Christus rufen lassen und gehört jetzt zu ihm.
Ich grüße euch alle, die ihr von Gott geliebt und zu seinem Dienst berufen seid und wünsche euch Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Weihnachtspost von einem Botschafter. Paulus schreibt sie an eine Gemeinde, die er nicht persönlich kennt und die in einer Stadt lebt, die er auch nicht kennt. Aber er schreibt von einem Herrn, den er kennt. Von dem Herrn, dessen Botschafter er ist.

Paulus weiß, dass diese Leute in Rom schon einiges von Jesus gehört haben, sonst würden sie nicht zu den Zusammenkünften der damals sicher noch kleinen Gemeinde kommen. Paulus fragt sich: Was haben sie schon gehört? Was wissen sie von Jesus? Was ist wichtig? Womit kann ich ihr Interesse wecken, dass sie meinen ganzen Brief hören wollen?

Er sagt ihnen als Botschafter von Jesus: Ihr müsst wissen:

Jesus ist ganz Mensch
und Jesus ist ganz Gott.

Und so schließt Paulus seine Einleitung, ich soll euch von ihm ausrichten, dass ihr von Gott geliebt und zu seinem Dienst berufen seid.

Jesus ist ganz Mensch und er ist ganz Gott. Genau das ist das Besondere von Weihnachten. Einer der ganz und total Gott ist, lässt sich auf ein ungeheures Wagnis ein: Er wird ganz und total Mensch. Einer der unbegrenzte Macht hat, verzichtet total darauf und gibt alle seine Waffen ab. Er, der die Welt zum Laufen gebracht hat, lässt sich zur Welt bringen wie ein ganz normales Kind, von einer ganz normalen Mutter. Er liefert sich Menschen aus. Hilflos, wehrlos, machtlos.

Gleichzeitig werden andere Menschen informiert, was da gerade passiert. Keine Pressekonferenz, kein Gipfeltreffen von Spitzenpolitikern, sondern eine Nacht und Nebel Aktion. Nicht in einer Metropole, sondern draußen, weit draußen Stunden von der Hauptstadt entfernt, sogar draußen vor dem Dorf. Nur ein paar Hirten mit ihren Herden hören erschreckt zu. Sie hören die Botschaft: Nicht fürchten! – Retter geboren! – Große Freude! Geht hin, seht es euch an! Und sie sehen ein Licht, wie sie es noch nie gesehen haben, hören Chöre, wie sie noch nie gehört worden sind. Und sie versuchen zu begreifen, was ihnen das zu sagen hat: Die Botschaft: Euch ist heute der Heiland geboren.

Seit damals ist die Botschaft nicht vergessen worden. Sie ist von einem zum andern, von Land zu Land, von Generation zu Generation weitergesagt worden. Immer gab es Botschafter, die sie neu vermittelt haben: Der totale Mensch ist Jesus ist total Gott in Christus. Er hat den ärgsten Feind des Menschen, den Tod, besiegt und er will durch seine Botschafter jedem sagen lassen: Du bist von Gott geliebt.

Aber so viele lassen die Botschaft Jahr für Jahr an sich vorbeirauschen. Sie hören sie, aber sie nehmen sie nicht für sich. Und Jahr für Jahr werden die mehr, die die Botschaft überhaupt nicht mehr interessiert. Da wird ihnen etwas von ihrer Rettung erzählt und sie hören nicht hin. – Wie kann das sein? – Das ist nur dadurch zu erklären, dass sie noch nicht gemerkt haben, dass sie in Gefahr sind, ja dass sie verloren sind. Sie laufen weiter auf den Tod zu und interessieren sich nicht für den, der den Tod besiegt hat. – Wahnsinn!

Die breite Straße, die sie Leben nennen, reißt irgendwo da vorne ab. Aber die auf ihr dahinrasen, lassen sich nicht warnen, nicht aufhalten. Sie rasen weiter auf den Abgrund zu. Sie wollen einfach nicht umkehren. Sie wollen nicht gerettet werden.

Der Evangelist Johannes hat es am Anfang seiner Botschaft so formuliert (Joh 1, 12): Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

Es geht nicht um eine sentimentale Geschichte. Osterhase, Nikolaus, Weihnachtsmann und Christkindlein. Was haben viele aus dieser gewaltigsten Geschichte der Welt gemacht. Eine Süßigkeit. Anlass für das große Fressen. Und für das große Kaufen. Für manche auch Anlass für das große Saufen. Dabei geht es doch um das große Staunen und das große Aufhorchen und das große Umkehren. Aber das fällt den Menschen ja so schwer.

Es soll immer so weitergehen. Alle wissen, dass es nicht so weitergehen kann, mit der Erderwärmung, mit der Verschwendung von Ressourcen, mit der Abholzung von Regenwäldern, mit dem Ausbringen von Giftstoffen… Nicht so weitergehen kann mit der Lüge und der Lieblosigkeit, mit dem Egoismus und der Verschwendung. Alle wissen es, aber die meisten lassen sich nicht warnen, sie rasen weiter auf einer Straße, die sie Fortschritt oder Zukunft oder Erfolg nennen und irgendwo ein Stück weiter im Nebel der Zukunft endet die Straße im Nichts und der Sturz in den Abgrund beginnt. – Wahnsinn!

Und Gott in seiner großen Liebe kommt, wird ganz Mensch, weil er retten will, was sich retten lässt. Der ganz Mensch Gewordene warnt leidenschaftlich: Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auch so umkommen. Weihnachten ist der letzte liebevolle Aufruf an diese Welt: Haltet an! Denkt um! Lasst Euch lieben! Lasst euch retten! Lasst euch in Dienst nehmen für die Zukunft.

Paulus sagt einmal: Wir sind Botschafter an Christi statt. Wir, die wir einladen zur Liebe Gottes, die wir raten zur Umkehr, die wir erinnern an die Regeln Gottes, die wir auf die Grenzen hinweisen, die Gott uns gesteckt hat. Aber so viele lassen sich weder raten, noch erinnern. Sie leben ihr Leben, nach ihren Vorstellungen – ohne Gott. Nicht interessiert an seiner Liebe und an seiner Menschwerdung, an seiner Zuwendung. – Sie feiern vielleicht mit. Feiern Jahr für Jahr ein Fest, das in seinen Wurzeln auf die Botschaft Gottes an die Menschen zurückgeht, aber sie haben die Wurzeln gekappt. Sie überhören beharrlich die Einladung, begnügen sich mit Äußerlichkeiten. Ein paar Lieder, ein paar Lichter, ein Haufen Geschenke. Reichlich Essen und Trinken, bis zum Abwinken und weiter geht die Fahrt ohne Ziel.

Können Sie sich vorstellen, wie das für die Botschafter ist? Wenn so viele nicht an ihrer Botschaft interessiert sind? Und wenn von denen, die sie noch hören, viele nicht verstehen, worum es geht. Und von den wenigen die verstehen, handeln nur Einzelne? Johannes sagt von Jesus, dem Gott, der ganz Mensch ist (Joh 1,10): Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Noch ist die Botschaft zugänglich. Noch steht das Angebot der Liebe Gottes. Noch stellt Gott Leute ein, nimmt noch in Dienst, wer im folgt. – Wo nur jemand beim Blick in die Krippe, beim Hören auf die Botschaft sagt: Ja, Herr, das will ich, dass Du mein Heiland wirst, mein Retter. Wenn sich jemand in seiner Verlorenheit erkennt und an den Christus wendet, ist er im selben Augenblick gerettet. Darauf zielt die Botschaft. Das ist die Aufgabe der Botschafter, die Jesus eingesetzt hat. Noch einzuladen zum Himmel und zur Ehre Gottes. Noch einzustimmen in den Chor der Engel. Gott die Ehre geben, die ihm zusteht. Nicht nur die himmlischen Heere jauchzen zu lassen, sondern sich von ihnen anstecken zu lassen.

Euch ist heute der Heiland geboren! Das gilt für jeden, der es hört. Wer stolz und stark ist, der braucht das nicht. Dem ist das zu einfach und zu kindlich. Aber vielleicht kommen auch für den noch Tage und Nächte, wo er sich nach so einem klaren Wort und Trost sehnen wird.

Wer dieses einfache Wort in seine Nacht und Traurigkeiten hineinlässt, der spürt die Kraft und das liebende Erbarmen des Herrn Jesus. Wer sich nach Hilfe und Liebe sehnt, wird in kindlichem Vertrauen das Wunder und das Licht der Weihnacht festhalten und glauben, dass ein Gott, der ganz Mensch wird, auch die Macht und die Kraft hat, aus den Dunkelheiten und Verzweiflungen des Lebens herauszuführen.

Das Licht der Weihnacht ist uns gezeigt worden, damit wir eine Sehnsucht bekommen nach dem Reich Gottes, nach der Fülle dieses Lichts. Damit wir mit Jesus auf dieses Ziel zu leben. An diesem Ziel gibt es keinen Streit und keine Schmerzen mehr. Da ist alles Sehnen gestillt. Dort ist die Freude ganz vollkommen.

An der Krippe ist schon etwas sichtbar von der Liebe und dem Frieden Gottes. Das haben die Hirten gespürt und später die Weisen. Es ist ihnen leicht ums Herz geworden und es ist ihnen nicht schwer gefallen etwas zu verschenken. Wer sich geliebt weiß, schenkt gern.

Wenn uns auch hier noch manches schmerzt, gehören wir doch schon ganz zu IHM, unserem Herrn Jesus Christus. Darum gilt allen, die es annehmen und im Glauben festhalten: Gnade ist mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Er kam herab in unsre Not, er trug die Schmach und litt den Tod und wollt sich uns verbünden, dass wir von Schuld und Tod befreit, ein neu Geschlecht am End der Zeit, sein wahres Leben künden.
Also liebt Gott die arge Welt, dass er ihr seinen Sohn und Held zum Heiland hat gegeben. Ach Herr, führ deine Kirche nach und lehr uns tragen Kreuz und Schmach, hüt uns zum ewgen Leben.
(EG 51,3+5)

Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168