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Zur PDFPredigt Kreuzkirche Bayreuth am 09.07.2023: Joh.1,35-51
Liebe Gemeinde,
wenn Menschen erzählen, wie sie zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind, dann hören wir ganz unterschiedliche Geschichten. Manche haben auf einer Freizeit oder bei einem Konfi-Camp in ihrem Herzen gespürt: Jesus gibt’s echt – und er interessiert sich für mein Leben. Im Nahen und Mittleren Osten wird von Muslimen berichtet, denen Jesus im Traum oder in einer Vision begegnet ist. Einige haben auch in einer akuten Notsituation gebetet: Wenn die Oma ins Krankenhaus musste – und sie wie durch ein Wunder wieder gesund wurde. Bei vielen von uns wird es aber wahrscheinlich weniger spektakulär gewesen sein: keine Stimme aus dem Himmel, keine aufregende Story – eher ganz alltäglich, vielleicht durch die Familie, durch Eltern oder Großeltern, die Christen sind, sind wir allmählich in den Glauben hineingewachsen.
Unser heutiger Predigttext berichtet, wie die ersten Jünger – ganz alltäglich und ohne großes Spektakel – zum Glauben an Jesus gekommen sind.
Ich lese den Predigttext aus Johannes 1,35–51:
Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; 36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! 37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. 38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wirst du bleiben? 39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. 40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. 41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. 42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels. 43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! 44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus. 45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. 46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! 47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. 48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. 49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! 50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. 51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.
Liebe Gemeinde, »Wohnst du noch oder lebst du schon?« – Dieser bekannte Werbeslogan einer schwedischen Möbelkette will uns zum Kauf bestimmter Einrichtungsgegenstände ermutigen. Dabei geht es um mehr als irgendeinen Wohnzimmertisch oder ein Sofa, es geht um einen Lebensstil und ein Lebensgefühl. Hätte es diesen Slogan zu Jesu Zeiten schon gegeben, hätte er gemäß unserem Predigttext wohl etwas anders gelautet: »Lebst du noch dein Leben oder wohnst du schon bei mir?« – Oder ausführlicher: »Lebst du noch dein eigenes, begrenztes Leben oder wohnst du schon bei mir – jetzt und in alle Ewigkeit?«
Unter drei Stichworten wollen wir die ersten Jünger – und wie sie zu Jesus gekommen sind – betrachten.
1. Jesus fragt
Da steht er, Johannes der Täufer. Viele Fragen der Priester, Leviten und seiner Anhänger hat er in den vergangenen Tagen dort am Jordan beantworten müssen. Immer wieder erklärte er, dass er nicht der Elia sei, dass er kein Prophet sei. Dass er mit Wasser taufe, aber dass einer nach ihm komme, der mit dem heiligen Geist taufen wird. Da steht Johannes der Täufer und bei ihm zwei seiner Jünger, Männer, die ihn ständig begleiten und sein Leben mit ihm teilen. Sie hörten immer wieder von Johannes, wie er durch sein Reden die Menschen auf den Messias vorbereitete. Am Tag zuvor sagte Johannes über Jesus »Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!« Und diese Worte wiederholt er an diesem Morgen, als Jesus an den Männern vorbeiging. »Seht, das ist Gottes Lamm!«
Dieser Satz ist nicht einfach so daher gesagt. Mit diesen Worten lenkt Johannes die Aufmerksamkeit der beiden Jünger auf Jesus, er lenkt auch unsere Aufmerksamkeit auf den Sohn Gottes. Hier geht der vorbei, der die Sünde der Welt wegnimmt, der für uns gekommen ist, um unser Verhältnis zu Gott ins Reine zu bringen. Jesus ist gekommen, um den Suchenden auf ihre Lebensfragen zu antworten. Wie kann ich mein Leben mit all den Fragen, die sich mir stellen, gestalten? Bei wem kann ich abladen, kann ich meine Beschwernisse los werden?
»Seht«, sagt Johannes. »Schaut hin«, gebraucht eure Augen, verschafft euch ein Bild! Die Sache mit Jesus kann ich nur beurteilen, wenn ich mich aufmache und meine Fragen stelle. Übrigens im Neuen Testament wird diese Aufforderung »Sieh hin«, immer wieder gesagt. 210-mal steht dieser Satz dort, im Alten Testament noch viel mehr, 979-mal. Den Glauben kann ich dann beurteilen und einschätzen, wenn ich sehe. Er spielt sich nicht nur im Kopf ab, sondern er will leibhaftig wahrgenommen werden. Und wir werden Erfahrungen mit Jesus machen.
Schauen wir die beiden Jünger an. Ich kann mir die beschriebene Szene gut vorstellen. Die Jünger hören die Aufforderung des Täufers und machen die ersten Schritte hin zu Jesus. In respektvollem Abstand, vielleicht etwas schüchtern und zögernd gehen sie hinter Jesus her. Er bemerkt, dass ihm jemand folgt, dreht sich um und spricht die beiden an: »Was sucht ihr?«
Jesus macht den Anfang in der Begegnung. Er spricht sie an. So ist es mit der Gottesbegegnung. Wir werden von Gott angesprochen, wir werden wahrgenommen. Wir laufen nicht nur einfach hinterher, in der Hoffnung vielleicht einmal von Gott bemerkt zu werden. Nein, der Gottessohn sieht uns. Er weiß, was wir brauchen und wollen. Er sieht auch Dich. Du bist ein Gott, der mich sieht, lautet die Jahreslosung von 2023 und passt sehr gut hierher.
Was sucht ihr? Mit dieser Frage trifft Jesus den entscheidenden Punkt des Lebens. Was braucht ihr, um zu leben, was braucht ihr, um Geborgenheit zu finden, was braucht ihr, um euren Glauben zu gestalten? Was braucht ihr, um ans ewige Ziel zu kommen? Jesus fragt nach ihren Erwartungen und Sehnsüchten. Jesus fragt nach deinen Erwartungen und Sehnsüchten. Was suchst Du? Was wirst Du antworten?
2. Jesus lädt ein
Die Antwort der beiden klingt fast verlegen. »Rabbi, wo ist deine Wohnung?« Sie wollen wissen, wo Jesus wohnt. Sie fragen damit nicht nur, wo er körperlich zuhause ist. Sie wollen wissen, wo der geistige Standpunkt Jesu ist. Sie reden ihn mit Rabbi an. Dieser Titel heißt doch: lehre uns die Schrift, lehre uns, was Johannes der Täufer immer wieder gesagt hat, gerade auch das, was wir nicht verstanden haben. Sie wollen den Lebensraum von Jesus kennen lernen. Sie wollen wissen, ob dies auch ihr Lebensraum werden kann. Sie fragen nach dem Reich Gottes, das durch ihn in diese Welt gekommen ist. Sie sind Fragende und hoffen auf Antwort. Und Jesus öffnet die Tür und lädt sie ein, damit sie ihn kennen lernen können: »Kommt und seht!«
Wieder das Sehen. Die Jünger sollen sich auf nichts einlassen, was sie nicht mit eigenen Augen fassen können. Kein blinder Gehorsam ist verlangt. Macht eure Augen auf und entscheidet. Seht, ob ihr das bei mir findet, was ihr sucht. Jesus gibt keine schnellen Antworten. »Kommt und seht« heißt doch auch, Vorurteile beiseite zu lassen und sich auf das Gespräch mit ihm einzulassen.
Wie schnell sortieren wir in Schubladen, auch in geistliche Schubladen. Wir legen unsere eigenen frommen Folien auf, durch die wir dann andere betrachten. Und wehe, wenn die Sicht durch diese Schablonen getrübt ist. Wir urteilen. Unsere Offenheit für den andersdenkenden Menschen kommt dann ganz schnell an Grenzen, auch wenn wir nach außen hin viel von Toleranz reden. Wenn die anderen nicht so sind wie ich, dann lassen wir sie ganz leicht fallen und suchen keinen Kontakt mehr. Wieviel Nebeneinander statt Miteinander gibt es auch in christlichen Gemeinden.
Da überzeugt mich Jesus in der Geschichte. Kommt und seht – das heißt doch, entscheidet, ob das, was ich euch sage, ein Lebensentwurf für euch sein könnte. Er lädt sie ein, vertrauensvolle Erfahrungen zu machen. Kommt und seht – ist eine freundliche Einladung Gottes an uns Menschen. Dies gilt für alle. Sie gilt für Menschen, die die Freundlichkeit und Barmherzigkeit Gottes schon erlebt haben. Und sie gilt für Menschen, die diese Freundlichkeit und Barmherzigkeit Gottes noch nicht erleben konnten.
Kommt und seht – das grenzt nicht aus, sondern schließt ein. Ich darf als Mensch mit meinen Fragen, mit meinen Schwächen und mit meinen Stärken kommen. Kommt und seht – wie Gott in eurem Leben da ist, wie das Leben gestaltet werden kann. Die Jünger nahmen die Einladung zu einem Tag der offenen Tür an und sie blieben den ganzen Tag bei ihm.
Uns wird nicht überliefert, was dort gesprochen wurde, sondern die Auswirkung dieses Zusammenseins erfahren wir.
3. Jesus überzeugt
»Wir haben den Messias gefunden!« Was uns von Mose im Gesetz gesagt und von den Propheten geweissagt wurde, ist in Erfüllung gegangen. Jesus ist der Gesalbte, der Gesandte von Gott. Der, den wir suchten bei Johannes dem Täufer und bei unseren Vätern, ist unter uns. Mit anderen Worten ausgedrückt: Wenn du Gott sehen willst, musst du auf Jesus schauen.
Diese Begeisterung muss hinaus. Andreas kann dies alles nicht für sich behalten. Da kommt sein Bruder Petrus wie gerufen. Ihm erzählt er von diesem Mann. Andreas überzeugt seinen Bruder, weil seine Überzeugung aus ihm sprudelt. Andreas führt seinen Bruder Simon Petrus zu Jesus. Was er erlebt und gehört hat, soll sein Bruder auch hören und erleben.
Hier geschieht etwas, das uns als Auftrag immer vor Augen stehen müsste – Menschen zu Jesus führen. Es geschieht in einer sehr beeindruckenden Weise. Andreas erzählt mit Überzeugung. Er erzählt von seinem Glauben und von dem, der den Glauben geweckt und festgemacht hat. Diese Verse sind heute so aktuell wie damals. Der Ruf zu Jesus geschieht durch das glaubwürdige und gelebte Zeugnis. In einer mehr und mehr säkularisierten Umwelt und Zeit gewinnt das Zeugnis von Christen an Bedeutung. Jede Kirchenmitgliedsstudie zeigt es aufs Neue: Menschen kommen zum Glauben durch Bezugspersonen. Und sie bleiben in der Kirche, wenn Sie Bezugspersonen haben, die ihren Glauben authentisch leben. Die Hauptamtlichen spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber nicht nur sieJeder Christ kann einem anderen zur wichtigen Bezugsperson, zum Wegweiser zu Christus werden. Erzählen wir uns doch gegenseitig unsere Glaubenserfahrungen. Unsere Freude, aber auch unsere Fragen und Einwände. Wir müssen keine theologisch durchstrukturierten Vorträge entwickeln. Nein, mein persönliches Erleben mit Christus, meine Erfahrungen mit Gott sind gefragt. Wie gestalte ich mein Leben oder wie wird es durch den Glauben gestaltet und verändert? Lasst uns davon reden und es nicht verschweigen, dass der Glaube an Jesus Christus Kraft gibt, dass ich in Tiefen und Höhen meines Lebens Hoffnung und Zuversicht haben kann.
Vermutlich haben es manche unter uns erlebt, wie uns im Kindesalter biblische Geschichten erzählt wurden, zu Hause am Abend vor dem zu Bett gehen. Oder wir sehen noch das Gesangbuch der Mutter oder Oma, wie es immer aufgeschlagen in der Küche lag. Wichtige Erfahrungen, die zugleich tiefe Glaubensaussagen sind. Menschen leben den Glauben und vermitteln ihn auf ihre eigene Weise. Erzählen wir uns doch immer wieder unsere Glaubenserlebnisse. Andreas führt seinen Bruder Simon Petrus zu Jesus – Menschen erzählen von ihrem Glauben. Wir brauchen Menschen, die so etwas sein können wie Dolmetscherinnen und Dolmetscher, Übersetzerinnen und Übersetzer für den Glauben in der Sprache von heute.
Kommt und seht, mit diesen Worten wurden die beiden Jünger von Jesus eingeladen. Kommt und seht – so werden wir eingeladen. Kommt und erlebt die Fülle, die uns Gott schenkt in Jesus Christus. Amen.
Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de