Gelobt sei, der da kommt!

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Predigt am Heiligen Abend 2023, 17.00 Uhr Kreuzkirche Bayreuth : Gal. 4, 4-7

Liebe weihnachtliche Festgemeinde!
bei manchen Nachrichten kann man einfach den Mund nicht halten. Ich erinnere mich, als ich als 15 jähriger bei einem Gewinnspiel einen Motorroller in recht hohem Wert gewonnen habe, habe ich das durch unser ganzes Haus gerufen. Eine schöne Nachricht, aber keineswegs die Nachricht schlechthin. Die Nachricht schlechthin, bei der Menschen den Mund nicht halten können, ist die Weihnachtsnachricht! »Ich verkündige euch große Freude!« »Euch ist heute der Heiland geboren!« »Christ, der Retter ist da!« Diese Nachricht macht Beine: Die Hirten eilen zum Stall. Die Weisen verfolgen hartnäckig ihren Stern.

Doch warum ist das so? Warum ist ausgerechnet in diesem Kind der Retter da? Wir hören auf Gottes Wort aus Gal. 4,4-7:

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan,

5 auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.

6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!

7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

I. Der, der hier kommt, ist wirklich Gott

Dass Jesus Gottes Sohn ist, das ist heute höchst umstritten. Aber diese Diskussion ist ein alter Hut und nichts Neues. Jesus als hervorragender Mensch, als großartiges Vorbild ? dagegen hat eigentlich niemand etwas einzuwenden. Doch dass Jesus Gottes Sohn sein soll, dagegen formiert sich massiver Widerstand ? heute wie damals. Deshalb ist es Paulus wichtig, seinen Lesern glasklar darzulegen: Wer ist dieser Jesus?

Zunächst stellt er fest: Alle Initiative geht von Gott aus. Gott ist der, der hier handelt. Er hat das Heft und die Fäden in der Hand. »Als die Zeit erfüllt war« ? das heißt: als Gottes Augenblick gekommen war ?, »da sandte er seinen Sohn.« Weihnachten ist kein unerwarteter Zufall der Weltgeschichte. Sondern Weihnachten ist, weil Gott es so will. Weil Gott diesen Zeitpunkt damals festsetzt. Und man darf schon ein wenig schmunzeln: An diesen Zeitpunkt halten sich praktisch alle Menschen auf dieser Erde ? gleichgültig, welcher Religion sie angehören, egal, ob sie Fromme oder Atheisten sind. Das bloße Datum eines jeden Tages erinnert sie alle an Gottes Zeit, das »vor« oder »nach Christi Geburt«. Gott setzt seinen Zeitpunkt fest, und alle Welt richtet sich danach in der Zeitrechnung.

Als Gottes Zeit gekommen war, sandte er seinen Sohn. Doch wie kommt er zu uns? Wenn bei uns Idole zu Besuch kommen, dann sind die Massen auf den Beinen ? in den Fußballstadien, bei den Konzerten in den Hallen. Wenn dagegen der allmächtige Gott seinen Sohn sendet, dann kommt er als Baby, »von einer Frau geboren«. In jeder Stunde werden auf dieser Welt Tausende von Babys von Frauen geboren. Manche unter uns haben vielleicht dieses Jahr ein Baby geschenkt bekommen und feiern das erste Mal mit dem Kind Weihnachten. Anschaulicher kann dir Weihnachten nicht mehr werden. So klein hat sich Gott gemacht. Und so soll der Sohn Gottes auch ankommen? Als Baby? So undramatisch und verwechselbar?

Wir kennen all die anderen Einzelheiten, die genauso wenig spektakulär sind: Irgendwo am Rande der Weltgeschichte in Palästina geschieht das und nicht im Machtzentrum Rom; in Bethlehem und eben nicht in Jerusalem; da ist ein Stall und kein Palast; da sind Hirten als Besucher und keine Hofdamen. Und da wird dann später gefragt: »Was kann schon aus Nazareth Gutes kommen?«

Wir Menschen meinen: Wenn ein Großer kommt, dann muss das auch groß zu sehen sein. Und wenn der Größte, der Sohn Gottes, kommt, dann müsste das unübersehbar und unüberhörbar sein. Dann muss jeder begreifen: Hier kommt Gott. Aber Gott handelt genau umgekehrt. Er kommt so, wie wir es uns nie ausdenken würden. Er kommt dort, wo wir ihn nie erwarten würden. Er kommt auf eine Weise, auf die wir nicht vorbereitet waren. Er kommt als ein gewöhnlicher Mensch. Er kann es sich leisten, ganz Mensch zu sein. So menschlich wie Jesus kann nur Gott sein!

Wie heißt es weiter im Bibeltext: »Geboren von einer Frau, unterworfen dem Gesetz«: Jesus tritt ganz ein in unsere Lage; er erfährt auf vielfache Weise, was es mit unserem Menschsein auf sich hat: Hunger und Durst, Widerstände, Unverständnis, Enttäuschungen, Verrat von Freunden. Jesus lebt mitten unter all den Menschen mit ihren Freuden und Sorgen, mit ihrer Schuld und ihrer Hoffnung. Das kann sich nur einer leisten, der sich nicht um seine eigene Ehre kümmern muss, der sich restlos für die anderen einsetzen und hingeben kann. Der, der hier kommt, ist wirklich Gott!

Also das Erste: der, der hier kommt, ist wirklich Gott.

II. Der, der hier kommt, ist wirklich der Befreier

»Gott sandte seinen Sohn, damit er die unter dem Gesetz erlöste.« Der, der von Gott kommt, hat eine eindeutige Aufgabe: Er soll loskaufen, befreien, erlösen. An dieser Stelle entsteht eine weitere Frage: Loskaufen ? wozu denn? Befreien ? von was denn?

Indem der Gottessohn kommt, taucht er unser Leben in ein grelles Licht. Auf einmal begreifen wir, in welcher Situation wir uns überhaupt befinden. Wir halten uns für frei, für autonom, für selbstbestimmt. Doch der Gottessohn enthüllt: »Ihr seid eingesperrt in eurer Gottesferne.«

Worin zeigt sich denn unsere Gefangenschaft? Zum Beispiel so: Wir meinen, beweisen zu müssen, dass wir besser sind als andere. Oder wir meinen zeigen zu müssen, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben und von niemandem Hilfe brauchen. Oder wir meinen, uns und anderen demonstrieren zu müssen, dass wir uns mit eigener Kraft am eigenen Schopf aus unseren eigenen Problemen herausziehen können. Wo genau wir gefangen sind, ist dabei völlig unerheblich. Die Formen können höchst unterschiedlich sein ? wie im Gleichnis von den beiden Söhnen: Der eine von ihnen war gefangen im Schweinestall, weil er das ganze Erbe seines Vaters verprasst hatte, der andere in seiner Selbstgerechtigkeit ? beide Gefängnisse stinken zum Himmel.

Wie aber geht diese Befreiung nun vor sich? Gottes Sohn wird Mensch. »In unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut« ? singen wir. »Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß.« Überall bricht das Staunen durch: Was für ein Wunder: »Des ew?gen Vaters einzig Kind jetzt man in der Krippen findt.« Der ewige Gottessohn wird Mensch, damit aus Sklaven Kinder Gottes werden. Was für ein Wunder!

Der Gottessohn begibt sich in die menschlichen Zwänge, und dadurch macht er aus Gefangenen Söhne und Töchter Gottes. Der, der hier kommt, ist wirklich der Befreier. »Er nimmt auf sich, was auf Erden wir getan, gibt sich dran, unser Lamm zu werden, unser Lamm, das für uns stirbet und bei Gott für den Tod Gnad? und Fried? erwirbet.«

Anstelle des Todes erwirbt dieser Befreier für uns den Frieden, das Leben, die Gnade. Frieden, Leben, Gnade ? das sind große Begriffe. Oder im Bild gesprochen: das sind die großen 200- und 500-Euro-Scheine. Aber diese großen Scheine bewähren sich auch als Kleingeld im Alltag unseres Lebens: Befreiung von der Schuld ? das verschafft dem Vater die Freiheit, zu seinen Kindern zu sagen: »Bitte verzeiht, es war nicht recht von mir, dass ich so explodiert bin!« Gottes Geduld ? sie gibt mir die Gelassenheit, auf seine Hilfe zu warten, auch wenn die Probleme immer noch nicht gelöst sind. Gottes Freundlichkeit und Liebe ? sie schenken mir zwischenmenschlich den Humor zu einem nochmaligen Lächeln, auch wenn mein Zeitgenosse vielleicht für immer ein Griesgram bleibt. Gottes Gnade lässt mich beschenkt leben.

So zeigt sich Gottes Größe: Er kommt herab in die Verästelungen und Labyrinthe unseres Lebens. Ein Gott über den Wolken würde uns nichts nützen. Weil er aber in die Krippe kommt, zeigt er uns damit an: Der, der hier kommt, ist wirklich der Befreier. Vor keiner Situation unseres Lebens kapituliert er. Für jede von ihnen zeigt er sich zuständig. Denn wir sind keine Sklaven mehr, sondern Gottes Kinder. Also II. Der, der hier kommt, ist wirklich der Befreier!

III. Der, der hier kommt, öffnet wirklich die Tür

Das gehört unmittelbar zusammen: Weil wir Gottes Kinder sind, hat uns Gott seinen Geist gesandt. Und dieser Geist ermöglicht die direkte Verbindung zum Vater. Er öffnet wirklich die Tür. Daher dürfen wir nun zum Vater beten. Und zwar in der persönlichsten Weise, die man sich nur vorstellen kann: »Abba, Papa, Vater!« Als Freunde von Jesus können wir »Abba« zum allmächtigen Gott sagen. Und wenn uns unser Gebet schwach und leer und hilflos vorkommt? Dann ist auch dafür gesorgt. Denn eigentlich wissen wir gar nicht richtig, wie wir beten sollen. Doch genau dann tritt dieser Geist für uns ein; er wird zu unserem Stellvertreter. Er seufzt für uns vor Gott. Und auf solches Gebet ist Verlass ? darauf können Sie sich verlassen! Ach ich möchte ihnen heute Abend wieder neu Mut zum Beten machen. Zu dieser offenen Tür, durch die sie auch hindurchgehen können.

Ein Pfarrer ging eines Tages in seine kleine Dorfkirche und sah dort einen einfachen Bauern in der Bank knien. Als der Pfarrer nach über einer Stunde wiederkam und der Bauer dort noch immer kniete, fragte er ihn, was er so lange mit Gott zu reden habe.

?Eigentlich gar nichts,? sagte der Bauer, deutete auf den Gekreuzigten und meinte: ?Ich schaue ihn einfach an, und er schaut mich an!?

Ja, so kann beten auch gehen. Manchmal, wenn mir alles zu viel wird, gehe ich auch in diese Kirche hier und setze mich unter den segnenden Christus. Und ich bekomme neue Kraft. Da braucht es nicht viel Worte, auch in ihren Gebeten nicht.

Der, der hier kommt, öffnet wirklich die Tür: Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Vom Tellerwäscher zum Millionär, so konnte man einst in Amerika Karriere machen. Vom Knecht zum Kind und Erben Gottes, so kannst Du nur bei Gott Karriere machen. Und erst durch Weihnachten wird das möglich. »Christ, der Retter, ist da!« Er ist nicht ein Ausnahmemensch, sondern der menschgewordene Gott. In Jesus nimmt sich kein Geringerer als Gott selbst seiner Welt an. Und »seine Welt« ? das heißt ja: jeder einzelne von uns ? du und ich! Weil er wirklich Gott ist, darum ist er auch wirklich der Befreier. Er kommt eben nicht nur mit einem Trostpflästerchen, sondern mit seiner Rettung. Er wird ein Knecht; wir aber werden Söhne und Töchter Gottes ? das ist der umwerfende und umwälzende Wechsel schlechthin. Von diesem Licht der Befreiung, der Hilfe, des Trostes fällt Licht in jeden Winkel unseres kleinen Lebens und in jeden Winkel dieser großen Welt mit all den Plagen und Problemen.

Darüber neu das Staunen und das Anbeten zu lernen, das wünsche ich Ihnen und mir von Herzen. Und deswegen singen wir jetzt von Herzen ein Loblied:

Gemeindelied: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich (EG 27,1-1-3.6)

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de