Geladen, aber auch gekommen?

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Predigt am 18.06.2024: Lk. 14, 16-24. Kreuzkirche Bayreuth

Liebe Gemeinde,

am kommenden Wochenende feiere ich meinen 50. Geburtstag nach. Lange habe ich mir überlegt, in welchem Rahmen ich das machen soll. Und dabei gemerkt: eine Einladung ist heikel. Ich kann ja nicht alle einladen. Und andererseits wollen vielleicht manche gar nicht und müssen sich dann entschuldigen. Und weil man das nicht so schroff machen will, überlegt man sich verlegen Begründungen.

Ich merke, als Einladender bin ich gefordert. Ich will, dass es den anderen gut geht bei dem Fest. Und andererseits sind Grenzen gesetzt von dem, was ich schaffen kann.

Als Einladender will ich in Beziehung treten zu dem, den ich eingeladen habe. Ich will Kontakt halten oder vertiefen. Ich will dem anderen zeigen: Du bist mir wichtig! Auch deshalb sind Absagen immer heikel, weil der Gastgeber einem ja zeigen will: Ich will mit Dir zusammen sein, aber Du hast zu diesem Zeitpunkt offenbar etwas Anderes zu tun. Absagen können schmerzen. Ich konnte mit den paar Absagen, die ich erhalten habe, sehr gut umgehen, keine Sorge.

Eine Einladung ist heikel. Ich habe es versucht, so zu lösen, dass ich alle am kommenden Samstag zu einem Dankgottesdienst um 17.00 Uhr hier in der Kreuzkirche einlade. Und dass ich anschließend dann noch in kleinerem Rahmen weiter feiere.

Wer sich die Mühe macht, ein großes Fest zu feiern, der will das in der Regel nicht alleine tun. Gott geht’s da nicht viel anders, denn unser heutiger Predigttext spricht von einer Einladung zu einem gigantischen Fest. Jesus spricht diese in einem Gleichnis aus; eine Einladung, die allen galt, die es damals hörten, und eine Einladung, die auch uns allen heute Morgen gilt.

Hören wir diese Geschichte, den Predigttext aus Lk 14,15-24.

Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.
24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Unter all den kritischen Untertönen und klagenden Misstönen in dieser Geschichte ist doch ein Ton beherrschend: der werbende Ton der großzügigen Einladung. Am Anfang wie am Schluss steht die herzliche Einladung, das Werben Gottes um unsere Anwesenheit bei seinem großen Fest. Wir sind eingeladen zum Leben, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Du persönlich bist eingeladen zu einem tollen Fest. Dem Fest des Glaubens, dem Fest des Lebens! Dem Fest des ewigen Lebens. Ganz ohne Vorleistung sind wir dabei, weil der Gastgeber nicht ohne uns feiern und sein will.

Hör zu, sagt Jesus seinen Zuhörern: Die Geschichte, die ich erzähle, das ist meine Einladung. »Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.« Dass damit Gott gemeint ist, liegt auf der Hand, denn Gott sendet Jesus zu uns und lädt uns ein. Zu einem Festmahl.

Das Festmahl. Immer wieder ist in der Bibel von einem Festmahl die Rede. Schon beim Propheten Jesaja heißt es über das künftige Gottesreich: »Und der Herr wird allen Völkern ein fettes Mahl machen …«Im Orient bedeutet Essen nämlich nicht nur: den Hunger stillen, sich seine zwei Schnitzel oder den BigMac reinschaufeln, und gut ist’s. Vielmehr bedeutet es Gemeinschaft. Die Gäste einer Tischgemeinschaft hatten sogar eine noch höhere Bedeutung als die eigene Familie, lesen wir an verschiedenen Stellen im Alten Testament. Also, Glaube soll Freude machen und Gemeinschaft schenken. Deshalb sagt Jesus: Komm zu Gottes großem Festmahl! Im griechischen Urtext steht das Wort mega! Etwas salopp gesagt: Eine Mega-Party startet da! Und deshalb heißt Glauben »Freude« und »feiern«. Gott lädt uns ein zu einem Mega-Fest.

Viele Menschen denken bei Christsein zuerst an: zur Kirche gehen, beten, Bibel lesen, spenden, Zehn Gebote halten. Andere meinen: Glauben, das ist etwas Ödes, etwas Langweiliges, Verstaubtes, aber doch kein Freudenfest! Vielleicht haben wir das zuweilen aus dem Glauben gemacht, vielleicht ist unser Leben als Christenmenschen zuweilen öde und verstaubt. Aber der Glauben, zu dem Jesus einlädt, das ist wahrhaftig ein Fest. Gottes Welt, zu der er uns einlädt, ist ein Fest, und Glauben heißt, zum Feiern eingeladen zu sein. Hörst Du: Glaube an Gott ist eben nicht nur Kampf und Krampf. Glauben hat damit zu tun, dass Du durch die Tür gehst und in den Saal trittst und die Kerzen leuchten und Du willkommen bei Gott bist … Unser Glaube sollte weniger mit Problemen zu tun haben und mehr mit einem Fest! Unser Glaube ist ein Fest.

Das heißt aber auch: Wir sind als Gäste eingeladen, nicht nur als Bedienstete angestellt.

Wir sollen nicht immer nur eingespannt sein, auch als Mitarbeiter nicht, sondern auch mal entspannt. Die Kirchengemeinde sollte immer auch ein Ort des Feierns und Auftankens sein, wobei sie allerdings auch Arbeitgeber ist: in unserem Fall mit allen Angestellten bei Tagespflege und Kirchengemeinde und weiteren Personen derzeit 20 Personen. Ein mittelständisches Unternehmen, in dem Tarif und weitere Regeln der ganz irdischen Arbeitswelt und Arbeitsrechts gelten. Und das ist gut so. Erst letzten Freitag haben wir vier Stunden Bewerbungsgespräche für unsere Sekretariatsstelle geführt als kirchlicher Arbeitgeber.

Und doch: Kirchengemeinde muss auch ein Ort des Feierns sein. Gott feiert mit uns, und das heißt: Hier geht’s nicht knickerig und knauserig zu, hier herrscht die Fülle, hier bietet Gott mehr als nur ein Vesper an. Hier gibt es Leben im Überfluss. Hier ist etwas von Gottes Shalom, seinem Frieden, zu spüren. Und hier geht es auch nicht immer nur ums Geld und um Einnahmen, so wichtig diese für uns auch sind als eine Kirchengemeinde, die immer noch ca. 100000 € Schulden durch die Baumaßnahmen der letzten Jahre hat. Es muss auch in einer Kirchengemeinde um Gemeinschaft, Gastfreundschaft gehen. Warum? Schauen wir auf Gott. Warum feiert Gott so ein so großes Fest mit uns? Weil Gott nicht ohne uns sein will! Weil Gott Sehnsucht nach dir hat, ganz egal wie lange deine Konfirmation schon her ist und wie eng oder lose deine Gottesbeziehung in der Zwischenzeit war. Gott hat Sehnsucht nach Dir. Weil Gottes Herz voll leidenschaftlicher Liebe für uns schlägt und weil deshalb seine Liebe in Jesus Christus Hand und Fuß bekommen hat. Weil Gottes Welt in unsere Welt hineingebrochen ist. Mit Jesus hat das Reich Gottes mitten unter uns angefangen, und so sind wir eingeladen, im Angesicht Gottes zu stehen. Wir sind eingeladen, heraus aus dem Alltag und doch mitten im Alltag mit Gott zu feiern.

Glaube als Fest, als Feier des Lebens, mitten im Leben mit all seinen guten und schwierigen Seiten. Das ist ein Feiern, ohne dass das Leid ganz ausgeblendet wird. Denn Jesus war auf seinem Weg nach Jerusalem, als er diese Geschichte erzählt. Er wusste, was ihn dort erwartete. Und unmittelbar nach der Geschichte vom großen Festmahl spricht Jesus von den schweren Seiten der Nachfolge: »Wer nicht sein Kreuz trägt, kann nicht mein Jünger sein …« Vielleicht redete Jesus gerade deshalb von einem Freudenmahl, denn er sah hinter dem Karfreitag schon das Osterfest hervorschimmern, hinter dem Tod die Auferstehung.

Und dann geht die Geschichte weiter: Und er lud viele ein! Die Geladenen hören die Einladung: »Kommt, denn es ist alles bereit!« Alles ist fix und fertig, servierbereit. Das heißt doch: Du musst dich nicht selber bemühen, um ein toller Christ zu sein. Du musst dir den Himmel nicht erarbeiten, nicht verdienen. Er steht dir offen, weil Christus ihn dir aufgeschlossen hat, auch mit deinem Versagen und deinem Kleinglauben und deinen Zweifeln. Du hast doch die Einladung in der Hand, du brauchst nur zu kommen! Bereits in der Kindertaufe hat sich Gott auf deine Seite geschlagen. Daran darfst Du dich festhalten, selbst wenn Du Deinem eigenen Glauben nicht mehr glauben kannst. Von Martin Luther wird erzählt, dass er immer wenn ihn seine schwere Depression überkam, ein großes Blatt Papier nahm. Darauf schrieb er mit großen Buchstaben dreimal den Satz: „Ich bin getauft.“ Dann hängte er das Blatt gut sichtbar auf. Und starrte nicht mehr ins Nichts. Sein dunkler Blick hatte auf einmal etwas, wo er hinschauen konnte.

Ob getauft oder ungetauft: Jesus lädt ein. Dabei ist Gottes Einladung keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern sie hat unendlich viel gekostet: das Leben seines Sohnes Jesus Christus. Das wird ja beim Feiern des Abendmahls deutlich: »Christi Leib für dich gegeben, Christi Blut, für dich vergossen.« Nur das ermöglicht die Einladung. Nur deshalb kann es heißen »Kommt, denn es ist alles bereit!« Nur deshalb steht der Himmel für dich offen. Auch heute!

Dennoch – damals wie heute – gehen viele so achtlos mit der Einladung um. Sie nehmen sie einfach nicht an. Und sie haben gute Gründe: Der eine ist Geschäftsmann, hat einen Acker gekauft. Oder hat ein Haus gebaut. Das kostet so viel Zeit und Nerven, da bleibt doch keine Zeit mehr, der Einladung Gottes zu folgen. Oder es ist der Sport, der uns wichtiger als alles andere wird. Oder die Freundschaften, die Liebe. Oder die Pflege der Gesundheit. Nicht, dass wir uns missverstehen. Alle diese Dinge sind gut, und Gott hat sie uns geschenkt. Gott freut sich, wenn wir uns daran freuen. Nur: Sie sollen nicht die Nr. 1 im Leben sein.

Keiner der Eingeladenen sagt: »Ich will nicht.« Sie sind einfach nur beschäftigt. Vielleicht auch von den Jubiläumskonfirmanden heute. Die Jahrgänge damals waren groß: bei der Diamantenen Konfirmation am 21.04.1963 waren es 64 Konfirmanden, bei der goldenen Konfirmation am 29.04. 1973 80 Konfirmanden und bei der Silbernen Konfirmation am 05.04. 1998 49 Konfirmanden. Heute sind deutlich weniger da. Einige aus euren Reihen sind inzwischen verstorben. Andere konnten wir nicht mehr ausfindig machen mit ihrer Adresse. Einige haben sich entschuldigt und manche haben sich gar nicht rückgemeldet. Es gibt vielfältige Gründe. Aber ganz grundsätzlich müssen wir uns alle sagen lassen: Gott lädt zum Leben ein – und der Mensch hat zu tun. Das ist die ganze Tragik. So sieht der Sonntag aus in vielen Häusern; so läuft es in manchem Leben: Gott lädt zum Leben ein, und der Mensch hat zu tun. So fingen die geladenen Gäste an, sich selbst zu entschuldigen – vielleicht auch, sich zu rechtfertigen.

Mach’s anders! Folge der Einladung von Jesus, indem du ihn in dein Leben einlädst. Nicht als Gast, der so ab und zu mal bei dir vorbeischauen darf, sondern Jesus möchte richtig bei dir wohnen und mit dir dein Leben gestalten. Er möchte nicht Gast, sondern Hausherr und Gastgeber im Leben sein. Um dich zu beschenken und mit dir zu feiern! Er kommt zu dir, damit du zu ihm kommst.

Und wenn Du mit leeren Händen kommst? Macht nichts! Denken wir an die Armen, die Verkrüppelten, die Blinden und Lahmen, die plötzlich dabei sind. Sie haben nichts zu bringen. Sie kommen mit leeren Händen. Kommen? Die Lahmen? Die können ja gar nicht aus eigener Kraft kommen. Die müssen doch gebracht, getragen worden sein! Ein wunderbares Bild: Manchmal fehlt uns doch auch die Kraft, um selber zu Gott zu gehen, unser Glaube erlahmt. Doch die Lahmen sind mit dabei. Oder wir sind blind, weil wir unsern Weg nicht erkennen können. Doch die Blinden sind mit dabei.

Vielleicht sind unter uns auch Leute, die längst der Einladung von Jesus gefolgt sind, aber es fehlt einfach die Festfreude des Glaubens. Vielleicht darum, weil ich Jesus nur als Gast und nicht als Gastgeber sehe? Weil ich in Gott nur den

sehe, der von mir fordert, der mich Zeit kostet, der mich einengt, statt den, der mich beschenkt, der mich befreit, der mich heilt, der mich bewirtet?

Wir sind eingeladen zum Leben und dadurch gleichzeitig herausgefordert, andere zum Fest des Glaubens einzuladen. »Geht an die Hecken und Zäune … aufdass mein Haus voll werde.« Zweimal schickt der Hausherr seinen Boten aus, um gerade die Außenseiter, die Verachteten, die Randsiedler der Gesellschaft in sein Haus zu holen. Die sollen das hören: »Kommt, es ist alles bereit!«

Wir sind die Freudenboten, die die Menschen einladen zum Fest. Aber nicht mit einem Gesicht, das bis zum Boden runterhängt! Unser Lebensstil spricht viel lauter als unsere Worte, und das noch so gut gemeinte Wort verhallt, wenn wir aussehen, als ob wir permanent Gallensteine hätten. Ich empfinde das manchmal so, dass manche christliche Einladung eher Anlass zu der Vermutung gibt, dass wir anstatt zum Freudenmahl des Vaters zum Termin beim Gerichtsvollzieher vorgeladen sind …

Wir sind Eingeladene und Einladende zum »Fest des Lebens«. Erfüllte und wohltuende Festzeit ist uns versprochen. Hoffentlich sind unsere Sonntage deshalb Fest-Tage und nicht Hetz-Tage. Hoffentlich finden Menschen in unserer Gemeinde Raum zum Feiern und nicht nur Möglichkeiten zur Mitarbeit. Von Gott selber eingeladen, so können wir einladende Gemeinde sein und schon hier in der Kreuzkirche etwas von der Vorfreude widerspiegeln, die Menschen erleben, die im Angesicht Gottes ihren Glauben leben und feiern. Amen.

 

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth