geistliches Fasten

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Estomihi, 02.03.2014, Jesaja 58, 1-9a

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

In drei Tagen beginnt die Fastenzeit. Da ist der ganze Faschingszirkus wieder vorbei. Da packen die Mainzer und die Kölner ihre Verkleidungen wieder weg. Die Narren im Land und die Narren in unserer Stadt wischen die Schminke ab und haben mit einem Mal nichts mehr zu Lachen. Die angefutterten und angetrunkenen Pfunde müssen mühsam wieder abgefastet werden.

Ein Gesundheitsratgeber im Internet schreibt unter dem Titel „Richtig fasten: Welche Fehler Sie vermeiden sollten“: „Egal, ob aus religiösen Gründen, zur Selbstfindung oder zur körperlichen Regeneration: Wenn Sie richtig fasten wollen, sollten Sie einiges beachten. Fehler beim Fasten passieren schnell und können fatale gesundheitliche Folgen haben – im schlimmsten Fall kann das sogar tödlich sein.“

Heute geht es in unserer Predigt auch ums Fasten. Es sind aber weniger die gesundheitlichen Folgen übertriebenen Fastens, als die geistlichen Folgen falschen Verzichts im Blick. Auch sie können im schlimmsten Fall tödlich sein. Tödlich für ewig. Für sinnvolles und richtiges Fasten gibt es am Ende des heutigen Predigttextes eine herrliche Aussicht.

Im 58. Kapitel fordert Gott Jesaja auf:

Ruf, so laut du kannst! Lass deine Stimme erklingen, mächtig, wie eine Posaune! Halte meinem Volk seine Vergehen vor, zähl den Nachkommen Jakobs ihre Sünden auf! Sie rufen Tag für Tag nach mir und fragen nach meinem Willen. Sie gehn gern zum Tempel, in meine Nähe. Weil sie sich für ein frommes Volk halten, das nach den Geboten seines Gottes lebt, darum fordern sie von mir auch ihre wohlverdienten Rechte: „Warum siehst du es nicht, wenn wir fasten?“ werfen sie mir vor. „Wir plagen uns, aber du scheinst es nicht einmal zu merken!“

Darauf antworte ich: Wie verbringt ihr denn eure Fastentage? Ihr geht wie gewöhnlich euren Geschäften nach und treibt eure Arbeiter noch mehr an als sonst. Ihr fastet zwar, aber gleichzeitig zankt und streitet ihr und schlagt mit roher Faust zu. Wenn das ein Fasten sein soll, dann höre ich eure Gebete nicht! Denkt ihr, mir einen Gefallen zu tun, wenn ihr euch selbst quält und nichts esst und trinkt, wenn ihr den Kopf hängen lasst und euch in Trauerkleidern in die Asche setzt? Nennt ihr so etwas „Fasten“? Ist das ein Tag, an dem ich, der Herr, Freude habe?

Nein – ein Fasten, das mir gefällt, sieht anders aus:

Löst die Fesseln der Menschen, die ihr zu Unrecht gefangen haltet, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen! – Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne und in kurzer Zeit sind eure Wunden geheilt. Eure barmherzigen Taten gehen vor euch her, meine Macht und Herrlichkeit beschließen euren Zug.

Wenn ihr dann zu mir ruft, werde ich euch antworten. Wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: Ja, hier bin ich!“

In modernen Netzwerken wird man dazu aufgefordert, zu allem, was da geschrieben und gezeigt wird, seinen Kommentar abgeben. Nur noch zum Anklicken: „Gefällt mir!“ – oder – „Gefällt mir nicht!“

Den Menschen unserer Zeit wird es offensichtlich immer wichtiger, zu gefallen, vor anderen gut da zu stehen. Man will anerkannt und bewundert werden und möchte, dass gefällt, was man tut oder von sich gibt.

In den Sätzen unseres Predigttextes geht es auch darum, was gefällt und was nicht gefällt. Aber nicht, was Menschen gefällt, sondern was Gott gefällt. Und um das, woran Gott wirklich keinen Gefallen findet.

Zur Zeit Jesajas dachte man, es würde Gott gefallen, wenn man fastet, wenn man sich nichts gönnt, wenn man verzichtet. Man hat, wenn man fromm sein wollte, einmal, vielleicht sogar zweimal in der Woche gefastet. Den ganzen Tag nichts gegessen und nichts oder wenig getrunken und sich mit Hunger und Durst gequält. Und wenn man das tatsächlich durchgehalten hat, dann war man stolz auf diese Leistung und meinte, daran müsste Gott doch seine Freude haben. Wer seinen Körper auf diese Weise straft, den müsste der liebe Gott doch auf seine Weise belohnen, indem er Gebete erhört und einen mit Gutem überschüttet.

Keine Ahnung, woher diese merkwürdigen Vorstellungen kamen. Warum sollte es Gott gefallen, wenn jemand sich weh tut, sich quält und sich nichts Gutes gönnt. – Er hat doch nicht all die wunderbaren Köstlichkeiten geschaffen, damit wir sie nur anschauen und darauf schweren Herzens verzichten. Die herrlichen Früchte, aromatischen Speisen, die erfrischenden Getränke. Ja, auch gegen Wein oder Bier hat er nichts, wenn wir es damit nicht übertreiben.

Jesus hat bei der Hochzeit in Kana Wasser zu Wein gemacht und er bietet uns sogar im Heiligen Abendmahl einen Kelch an, in dem Wein oder Traubensaft gereicht wird. Beim Passamahl gab es leckeren Lammbraten, gegartes Gemüse und Kräuter. Dem Volk Israel das 40 Jahre in der Wüste gelebt hatte und kulinarisch nicht verwöhnt war, wurde ein Land versprochen und anvertraut, „in dem Milch und Honig fließt“. – Wozu? – Doch nicht bloß zum Anschauen! Sondern zum fröhlichen und dankbaren Genießen.

Trotzdem trieb das Fasten damals und auch in späteren Zeiten merkwürdige Blüten. Die Pharisäer pflegten die Fastentradition und sie schüttelten entsetzt ihre Köpfe darüber, dass Jesus und seine Jünger nicht fasteten. Im Mönchtum war das Fasten zu bestimmten Zeiten fest vorgeschrieben. Es gab Orden, in denen sehr oft und intensiv gefastet wurde, um Gott besonders zu gefallen. Auch Martin Luther hat diese Tradition in seiner Klosterzeit zur Genüge kennengelernt und praktiziert. Einmal sagte er: „Wenn je ein Mönch durch Möncherei“, – also auch durch Fasten und frommen Verzicht, – „in den Himmel gekommen ist, dann wollt ich auch hineinkommen.“ Was so viel hieß, dass er das Fasten sehr intensiv, ja exzessiv betrieben hat.

Dabei hat er für sich ganz wesentliche Entdeckungen gemacht. Er ist zu der Erkenntnis gekommen: Fasten macht mich weder gläubiger noch liebevoller. Es nimmt mir meine Zweifel nicht und auch nicht meine Aggressionen und bösen Gedanken über andere. Im Gegenteil, wenn mir der Magen knurrt, bin ich noch viel reizbarer als sonst und wenn ich richtig durstig bin, kann ich weder klar denken, noch konzentriert arbeiten oder beten. – Kennen wir das nicht auch? – Wenn ich die Signale meines Körpers missachte, geht es mir schlecht, ich schade meiner Gesundheit, mache mich krank und werde für andere unerträglich und zur Last. Die müssen dann darunter leiden. Was sollte Gott daran gefallen?

So wie Jesus das Fasten als gottgefälliges Werk abgelehnt hat, wollte es auch Martin Luther später nicht mehr als Weg in den Himmel anerkennen. Obwohl beide es in besonderen Zeiten für dich selbst auch praktiziert haben. Jesus in der Wüste, in Zeiten der Versuchung. Martin Luther in besonderen Anfechtungen und Trauer.

Fasten, wenn es vernünftig und medizinisch überwacht geschieht, kann durchaus mal gut sein für unseren Körper und in der Folge vielleicht auch für die Seele, aber nicht weil wir dem lieben Gott damit einen Gefallen täten oder besser vor ihm würden damit. Gott sagt: Wenn ihr fastet, dann tut ihr das doch nicht für mich, sondern für euch! Was sollte mir daran gefallen?

Gefallen findet Gott an ganz anderem Verzicht: Wenn wir auf Rache verzichten. Wenn wir darauf verzichten, uns mit anderen zu vergleichen. Wenn wir unsere Gedanken, Sorgen, Zweifel und bösen Lüste im Zaum halten. Wenn wir damit aufhören, immer an anderen herumzukritisieren. Wenn wir es lassen, nach Ehre und Anerkennung zu schielen. Und wenn wir aufhören uns für die Besseren zu halten.

Gott will, so wird hier deutlich, dass wir darauf verzichten andere zu unterdrücken, sie zu demütigen, auszunützen, zu übervorteilen. Wir sollen um Gottes Willen darauf verzichten unsere Macht zu missbrauchen und zu Lasten anderer zu leben: Ein Fasten, das mir gefällt, sagt Gott, sieht anders aus: Löst die Fesseln der Menschen, die ihr zu Unrecht gefangen haltet, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose bei euch auf und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen!

Merken Sie den Unterschied? Gott will, dass das Fasten den anderen um uns herum nützt. Unser Zusammenleben soll dadurch liebevoller, ehrlicher, fürsorglicher werden. Sehr konkrete Vorschläge macht Gott und gibt auch ganz umfassende Anweisungen. Wir sollen Fesseln lösen, die wir anderen manchmal anlegen: „Wenn du mich liebst, dann…“

Oft setzen wir andere psychisch unter Druck, lassen ihnen keine Freiheit, sich zu entscheiden. Sie müssen uns zu Willen sein, sonst strafen wir sie mit Blicken, Worten und Taten.

Gott gönnt uns genug! Aber wir sollen Anderen auch Gutes gönnen und ihre Gewissen nicht beschweren. Echtes Fasten ist nicht ein Verzicht um meinetwillen, sondern um eines anderen Willen oder um Gottes willen. Ich verzichte halt mal auf das Glas Bier oder Wein, weil ich weiß, dass mein Gegenüber ein Problem damit hätte.

Ich verzichte auf mein Mittagsschläfchen, weil da jemand anruft, der mich braucht. Ich verzichte auf große Geschenke und lasse dafür einer guten Sache etwas zukommen. Oder jemand verzichtet darauf dem anderen genüsslich seinen Fehler unter die Nase zu reiben, sondern er bringt selbst die Sache stillschweigend in Ordnung. Ein Chef verzichtet vielleicht auf einen Teil seines Gewinns und zahlt seinen Leuten eine Prämie als Anerkennung für ihre Leistung.

Fasten ist keine Leistung mit der wir uns bei Gott etwas verdienen können, sondern eine innere Haltung der Demut und Bescheidenheit vor Gott und manchmal auch vor Menschen. Solches Fasten wird von Gott wohl gesehen, auch – oder gerade, wenn es im Verborgenen geschieht, wenn’s keiner sieht und niemand bemerkt. Es macht nicht mich besser, sondern das Leben der Menschen um mich herum.

Vielleicht wäre das mal eine gute Überlegung für die beginnende Fastenzeit: Was könnte ich lassen, womit ich anderen das Leben schwer mache? Was könnte ich tun, um den Menschen um mich herum mehr Freude und Lebensqualität zu ermöglichen? Womit kann ich jemandem helfen, einen Menschen trösten oder irgendwem nützen? Gott verspricht im Gegenzug: Dann wird mein Licht eure Dunkelheit vertreiben wie die Morgensonne und in kurzer Zeit sind eure Wunden geheilt. Dann wird es hell in deinem Leben, dann wird dir geholfen!

Wenn du nicht mehr nur an dich denkst, geht etwas Gutes aus von dir. Das will Gott. Das ist ein Fasten, das Segen bringt. Das fordert Gottes Eingreifen heraus: Wenn ihr dann zu mir ruft, werde ich euch antworten. Wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: Ja, hier bin ich!“

Keine Angst! Wer so fastet, verliert nichts dabei. Es wird, wie das neudeutsch heißt, eine Win-win-Situation daraus: Alle haben Gewinn davon. Das will Gott, dass allen Menschen geholfen werde. Zum Schluss doch noch einen Reim. Nicht von mir, sondern von Gustav Lohmann:

Hilf, Herr meines Lebens,
dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.
Hilf, Herr meiner Tage,
dass ich nicht zur Plage meinem Nächsten bin.
Hilf, Herr meiner Stunden,
dass ich nicht gebunden an mich selber bin.
Hilf, Herr meiner Seele,
dass ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168