Gehorsam

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Judika, 13.03.2016, Kreuzkirche, Hebräer 5, 7-9

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen für die Predigt bitten. …Herr, wir bitten dich, erhöre uns und gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören.

Die Passionszeit soll uns erinnern, was Gott eingesetzt hat um uns zu retten und was Jesus ertragen hat um uns von aller Sünde zu befreien. Außerdem sollen wir an den Ereignissen um Karfreitag und Ostern erkennen, dass unser Gott auch aus dem schrecklichen Geschehen dieser Welt noch Gutes machen kann. Er kann mit Jesus Niederlagen in Sieg verwandeln, Tod in Leben, Unheil in Heil.

Wir können nichts Besseres tun als in unseren Schmerzen und Enttäuschungen auf das Kreuz und den leidenden Christus zu sehen und uns von ihm Kraft, Trost und Hilfe für alle Leiden unseres Lebens zu erwarten. Jesus ist durch die tiefsten Tiefen dieser Welt gegangen, hat größtes Unrecht erfahren, unmenschliches Leid, schreckliche Schmerzen und schließlich den Tod erlitten.

Wer das nur oberflächlich betrachtet, versteht nicht, was das soll. Und es gab und gibt immer wieder Menschen, die das Kreuz nicht verstehen. Man muss sich schon drauf einlassen, es persönlich nehmen: Was auf Golgatha geschehen ist, hat etwas mit mir zu tun. Wenn jemand keine persönliche Sündenerkenntnis hat, kann er das Wort vom Kreuz nicht verstehen. So sieht das auch der Apostel Paulus und schreibt in der Auseinandersetzung um den gekreuzigten Jesus an die Korinther 1,18: Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden. – Er meint also, dass es denen, die keine eigene Sündenerkenntnis haben, wie dummes Geschwätz erscheint, zu sagen: Jesus ist für mich am Kreuz gestorben. Er hat mit seinem Blut und mit seinem Leben für meine Schuld bezahlt. – Wozu? – Für mich braucht doch niemand Blut vergießen und sterben, ich bin doch gut, so wie ich bin.

„Uns aber“, so fährt Paulus fort, „die wir selig werden, ist das Wort vom Kreuz eine Gotteskraft.“ Für uns, die wir von unserer Sünde und Verlorenheit wissen, ist das Wort vom Kreuz eine starke Kraft Gottes, die uns aus Verzweiflung und Schuld herausholt und tröstet. Sich mit dem Geheimnis des Kreuzes und mit den Bibelstellen zu beschäftigen, die davon berichten, hilft uns Jesus lieb zu gewinnen.

Wenige Zeilen aus dem 5. Kapitel des Hebräerbriefes, unser heutiger Predigttext, sind so eine Hilfe (Verse 5-7):
Jesus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Jesus, der Sohn Gottes, hat das Leid und die Schmerzen seines Lebens auf dieser Erde mit Bitten und Flehen, mit Tränen und Schreien vor Gott gebracht. Er ist nicht erhaben und überlegen über den Nöten der Welt und den Tiefen des Lebens geschwebt, sondern hat sie am eigenen Leib und an der eigenen Seele gespürt und durchlitten bis zum grausamen Ende am Kreuz. In der Nacht von Gethsemane hat er vor Angst gezittert und Blut geschwitzt. Er hat Gott angefleht, dass ihm der Tod am Kreuz erspart bleiben möge, aber er hat auch hinzugefügt, nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Er war gehorsam bis zum Tod und hat Gott auch im tiefsten Leid die Ehre gegeben. – Für uns! Für dich und mich!

Vor dem Hohen Rat hat er sich beschimpfen, verleumden, anspucken, demütigen lassen. Herodes hat seinen Spott mit ihm getrieben, Pilatus hat ein ungerechtes Urteil über ihn unterschrieben. Gewalttätige, sadistische Folterknechte haben sich an ihm ausgetobt. Gleichgültige Soldaten seine Hinrichtung überwacht und noch bevor er den letzten Atemzug getan hat, seine Kleider unter sich geteilt.

Und Jesus? – Jesus hat an dem, was er litt, Gehorsam gelernt, sagt uns hier der Hebräerbrief. Gehorsam Gott gegenüber ist ein ganz grundlegendes Element der Gottesbeziehung. Wir haben einen Gott, der heilig ist. Das heißt auch, dass er in seinem Handeln und in seinen Entscheidungen unantastbar ist. Er ist nicht zu hinterfragen, nicht von uns zu prüfen, nicht von uns zu beurteilen, sondern zu ehren und anzubeten, zu loben und zu preisen. Auch wenn wir sein Handeln manchmal nicht verstehen, auch wenn es uns zu lange dauert, bis er endlich eingreift. Auch wenn uns der Weg nicht immer gefällt, den er mit uns geht.

Nicht wir haben ihn geschaffen, sondern er uns. Nicht wir haben ihn auf den Prüfstand zu stellen und zu richten, sondern er uns. Nicht er hat sich unserem Willen zu beugen, sondern wir uns seinem göttlichen Willen. Er ist und bleibt heiliger Gott. Nicht wir haben den Zeitpunkt seines Eingreifens zu bestimmen, sondern er allein weiß, wann die Zeit gekommen ist, in der er das Leid wendet, den Sieg schenkt, den Schmerz beendet, das Gebet erhört.

Wer nicht anerkennen will, dass Gott die Richtung vorgibt und das Geschehen bestimmt, der verweigert ihm den Gehorsam und kann die dahinterstehende Heilsabsicht nicht erkennen. Ohne Beugung unter Gottes Willen, ohne die Bereitschaft auch Leid zu ertragen, ohne Gehorsam gegenüber Gott gibt es kein Heil und kein Happy End, kein fröhliches gutes Ende. In diesen Versen wird uns deutlich gemacht: Nur weil Jesus den schweren Weg zum Kreuz gehorsam gegangen ist, konnte er für uns zum Retter werden. Er hat uns Gehorsam gegenüber Gott vorgelebt.

Die besten Lehrer sind doch immer die, die etwas vormachen können. Die nicht nur sagen, was die Schüler zu tun haben, sondern die es ihnen durch ihr eigenes Handeln und Verhalten anschaulich machen. Wenn ein Lehrer dem 15-jährigen wegen Rauchens auf dem Schulgelände einen Verweis gibt, ist das zwar nach der Schulordnung richtig, wenn der Lehrer dann aber ins Raucherzimmer geht, um sich selber eine anzustecken, ist er mit seinem Verbot nicht sehr überzeugend.

Wenn Eltern ihren Kindern einschärfen, ja nicht ohne Helm Fahrrad zu fahren, aber dann selber keinen Helm tragen, wenn sie Radfahren, ist das kein gutes Vorbild. Und wenn sie bei Rot über die Straße gehen, müssen sie damit rechnen, dass ihnen der Nachwuchs das demnächst nachmacht.

Gehorsam kann verschiedene Hintergründe haben. Es gibt den Gehorsam aus Angst vor Schaden oder Strafe. Ich halte mich an Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Überholverbot, weil ich Angst vor einem Bußgeld habe. Angst ist da zwar kein edles Motiv, aber dennoch wird damit Gutes erreicht, weil dann nicht andere Verkehrsteilnehmer gefährdet werden.

Man kann auch aus Angst vor dem Zorn Gottes Gebote achten und Gottes Ordnungen respektieren, weil man weiß, dass man Gottes Zorn und Gericht herausfordert, wenn man bewusst gegen seine Gebote handelt. Selbst wenn dahinter ein einseitiges Gottesbild steht, ist es doch besser aus Furcht vor Gott Gebote zu halten, als einfach Gebote zu missachten.

Noch besser ist es natürlich, wenn Gehorsam die Folge von Vertrauen und Einsicht ist. Oder vielleicht sogar auf Liebe basiert. Wenn ein Kind den Fernseher nicht einschaltet, weil es die Eltern beim Weggehen verboten haben und das Kind spürt, dass es das Vertrauen der Eltern missbrauchen würde, wenn es sich über ihr Verbot hinwegsetzt.

Und so wäre es auch der berechtigte Grund des Gehorsams gegenüber dem Wort Gottes, wenn dahinter das Vertrauen stünde, dass Gottes Gebote uns nicht hindern und einschränken wollen, sondern uns helfen, schützen und uns zum Segen dienen. Wenn wir für unsere Wünsche und Gebete uns den Satz zu Eigen machen, den Jesus im Garten Gethsemane unter sein Gebet gesetzt hat: „Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst, Vater.“ Jesus lehrt uns das ja auch im Vaterunser zu beten: Dein Wille geschehe! Wenn wir so beten, dann verbindet sich Gehorsam im Leben mit dem Gehorsam im Glauben und darauf liegt großer Segen.

An einem Montagmorgen stieg ein Pfarrer in den Bus um von seinem Dorf in die Stadt zu fahren. Er reicht dem Busfahrer einen größeren Geldschein und wartet auf das Wechselgeld. Auf dem Sitzplatz angekommen, zählt er das Wechselgeld nach und stellt fest, dass ihm der Busfahrer zu viel herausgegeben hat. Er bleibt zunächst sitzen und seine Gedanken arbeiten: Glücklicher Zufall? Unwichtige Kleinigkeit? Oder Grund ehrlich zu sein und dem Busfahrer das Geld zurückzugeben?
Der Pfarrer findet manchen Grund, das Geld einfach zu behalten, aber schließlich siegt seine Gewissenhaftigkeit. Er steht wieder auf, geht zum Busfahrer und sagt: „Entschuldigen Sie, aber Sie haben mir zu viel Geld rausgegeben, als ich vorhin meine Fahrkarte bezahlt habe.“
Der Fahrer erwidert ganz locker: „Ich weiß, ich war gestern in Ihrer Kirche und hörte Sie über die Gebote Gottes sprechen. Da wollte ich mal ausprobieren, ob Sie selber auch tun, was Sie anderen predigen.“

Im Psalm 119 stehen die Sätze (VV 48+112): „Ich hebe meine Hände auf zu deinen Geboten, die mir lieb sind. Ich neige mein Herz, zu tun deine Gebote immer und ewiglich!“ Sind Ihnen die Gebote Gottes lieb oder lästig? – Viele müssten heute zugeben: Sie sind mir gleichgültig. Ich lebe, wie es mir gefällt und tue, wozu ich Lust habe. Gottes Gebote, sein Wille für mein Leben, das interessiert mich nicht. – Man kann so leben und je länger man so lebt umso weniger erreicht einen der gute Wille Gottes. Aber jeder der Gott so ungehorsam ist sollte wissen, dass er verloren gehen wird, wenn er seine Einstellung nicht ändert. Wenn er nicht umkehrt zu Gott und Gehorsam lernt.

Petrus sagt vor dem Gericht des Hohen Rates sogar: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Wenn die Gesetze und Regeln dieser Welt gegen den Willen Gottes stehen, dann gilt es, sich nach Gottes Wort zu richten und wenn es sein muss, sich den Gesetzen dieser Welt zu widersetzen.

Als Davids Sohn, Salomo, König werden sollte, betete er um ein gehorsames Herz. – Haben Sie auch schon mal um ein gehorsames Herz gebetet. Ein Herz, das nicht gegen Gott und seinen Willen rebelliert, sondern das ihn sucht und erfüllen will. Manchmal mahnt uns der Geist Gottes oder warnt uns vor Ungehorsam. Er zwingt nicht, aber er meldet sich und mahnt unser Gewissen.

Samuel Keller erzählt in seinen Erinnerungen: “Ich hatte am Samstag eine Predigt vorbereitet. Als ich aber am Sonntag mit der Straßenbahn zur Kirche fahre, spüre ich eine starke innere Nötigung, nicht meine vorbereitete Predigt zu halten, sondern stattdessen über Psalm 39, 2 zu sprechen. Ich spreche also über das Wort: Ich will mich hüten, dass ich nicht sündige mit meiner Zunge und will meinem Mund einen Zaum anlegen.
Am Montag kommt ein Mann zu mir und bedankt sich ausdrücklich für die Predigt, die ihn vor einem großen Fehler bewahrt hat. Er hatte sich mit einem Geschäftsfreund gestritten und ihm einen zornigen Brief geschrieben, der das Ende einer langjährigen Beziehung bedeutet hätte.
Als der Brief fertig war, spürte der Mann die starke innere Nötigung, den Brief noch nicht abzuschicken, sondern zuerst noch in den Gottesdienst zu gehen und die Predigt von Pfarrer Keller anzuhören. Nach der Predigt schickte er den Brief nicht ab. Am Montag kam dann ein Brief von dem Geschäftsfreund, in dem der sich entschuldigte und alle Unrichtigkeit in Ordnung brachte.

Das sensible Hören auf Gottes Stimme und das mutige Gehorchen zweier Menschen verhinderte auf wunderbare Weise den Bruch einer Beziehung.

Aus Gehorsam den Willen Gottes tun bringt immer Segen. Vielleicht verliert man dabei einen möglichen materiellen Gewinn – denken wir an den Pfarrer im Bus – oder man verpasst eine berufliche Chance, aber man gewinnt etwas Unbezahlbares und viel Wertvolleres, man gewinnt etwas für die Ewigkeit.

Jesus hat, so heißt es hier im Hebräerbrief, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Gehorsam wirkt Heil, Ungehorsam bewirkt immer Unheil.

Paul Gerhardt betet (EG 447,8):

Treib unsern Willen, dein Wort zu erfüllen;
Hilf uns gehorsam wirken deine Werke;
Und wo wir schwach sind, da gib du uns Stärke.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168