Geduld
Zur PDF3.Advent, 11.12.2011, Römer 15, 4-13
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten:
… Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Im Brief an die Römer schreibt der Apostel Paulus im letzten Teil, Kapitel (15, 4-13):
Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.
Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Denn ich sage, Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen Gottes zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: „Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.“
Und wiederum heißt es: Freut euch ihr Heiden, mit seinem Volk! Und wiederum: „Lobet den Herrn, alle Heiden und preist ihn, alle Völker!“
Und wiederum spricht Jesaja: „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.“
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes
Eine alte chinesische Geschichte erzählt von einem Mann, der
eine hohe Stelle in der Verwaltung bekommen hatte. Ein guter Freund
besucht ihn und gratuliert ihm zu dem hohen Amt. „Darf ich dir
noch einen Rat geben?“ Fragt er. „Ja, gerne.“
„Wenn du auf deinem neuen Posten bist, darfst du eins nie
vergessen, immer Geduld zu haben.“ Der Mann verspricht,
den guten Rat zu befolgen. Der Freund wiederholt seinen Rat einmal, –
zweimal, – dreimal. Als er es zum vierten Mal sagt, braust der Mann
ungehalten auf: „Hältst du mich für dumm, dass du mir
diese Selbstverständlichkeit so oft wiederholst?“ –
„Siehst du“, seufzt der Freund, „es ist gar nicht so
leicht geduldig zu sein. Ich hab meinen Rat nur ein paar Mal wiederholt
und schon verlierst du die Geduld.“
Wie steht es mit Ihrer Geduld? – Mit meiner nicht so
besonders. Das hab ich diese Woche wieder gemerkt. Ich war unterwegs um
Besuche zu machen. Aber die Frau, die ich aufsuchen wollte, war nicht
da. Schade, dachte ich, aber wenn ich jetzt schon mal hier bin,
könnte ich gleich weiter fahren zu meiner Fahrradwerkstatt und
fragen, wann sie mein Rad bearbeiten könnten. Zu meiner
Überraschung meinte der Mechaniker: Lassen Sie es gleich da, bis
Morgen Mittag ist es fertig.
Na schön, aber wie komm ich jetzt heim? Zu Fuß hätte
ich wohl fast eine Stunde gebraucht. Aber man hat ja ein Handy in der
Tasche. Also hab ich meine Frau angerufen und gebeten, dass sie mich
abholt. Ich hab noch ein paar Minuten im Radladen rumgeschaut und mich
dann draußen an die Einfahrt gestellt. Sie wird ja gleich kommen.
– Aber es ist unglaublich, wie lang da fünf Minuten sind und
wie oft man auf die Uhr schaut. Nach zehn Minuten hat man das
Gefühl, man steht schon eine Ewigkeit und nach einer Viertelstunde
fängt man an sich auszumalen, was alles passiert sein könnte.
Geduld haben ist schwer. Erst recht mit dem anderen, der eben
doch länger gebraucht hat. Dann auch noch geduldig sein mit ihm
und freundlich, das ist noch viel schwerer.
Schnell verlieren wir die Geduld! Mit den heranwachsenden
Kindern, mit den älter werdenden Eltern, mit der Bedienung im
Lokal und der Verkäuferin, die so umständlich ist. Mit dem
Verwaltungsbeamten, mit der Angestellten. Keine Geduld im
Wartezimmer, an der Kasse, an der Tankstelle, am Telefon, an der Ampel.
Keine Geduld mit anderen und keine Geduld mit sich selbst. Keine Geduld
in der Vorweihnachtszeit, die ja doch eine Zeit des Wartens und des
Geduld-Lernens sein soll.
Da ist heute, in diesen Worten aus dem Römerbrief zum Dritten Advent, vom Gott der Geduld die Rede: Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander.
Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Dass wir einen Gott der Geduld
haben? Schon im Alten Testament werden wir darauf hingewiesen: Dass
Gott nicht nur barmherzig und gnädig ist, sondern auch geduldig und von großer Güte.
Wie gut für unsere Welt, dass Gott so geduldig ist und dass
er es immer wieder probiert mit dieser Menschheit. Schon so oft hat er
mit göttlicher Geduld einen Neuanfang geschenkt: Nach der Sintflut
und am Sinai nach dem Goldenen Kalb. Nach Golgatha und in der
Reformation. Nach 1945 und nach 1989. Nach Hiroshima und nach
Fukushima. Nach dem 11. September und vielleicht auch nach der
Finanzkrise.
Wie gut für unsere Kirche, dass Gott so viel Geduld hat und
auf Umkehr wartet. Dass er nicht immer gleich dreinschlägt mit
Blitz und Donner, mit Gericht und Verderben. So manche Verlautbarung
und Erklärung mag gut gemeint gewesen sein, aber doch mehr dem
Zeitgeist als dem Wort Gottes geschuldet. Ob das die Rosenheimer
Erklärung vor 20 Jahren zum Thema Abtreibung war oder die
Zulassung von gleichgeschlechtlichen Paaren im Pfarrhaus oder Segnung
von Homophilen. Gut gemeint, zeitgemäß angepasst, aber die
Folgen unterschätzt.
Wie gut, auch für mich, dass Gott so viel Geduld hat mit
mir und mich immer wieder zur Buße ruft, zum Umdenken, zum
Vergeben, zum Neubeginn! Der Gott der Geduld,
der mich trotz meiner Fehler annimmt. Nicht nur mich, auch Sie und
Dich! Er lässt uns nicht bockend in unserer Ecke sitzen, wenn wir
mit seinen Wegen und Führungen hadern, sondern lockt uns stets
aufs Neue liebevoll heraus: Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? Verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? (Röm 2,4)
Wo keine Geduld ist, da ist auch keine Eintracht, sondern da herrschen
meist Zwietracht und Streit. Da fällt man übereinander her
und macht einander Vorwürfe:
– Warum hast du nicht…?
– Wie konntest du nur…?
– Das könnte doch schon längst erledigt sein!
– Wie lange soll ich denn noch warten?
Da wird der andere klein gemacht, verletzt und gedemütigt,
erfährt Ablehnung und Verachtung. Paulus aber stellt hier fest,
dass Christen etwas anderes tun sollen: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Vierzehn Kapitel lang redet der Apostel im Römerbrief über
ganz wichtige Glaubensgrundsätze. Er entfaltet Theologie über
den Glauben und die Taufe über das Gesetz und die Freiheit, über Erwählung und Gotteskindschaft, über das Verhältnis zu staatlicher Gewalt und die Beziehung von Christen und Juden.
Alles von großer Wichtigkeit. Aber alle diese Lehren stehen und
fallen mit dem, was der Apostel hier am Ende dieses Briefes schreibt: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Die Theorie des Glaubens genügt nicht. Es kann jemand alles
wissen und die reine Lehre haben, wenn er sie im praktischen Leben und
beim täglichen Umgang mit seinen Mitmenschen nicht umsetzt, wird
sie zum unglaubwürdigen Gesetz. Man kann rechtgläubig sein
und doch recht lieblos und damit ist man nicht auf dem Weg der
Nachfolge Jesu. Denn: Der Gott der Geduld und des Trostes gebe
euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus
Jesus gemäß.
Paulus schreibt diese Worte ja zunächst an die kleine christliche Gemeinde in Rom. Was waren das für Leute? Ein Teil von ihnen sind Juden,
ihr Leben lang in den Geboten und mosaischen Gesetzen unterwiesen.
Selbstbewusst in der Zugehörigkeit zum Volk Gottes, mit einem
Stammbaum, der bis zu Abraham zurückreicht. Der andere Teil „Heiden“
noch vor wenigen Jahren in der römisch-heidnischen Götterwelt
verwurzelt. Erst vor kurzem zum Glauben an Jesus Christus gekommen.
Menschen, die keine Skrupel haben, mit Genuss einen Schweinebraten zu
essen oder am Sabbat eine lange Wanderung zu machen. Sie feiern das
Heilige Abendmahl im Glauben an die Macht des Blutes Jesu, aber sie
können mit jüdischen Fastengepflogenheiten nichts anfangen. Beiden ruft der Apostel hier zu: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. In ihm haben sich die Verheißungen des Alten Testaments erfüllt. Er
ist die Erfüllung des Gesetzes. Aber er ist auch der, der die
Geduld und den Trost Gottes zu denen bringt, die nicht zum Volk Israel
gehören. Zu den Heiden, den Völkern der Welt. Er schickt
seine Jünger in alle Welt und gibt ihnen den Auftrag alle Völker zu Jüngern zu machen und alles zu halten, was er befohlen hat: Der
Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr
einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus
gemäß.
Theorie und Praxis des Glaubens gehören zusammen und das
Gesetz Gottes ist nichts, ohne die Liebe, die den anderen
wertschätzt und annimmt. Keiner, der einen anderen verachtet oder
ungeduldig ablehnt, kann sich auf Jesus berufen. Streiten ist eine
teuflische Taktik. Nach Eintracht und friedlichem Miteinander suchen,
ist ein göttliches Geschenk. Gott gebe Euch, sagt der Apostel, ja wünscht er der Gemeinde. Frieden kann man sich nicht nehmen. Der muss einem gegeben werden.
Die Kraft und den Willen zum Frieden müssen wir uns von Gott erbitten.
Die Weisheit und die Liebe, ein Problem im richtigen Augenblick und mit
freundlichen Worten anzusprechen, können wir uns nur vom Heiligen
Geist schenkten lassen. Manche meinen, Hauptsache, ich hab dem anderen
ganz klar die Wahrheit gesagt. Die ehrliche Meinung vor den Latz
geknallt. – Daraus wird doch kein Frieden! Damit wird doch kein
einziger für das Reich Gottes gewonnen! Das überwindet doch
keine Vorurteile, sondern bestätigt sie nur.
Die Bilanz unter den Christen ist doch eigentlich erschütternd.
Sie sind zerstritten. Sie haben sich auseinandergesetzt, obwohl sie der
Herr, zu dem sie sich bekennen an den einen Tisch lädt. Hunderte von Konfessionen und Kirchen.
Die Frommen verachten die Weltoffenen. Die weniger Frommen nennen die
Kirchgänger Heuchler. Und in mancher Familie, in der sich jeder
für einen Christen hält, redet man nicht miteinander und lebt
lieblos nebeneinander her. Wie die bunten Glaskugeln, die man jetzt
wieder aus den Weihnachtskartons holt oder am Christkindlmarkt kauft.
Schöner Schein, aber so empfindlich und zerbrechlich. Sie halten nichts aus. Nur ganz leicht angestoßen und schon zerbricht die Schönheit.
Ja, manche Zustände sind wirklich zum Weinen. In unserer Kirche
und in manchen Kreisen, in unseren Gemeinden und Gruppen. Und manchmal
weinen wir über uns selbst, wie Petrus, aus
Enttäuschung über unser Versagen, aus Traurigkeit über
die Abgründe unseres Herzens und weil wir keine Hoffnung haben,
dass das je anders wird.
Aber unser Gott ist nicht nur ein Gott der Geduld, sondern auch ein Gott des Trostes und der Hoffnung. Er zerbricht keine geknickten Rohre und tritt glimmende Dochte nicht aus, sondern er verbindet und heilt, er zündet ein neues Feuer der Liebe an in den Herzen, die sich ihm öffnen.
Wenn mir klar geworden ist, wie ungeduldig und lieblos ich wieder war,
wie ich nur an mich gedacht habe und anderen weh getan habe, dann darf ich mich von dem geduldigen Gott trösten lassen. Er ist der Vater unseres Herrn Jesus Christus. Durch seinen Sohn hat er uns den Trost gebracht und die Hoffnung, dass wir nicht verloren sind. Wir sind von Jesus angenommen und geliebt, durch ihn und sein Kreuz gerettet und befreit von allen bösen Bindungen und zerstörenden Zwängen.
Wir dürfen uns von ihm trösten lassen und neuen Mut erbitten.
Nicht nur die Juden, nicht nur das Volk Gottes erlebt Erfüllung
von Verheißungen, sondern auch alle Christen, die daran
festhalten. Siehe, ich mache alles neu! Verspricht Jesus und wir dürfen ihn beim Wort nehmen.
Das schreib dir in dein Herze, du hoch betrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr.
Seid unverzagt, ihr habet, die Hilfe vor der Tür;
Der eure Herzen labet und tröstet steht allhier.
Das ist die Erfahrung, die wir im Glauben immer wieder machen
dürfen. Wir werden liebevoll angenommen. Wir werden geduldig
getröstet, herausgeholt aus unserer Not und neu mit Hoffnung und
Mut ausgerüstet. Das ist Adventsgeschehen. Das geschieht,
wenn dein König zu dir kommt, ein Gerechter und ein Helfer. Wenn
wir das annehmen und uns neu bewusst machen, fällt es uns auch
nicht schwer aus ganzem Herzen einzustimmen in die Worte von Georg
Weisel aus denen Paul Ernst Ruppel einen freudigen Adventskanon gemacht
hat (EG 2):
Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott!
All unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott!
Dein Heilger Geist uns führ und leit, den Weg zur ewgen Seligkeit. Gelobet sei mein Gott!
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168