Gebet ist eine Macht, die viel bewirkt
Zur PDF22. Sonntag nach Trinitatis, 23.10.16, Phil 1, 3-11
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille, jeder für sich darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns und gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute steht im 1. Kapitel des Philipperbriefes:
Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke – was ich allezeit tue, in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden – für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tag an bis heute;
Und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.
So halte ich es denn für richtig, dass ich so von euch denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige. Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus.
Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an aller Erkenntnis und aller Erfahrung, so dass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi, erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes. – Soweit unser Predigttext.
„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn (auch) die ganze Welt zusammen fällt. Drum sei auch nie betrübt, wenn dein Schatz dich auch nicht mehr liebt. Ein Freund, ein guter Freund, das ist der größte Schatz, den’s gibt.“ Das war die erste Strophe eines Liedes der „Comedian Harmonists“ aus den 30ger Jahren, bekannt auch durch den Film „Die drei von der Tankstelle“ mit Heinz Rühmann… Sie kennen sicher die Melodie.
Ja, echte Freundschaft ist wirklich etwas Wertvolles und Wunderbares. Mit guten Freunden kann man etwas erleben, lachen, sich freuen. Auf gute Freunde ist Verlass. Die setzen sich für einen ein, helfen und teilen, die lassen einen nicht hängen. Gut, wenn man solche Freunde hat.
Aber es gibt eine Verbindung, die noch stärker und noch wertvoller ist: Wenn es Freunde sind, mit denen man sich nicht nur menschlich sich nahe steht, sondern im Glauben verbunden ist. Paulus redet hier von solcher Freundschaft. Die kommt einer Art Blutsverwandtschaft gleich. Das Blut, das solche Freunde verbindet, ist das Blut Jesu. Die Verbundenheit im Glauben durch das rettende und vergebende Blut unseres Herrn Jesus Christus. Dieses Blut „verbindet selbst Menschenscharen, die sich noch kaum gekannt“, wie es in einem Lied heißt. Es macht Leute, die einander gar nicht kannten, zu Schwestern und Brüdern im Glauben.
Das war unter Christen sogar lange Zeit eine Anrede:„Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!“ Dürfte, könnte ich das auch hier von der Kanzel aus zu Ihnen sagen? – „Liebe Schwestern und Brüder im Glauben?“ Wir sind es doch durch das Blut Jesu? Oder ist das nur eine fromme Phrase?
In dem Vers, der auf unseren Predigttext folgt, redet Paulus die Gemeinde in Philippi so an: Ich lasse euch aber wissen, Brüder und Schwestern… Und dann teilt er ihnen mit, dass er diesen Brief an sie aus dem Gefängnis schreibt. Inhaftiert, weil er Jesus als den lebendigen Herrn und den Sohn Gottes verkündigt hat. – Gute Freunde lassen einander wissen, wie es um sie steht. Sie teilen es einander mit, wenn sie in Nöten sind. Sie vertrauen sich und können vertraulich miteinander reden und sie sind auch verschwiegen. Wenn es Schwestern und Brüder im Glauben sind, dann beten sie füreinander. Sie bringen das Leid und die Not des anderen vor Gott. – Haben Sie solche Schwestern und Brüder, die für Sie beten und für die Sie im Gebet vor Gott einstehen? Sind Sie anderen so guter Freund, beste Freundin? Das ist das Beste.
Allein das ist schon eine große Hilfe, zu wissen, da setzen sich andere für mich bei Gott ein. Meine Eltern, meine Frau, mein Mann, meine Kinder beten für mich. Meine Schwestern und Brüder im Glauben stehen im Gebet hinter mir, während ich auf dem Operationstisch liege oder eine wichtige Prüfung habe. Sie bringen meine Not, meinen Schmerz vor den Allerhöchsten und tun damit einen ganz wichtigen Freundschaftsdienst für mich.
Ich bekomme so manche E-Mail mit der Bitte um Fürbitte und aus dem Kopf des Briefes sehe ich, dass auch noch andere Schwestern und Brüder im Glauben um diese Fürbitte gebeten werden. Das ist eine Macht, eine Gebetsmacht, die den Himmel mobilisiert. In einer echten Gemeinde treten die Gemeindemitglieder betend so füreinander ein.
Wie oft haben mir das Menschen nach Krankheitszeiten oder anderen Ausnahmebelastungen schon bestätigt: Am meisten hat mir geholfen, zu wissen, da sind viele, die für mich beten. Das war mir Trost und Hilfe. Ganz abgesehen davon, dass Gebete Gott zum Handeln bewegen. Gebete fordern immer auch eine Antwort heraus. Ich danke Gott für die, die sich betend für mich einsetzen. Und so wird das Gebet im Glauben zu einem Freundschaftsband besonderer Qualität und Belastbarkeit. Da spielen auch Entfernungen keine Rolle. Selbst wenn der, für den du betest oder die für dich betet, am anderen Ende der Welt ist, ist das Gebet genauso wirksam, wie wenn er /sie neben dir stehen würde.
Über 1000km Luftlinie trennten Paulus in seinem römischen Gefängnis von der kleinen christlichen Gemeinde in der mazedonischen Hafenstadt Philippi, aber sie sind einander doch ganz nah. – Im Glauben und im Gebet verbunden.
Ich muss an den 20-jährigen Soldaten denken, der vor über 70 Jahren fünf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft war und der wusste, meine Mutter und meine Schwester beten für mich. Jahre und Jahrzehnte später hat er noch daran gedacht und davon erzählt. Er war überzeugt, dass er durch diese betenden Angehörigen vor dem Verderben in dieser schrecklichen Zeit bewahrt worden war. – Das ist nur ein Beispiel. Viele haben das so bezeugt. Wer weiß, da beten andere für mich, der erfährt Kraft, durchzuhalten, nicht aufzugeben und der muss sich nicht allein festhalten, sondern er wird gehalten und ist geschützt. Gebet ist eine Macht, die viel bewirkt. Ganz besonders auch der Dank im Gebet.
Es ist den zahllosen verfolgten Christen auf der Welt eine ganz große Hilfe, wenn sie erfahren, dass sogar Christen in anderen fernen Ländern für sie beten. – Vergessen wir sie doch nicht, die Schwestern und Brüder in Nordkorea, Saudi-Arabien, im Iran, in Pakistan, im Jemen und anderswo auf dieser Welt, die um ihres Glaubens an Jesu willen inhaftierten, geschlagenen, gedemütigten sind. Viele von ihnen beten auch für uns, für die Christen in Freiheit und sie danken Gott für die, die für sie beten.
Paulus beginnt seinen Brief sogar mit solchem Dank: Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke – was ich allezeit tue in all meine Gebeten für euch alle und ich tue das Gebet mit Freuden. – Ja, beten ist keine nur ernste und traurige Angelegenheit. Wer dem Gebet, wer Gott etwas zutraut, der kann mit Freuden beten. Wer Grund zum Danken hat, hat damit immer auch Anlass zur Freude. Dank und Freude gehören zusammen.
Was macht denn den Paulus in seiner Gefängniszelle so fröhlich, so gelassen, so dankbar, so zuversichtlich? Ein antikes Gefängnis war ja nicht gerade eine Wellness-Oase – Er sagt: Eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tag an. Was meint er damit? Das Evangelium ist die gute Nachricht, dass Gott stärker ist, als alles, was uns bedroht oder plagt. Stärker als Neid und Hass, stärker als Sorge und Angst, stärker als Schuld und Tod.
Wer mit dem Evangelium verbunden ist, der ist mit Jesus verbunden und wer mit Jesus verbunden ist, der ist ein Kind Gottes, der hat den Sohn Gottes zum Bruder.
Wir erfahren in diesem Einleitungsteil des Philipperbriefes sehr viel über die Gebetspraxis des Paulus und über das Gebet überhaupt. Paulus behauptet, er bete allezeit. Und er bete mit Freuden. Er weiß, ich bin weit weg und ich kann für meine Freunde in der Hafenstadt Philippi nicht viel tun. Ich kann sie nicht mit meinen Predigten stärken und trösten, ich kann nicht bei ihnen sein und ihnen Mut machen. Aber ich kann doch etwas für sie tun, etwas was ihnen vielleicht mehr hilft, als meine physische Anwesenheit. Ich kann für sie beten. Ich kann Gottes Schutz und Hilfe für erbitten.
Diese Möglichkeit haben wir immer, auch wenn wir sonst nichts tun können. Wenn die Kinder im Urlaub unterwegs sind, wenn der Ehepartner einen schweren Tag in seinem Beruf zu bestehen hat, wenn das Patenkind eine entscheidende Prüfung schreibt. Durch mein Gebet im Glauben kann ich helfen oder besser gesagt, die Hilfe des Heilands herbeirufen.
Paten versprechen das ja sogar bei der Taufe. Sie werden in der Patenfrage ausdrücklich gefragt, ob sie bereit sind für ihr Patenkind zu beten. Wann haben Sie, wann hast Du zuletzt für dein Patenkind gebetet? – Sind da nicht viele, die unser Gebet dringend bräuchten? Konfirmanden, Kirchenvorsteher, Pfarrer, Mitarbeitende. Die Taufe war ja nur ein Anfang. Ein Anfang, den Gott gemacht hat. Es muss doch weitergehen. Wenn es nur beim Anfang bleibt, dann war schließlich auch der Anfang umsonst.
Wenn man nur anfängt zu lernen und dann nicht mehr weitermacht; wenn man die Diät nur beginnt und dann abbricht; wenn man mit dem Konfirmandenjahr nur einen Anfang macht und dann nach der Konfirmation aufhört, sich für den Glauben zu interessieren, Gottesdienste zu besuchen, die Gebote zu beachten, wenn‘s nur beim Anfang bleibt, dann erreicht man das angestrebte Ziel nicht.
Paulus betet darum, dass es nicht beim Anfang bleibt und deshalb kann er sagen: ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.
Der Tag Jesu Christi ist der Tag der Begegnung mit unserem Herrn. An anderer Stelle heißt es (2.Kor 5,10): Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Vor dem Richterstuhl Christi wird einmal alles ans Licht kommen. Ob unser Glaube echt war, ob wir treue Beter oder Schlafmützen waren; ob wir getan haben, was nötig ist oder ob wir nur Sprüche gemacht haben.
Vollenden können wir uns niemals selbst. Niemand kann aus sich einen neuen gerechten Menschen machen, aber der in uns angefangen hat das gute Werk, Jesus, der kann und wird es vollenden und uns erneuern, wenn wir ihn darum bitten. Und er wird auch den Glauben, den er in unseren Schwestern und Brüdern, Kindern und Enkeln, Freunden und Verwandten angefangen hat, vollenden, darum dürfen wir mit Freuden, mit Erwartung und glaubend allezeit beten.
Paulus verspricht den Philippern: Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an aller Erkenntnis und aller Erfahrung, so dass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi, erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.
Das ist doch ein gutes Gebet: „dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und Erfahrung“. Machen wir es uns zu Eigen für uns selbst und für unsere Lieben.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168