für Menschen die Schweres tragen

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Letzter Sonntag d. Kirchenjahres 25.11.2012, Jes 65, 17-25

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille, jeder für sich darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns und gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute steht im 65. Kapitel des Jesajabuches. Es ist ein hoffnungsvolles Wort an Menschen, die viel Schweres hinter sich haben und denen gegenwärtiges Leid und Not zu schaffen machen. Es sind freundliche, tröstliche Worte Gottes, die Hoffnung machen.

Nach langen Jahrzehnten des Exils in Babylon durften die Israeliten wieder in ihre alte Heimat zurück. Aber dort war alles zerstört. Jerusalem ein Trümmerhaufen. Felder und Gärten zur dornigen Wildnis geworden. Einstmals gepflegte Weinberge nun undurchdringliches Dickicht. Wo früher Trauben geerntet wurden, herrscht jetzt Trostlosigkeit. Die Übriggebliebenen, die Zurückgekehrten verlieren den Mut und die Hoffnung. Sie fragen sich: Wie sollen wir hier leben? Was haben unsere Kinder hier für eine Zukunft? Aber im Namen Gottes hat ihnen der Prophet etwas zu sagen:

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude. Und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens, noch die Stimme des Klagens.
Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer 100 Jahre alt stirbt und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volkes werden sein, wie die Tage eines Baumes und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.
Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen, denn sie sind des Geschlechts, der Gesegneten des Herrn und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen, ehe sie rufen will ich antworten und wenn sie noch reden, will ich hören.
Wolf und Schaf sollen beieinander weiden, der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit, noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der Herr
.

In diesen hoffnungsvollen Sätzen mischen sich irdische und himmlische Zukunft. Manches ist vorstellbar und anderes nicht. Neuer Himmel? Neue Erde? Wer kann sich das vorstellen? Eine Gesellschaft in der die 100jährigen zu den Jüngsten zählen? Kein Jammer, keine Klagen. Das klingt zu schön um wahr zu sein. Unvorstellbar!

Häuser bauen und auch drin wohnen, Weinberge pflanzen und die Trauben auch selber essen, den Wein und den Saft genießen. Das ist vorstellbar. Das haben sich die Exilsklaven in Babylon immer ausgemalt und erträumt während sie die Paläste ihrer Herren bauten und den Wein ihrer Sklavenhalter ernteten. Sich nicht nur für andere schinden, sondern den Ertrag der Arbeit für sich haben! Nicht umsonst arbeiten!

Jerusalem, der Trümmerhaufen wieder eine schöne Stadt mit fröhlichen Menschen? Nicht auszudenken! – Manchmal werden alte Filmausschnitte gezeigt von Berlin oder Hamburg im April 1945. Eine Trümmerlandschaft, dazwischen irren verstörte abgemagerte Menschen herum, mit armseliger Habe auf der Suche nach Zukunft. Auch damals hätte man sich Berlin, wie es heute pulsiert und glitzert nicht vorstellen können.

Die geängsteten Bewohner von Gaza, die in diesen Tagen vor den Trümmern ihrer Häuser stehen und die entsetzten Menschen in Tel Aviv, die vor den rauchenden Resten eines gesprengten Busses stehen und Angehörige verloren haben, können sich auch nicht vorstellen, dass sie in ihrem Leben noch einmal lachen können. Dass der Hass aufhört und dass einmal Frieden sein wird. Das scheint unmöglich. Und es scheint auch so als wären Menschen nicht fähig aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Aber was bei den Menschen unmöglich ist, ist doch bei Gott möglich. Daran erinnert Jesaja im Auftrag Gottes die Leidgeprüften. Wir leben in einem Zwiespalt. Wir sehen und erleben das Leid, Krankheit und Elend und wollen glauben, dass das einmal aufhört, dass Gott das ändert, aber unsere Zweifel sind oft größer als unser Glaube.

Dietrich Bonhoeffer dichtete – wir haben es gerade vor der Predigt gesungen: Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast. Ist das nicht auch unsere Situation? Noch will das Alte unsre Herzen quälen… Der alte Kummer macht uns zu schaffen. Erinnerungen an Ungerechtigkeit, an alte Zeiten, die nicht wiederkommen, an liebe Angehörige, die wir hergeben mussten, machen das Herz schwer. Oder man macht böse Zeiten durch, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft. Schmerzhafte Krankheiten oder Operationen. Jeder Schritt tut weh, jeder Weg ist zu weit. Bonhoeffer macht ein Gebet draus, einen Hilfeschrei an Gott: Ach Herr! Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Vergessen wir es nicht! Wir sind zum Heil geschaffen! Nicht zum Unheil. Unsere Bestimmung ist Freude, nicht Leid. Auf dem Weg zu diesem Ort der Bestimmung und der Zeit der Erfüllung erfahren wir Leid. Es gehört zu unserem Leben dazu. Die Behauptungen der Werbung und der schönen, aber leider sehr verlogenen Welt der Medien, will uns glauben machen, dass alles nur Sonnenschein ist und das Leben immer nur Spaß machen muss. Da ist auch der schwere bittere Kelch des Leids. Wenn Menschen auf den Straßen sterben oder von Krankheiten verzehrt werden, wenn Verbrechen sinnloses und Kriege namenloses Leid verursachen.

Ich denke mir manchmal: Wer da Gott nicht kennt, muss verzweifeln, im Schmerz versinken, der klagt bitter ein nicht greifbares Schicksal an. Wer Gott vertraut, weiß an wen er sein Klagen richten darf und wem er seinen Kummer sagen kann. Und der weiß, wer hält und trägt. Das ist der große Unterschied. Der Glaubende ist nicht allein, er wird gehalten und getragen, auch wenn er durch Leid geht. Und wer sich auf Gott verlässt, weiß, dass es auch wieder anders wird.Der Herr tröstet und holt aus der Tiefe heraus. Auf jeden Fall in Gottes neuem Himmel und auf seiner neuen Erde. Und immer wieder auch schon hier auf dieser alten Erde.

Hier in unserem Predigttext verspricht Gott den Verzweifelten und schwer Getroffenen, dass sie nicht umsonst bitten werden: … es soll geschehen, ehe sie rufen, will ich antworten und wenn sie noch reden, will ich hören. Haben wir das nicht auch schon manchmal erlebt, dass Hilfe ganz schnell kam? Du hast noch nicht mal gemerkt, dass du deinen Schlüssel oder Geldbeutel verloren hast und schon steht ein lieber Mensch, wie ein Engel vor dir und bringt ihn dir zurück. Ich hab das schon erlebt, dass die Hilfe des Herrn schon eingefädelt war, bevor ich auf die Idee gekommen bin ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken.

Erika Hofmeister war an einer Blutgerinnungsstörung lebensgefährlich erkrankt. Man weiß nicht, ob die Erkrankung zu stoppen ist. Sie hatte sich so gefreut auf die Zeit, die vor ihnen lag, nachdem auch ihr Mann nun im Ruhestand war. Alles steht in Frage. Die Kinder sehen, wie die Eltern sich grämen und beschließen, ihnen ein Wochenende in Nürnberg zu schenken, damit sie auf andere Gedanken kommen.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel trifft das Ehepaar auf Mitarbeiter der rollenden Teestube, die zu einer Veranstaltung am Abend einladen: Thema: Leid, warum lässt Gott das zu? Nach dem Vortrag erzählen die Hofmeisters, dass diese Frage sie schon lange bewegt hat. Die Antworten aus der Bibel geben ihnen Denkanstöße und sind ihnen Hilfe, sich neu Jesus Christus mit allen Sorgen anzuvertrauen.

Nach gemeinsamen Gebeten stellt Frau Hofmeister die Frage: „War diese Begegnung Zufall oder Plan Gottes? Wir kommen aus Fulda und sind genau an dem Wochenende in Nürnberg, wo das Thema behandelt wird, das genau in unsere Lebenswirklichkeit hineinspricht.“ – Sie gibt sich selbst die Antwort: „Das kann nur der große Gott geplant haben.“(Leben ist mehr 18.05.05.)

Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe! Sagt der Herr.

Nicht wir müssen es schaffen, das Große, das Unmögliche, das Undenkbare. Wir müssen es nur dem zutrauen, dem nichts unmöglich ist. Die Menschen machen oft den Denkfehler, dass sie Gott nur das Mögliche zutrauen, nicht das uns unmöglich Scheinende. Aber wer diese Grenze setzt, der soll den Glauben lieber gleich aufgeben, denn dann wird er auch nicht an die Auferstehung glauben können und an das Ewige Leben. Ohne das ist aber selbst nach den Worten des Apostels Paulus der ganze christliche Glaube sinnlos: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter den Menschen. (1.Kor 15,19)

Aber das Elend tue ich mir nicht an. Ich will lieber an den neuen Himmel und die neue Erde glauben, die der Herr verheißen hat, auch wenn meine Phantasie nicht dazu ausreicht sie mir vorstellen zu können. Es genügt mir zu wissen, dass Gott selber dort die Tränen trocknen wird und dass es im neuen Himmel kein Leid, keinen Schmerz, keinen Tod mehr geben wird. Dass auch kein Streit mehr sein wird und keine Ungerechtigkeit. Das Wie und das Wann überlasse ich gern dem Allmächtigen.

Er hat seinen Heiland auf diese Erde geschickt, um alle abzuholen und bereit zu machen, die ihm vertrauen. Alle die sich von ihm trösten lassen und die bereit sind, sich seinen Weg zeigen und führen zu lassen. Wir dürfen diesen Weg auch akzeptieren, wenn er über Wurzeln des Leids und durch Wüsten von Krankheit führt. Es ist ein Weg, der sogar durch den Tod zum Leben führt.

Eine Familie erlebte Folgendes, in den Informationen der Evangelischen Allianz wurde vor einem guten Jahr darüber berichtet (IDEA-Spektrum 28.09. 2011): Der 12-jährige Kaleb verunglückte beim Spielen am Strand tödlich. Eltern und Geschwister waren wie man sich vorstellen kann, unendlich traurig. Da träumt die fünfjährige Schwester des Verunglückten, dass die ganze Familie Kaleb im Himmel besucht hätte und dass es ihm dort gut gehe. Die 14-jährige Schwester träumt zur selben Zeit, Kaleb habe bei einem Wettbewerb eine schöne Villa gewonnen und sei umgezogen. Der Vater sagt, in dem tiefen Schmerz fühlten sie sich von Gott getragen.

Wie dumm und kleinkariert sind Menschen, die den Glauben an Gottes neuen Himmel und seine neue Erde aus Vernunftgründen ablehnen. Sie meinen, was sie nicht verstehen können, kann nicht sein. Was ist das für eine Überschätzung unseres menschlichen Horizonts und für eine Unterschätzung Gottes! Muss der Schöpfer, der den Himmel und die Erde geschaffen hat, nicht viel mächtiger sein, als sein Geschöpf? Er hat den Aufbau des Universums bis ins Kleinste geplant und aufeinander abgestimmt. Atome und Moleküle ticken nach seinem Takt und alle gewaltigen Energien der Sonnen und Planeten gehen aus seiner ungleich größeren Kraft hervor.

Es gefällt Gott, aus nichts etwas zu machen und den kleinen Glauben eines vertrauensvoll Rufenden gnädig anzusehen. Er greift ein, in Lebenswege, Krankheitsgeschichten, Notlagen. Wenn er will, setzt er für ein Wunder ein Naturgesetz außer Kraft, davon bin ich überzeugt.

In dem Buch von James C. Whittacker „Es war als sängen die Engel“, wird von einer Flugzeugbesatzung berichtet, die auf dem Ozean notlanden musste. In zwei kleinen Schlauchbooten treibt die Besatzung wochenlang auf dem Meer. Die hartgesottenen Männer fangen an zu beten und erleben mehrmals Rettung in höchster Not. Einmal, als sie kurz vor dem verdursten sind, ziehen Regenwolken auf. Sie schöpfen Hoffnung und erwarten sehnlich die ersten Tropfen.

Aber da bläst plötzlich ein Wind den dunklen Regenwolken entgegen. Sie sehen ihre Rettung in Gefahr und schreien betend zu Gott. Da geschieht das Unerklärliche: Der Wind bläst kräftig gegen die Wolken, aber trotzdem kommen die Wolken näher und schließlich erreicht sie der Wolkenbruch und spült das Salz von ihren geschundenen Körpern und frisches Nass in ihre ausgedörrten Kehlen. Sie können sogar einiges Wasser auffangen und werden nach drei Wochen gerettet.

Es war als sängen die Engel… Ja, sie singen die Engel! Sie singen aus Dankbarkeit und Staunen über Gott, seinen Himmel und seine Erde, seine Güte und Gnade, seine Liebe und Vergebung. Und wir tun gut daran, wenn wir immer wieder einstimmen in ihre Gesänge und uns mit ihnen freuen über unseren Heiland. Im Vorbereitungsgebet unserer Abendmahlsliturgie ist von dem Einstimmen in den Gesang der Engel die Rede. Ich möchte es heute einmal als Predigtschlussgebet nehmen:

Wahrhaft würdig ist es und recht, dass wir dich, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott zu allen Zeiten und an allen Orten loben und dir danken durch Christus unsern Herrn. Ihn hast du der Welt zum Heil gesandt, damit wir durch seinen Tod Vergebung der Sünde und durch sein Auferstehen das Leben haben. Darum loben die Engel deine Herrlichkeit, beten dich an die Mächte und fürchten dich alle Gewalten. Dich preisen die Kräfte des Himmels mit einhelligem Jubel. Mit ihnen vereinen auch wir unsere Stimmen und lobsingen ohne Ende. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168