Für Gottes Auftrag ist das Alter unwichtig
Zur PDF9.Sonntag nach Trinitatis 05.08.2012, Jeremia 1, 4-10
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute ist der Anfang des Jeremiabuches. Es geht um Jeremias Berufung zum Propheten. Er selbst berichtet davon (Jeremia 1,4-10):
Und das Wort des Herrn geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung.
Der Herr sprach aber zu mir:
Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir und will dich erretten, spricht der Herr.
Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
Da war es für den jungen Mann aus Anatot, einem Dörfchen, eine Wegstunde nordöstlich von Jerusalem, vorbei mit einem ruhigen und unbeschwerten Leben. Damals im 13. Regierungsjahr König Josias, – nach unserer heutigen Zeitrechnung im Jahr 626 vor Christus, – greift der Arm Gottes nach dem sensiblen jungen Mann, der bis dahin völlig unbedeutend war und der in keiner Kirchensynode und keinem Kirchenrat eine Chance gehabt hätte, auf ein verantwortungsvolles Amt.
Wie genau diese Berufung abgelaufen ist, wissen wir nicht. Es heißt: Des Herrn Wort geschah. Wort Gottes ist Geschehen. Wenn Gott spricht, geschieht immer etwas. Schon in der Schöpfungsgeschichte wird das so bezeugt: Gott, der Herr sprach – und es geschah.
Wenn ein Mensch vom Wort Gottes erreicht wird, dann geschieht immer etwas. Dann wird man getröstet oder man wird gestärkt und bekommt die Kraft oder den Mut einen entscheidenden Schritt zu tun. Oder man wird in Frage gestellt und herausgerissen aus Selbstsicherheit und Stolz. Oder es fallen Lasten von einem ab, Sorgenlasten, wenn Gott sagt: Das lass alles meine Sorge sein! Und Sündenlasten, wenn uns im Namen Gottes gesagt wird: Dir sind Deine Sünden vergeben!
In all dem geschieht bis heute das Wort des Herrn.
Jeremia erschrickt zunächst durch das Wort Gottes, denn es bedeutet für ihn, herauszutreten aus der Sicherheit seines unbedeutenden, beschaulichen Lebens. Er hält sich für ungeeignet für so eine große Aufgabe Und dann finden wir ja immer Gründe: Warum ich? So fragt er.“ Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen, ich bin zu jung.“ Er weiß, es fehlt ihm an Ausbildung, Wissen, Erfahrung und Autorität. Wer von den Alten wird sich von ihm schon etwas sagen lassen?
Aber Gott lässt seine Einwände nicht zu: „Sage nicht, ich bin zu jung! – Lebenserfahrung, Alter und Selbstbewusstsein befähigen noch nicht zum Dienst für Gott. Es kommt nicht auf sein Können an, sondern auf sein Wollen. Auf die Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun. Jeremia spürt die Verantwortung, die mit Gottes Auftrag verbunden ist und die Last, die der Auftrag mit sich bringen wird. Nur zu gerne würde er das einem anderen überlassen.
Ich kann ihn schon verstehen, den Jeremia. Vor jedem Gottesdienst, vor jeder Predigt, vor jedem Reden im Namen Gottes geht es mir auch irgendwie so. Da kommen die Gedanken und Anfechtungen: Wer bin ich eigentlich, dass ich hier stehe, vor dem Altar oder auf der Kanzel und rede? Es sind sicher manche unter uns, die besser reden können oder die mehr Lebenserfahrung haben oder mehr Wissen. Lieber würde ich da hinten neben meiner Frau sitzen und einem anderen zuhören.
Es ist ja nicht alles bequem, was man im Auftrag Gottes und im Gehorsam seinem Wort gegenüber zu sagen hat. Es stellt nicht nur das Verhalten derer in Frage, die es hören, sondern auch dessen, der es sagt. Und wenn man den Menschen nicht nach dem Mund redet und sich nicht nach dem Zeitgeist richtet, erntet man immer auch Widerspruch und wird kritisiert.
Ich bin nicht Jeremia und auch kein Prophet, trotzdem war die Antwort, die Jeremia hier von Gott auf seine Ängste und Zweifel bekommt, mir auch schon manchmal Trost und Hilfe. Als ich vor dreißig Jahren als junger Vikar meine ersten Predigten hier auf dieser Kanzel zu halten hatte, war es für mich ganz wichtig, dass ich diese Verheißung auch persönlich bekommen hatte: „Sage nicht: ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“
Inzwischen ist meine Anfechtung nicht mehr die, dass ich vielleicht zu jung sein könnte, sondern gegenüber den Jungen eher die, dass ich zu alt sein könnte, um von ihnen ernst genommen zu werden. Die Jungen wissen und können ja vieles viel besser als ich. Sie können mit den modernen Medien viel sicherer umgehen und sind da auf dem neuesten Stand. Wenn ich die am Handy, dem I-Phone oder an der Computermaus und Tastatur hantieren sehe, kann ich ihnen kaum folgen. Bis ich da was gelernt habe und damit einigermaßen umgehen kann, ist es schon wieder veraltet. Aber auf meine Einwände, ich sei zu alt, sagt mir das Wort Gottes. „Sage nicht. Ich bin zu alt, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.“
Für die Wahrheit des Wortes Gottes gibt es weder ein zu jung, noch ein zu alt. Und sein „Fürchte dich nicht“, gilt für alle Generationen von Menschen, die sich unter sein Wort stellen. Gottes Gebote und Verheißungen gelten nicht nur in der realen Welt, sondern auch in der virtuellen Welt. Und in beiden Lebensräumen wird ihnen widersprochen.
Wer im Namen Gottes seinen Mund aufmacht oder auch im weltweiten Netz etwas von sich gibt, der erfährt Widerspruch, Kritik und Feindschaft. Das war damals bei Jeremia so und das ist heute nicht anders.
Wenn Gott uns als Christen in Dienst nimmt, dann lässt er keine Ausflüchte gelten. Zu jung, zu alt, zu ungeschickt, zu schnell, zu langsam, zu schüchtern. – Wenn die, die Jesus nachfolgen immer einen Grund haben zu schweigen und ihre Erkenntnisse zurückzuhalten, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn es in unserer Umgebung immer gottloser zugeht. Das Evangelium ist keine Geheimlehre, die verschwiegen werden muss, sondern eine Botschaft, die unter die Leute muss. Nur so kann es etwas bewirken.
Warum sind wir denn an einem Sonntagmorgen im Gottesdienst? Doch längst nicht mehr, weil es Tradition wäre oder um gesehen zu werden, wie das vielleicht früher einmal gewesen sein mag. Wer heutzutage Gottesdienste besucht und wem der Glaube wichtig ist, an dem ist doch das Wort Gottes schon geschehen. Sie sind doch nicht hier, weil sie mit Ihrer Zeit nichts anderes anzufangen wissen. Sie sind doch hier, weil Wort Gottes in Ihrem Leben längst gewirkt hat und weil Sie sich etwas davon erwarten. Für Heute vielleicht oder für Morgen oder für die kommende Woche. Für die Aufgaben, die vor Ihnen liegen und für die Lasten, die Sie tragen müssen oder weil Sie Vergebung für Ihre Vergangenheit suchen.
Das ist gut so! An wem das Wort Gottes schon geschehen ist, den lässt es auch nicht los. Und wer vom Wort Gottes ergriffen ist, der hat immer die Aufgabe es weiterzugeben, auch wenn er nicht Jeremia oder Mose heißt. Du sollst gehen, wohin ich dich sende und reden, was ich dir gebiete, das gilt auch für Helmut und Hannelore, für Alexander und Ute, für Katharina und Maximilian. Und für alle anderen, die ich jetzt nicht aufzählen kann auch.
Da, wo Gott uns hingestellt hat, sollen wir unseren Glauben und unsere Überzeugung nicht verstecken. Vielleicht haben wir nicht den Auftrag vor Völkern und Königen zu reden, im Bundestag oder im Rathaus, aber vor Verwandten und Kollegen, zu Freunden und Nachbarn, mit Kindern und Patenkindern, ist es schon unsere Sache unseren Glauben zu bezeugen und zu aktuellen Themen im Sinn der Gebote Stellung zu beziehen.
Gottlosigkeit in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben war sicher zur Zeit Jeremias nicht größer als bei uns. Die Ehrfurcht vor Gott, vor dem Leben, vor den Geboten, vor dem Heiligen geht bei uns immer mehr verloren. Nicht umsonst fordert der Bamberger Erzbischof eine Gesetzgebung gegen Gotteslästerung. Und sofort wiegeln andere ängstlich ab.
Eine kleine Nebenbemerkung in unserem Predigttext kann uns zum Staunen bringen und enthält großartige Aussagen. Gott sagt zu Jeremia: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest. – Wenn Gott einen Menschen schon kennt, bevor er im Mutterleib heranwächst und wenn er Aufgaben und Ziele für diesen Menschen hat, noch bevor er im Ultraschall auszumachen ist, wie kann dann ein anderer
Mensch über dieses Leben verfügen und entscheiden?
Paul Gerhardt hat in seinem schönen Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“ schon gedichtet:
Da ich noch nicht geboren war, da bist Du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt erkoren.
Eh’ ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.
Gott hat gute Pläne mit jedem Leben, das er schenkt. Und wie viele, später wunderbare und wertvolle Menschen, sind unter sehr schwierigen Verhältnissen ausgetragen und geboren worden. Diese Unantastbarkeit gilt aber uneingeschränkt auch für behindertes und Krankes Leben.
Jedes Leben ist von der ersten Zellteilung, bis zum Absterben der letzten Zelle heilig, steht unter dem Schutz Gottes und in der Würde göttliches Geschöpf zu sein. Kein Mensch hat das Recht darüber zu verfügen. – Und wie viel hunderttausendfach ist das in unserem Land schon ignoriert worden? Und täglich geschieht es immer wieder. Weil es grade nicht in die Lebensplanung passt, weil es vielleicht den Lebensstandard beeinträchtigen könnte. Oder weil sich jemand das noch nie bewusst gemacht hat, dass er damit eingreift in den heiligen Willen Gottes.
Sicher sind bei Gott auch diese Ungeborenen geborgen und haben Anteil an seiner Ewigkeit. Davon bin ich überzeugt. Aber Gott hätte durch sie auch in dieser Welt Gutes wirken und segnen können. Der Herr des Himmels hat mit jedem Menschenkind, auch mit Dir und mir, einen guten Plan, einen Heilsplan, der auch dann nicht aufgegeben werden muss, wenn wir durch unheilvolle Zeiten gehen.
Noch ein Blick auf Jeremias Auftrag: Ausreißen und zerbrechen soll er im Auftrag Gottes, zerstören und verderben. Was denn? – Falsche Gottesbilder und gottlose Lebensweisen. Es müssen immer erst schädliche Stoffe beseitigt werden, bevor man Gutes, Neues bauen und pflanzen kann. Wenn man heute etwas baut, dann untersucht man zuerst den Boden auf Schadstoffe und wenn man welche findet, dann trägt man sie ab, damit nicht eine Gefährdung für das Neue von ihnen ausgeht. Und wenn man in seinem Garten etwas Neues pflanzen will, dann muss man zuerst das Alte ausreißen und den Boden von Unkraut und Sträuchern befreien, sonst kann das Neue ja nicht gedeihen.
Das gilt auch für unser Leben. Sünden müssen getilgt, Gebundenheiten müssen durchbrochen werden, wenn wir zu neuen Menschen im Sinn Gottes werden sollen. Das geschieht dort, wo wir uns vor Gott beugen und schuldig geben. Es geschieht, wenn wir uns von Dingen trennen, die unseren Glauben hindern und wenn wir Gewohnheiten aufgeben, die uns wegbringen vom Wort Gottes oder von Gemeinde.
Auch davor müssen wir keine Angst haben und sollen nicht den Mut verlieren, denn es gilt Gottes Zusage auch für uns:
Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir und will dich erretten.
Der Herr will retten. Er will neu machen und zu seinem Dienst zubereiten. Das geschieht auf ganz besondere Weise auch im Heiligen Abendmahl. Da sagt der Herr zu jedem persönlich: Ich habe dich gewollt, ich habe dich ausgewählt zu meinem Kind! Ich hab meinen Sohn für Dich gegeben. Ich habe Dich berufen in meine Nachfolge! Ich will Dich an mein Ziel bringen! Darum hat er seinen Leib für Dich gegeben und sein Blut für Dich vergossen! Vertrau mir doch!
Ja, Herr, dein Sieg, es gilt auch mir. Trotz aller Not vertrau ich Dir. Vollbracht, erlöst! Dies Wort ist mein. Ich bin jetzt frei, Herr, ich bin dein. (Text: U. Hofmann, Liederbuch Gruppe Luther, J2)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-LSuther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168