freier Zutritt zum Thron der Gnade.

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Predigt an Invokavit, 09.03.2025, Kreuzkirche Bayreuth

Liebe Gemeinde!
Weite Teile des Hebräerbriefes werden von einem ungewöhnlichen Thema beherrscht: Jesus, unser Hohepriester. Dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch viele Kapitel. In immer neuen Variationen werden Beispiele aus dem Alten Testament und besonders aus der Sprache des Tempels, der Opfer und der Priesterschaft angeführt. Sie werden mit der Person von Jesus und seinem Werk verglichen. Und jedes Mal lautet das Ergebnis: Jesus ist größer; er überragt alles, was Gott bisher geoffenbart hat. Alles Bisherige wird durch Jesus weitaus überboten.
Das Thema »Jesus, unser Hohepriester« könnte auch als Überschrift über unseren Abschnitt gesetzt werden. Wir hören auf den Predigttext für den ersten Passionssonntag. Er steht im Hebräerbrief Kapitel 4, die Verse 14-16:

14 Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
16 Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Was uns in diesen Versen fremd erscheint, musste den Briefempfängern nicht lange erklärt werden. Sie wussten, was ein Hohepriester war und was er für Aufgaben hatte. Ihnen waren die einzelnen Opfer und Zeremonien und der Dienst der Priester gut bekannt. Die wichtigste Funktion eines Priesters war, die Verbindung zu Gott herzustellen. Er war der Mittler zwischen Gott und Mensch. Wenn jemand im Volk Israel eine Sünde begangen hatte, musste er ein Opfertier kaufen und zum Tempel nach Jerusalem bringen, wo es vom Priester dargebracht wurde. Also an diesem heiligen Ort, wo Gott inmitten seines Volkes wohnen wollte. Der Hohepriester durfte nur einmal im Jahr, am großen Versöhnungstag, in das Innerste des Tempels treten, in das sogenannte Allerheiligste. Hier thronte Gott über der Bundeslade, und hier fand die Versöhnung statt.

Wie anders ist doch da Jesus! Er wird hier in unserem Bibeltext mit vielen Titeln beschrieben, die alle seine Erhabenheit und Überlegenheit zum Ausdruck bringen.

(1) Jesus ist ein großer Hohepriester (V. 14)

Jesus ist kein gewöhnlicher Priester, sondern ein »großer Hohepriester«. Durch seine Himmelfahrt hat er sich endgültig als der Herr aller Herren erwiesen. Er regiert nun unangefochten über den gesamten Kosmos, über alle sichtbaren und unsichtbaren Mächte (Mt 28,18).
An diesem Bekenntnis zu Jesus als dem Sieger und mächtigen Herrn wollen wir festhalten. Wir dürfen uns freuen, wenn wir diesen mächtigen König als unseren persönlichen Herrn kennen.
Denn Jesus ist tatsächlich der beste Mittler, den man sich denken kann. Ihm muss man nicht mehr ständig Opfer bringen. Er ist selbst zum einmaligen und für immer ausreichenden Opfer geworden. Und als ein solcher steht er uns immer zur Verfügung. Er kennt uns durch und durch und weiß um unsere Anliegen, wenn er uns beim himmlischen Vater vertritt und für uns betet.
Denn genau das macht er in seiner Funktion als Hohepriester. Das sollte uns ermutigen, auch unsererseits Gott die Treue zu halten und ihm unser Leben anzuvertrauen. Und zwar auch dann, wenn der Wind mal rauer weht.

Die judenchristliche Gemeinde, an die der Hebräerbrief gerichtet ist, hatte es nicht so leicht wie wir. Vermutlich ist der Hebräerbrief ungefähr im Jahr 90 n. Chr. entstanden. Da war die Euphorie der ersten Christen und Gemeinden längst verschwunden. Die Gemeinde war von Verfolgungen bedroht so wie heute noch viele Christen im Nahen Osten und in vielen anderen Ländern weltweit. Einige drohten damals lässig zu werden oder gar im Glauben und in der Nachfolge zu resignieren angesichts des Widerstands, der ihnen entgegenstand. Und auch angesichts der ausbleibenden Wiederkunft Jesu.

Auch wir stehen immer wieder in der Gefahr müde zu werden, ja vielleicht sogar daran zu zweifeln, wann oder gar, ob Jesus wirklich wiederkommt. Und das Thema Christenverfolgung ist aktueller denn je. Drei Viertel der Weltbevölkerung leben aktuell in Ländern, in denen Religionsfreiheit stark eingeschränkt ist. Dies betrifft auch zahlreiche Christen. Nordkorea, Lybien, Eritrea, Jemen, Nigeria, Pakistan und Sudan sind nur die wichtigsten Länder mit der stärksten Christenverfolgung. Sie fliehen zum Teil, um der völligen Rechtsunsicherheit als Christen, der Zwangskonversion zum Islam oder gar dem Tod zu entgehen. Christen mit islamischem Hintergrund bilden eine besonders verwundbare Gruppe unter denen, die wegen ihres Glaubens bedrängt werden.

Auch die judenchristliche Gemeinde, an die der Hebräerbrief gerichtet war, lebte wegen ihres Glaubens in Bedrohung. Deshalb folgt im nächsten Vers eine weitere Charakterisierung des Hohenpriesters Jesus, die der Gemeinde zur Zeit des Neuen Testaments – aber auch uns – Mut machen soll. In V. 15 erfahren wir, dass derselbe Jesus ein Mensch aus Fleisch und Blut war wie du und ich:

(2) Jesus ist ein mitleidender Hohepriester (V. 15)

Wenn Jesus nicht Mensch geworden wäre, hätte er nicht für uns leiden und nicht für unsere Sünde bezahlen können. In unserem Abschnitt ist nicht einfach oberflächliches »Mitleid« gemeint, nein, Jesus kann tatsächlich »mitleiden«. Er ist nicht im Himmel geblieben, wo keine Versuchung an ihn herangekommen ist. Warum? Um selber zu erfahren, was es bedeutet, schwach zu sein, und am eigenen Leib zu spüren, woran wir leiden. Er empfindet mehr als nur Sympathie für uns. Er ist imstande, wirklich mitzuleiden, weil er in allen Lebensbereichen versucht worden ist. Im Himmel ist Jesus nicht versucht worden. Da ist der Teufel gar nicht dicht an ihn herangekommen. Aber auf Erden hat er mitgelitten. Er kannte die Erfahrung der Einsamkeit und der Gottesferne. Am Kreuz schrie er sie heraus, was auch uns in manchen Situationen auf der Zunge liegt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Kennen Sie den kürzesten Satz der Bibel? Er besteht nur aus zwei Worten: »Jesus weinte« (Joh 11,35), und zwar am Grab seines Freundes Lazarus. Nicht, weil er nicht helfen konnte. Er brauchte Lazarus nur bei seinem Namen zu rufen, sodass er von den Toten auferstand. Nein, er weinte zusammen mit der Trauergemeinde. Er weinte über die Macht des Todes und über die Hilflosigkeit der Menschen. Er weinte darüber, was die Trauer uns für Schmerzen bereitet. Und ich bin überzeugt, wenn er heute leben würde, dann würde er an den Gräbern der Kriegsopfer weinen. Oder an so manchem Patienten der onkologischen Station im Krankenhaus. Oder an so vielen anderen Orten dieser Welt, wo Tag für Tag und Stunde um Stunde so viel schreckliches Leid geschieht. Ja, er weint auch mit Dir, wo Du im Elend bist. Schon allein dadurch ist dir geholfen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Martin Luther hat das einmal sehr zugespitzt formuliert: „Je tiefer einer ist, umso besser sieht ihn Gott.“ Menschlich gesehen ein Widerspruch in sich, aber göttliche Wahrheit.

Unser Text unterstreicht, dass Jesus »in allem« versucht wurde, nicht nur einmal in der Wüste zu Beginn seiner Wirksamkeit, wir haben davon in der Schriftlesung gehört. Nein, während seines ganzen Lebens musste Jesus in dieser Welt mit allen Begrenzungen und Schwachheiten leben wie wir. Er hat alles durchlitten, mit dem wir auch zu kämpfen haben.

Vielleicht denken wir manchmal insgeheim: Gott hat doch wenig mit unserem Alltag zu tun. Das ist eine völlig andere Welt, die Gott gar nicht verstehen kann. In der Schule oder an meiner Arbeit oder in meiner Familie muss ich eben selber mit den Problemen fertigwerden. Und auch in der großen weiten Welt mit all den himmelschreienden Problemen. Aber das müssen wir eben nicht!
Wir haben in Jesus keinen fernen, sondern einen sehr nahen Gott. Auch in den schlimmsten Situationen unseres Lebens lässt er uns nicht allein sondern steht uns bei. Jesus ist uns nah.

In England hatte sich ein Junge so unglücklich mit seinem Fuß mitten auf den Gleisen einer Eisenbahnstrecke verfangen, dass er sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien konnte. Der Junge geriet in Panik und rief um Hilfe. Ein Mann hörte die Schreie. Er lief herzu, doch er konnte auch nicht den Jungen aus seiner gefährlichen Lage befreien. Die beiden hörten einen Zug heranfahren. Der Mann befahl dem Jungen, sich ganz flach auf den Gleiskörper zu legen. Um dem Kind Mut zu machen, legte sich der Mann direkt neben ihn und hielt ihn fest. Der Zug donnerte über sie hinweg, und beide konnten sich unverletzt wieder erheben. Nun kam Hilfe aus dem Dorf und der Fuß wurde mit viel Mühe aus seiner Gefangenschaft befreit.
Wie oft sind wir gefangen in Sorgen und Ängsten, auch in Sünde und Schuld. Jesus lässt uns dann nicht allein, sondern er legt sich gewissermaßen neben uns. Er ist nicht in der Angst gefangen. Er ist nicht von der Sünde festgebunden. Aber er legt sich neben uns, damit er uns losmachen kann. Er lässt auch dich nicht allein. Niemals allein! Er liegt, steht, sitzt, läuft neben dir. Von allen Seiten umgibt er dich und hält seine Hand über dir!

Und dann hat unser Text noch eine dritte wichtige Aussage:

(3) Jesus hat den Zugang zum Vater frei gemacht (V. 16)

Es heißt in Vers 16: Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Wir werden aufgefordert, vor den Gnadenthron zu treten, also in den Bereich, wo Gott wohnt und regiert. Das scheint unglaublich, ist aber die Frohe Botschaft: Durch Jesu Tod und durch seinen Dienst als Hohepriester haben wir freien Zugang zum Vater. Wir dürfen immer kommen. Die Mauer, die uns von Gott trennte, ist durch Jesus durchbrochen. Ein echter Mauerfall! Sichtbar wird das daran, dass beim Tod von Jesus der Vorhang im Tempel von oben nach unten durchgerissen worden ist. Jetzt ist der Zugang zu Gott völlig frei. Was für ein Unterschied zu vorher, wo der Hohepriester nur einmal im Jahr ins Allerheiligste durfte.

Und wie sollen wir uns Gott nahen? Der Hohepriester ging nur mit Furcht und Zittern ins Allerheiligste. Er hatte kleine Glöckchen an seinem Gewand, sodass man hörte, ob sie bimmelten und der Priester noch lebte. Es gibt eine jüdische Überlieferung, dass man dem Hohepriester ein Seil um einen Fuß gebunden hat. Falls ihm etwas zustoßen sollte, konnte man ihn an diesem Seil wieder aus dem Gefahrenbereich herausziehen; man durfte ja nicht einfach zwei Sanitäter dorthin schicken.

Und nun ist dieser heilige Bereich völlig zugänglich. Voller Zuversicht dürfen wir uns dem heiligen Gott nähern. Weil Jesus den Weg frei gemacht hat und wir Gotteskinder geworden sind, dürfen wir zu unserem Herrn und Heiland zu jeder Zeit nahen und mit ihm sprechen, also beten. Gottes Wort ermutigt uns, von diesem Vorrecht reichlich Gebrauch zu machen. Wenn wir sündigen, dürfen wir uns Gott freimütig nahen und um Vergebung und einen neuen Anfang bitten. Wenn wir nicht weiterwissen, dürfen wir um Gnade und Barmherzigkeit und um seine Hilfe und Wegweisung bitten.
Zum Schluss noch etwas ganz Persönliches: Ich freue mich sehr über diesen Vers als Predigttext heute, weil er seit 15 Jahren der Trauspruch von meiner Frau und mir ist. Schon oft ist er uns in unserer Ehe wichtig geworden. Wir glauben und vertrauen: Wir stehen nicht allein. Wir sind nicht auf verlorenem Posten mit unseren Aufgaben, Sorgen und Nöten, sondern wir dürfen mit Zuversicht zu unserem Herrn kommen. Immer und immer wieder. Er sitzt nicht auf dem Thron der Vergeltung oder der Erhabenheit, sondern auf dem Thron der Gnade und er hat uns seine Barmherzigkeit und Hilfe zugesagt.

Das gilt jetzt und heute und das gilt uns nicht nur uns als Ehepaar, sondern jedem von uns: An seinem Thron ist immer Barmherzigkeit da für den, der sie sucht. Bei diesem Herrn gibt es immer Hilfe, immer einen Weg, immer einen Trost, immer neue Kraft, wenn wir sie nur suchen und erbitten.
Zu einem Thron der Gnade kommen übrigens nicht solche, die meinen, dass sie alles richtig machen und dass sie vollkommen sind, sondern zum Thron der Gnade kommen die, die wissen, dass sie Erbarmen und Vergebung brauchen. Zum Thron der Gnade dürfen sich alle aufmachen, die um ihre Schuld und Unvollkommenheit wissen. Gerade in einer Ehe und in einer Familie ist das ganz wichtig zu wissen: Ich brauche den Thron der Gnade und die Barmherzigkeit dessen, der auf diesem Thron sitzt.

Wie oft werden wir aneinander schuldig! In der Ehe Mann und Frau aneinander und in der Familie, die Kinder an den Eltern und die Eltern an den Kindern. Wie gut, wenn sie alle vom Thron der Gnade wissen und wenn dieser Thron der Gnade der Treffpunkt der Familie ist. Wenn die Familienmitglieder und Ehepartner dort Barmherzigkeit und Gnade des Heilands empfangen und wenn sie die dann auch einander austeilen. Wer selber für sich weiß, dass er Gottes Gnade und Barmherzigkeit braucht, kann doch dann seiner Frau oder seinem Mann, seinem Kind oder seinen Eltern diese Gnade und Vergebung nicht verweigern. Wer will am Thron der Gnade noch anderen Schuld zurechnen oder behalten?

Vom Thron der Gnade geht eine wunderbare Macht aus. Gegen alle Angst, Einsamkeit und Not. Niemand, der Gott dort sucht, soll leben mit der Angst vor kommender Zeit oder künftigen Aufgaben und Schwierigkeiten, sondern wir sollen im Namen Gottes unsere Aufgaben zuversichtlich angehen. Mit Zuversicht rangehen und immer zuerst im Gebet zum Thron der Gnade kommen und die barmherzige Hilfe dessen erbitten, der alle Macht hat. Und wir dürfen uns darauf verlassen, dass Gottes Liebe und Treue kein Ende haben werden. Amen.

Bei Fragen und Anregungen gerne wenden an: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/ 41168, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de