Es gilt hellwach zu sein als Christ in dieser Zeit
Zur PDF8. Sonntag nach Trinitatis, 17.07.2016, Epheser 5,8b-14
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt steht im 5. Kapitel des Epheserbriefes. Der Apostel Paulus schreibt:
Durch Christus ist es licht und hell in euch geworden. Lebt nun als Kinder des Lichts. Die Frucht des Lichts ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.
Prüft in allem, was ihr tut, ob es auch Gottes Wille ist.
Lasst euch auf keine finsteren Machenschaften ein; im Gegenteil, helft sie ans Licht zu bringen.
Denn was manche im Verborgenen treiben, ist so abscheulich, dass man nicht einmal davon reden soll.
Doch wenn das Licht Gottes auf diese Dinge fällt, werden sie erst richtig sichtbar.
Was Gott ans Licht bringt, kann hell werden. Denn sein Licht ist stärker als alle Finsternis und Sünde. Deshalb heißt es auch in einem Lied: „Wach auf, der du schläfst und steh auf von den Toten, so wird Christus dich erleuchten.
Ja, es gilt hellwach zu sein als Christ in dieser Zeit.
Als Madeleine am 23. März 1792 einen Londoner Konzertsaal betrat, ahnte sie noch nicht, dass es an diesem Abend ein heilsames Erwachen für sie geben würde. Der viel gerühmte Wiener Meister Josef Haydn würde eine seiner neuesten Kompositionen vorstellen. Aber das war gar nicht das eigentliche Interesse, das Madeleine an dem Konzertbesuch hatte. Es ging ihr viel mehr um das gesellschaftliche Ereignis. Sehen und gesehen werden, um die neueste Garderobe, die neuesten Gerüchte und Affären.
Aber das war alles erst nach dem Konzert dran. Zuerst ließ sie einmal die Musik über sich ergehen. Während dem zweiten ruhigen Satz, der Sinfonie, erging es Madeleine wie vielen anderen Besuchern auch. Bei der angenehmen zarten, leisen Musik fiel sie in leichten Schlaf.
Aber diesmal war es nicht ihr Handtäschchen, das sie beim Herunterfallen aufwachen ließ. Im 16. Takt des ruhigen Andantes wurde sie, wie viele andere Konzertbesucher, jäh aus dem Schlummer gerissen. Am Ende der sanften Streichermelodie war ein lauter Paukenschlag platziert. Alle schraken verwirrt hoch. War der Pauker verrückt geworden? Oder hatte der Dirigent die Kontrolle über die Partitur verloren?
Nein! Der Paukenschlag war von Haydn genau an dieser Stelle eingeplant, weil er ahnte dass die Konzertbesucher wieder, wie so oft einschlafen würden. Alle waren von da an, bis zum Ende der Paukenschlag-Sinfonie, wie man sie bald nannte, hellwach. Auch Madeleine. Es wurde für sie, wie sie später sagte, eine Lektion Gottes: Hatte sie nicht schon viel zu viel Wichtiges in ihrem eigenen Leben verschlafen?
Die Botschaft des Evangeliums will nie einschläfern, sondern immer aufwecken. Es geht nicht darum in einer Predigt wohl gewählte Worte über sich ergehen zu lassen und nach einigen Minuten sanft zu entschlummern. Wort Gottes will wach machen, Bewusstsein schärfen. Evangelium will nicht beruhigen, verharmlosen und besänftigen, sondern aufrütteln und eine heilsame Unruhe in unser Leben bringen.
Erweckungsbewegung nannte man die Zeit vor etwa 200 Jahren, als durch geisterfüllte Prediger, wie Ludwig Hofacker, Klaus Harms, Johann Christoph Blumhardt die eingeschlafene, erstarrte christliche Gemeinde an manchen Orten wieder lebendig wurde.
Hoffentlich gibt es viele unter uns, die auch heute noch um eine Erweckung in unserer Christenheit beten. Leider kann man dieses Aufwachen nicht so einfach mit einem Paukenschlag erreichen. Das kann nur der Heilige Geist wirken, dass Menschen unter der Predigt des Evangeliums getroffen werden. Dass sie nicht nur äußerlich wach werden, sondern auch in ihrer Beziehung zu Gott und in der Selbsterkenntnis.
Der Schlaf ist der Bruder des Todes. So sagte man in der Antike. Wer einschläft, merkt nicht mehr, was um ihn herum vorgeht und was mit ihm geschieht. Das geht manchmal so schleichend und unauffällig, dass man es selber kaum merkt.
Ich erinnere mich an eine Bibelstunde auf dem Land in einem kleinen Dorf. Da saßen abends an die 20 Frauen zur Bibelstunde in der Stube. Der Kachelofen war schön warm und das Licht ein wenig trübe. Da hörte man zuerst leise und dann zunehmend lauter Schnarch-Geräusche aus einer Ecke. Eine alte Bäuerin, die bestimmt schon früh aufstehen musste, war eingeschlafen. Die anderen schmunzelten natürlich, ich auch.
Am Ende der Bibelstunde meinte eine der Frauen zu der Schläferin: „Na, Margarete, heut hast aber schön geschlafen.“ „Ich?“ protestierte die, „Ich hab kein Auge zugetan!“ Und alle anderen, die sie vorher hatten laut schnarchen hören, lachten. Sie hatte es gar nicht gemerkt, dass sie eingeschlafen war.
So ist es auch schon manchem Autofahrer ergangen, der zu lange oder zu müde am Steuer saß. Auf der geraden Autobahn durch die Nacht gefahren und eingeschlafen. Sekundenschlaf – Erst an der Leitplanke wieder aufgewacht oder im Straßengraben. – Oder gar nicht mehr. (Erst vor 2 Tagen auf der B 303…)
Schlafen zur richtigen Zeit, am richtigen Ort ist etwas Wunderbares. In der Nacht in einem schönen Bett tief und fest schlafen können, das ist ein Geschenk Gottes. Aber zur falschen Zeit am falschen Ort ist es gefährlich, kann es tödlich sein für den, der schläft und für andere.
Gefährlich ist auch der geistliche Schlaf der Christen. Man war mal wach, aktiv, aufmerksam, vom Evangelium gepackt, mit Liebe zu Jesus und zu den Mitmenschen. Aber die Jahre vergehen, man wird müde und träge, bequem und satt. Alles ist Tag für Tag wie immer. Man hat seine Gewohnheiten, die heiligen und die unheiligen, es ist angenehm warm am eigenen frommen Kamin, beim gedämpften Licht eines lauwarmen Gewohnheitsglaubens. Da schläft man leicht ein und merkt es oft nicht einmal.
Hoffentlich reißt Gott uns dann durch einen Paukenschlag aus unserem geistlichen Tiefschlaf. Dass wir hellwach werden, vielleicht durch einen heilsamen Schrecken. Z. B. über den eigenen armseligen Glauben. Dass wir merken, was aus dem einst hell brennenden Licht des Glaubens für eine müde trübe Funzel geworden ist. Nur noch ein glimmender Docht.
Mensch, wach doch auf! Ruft der Apostel der Gemeinde in Ephesus zu und mit diesem Predigttext auch uns. Wacht doch auf! Seht ihr nicht, was um euch herum geschieht? Merkt ihr nicht, wie ihr euch von Christus entfernt, wie ihr euch anpasst und kaum noch unterscheidet von denen, die Jesus nicht kennen? Wie euch der Glaube, Gott, die Bibel, das Gebet, der Gottesdienst immer unwichtiger werden.
Aus unserem kulturellen Leben ist die Ehrfurcht vor Gott schon weithin verschwunden. Unsere Gesellschaft entwickelt sich weg von christlichen Werten, hin zu Atheismus und Aberglauben, zu heidnischen Kulten und okkulten Praktiken. Viele merken es gar nicht, weil sie geistlich tief und fest schlafen.
Aber wir wollen nicht den Fehler machen, dass wir nur mit dem Finger auf die anderen zeigen. Wie ist es bei uns? Wie ist es bei Ihnen, bei mir, in unserer Gemeinde, in unserer Gruppe, in unserem Kreis? Sind wir wach? Leben wir als Kinder des Lichts? Geht von uns ein Leuchten aus? Wachsen bei uns die Früchte des Lichts, Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit?
Ist es gut, wie wir miteinander umgehen, daheim, im Betrieb, in der Schule, in der Gemeinde? Geht es ehrlich zu? Sind wir gerecht in unserem Umgang mit anderen? Laden wir damit andere ein oder schrecken wir sie ab vom Glauben? – Geschieht nicht auch bei uns im Verborgenen, heimlich Abscheuliches, Gemeines, Schmutziges, von dem der Apostel hier sagt, man sollte besser gar nicht davon reden?
Wer unter dem Wort Gottes nicht schläft, der erkennt es. Im göttlichen Licht, im strahlenden Scheinwerfer Gottes wird jeder sehen, dass seine vermeintlich weiße Weste voller Flecken ist. „Wenn das Licht Gottes auf diese Dinge fällt“, so Paulus, „werden sie erst richtig sichtbar“. Das ist gut so! Der Apostel betont: „Was Gott ans Licht bringt, kann hell werden. Sein Licht ist stärker als alle Finsternis und Sünde.“
Wenn wir durch Paukenschläge Gottes aufwachen, wenn wir in seinem Licht die dunklen Punkte unseres Lebens erkennen, müssen wir nicht aufgeben oder verzweifeln, sondern dürfen um Vergebung und Erneuerung bitten. Wir dürfen uns von Jesus Vergebung, Erneuerung und Befreiung erbitten.
Seid Wach! Das heißt: Nehmt das Angebot der Gnade wieder neu und glaubend an! – Das heißt aber auch: Prüft in allem, was ihr tut, ob es auch Gottes Wille ist. Wie macht man das? Man prüft es zunächst an den Geboten Gottes. Ob das, was wir tun oder wie wir leben gegen Gottes Gebote steht. Und dann gilt es als zweites zu fragen, ob das was wir tun, wie wir reden und denken in der Liebe geschieht, die der Herr Jesus uns vorgelebt und gezeigt hat. Wenn nicht, dann ist es gegen Gott.
Die Bibel ist ja kein Verbotsregister, in dem alles steht, was man nicht darf. Sie gibt uns aber Anhaltspunkte, Kriterien, Grundlagen, die unser Handeln bestimmen sollen und an denen wir erkennen können, was richtig ist. Hier werden drei genannt: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Es geht nicht darum zu verbieten, was Freude macht und was schön ist, sondern darum, dass in unserem Leben wieder Gottes Werte gelten. Wenn das Leben einer Gemeinschaft, Familie oder Gruppe von Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit geprägt ist, spürt man Geborgenheit, hat Vertrauen, fühlt sich wohl. Dann geht von dieser Gemeinschaft eine heilsame Wirkung aus auf andere. Manchmal kann schon von einem Kind so eine heilsame segensreiche Wirkung ausgehen.
In Florenz plante Furbelone, der Leiter der Terrororganisation Rote Brigade, einen Banküberfall. Zwei als Polizisten verkleidete Verbrecher standen am Eingang der Bank, zwei andere sollten in die Bank eindringen und den Kassier mit Waffengewalt zur Herausgabe des Geldes zwingen. Ein Fluchtauto mit gefälschten Nummernschildern wartete abfahrbereit. Furbelone selber saß als Bettler verkleidet auf den Stufen der gegenüberliegenden Kirche, um von dort aus das Einsatzzeichen für die Aktion zu geben. Gerade als der Überfall beginnen sollte, kam eine Mutter mit ihrem kleinen Mädchen an der Hand die Treppe zur Kirche herauf, um mit ihm in der Kirche zu beten.
Das Mädchen sah den Bettler, und gab ihm mit einem liebevollen Blick sein Pausenbrot. Verärgert wollte Furbelone das Mädchen übersehen, aber ihr gütiger Blick und die barmherzige Geste überwältigten den harten Verbrecher. Ganz tief empfand er, dass hier ein Mensch war, der ihn mit den Augen der Liebe ansah. Anstatt das Signal zum Raubüberfall zu geben, nahm der Terrorist das Brot von dem kleinen lächelnden Mädchen und ging mit in die Kirche. Dort ging seine Verbrecherlaufbahn zu Ende.
Kinder des Lichts können viel bewirken. Und Manches, was mit Gewalt und Strenge, mit List und Lüge nicht zu erreichen war, geht eher mit Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Um solche Früchte des Lichts dürfen wir Gott bitten. – Niemand kann sich selber ein gütiges Wesen anlernen. Wir können uns auch nicht selber in unserem Wesen ehrlich oder gerecht machen. Aber durch Jesus können wir so verändert werden.
Dann kann von uns das Licht Gottes weitergegeben werden wie das Sonnenlicht von einer Spiegelscherbe. Durch Jesus sind wir Kinder des Lichts. Wir leben von seiner Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Und wir sind beauftragt seine Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit um uns zu verbreiten. Franz von Assisi betete und es ist gut, wenn wir auch so beten:
O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man hasst, dass ich verzeihe, wo man mich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt. Herr, lass mich trachten, nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste, nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe, nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe. – Denn wer da hingibt, der empfängt, wer sich selbst vergisst, der findet, wer vergibt, dem wird verziehen, und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168