Erfahrungen mit der Wirklichkeit Gottes

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Letzter Sonntag nach Epiphanias 29.01.2012 Off.1,9-18

Lebendiger Herr und Heiland, wir bitten dich: Schließe uns dein Wort auf durch das Wirken deines Heiligen Geistes. Lass Reden und Hören zum Segen für unser Leben werden. Amen.

Liebe Gemeinde, ein Grundgefühl unsrer Zeit kann man in dem Satz zusammenfassen: Wir wollen nicht nur leben, wir wollen erleben. Wir kaufen nicht nur, um einen neuen nützlichen oder schönen Gegenstand zu erwerben. Nein, Einkaufen soll auch Spaß machen, soll zum Erlebnis werden. Schwimmen allein, um die Gesundheit zu fördern, ist vielen zu langweilig geworden. Deshalb ist in den letzten Jahren ein Erlebnisbad nach dem anderen gebaut worden. Man will etwas erleben. Spaß muss sein. Notfalls hilft man mit Pillen oder Pullen nach. Leichtigkeit ist angesagt. Deshalb meinen viele Menschen, mit der Bibel und dem Christsein nichts anfangen zu können. In der Kirche, im Gottesdienst, mit dem Glauben so meinen sie, da kann man doch nichts erleben. 

Das ist ein großer Irrtum. Kirche und Christen können zugegebe-nermaßen wirklich langweilig sein. Aber Jesus und ein Leben mit ihm ist nicht langweilig. Es ist ein Erlebnis. Eines der größten Erlebnisse, das je ein Mensch mit Jesus hatte, schildert der heutige Predigtabschnitt. Ein Mensch bekommt Einblick in das Reich Gottes, er begegnet dem Auferstandenen Jesus Christus.. Wir haben seinen persönlich verfassten Bericht im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung. Johannes heißt er und war einer der Jünger Jesu. Er wurde von den Römern vorsichtshalber auf der Gefängnisinsel Patmos festgehalten, wegen seines Glaubens an Jesus. Nach seinem Erlebnis schreibt er davon an die Gemeinden Kleinasiens:

Ich bin Johannes, euer Bruder und teile mit euch Bedrängnis und Verfolgung. Wie ihr warte auch ich geduldig und standhaft darauf, dass Jesus Christus wiederkommt; Dann werde ich mit euch an seiner Herrschaft teilhaben. Weil ich Gottes Wort verkündigt und Jesus öffentlich bezeugt habe, wurde ich auf die Insel Patmos verbannt. An einem Sonntag war es, als Gottes Geist mich ergriff. Ich hörte hinter mir eine gewaltige Stimme, durchdringend wie eine Posaune: „Schreibe alles auf, was du siehst und sende das Buch an die sieben Gemeinden: Nach Ephesus, Smyrna und Pergamon, nach Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicea.“

Ich drehte mich um, weil ich sehen wollte, wer zu mir sprach. Da sah ich sieben goldene Leuchter. Mitten zwischen ihnen stand einer, der wie ein Mensch aussah. Er hatte einen langen Mantel an und um die Brust trug er einen goldenen Gürtel. Die Haare auf seinem Kopf waren wie weiße Wolle, ja leuchtend weiß wie Schnee. Seine Augen glühten wie Feuerflammen, die Füße glänzten, wie flüssiges Gold im Schmelzofen, und seine Stimme dröhnte wie ein tosender Wasserfall. In seiner rechten Hand hielt er sieben Sterne und die Worte aus seinem Mund wirkten wie ein scharfes doppelschneidiges Schwert. Sein Gesicht leuchtete strahlend hell wie die Sonne

Als ich das sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Aber er legt seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit, und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

An einem Sonntag hat Johannes dieses gewaltige und unvergess-liche Erlebnis. Er sieht den lebendigen und auferstandenen Herrn Jesus Christus. Unser Bericht entführt uns in keine Traumwelt. Johannes erzählt uns hier keine Märchen. Er hat auch keine be-wußtseinserweiternden Drogen genommen, war nicht high. Nein, im hellwachen Zustand sieht er Jesus Christus.

Er sieht für kurze Zeit jene andere Wirklichkeit Gottes, die in unsere Welt hereinbricht. Wir können sie hören – im Wort Gottes. Es geschieht auch gelegentlich, dass Menschen diese Welt Gottes sehen, so wie hier Johannes. Denken wir nur an Paulus. Der Lichtglanz Gottes blendete ihn vor der Stadt Damaskus und er stürzte zu Boden. Genauso haut es den Johannes um.

Einem anderen Mann erging es ganz ähnlich. Der spätere Indien-missionar Sadhu Sundar Singh sah in einer Lichterscheinung den auferstandenen Christus, den er für tot gehalten hatte. Und er hörte wie Paulus, die Worte: „Warum verfolgst du mich? Siehe, ich bin am Kreuz für dich und die ganze Welt gestorben.“ Dieses Erlebnis veränderte sein ganzes Leben. Er wurde Christ und später Missionar. Auch er schwieg nicht.

Und auch Johannes macht hier ähnliche Erfahrungen. Ihm werden die Augen für eine andere Welt und für die Zukuft Gottes geöffnet. Und er sieht nun, wie Jesus wirklich ist, in seiner ganzen Herrlich-keit. Er kann es kaum in Worte oder Bilder fassen. Es ist zu groß.

Viele Menschen haben sich ein harmloses historisches Jesusbild zurechtgezimmert. Er ist der Jesus, der sich um die Kranken und die Armen kümmert und der die Kinder lieb hat. Diese Aussagen sind ja auch nicht falsch, aber sie umfassen nicht das ganze Wesen Jesu. Er ist nicht einfach nur nett, freundlich und friedensbewegt. Er ist auch heilig, gerecht und der, der alles völlig durchschaut. Auch Pfarrer reden oft viel zu harmlos von Jesus. Aus Angst, Drohbotschaft statt Frohbotschaft zu verkündigen, verschweigen sie Wesentliches: Nämlich die Tatsache, daß Jesus auch unser Richter sein wird. Seine Worte sind wie ein scharfes Schwert.

Was Johannes in seiner Offenbarung sieht, sprengt alle mensch-liche Vorstellungskraft, ihm fehlen die Worte das zu beschreiben, was er sieht und empfindet in der Nähe des erhöhten Herrn, der alle Macht hat. Und so bleiben ihm nur schwache unvollkommene Vergleiche und Bilder um Jesus Christus zu beschreiben:

Die Kennzeichen des Christus sind Helligkeit und Glanz. Er hat Augen wie Feuer, nichts kann vor ihnen bestehen, keine Lüge, kein Vorwand, kein Stolz. Seinen Worten kann nicht widersprochen werden. Sie sind wie ein ganz scharfes Schwert. In Jesaia 11 ist schon davon die Rede, der Messias werde die Tyrannen mit dem Stab seines Mundes schlagen und die Gottlosen mit dem Hauch seiner Lippen töten. In den Berichten der Evangelien fällt auf, wie oft Jesus Antworten gab, denen nicht zu widersprechen war. Seine Stärke lag nicht in begleitenden Schlägertrupps oder in Reichtum und irdischem Glanz, sondern in der Kraft seines Wortes.

Johannes fällt bei seinem Anblick zu Boden. Die Begegnung mit Jesus, mit der unmittelbaren Nähe Gottes, bringt ihn aus der Fassung. Jesus sieht die Erschrockenheit dieses Mannes und das erste, was Johannes aus dem Munde seines Herrn hört ist das wun-derbare Wort: „Fürchte dich nicht!“ Es folgt seine himmlische Visitenkarte. Jesus stellt sich vor:

Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit, und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Was ist für uns das Erste und das Letzte? – Die ersten und letzten Dinge in unserem Leben begleiten uns vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug. Etwa der erste Schultag eines Kindes und der letzte Schultag eines Schulabgängers. Der erste Arbeitstag am Berufsanfang und der letzte vor dem Ruhestand. Der erste Kuss und der letzte Gruß. Der erste Tag einer Ehe – und der letzte Blick, den ein Ehepartner in das Grab des anderen wirft.

Der erste Eindruck, den wir von einem Menschen haben – und der letzte Händedruck, das letzte Wort, das uns in Erinnerung bleibt. Es gibt für alles in unserem Leben ein erstes und ein letztes Mal. Die erste Liebe und der letzte Liebesdienst. So ist das von der ersten Wahrnehmung eines Menschenkindes bis zur Erfüllung seines letzten Willens.

Immerzu geschieht das auf dieser Welt – Geboren werden und Sterben – Begrüßen und Verabschieden, Anfangen und Aufhören. Das hat mit der Vergänglichkeit unseres Lebens zu tun, gegen die wir nichts machen können, – die einfache Tatsache ist. Manchmal macht uns das Angst. – Angst, etwas zum ersten Mal tun zu müssen, – Angst, etwas Vertrautes vielleicht ein letztes Mal zu tun.

Aber es gibt das Jesuswort, das uns dazu sagt: In der Welt habt ihr Angst, so ist das! Und Sie kennen auch den 2. Teil dieses Satzes: Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Es gibt einen außerhalb der Welt, der in sie hinein wirkt. Den Ersten und den Letzten und den Lebendigen. Einen der nicht vergeht, der kein Ende hat. – Einen, der uns die Ängste nehmen will. Er, kann uns auch die Angst vor den ersten und letzten Dingen unseres Lebens nehmen. Darum sagt er auch zuerst: Fürchte dich nicht! Er sagt es zu Johannes, der bei der Offenbarung, die Gott ihm zuteil werden lässt, der Heiligkeit von Gottes Welt begegnet. Fürchte dich nicht! -Hab keine Angst vor dem ersten – vor dem letzen Mal. Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.

Wir denken oft bei unseren ersten und letzten Erfahrungen, wir wären alleine damit. Und das macht uns Angst. Jesus, der Lebendige sagt: Nein, – hab keine Angst. Ich bin der Erste und der Letzte. – Ich war schon immer da – bei dir – und werde es immer sein.

Im 139. Psalm wird das so schön ausgedruckt: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war‘ Noch bevor mein Herz im Leib meiner Mutter anfing, zu schlagen, warst Du schon da. – Bei mir!

Und jeder Glaubende darf in dieser Gewissheit sein ganzes Leben führen. Wo ich auch bin, wohin mich das Leben auch führt, Du Herr, bist schon da und wartest auf mich, führst mich, trägst mich stärkst mich, weil Du der Erste, der Letzte, und der Lebendige bist. Das gilt bis an unser Lebensende. Noch einmal Worte des 139. Psalms: Führe ich gen Himmel, so bist du da! Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich die Flügel der Morgenröte und blieb im äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich fuhren und deine Rechte mich halten.“ Das kann man so im Glauben erleben.

Das ist doch ein wunderbarer Zuspruch: Mein ganzes Leben ist eingebettet in das Nahe sein Gottes. Es ist schade, dass wir davon oft keine Notiz nehmen. Dass wir oft so tun oder so reden, als wäre Gott gerade woanders und hätte gerade keine Zeit für uns. Als hätte der Auferstandene Besseres zu tun als uns nahe zu sein.

Alle Angst vor Anfang und Ende, vor Erstem und Letztem findet ihren Frieden in Jesus, dem Auferstandenen, dem lebendigen Herrn. Dieses Vertrauen macht uns alle ersten und letzten Male, die in seinem Namen geschehen leichter. Einen Abschied oder einen perönlichen Neuanfang. – Er, in dessen Namen und Auftrag wir kommen oder gehen, anfangen oder aufhören, ist da mit seinem: Fürchte dich nicht!

Johannes, der uns diese Worte Jesu in seiner Offenbarung überliefert, darf hineinblicken in Gottes Welt. – Er sieht den Auferstandenen Herrn Jesus Christus als Herrn des Himmels und der Erde. Und als ob ihm der Herr über sein fassungsloses Staunen hinweghelfen wollte, sagt er zu ihm: Ich war tot – und siehe, ich bin lebendig! Schau her, Johannes, mein Jünger, du hast mich doch gesehen am Kreuz damals, hast mich sterben sehen, hast mich mit abgenommen vom Kreuz und in das Felsengrab gelegt. Ich war tot. – Wirklich tot, du weißt es. Aber dann hast du mich doch auch gesehen nach meiner Auferstehung. – Als ich immer wieder bei euch war – in Jerusalem, Galiläa, am See Genezareth – bis zu meiner Himmelfahrt.

Und jetzt siehst du mich wieder, da, wo ich hingehöre. Beim Vater. Du siehst mich dort, von wo aus ich Himmel und Erde regiere. – Ich bin mit dem Vater und dem Heiligen Geist der Lebendige Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Anfang und Ende brauchst du mit mir nicht zu fürchten. – Auch nicht den Tod und die Hölle. – Ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Jesus hat den Schlüssel zum Leben. Ja, er ist der Schlüssel zu einem Leben heraus aus dem Teufelskreis der Sinnlosigkeit und des Vergehens.

Der Liederdichter Matthias Claudius erzählt dazu einmal eine Geschichte: (ÜIG.15.7)

Es war einmal ein Edler, dessen Freunde und Angehörige durch ihren Leichtsinn um ihre Freiheit gekommen waren und im fremden Land in harte Gefangenschaft geraten waren. Er wollte sie nicht in dieser Not lassen und beschloss, sie zu befreien. Das Gefängnis war gut verschlossen, konnte nur von innen aufgeschlossen werden und niemand hatte den Schlüssel.

Als der Edle sich ihn nach langer Zeit und viel Mühe beschafft hatte, band er dem Kerkermeister Hände und Füße. Er reichte den Gefangenen den Schlüssel durchs Gitter, damit sie aufschließen und heimkehren könnten. Die aber setzen sich hin, um den Schlüssel anzusehen und darüber zu diskutieren. Der Edle sagt ihnen, dass der Schlüssel von innen ins Schloss passt und die Zeit knapp sei. Aber sie drehen und wenden ihn weiter und betrachten ihn immer wieder, beraten hin und her über den Schlüssel.

Schließlich beginnen sie, an dem Schlüssel zu arbeiten. Sie wollen ihn nach ihren Vorstellungen verändern. Sie klopfen, schleifen, biegen an ihm herum, bis er schließlich nicht mehr passt. Dann legen ihn die einen verlegen weg und andere sagen, er sei gar kein Schlüssel und überhaupt, brauchen sie keinen.

Sie haben wohl gemerkt, dass diese alte Geschichte von M. Claudius auch gut in unsere Zeit passt. Die Gefangenen, das sind die Menschen. Wir, gefangen in Schuld, gefangen in Ängsten, gefangen in unserem eigenen Denken, in der Begrenztheit unserer menschlichen Vernunft. „Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis“, heißt es in einem Lied.

Der Edle ist Gott, der uns als seine Freunde und Angehörigen befreien möchte. Er hat sich aufgemacht in unser „Gefängnis‘ und gibt uns den Schlüssel zur Freiheit durch das Gitter herein. Den Schlüssel, der herausführt aus Tod und Hölle, aus allen Verstrickungen von Schuld und Angst. – Aus dem Gefängnis eines ich-bezogenen Lebens. Dieser Schlüssel heißt „Jesus“. Der Erste und der Letzte und der Lebendige .

Und was tun wir damit? – Viele machen es leider so wie in der Geschichte. Sie betrachten diesen Jesus, reden über ihn, diskutieren. Sie fangen an, ihn nach ihren eigenen Vorstellungen zu verändern. Das Eine möchten sie lieber weglassen, Anderes fügen sie dazu. – Und wenn dann ihr „Schlüssel“ – ihre überarbeitete Bibel, ihr abgeschliffener, zurechtgebogener Jesus fertig ist, dann passt er nicht mehr zum Leben, schließt er die Freiheit nicht mehr auf. Zum ewigen Leben führt Jesus uns nur, wenn wir ihn so annehmen, wie er ist, wenn wir unsere Knie vor ihm beugen und ihm dienen. Er lässt sich nicht zurechtbiegen nach den jeweiligen Zeitvorstellungen. Aber er bringt uns zurecht, wenn wir ihn so annehmen, so anrufen und glauben, wie ihn uns das Wort Gottes offenbart.

Wenn ich im Herbst oder im Frühling meine Autoreifen wechsle, dann sitzen die Schrauben oft so fest, dass ich sie mit dem normalen Bordwerkzeug gar nicht los bringe. Ich greife dann zu meinem Kreuzschlüssel und damit hab ich sie noch immer aufgebracht.

Ist nicht auch in unserem Leben vieles so fest geworden, eingerostet, für uns unlösbar, auch wenn wir uns noch so plagen mit dem Bordwerkzeug des Lebens? Wir dürfen auch da zum Kreuzschlüssel greifen. Das Kreuz Christi kann uns zum Schlüssel werden, wenn wir festsitzen, wenn wir nicht weiter wissen. Kreuz, Schlüssel zum Leben.

Das Kreuz Christi, Christus am Kreuz, schließt das Leben auf.

So dürfen wir Jesus sehen. Auch bei uns soll er Erster und Letzter sein. Auch in Ihrem und meinem Leben erweist er sich als der Lebendige Gott. Darum gilt auch uns sein: Fürchte dich nicht! Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168