Er sucht das Kleine

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Christfest I, 25.12.2010, Micha 5, 1-4

Schauen Sie sich mal diese Krippe an. Es ist eine von den 35 Krippen, die in den letzten Wochen in unserem Gemeindehaus zu besichtigen waren. Unser Gemeindeglied, Werner Neupert, hat sie in mühevoller Kleinarbeit im Lauf von zwei Jahren mit viel Liebe gebaut. Und weil er von seiner Frau, unserer Pfarramtssekretärin, Gerlinde Neupert, um die chronische Finanzierungsnot unserer Tagespflege wusste, hat der Krippenbauer den Erlös aus dem Krippenverkauf für diese Arbeit zur Verfügung gestellt. Sie haben es gestern in der Zeitung gelesen.

Dreißig Krippen sind verkauft worden und stehen jetzt in dreißig verschiedenen Häusern und Orten unterm Christbaum und erinnern an das Geschehen von Bethlehem und an das Wunder, dass Gott Mensch wird, zu uns kommt.

Die Krippe auf dem Bild ist eine von den fünf, die bisher noch nicht verkauft sind. – Kein Wunder. Ist ja auch irgendwie eine komische Krippe, wird man vielleicht nach dem ersten kurzen Blick sagen. Die Geburt Christi in einem Dorf, in dem schon eine Kirche steht!? – Das gibt’s doch gar nicht! – Damals stand doch in Bethlehem doch noch keine Kirche! Vielleicht nicht einmal eine Synagoge, so kleine war das Nest.

Was hat sich der Krippenbauer nur dabei gedacht? Ein Scherz? Ein Gag? Heute braucht man ja immer irgendeinen Gag. – Eine Geschenktüte, die beim Öffnen ein Lied spielt. Oder ein Lebkuchen, der quietscht, wenn man reinbeißt. Ist diese Krippe mit der Kirche auch so ein moderner Gag?

Ich muss zugeben, mich hat diese Krippe mehr als alle anderen beschäftigt. Nicht dass das Gotteshaus mit Kirchturm da nicht hinpasst, ein fränkisches Dörflein, – sondern ich fand es ziemlich schockierend, dass das Wunder der Weihnacht sich nicht in der schönen Kirche vollzieht, sondern in dem alten zugigen Schuppen dahinter. War in der Kirche denn kein Platz mehr für das Wunder? Waren da nur Menschen, die Weihnachtsstimmung suchten und festliche Musik hören wollten und eine friedevolle und harmonische Predigt? Warum geschieht denn das göttliche Wunder nicht in der Kirche?

Ich wurde neugierig und hab die Krippe umgedreht um mirdie Kirche genauer anzusehen. Dabei hab ich entdeckt, dass die Kirche nur von weitem so einen netten Eindruck macht. Von hinten ist sie etwas unansehnlicher und, ist das Absicht? – sie hat gar keine Tür! Sie ist sich selbst genug. Es reicht, wenn man sie von außen sieht, von weitem. – Das denken ja viele, und feiern trotzdem fröhlich Weihnachten: Ihnen reicht die Kirche von außen! Und – so traurig das ist – ich fürchte es gibt auch viele Kirchen, in denen es an Weihnachten gar nicht mehr um Jesus geht als Mittelpunkt geht.

Bevor wir uns darüber aufregen: Ging es bei Ihnen gestern, am Heiligen Abend um Jesus? Geht es bei Ihnen heute, am Geburtstag des Heilands um ihn? Oder ist der Braten in der Röhre wichtiger oder der Besuch? Oder die Sorgen, die Sie sich machen? Fragen einer kritischen Krippe an uns. Sie will uns nachdenklich machen. Weniger romantisch, aber vielleicht heilsam, damit wir Jesus wieder in den Mittelpunkt stellen, wo er hingehört. In unserer Kirche und in unseren Herzen. Ins Zentrum unseres Lebens und unserer Anbetung. Wir dürfen ihn und mit ihm feiern, wenn er Geburtstag hat, wie heute.

In einem Geburtstagslied für Kinder heißt es:

Wie gut, dass du geboren bist,
wir hätten dich sonst sehr vermisst

Gilt das nicht für unseren Heiland Jesus Christus noch viel mehr? Wer sollte uns trösten, wenn wir ihn nicht hätten? Wer sollte uns Hoffnung geben, wenn er nicht geboren wäre? Wer sollte unsere Schuld vergeben, wenn er sie nicht an sein Kreuz genommen hätte. Wie sollten wir den Tod ertragen, wenn er nicht die Auferstehung und das Leben wäre. Wer sollte unsere Gebete hören, wenn nicht der Mensch gewordene Gott. Wer sollte unsere Angst kennen, unsere Not verstehen, wenn nicht der Menschensohn, der das alles selbst durchlitten hat.

Wie gut, dass ER geboren ist, wir hätten ihn sonst sehr vermisst. In den Jahrhunderten vor seiner Geburt haben ihn die Menschen sehr vermisst. Zur Zeit der alten Propheten wartete man sehnsüchtig auf einen Retter. Unser heutiges Schriftwort für die Predigt ist so ein Prophetenwort, das den Menschen in dunkler Zeit Hoffnung gab auf den Erlöser.

Micha 5,1-4a: Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Bis dahin lässt er sie plagen, bis ihn die, die ihn zur Welt bringen soll, geboren hat.

Wie ein Hirte seine Herde weidet, so wird der neue König regieren. Gott, der höchste Herr hat ihn dazu beauftragt und gibt ihm die Kraft. Dann kann das Volk endlich in Sicherheit leben, denn selbst in den fernsten Ländern der Erde wird er als Herrscher anerkannt. Er bringt Frieden.

Es klang schon verwunderlich in den Ohren eines Israeliten, dass der große Friedenskönig und höchste Herrscher in dem Kuhkaff Bethlehem geboren werden sollte. Kleinste unter den Städten in Juda. Was? Von dort soll der Messias kommen?

Als der Prophet Micha 720 vor Chr. vor dem Jerusalemer Tempel dies verkündigte, hat er wahrscheinlich Kopfschütteln und mitleidiges Lächeln geerntet. Seit 300 Jahren, seit den Zeiten Davids hatte man aus Bethlehem nichts mehr gehört, außer dem Blöken von Schafen und dem Gackern von Hühnern. Und nun soll Gott seine Verheißung wahr gemacht haben? Die Engelsbotschaft der Heiligen Nacht erklingt ausgerechnet in der Pampa, über den Fluren von Bethlehem.


Warum? – Weil Gott das Kleine sieht und liebt. Weil ER nichts und niemanden übersieht. Weil ER aus dem Unwürdigsten, Kleinsten und Unwichtigsten Großes machen kann. Wenn man die Bibel aufmerksam liest, dann entdeckt man, dass Gott immer das Kleine, Unscheinbare und Schwache gebraucht hat um Großes zu bewirken.

Zuerst erwählt er das kleine Volk Israel als sein Volk. Nicht die Ägypter, nicht die Babylonier, nicht die weisen Griechen oder die mächtigen Römer. Nicht das weite Russland oder das mächtige Amerika, das von seinen Bewohnern ganz bescheiden, oft als „Gods own country“ bezeichnet.

Nein, es muss Israel, das kleinste unter den Völkern sein. Oder denken Sie daran, wie der Prophet Samuel in Bethlehem beim Bauern Isai nach dem künftigen König Israels suchte. Sieben seiner acht Söhne ließ Isai antreten, aber keinen konnte Samuel zum König salben. Erst als sie liefen und den Kleinsten holten, David, gab Gott dem Propheten Klarheit. Der ist es. Den salbe zum König! Tausend Jahre später macht Gott das Nest Bethlehem wieder zum Mittelpunkt des Geschehens. Durch ein junges bescheidenes, weltpolitisch völlig unbedeutendes Mädchen, Maria, schreibt er Welt- u. Heilsgeschichte.

Dieses göttliche Prinzip des Kleinen fortsetzend, nimmt Jesus später ein Kind und stellt es mitten unter die klugen Erwachsenen und sagt:

Wenn ihr in euerem Glauben nicht werdet wie die Kinder, dann werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen.

Gott liebt die Kleinen. Auch die kleinen Leute, die sonst nicht wichtig sind. Solche wie die Hirten. In der Gesellschaft waren sie die Kleinsten. Wenn einer sonst nichts zuwege brachte, ist er halt Hirte geworden. In Franken gibt es den Spruch: „Wer nix werd, werd Wärt.“ In Israel hieß der Spruch: Wer nix wird, wird Hirt. Bei Einladungen und Festen hat man sie übersehen, die Nase gerümpft und wenn es möglich war einen Bogen um sie gemacht, schon wegen des Geruchs.

Aber Gott übersieht keinen bei seiner Einladung. Ihm stinkt keiner so, dass er ihn von seinem großen Fest ausschließt. Die Hirten, die Abgeschriebenen, die Randsiedler und Außenseiter, eben die Kleinen werden die ersten Zeugen und die ersten Boten der Weihnacht Wenn Sie sich auch zu den Kleinen, zu den Unwürdigen, den Schuldigen, in den eigenen Augen verachtenswerten zählen, erbarmt er sich auch über Sie.

Wo sonst sollte er auch hin, der Heiland. Nur verlorene Leute brauchen einen Retter, einen, der sie herausholt aus ihren Ängsten und Sünden, der ihnen heraus hilft aus ihrer Verzweiflung und Bedrücktheit. Starke brauchen keinen Retter. Denen genügen das Märchen vom Christkindlein, das Geschenke bringt und gutes Essen. Die Starken suchen nur Stimmung bei Stollen und Sternchen, Glühwein und Lametta.

Dabei hat die Heilige Nacht, der Heilige Gott, viel mehr zu bieten. Hirte will er uns sein, wie Micha das hier andeutet. Wie David mit seinem 23. Psalm greift er dieses Bild auf, ein ganz anderes Hirtenbild als es die „Großen“ haben. Es ist Jesus, der aus dem verachteten Hirtenbild seiner Zeit den guten Hirten macht. Den, der sogar sein Leben lässt für die Schafe.

Der gute Hirte sorgt für sie. ER führt sie auf rechter Straße, ER begleitet sogar sicher durch dunkle Lebenstäler:

Wenn eine Krankheit den Horizont verdunkelt,
wenn es in der Familie nicht so klappt, wie wir es wünschen,
wenn der Arbeitsplatz bedroht ist oder das Geld nicht reicht.
Wenn ein Ehepartner verlassen wird oder gar der Tod den Lebenspartner geraubt hat.

Dann ist ER da. ER erquickt meine Seele. Mit guten tröstenden, vergebenden Worten baut ER mich wieder auf, wenn mir die Puste ausgeht, wenn ich keine Kraft, keine Hoffnung, keinen Mut und keinen Glauben mehr habe.

Wer das erfährt, kann sagen oder singen: Danke, dass selbst im Kleinsten du heute an mich denkst. Wenn Gott das Kleine liebt und Großes daraus macht, dann gilt das auch für den Glauben. Für Ihren und meinen kleinen Glauben. Wenn er noch so klein und schwach scheint, Gott übersieht ihn nicht. Mit dem kleinen Glauben seiner Jünger hat Jesus seine große Kirche gebaut. Und baut sie bis heute. Wenn der Glaube klein ist wie ein Senfkorn, kann er Berge versetzen.

Manchmal haben wir doch selbst gar nicht geglaubt, dass das worum wir gebetet haben, überhaupt irgendwie geschehen könnte. Und plötzlich ist doch es doch geschehen:

– Unter dreißig Bewerbern kriegt der eine die Stelle.
– Unter vielen Verunglückten werden zwei gerettet.

– Sie hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben auf ein eigenes Kind, weil es medizinisch fast unmöglich schien, und doch steht jetzt eine Wiege mit Kind vor dem Christbaum. Nichts ist ihm unmöglich, dem großen Gott, der in unsere kleine Welt, in unser kleines Leben kommt.

Er kann und wird, auch, das kündigt Micha hier bereits an, sogar Frieden in unsere von Streit und Krieg zerrissene Welt bringen. ER bringt Frieden. ER selbst wird der Frieden sein. Noch ist es in der Welt nicht so weit. Noch bringen Bomben und Raketen den Tod, noch fallen Schüsse in Afghanistan und anderswo. Noch ist der Mensch des Menschen Feind und auch der Natur und Tiere schlimmster Feind. Doch auch das wird einmal aufhören. Einmal wird Frieden werden auf der ganzen Erde. ER, Jesus ist unser Frieden.

Wenn wir die Weihnachtsbotschaft in unsere Herzen lassen, ist der Frieden heute schon zu spüren. Da hört der Hass auf, das ewige Übelnehmen, Nachtragen und nicht vergessen Wollen. Was Menschen wirklich verbindet, ist die Erkenntnis: Wir sind Verlorene, doch wir haben Hilfe, Jesus Christus.

ER ist unser Frieden. ER ist es auch dann, wenn noch Bomben und Schüsse fallen. Wenn einem ein grantiger Mitbewohner im Haus alles zum Bösen auslegt und manches zum Spott tut. Christus ist unser Frieden auch wenn in der Familie die Kinder unentwegt streiten. Gerade dann gilt es mit kleinem oder auch nur mit kleinstem Glauben daran festzuhalten: Herr Jesus, du bist mein Frieden.

An seinem Kreuz zeigt ER uns, dass er uns nicht allein lässt. Dort hat er die wichtigste Friedensverhandlung schon erfolgreich abgeschlossen. Was unmöglich schien, ist vollbracht. Der Frieden zwischen uns und Gott ist schon geschlossen.

Ja, ER ist da, mitten unter uns, unser Heiland:

Er ist da in der Familie, in der gerade drei Kinder krank sind.

Er ist da in dem kleinen Zimmer im Pflegeheim, in dem eine Mutter ihre Tochter nicht mehr kennt. Er ist da in der langen schlaflosen Nacht, in der mir vor dem morgigen Tag graut.

ER ist und bleibt für alle, die ihn suchen. Nicht nur klein und putzig in Ihrer Weihnachtskrippe, sondern stark und mächtig in unserem Alltag. ER hilft uns als guter Hirte durch jede Not. ER geht mit uns, ER ist unser Friede.

Komm in meine kleine Welt, Christus, Heiland, Herr und Held.
Komm in meine tiefe Trauer, Jesus, Gottes Friedensbauer.
Komm mit deinen Gnadengaben, dass wir im Herzen Frieden haben.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168