Eine wirklich schöne Bescherung
Zur PDFChristfest I, 25.12.2016, Micha 5, 1-4a
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Vor zwei Tagen saß meine fast 4-järige Enkelin auf meinem Schoß und wir unterhielten uns über Weihnachten. Sie wusste, dass sie nur noch einmal schlafen musste, bist der Geburtstag vom Herrn Jesus ist. Sie war schon ein bisschen neugierig und auch ein bisschen aufgeregt und wartete auf diesen besonderen Tag und auf alles, was da kommen würde.
Dann sah sie neben mir ein großes schön verpacktes Geschenk liegen und fragte, für wen das ist. Ich sagte ihr, dass das jemand für mich gebracht hat. Sie ließ noch nicht locker: „Opa, wollen wir das jetzt auspacken?“ – „Nein!“ sagte ich, „Weihnachten ist doch erst morgen!“ Und dann erklärte ich ihr, dass man mit dem Auspacken warten muss, bis Bescherung ist.
Sie sah das schöne große Geschenk an, das sie in ihren Bann gezogen hatte und fragte dann weiter: „Opa, was ist Bescherung?“ – Was ist Bescherung? – Wie Kinder doch oft so fragen können nach ganz einfachen und selbstverständlichen Sachverhalten. Ich gebe zu, ich musste erst ein wenig nachdenken. Wie erkläre ich das einer fast Vierjährigen. Was würden Sie sagen, wenn Sie gefragt würden was Bescherung ist?
Vielleicht kannte sie das Wort ja auch schon und brachte es nur nicht mit dem doch so besonders schönen Weihnachtsfest zusammen. Das Jahr über gebrauchen wir das Wort ja oft für weniger schöne Ereignisse. Da sagt die Mutter, wenn der Teller mit den Spaghetti auf den Boden gefallen ist und die Nudeln mitsamt der Soße das Parkett zieren: Na, das ist ja eine schöne Bescherung. Aber sie freut sich gar nicht. Und sie gebraucht den Ausdruck: Schöne Bescherung vielleicht auch wenn die Windel der kleinen Schwester nicht ganz dicht gehalten hat. Wirklich schön findet Greta das dann nicht.
Und jetzt sollte sie sich auf die schöne Bescherung am Weihnachtstag freuen und mit Vorfreude darauf warten? – Mühsam suchte ich nach Worten und kindgemäßen Erklärungen, die ihr die Bescherung erstrebenswert machen und ihre Vorfreude darauf wecken sollten: Bescherung ist, wenn man lange auf etwas besonders Schönes gewartet hat, sich lange danach gesehnt hat und es dann endlich bekommt.
Lange hatten sie gewartet, die Menschen des Volkes Israel. Viele Generationen schon , Jahrhunderte. Sie wurden immer wieder mit den dürren Worten der Propheten vertröstet. Vertröstet auf einen Zeitpunkt der irgendwann kommen würde, zu dem Gott Ihnen den lang ersehnten Retter schicken wollte.
Es gab so vieles, was rettungsbedürftig war. Immer standen die Menschen unter einem Druck oder lebten in irgendeiner Angst, sie hatten Schmerzen, waren enttäuscht oder fühlten sich ungerecht behandelt. Das ist ja heute nicht viel anders, obwohl unser Lebensstandard viel höher ist, als der von damals. Damals waren es fremde Soldaten und Machthaber, die Druck ausübten, heute ist es der Leistungsdruck, die Anforderung im Beruf, in der Schule, im Studium. Die Menschen sollen in immer kürzerer Zeit immer mehr lernen, immer mehr arbeiten und immer perfekter funktionieren, um die Produktivität und den Gewinn zu steigern. Es wird Druck von außen gemacht. Oder man macht ihn sich selbst.
Auch Angst, Enttäuschungen, Schmerzen und Ungerechtigkeit kennen wir heute noch genauso wie die Menschen vor 2700 Jahren. Angst vor Terror, vor Krebs, vor Krieg, vor Verlust, vor enttäuschtem Vertrauen. Ungerechtigkeit erleben die meisten von uns auch immer wieder. Wenn der andere das Lob für meine Leistung einstreicht, wenn ich das aufarbeiten muss, was ein Kollege nicht geschafft hat. Wenn andere den Gewinn machen, die Erbschaft einstreichen, wenn sie schöner, stärker, klüger sind. Das ist schon in der Schule so ungerecht: Manchen fliegt das Wissen nur so zu und die guten Noten auch und ich lerne und lerne und kassiere doch die Fünf. Ist das nicht ungerecht?
Da wächst die Sehnsucht nach einem Ende des Zustands. Sehnsucht nach Rettung und Erlösung. Aber wann tritt sie ein? So die Frage damals und so heute. – Wann ist die Bescherung? Und was ist die Bescherung? Ist es wirklich eine schöne Bescherung oder ist es nur eine schöne Bescherung. Es heißt warten! Und sich verlassen auf Worte. Es waren unter anderen die Worte des Propheten Micha, die für den heutigen Tag als Predigttext vorgesehen sind. Vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Text für einen 1. Weihnachtstag weil da Weihnachten fast nicht vorkommt. Aber hören wir doch erst mal auf den kurzen Abschnitt aus dem fünften Kapitel des Propheten Micha (Micha 5,1-4a):
Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Bis dahin lässt er sie plagen, bis ihn die, die ihn zur Welt bringen soll, geboren hat.
Wie ein Hirte seine Herde weidet, so wird der neue König regieren. Gott, der höchste Herr hat ihn dazu beauftragt und gibt ihm die Kraft. Dann kann das Volk endlich in Sicherheit leben, denn selbst in den fernsten Ländern der Erde wird er als Herrscher anerkannt. Er bringt Frieden.
Es klang schon verwunderlich in den Ohren eines Israeliten, dass der große Friedenskönig und höchste Herrscher in dem Städtchen Bethlehem geboren werden sollte. Kleinste unter den Städten in Juda. Was? Von dort soll der Messias kommen? Na das kann ja eine schöne Bescherung werden.
Als der Prophet Micha 720 vor Chr. vor dem Jerusalemer Tempel dies verkündigte, hat er wahrscheinlich Kopfschütteln und mitleidiges Lächeln geerntet. Seit 300 Jahren, seit den Zeiten Davids hatte man aus Bethlehem nichts mehr gehört, außer dem Blöken von Schafen und dem Gackern von Hühnern. Und nun soll Gott seine Verheißung dort wahr machen? Das klang für die Menschen damals so überzeugend, wie wenn wir das Heil aus Hollfeld, Kemnath oder Bad Berneck erwarten sollten. Ja, aus Berlin, Paris, Rom oder London, das könnte man sich vorstellen.
Wir sollten irgendwann einmal begreifen: Gott hat andere Kriterien. Er schaut nicht auf die Paläste. Er lässt sich nicht von der E-Klasse beeindrucken. Er sucht sich seine Leute nicht unter den Spitzen-Absolventen von Elite-Unis. Er beruft sich die Größen für sein Reich aus der Provinz und schreibt sein Evangelium mit Fischern und nicht mit Literaturnobelpreisträgern. Er vertraut seinen Sohn einem einfachen jungen Mädchen an und lässt ihn in Bethlehem, nein nicht in, am Rand von Bethlehem in einem Wirtschaftsgebäude das Licht der Welt erblicken. Schöne Bescherung das.
Und noch eine Enttäuschung: Der da geboren ist in Bethlehem wird kein großer Staatsmann, kein Feldherr, kein genialer Wissenschaftler, kein Konzernlenker, kein Milliardär und kein Präsident. Sein Leben auf dieser Erde wird kurz und hart. Besitzlos endet er vor zwei Gerichten. Er wird schuldig gesprochen und endet am Kreuz. Schöne Bescherung!
Und doch schreibt schon Micha von zwei höchsten Gütern, nach denen sich bis heute die ganze Welt sehnt, die nur dieser Retter geben kann: Er schreibt von Sicherheit und er schreibt vom Frieden. Nur mit dem von Gott gesandten Retter, Hebräisch heißt das Wort Messias, Griechisch spricht man es Christus, nur mit diesem Retter-Heiland kann man Sicherheit finden und Frieden.
Wir lieben Sicherheit und tun alles dafür. Wir sind ja zu Sicherheitsfanatikern und zu Sicherheitsweltmeistern geworden. Die meisten Deutschen haben mindestens 10 Versicherungen abgeschlossen: Haftpflicht und Hausrat, Feuer und Glasbruch, Berufsunfähigkeit und Unfall, wir versichern das Sterben und das Leben. – Und trotzdem ist niemand sicher davor und wir fürchten all das. Ist nicht die ganze Versicherei eine gigantische Täuschung? Gar nichts ist sicher. Wir zahlen nur dafür, dass wir Geld als Ersatz bekommen, wenn uns etwas Schlimmes passiert.
Wir legen den Sicherheitsgurt an und wähnen uns sicher. Wir streben nach finanzieller Absicherung, sichern den Krankheitsfall ab, kümmern uns um Datensicherheit, unterziehen uns Sicherheitskontrollen, bevor wir in den Flieger steigen oder ein Stadion betreten. Doch dann fühlen wir uns trotzdem nicht sicher und leben in Angst. Angst vor Terror und Schicksalsschlägen, vor Einbruch, Diebstahl und Schlaganfall.
Von Experten der Polizei hören wir, dass es eine letzte Sicherheit auf dieser Welt nicht gibt. Die Liederdichterin Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt hat es so ausgedrückt (EG 530,2): „Solang ich leb auf dieser Erden, leb ich in steter Todsgefahr.“ Die hatte es verstanden. Unser ganzes Leben ist nicht sicher. Jeder Tag und jede Stunde ist ein Geschenk. Wir haben keinen Anspruch darauf und es ist nicht sicher, dass wir Weihnachten 2017 erleben. Ich nicht und Sie nicht und Du nicht, der Du erst Konfirmand oder Jugendlicher bist.
Wer sicher sein will, sicher gehen will, dass er eine gute Zukunft hat und dass er in Herrlichkeit leben wird, der kann nur eins machen: Zur Krippe kommen zu Jesus, dem von Gott angekündigten und dann endlich geschickten Retter und ihm sein Leben anvertrauen. Wer das tut, darf sicher sein, dass er im Reich Gottes mit dabei sein wird. In der Zukunft, die weder Angst noch Schrecken, weder Leid noch Terror kennt.
Unbegreiflich ist nur, dass sich um diese Sicherheit nur ganz wenige in unserem Land Gedanken machen. Jesus rät das aber dringend (Mt 6,33): „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Zuerst! Lass das deine oberste Priorität sein, sonst wird Dir einmal alles entgleiten, wirst Du alles verlieren. Dann zahlt die Lebensversicherung an die Hinterbliebenen und die Sterbeversicherung übernimmt die Bestattungskosten, aber um das Wichtigste hat sich der Versicherungsnehmer nie gekümmert.
Was ist denn das Wichtigste? Ich will es mit ein paar ganz klaren und einfachen Fragen sagen: Hast Du Frieden mit Gott? Hast Du Frieden mit Menschen? Hast Du Vergebung deiner Sünden? Nur wer diese Fragen mit Ja beantworten kann, ist wirklich gut abgesichert.
Weinachten ist deshalb ein Freudenfest, weil es uns daran erinnert, dass Gott keine Mühe gescheut hat, um uns diesen Frieden und diese Sicherheit zu geben. Nicht wir müssen dafür teuer bezahlen, sondern Jesus hat dafür teuer bezahlt. Er ist bereit uns diese höchsten Güter sogar kostenlos zu überlassen, wenn wir uns vor ihm beugen und ihm unser Leben und unsere Zukunft anvertrauen. Er schenkt uns diese kostbaren Güter, wenn wir seinen Worten folgen, seinen Namen preisen und uns seiner nicht schämen.
Unsere Not ist: Der Wohlstand hat uns blind gemacht für diese Schätze. „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde sagt Jesus, wo sie die Motten und der Rost fressen und die Diebe stehlen, sammelt euch Schätze im Himmel!“ (Mt 6,19-20)
Diese Schätze finden wir in den Worten der Heiligen Schrift und in alten und neuen Glaubensliedern. Oft ganz einfach und schlicht ausgedrückt (EG 44): Welt ging verloren. Christ ist geboren. Christ ist erschienen, uns zu versühnen. Oft fast im Telegrammstil, wie Martin Luther in seinem Lied:
Der Sohn des Vaters, Gott von Art,
ein Gast in der Welt hier ward
und führt uns aus dem Jammertal,
macht uns zu Erben in seim Saal.
Das hat er alles uns getan,
sein groß Lieb zu zeigen an.
Des freu sich alle Christenheit
Und dank ihm das in Ewigkeit.
(EG 23, 5.7)
Wir sollen uns nicht im Beiwerk von Weihnachten verlieren, nicht im Essen und Trinken unser Glück suchen, sondern uns auf den Einen besinnen, den Gott uns geschickt hat, um uns vorzubereiten auf seine wunderbare Zukunft. Wer das tut, der ist hier schon sicher und geborgen wie ein Kind. Der erbittet und empfängt Weihnachtsfreude und Weihnachtsfrieden. Ist das nicht eine wirklich schöne Bescherung? Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168