eine Schulung in seelsorgerlicher Gesprächsführung
Zur PDFPredigt am 26.01.2025, Kreuzkirche Bayreuth: Joh. 4, 5-14
Liebe Gemeinde,
ein Geschäftsreisender hatte eine flüchtige Begegnung im Zug in der Schweiz. Er war auf der Heimreise von Genf nach Stuttgart. Eine Frau mittleren Alters setzte sich ihm gegenüber. Außer ein paar Höflichkeiten wechselten sie kaum ein Wort.Aber in der letzten Viertelstunde vor dem Aussteigen in Zürich erzählte die Frau von ihrem geplanten Urlaub auf den Kanarischen Inseln. Sie brauche als Unternehmensberaterin eine Pause. Ihr Geschäft laufe auf vollen Touren. Aber dann sagte sie mit kleinen Pausen: »Manchmal frage ich mich schon, was das Ganze soll«.
Kennt ihr diese Frage? âManchmal frage ich mich schon, was das Ganze soll!â So kann man im Beruf fragen. In der Ehe und Familie. Ja, sogar in der Gemeinde. âManchmal frage ich mich schon, was das Ganze soll!â Dahinter steckt die Frage nach dem Sinn. Was macht das alles für einen Sinn? So fragen wir v.a. auch oft, wenn es uns nicht gut geht. Da kommt einem auf einmal das Leben wie eine ausgebrannte Schlacke vor. Und im Innersten werde ich die Frage nicht los: Was soll denn das Ganze? Was ist denn Sinn und Ziel meines Lebens?
Um eben diese Fragen, liebe Gemeinde, geht es auch im Gespräch Jesu mit der unbekannten Frau am Jakobsbrunnen. Und zugleich geht es um die Antwort, die Jesus dieser Frau und uns heute gibt: »Wer vom Wasser dieses Brunnens trinkt, wird wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird in Ewigkeit keinen Durst mehr haben.«
Aber noch begreift die Frau nicht, worum es geht, Doch genau das ist die Ausgangslage. Die Frau versteht nicht, dass dieser Fremde fähig ist, den Durst ihres Lebens zu stillen. Sie versteht nur Bahnhof. Damit ihr nicht nur Bahnhof versteht, lese ich jetzt den Predigttext aus Joh. 4, 5-14:
Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte.
6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde von der Reise
war, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.
7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus
spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!
8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen.
9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest
etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden
haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. –
10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe
Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du
bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser.
11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen
könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges
Wasser?
12 Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen
gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein
Vieh.
13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den
wird wieder dürsten;
14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in
Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde,
das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige
Leben quillt.
Der Evangelist Johannes schildert die Begegnung mit Jesus nicht nur als
Einzelfall, sondern als Modellfall. Er will sagen: Wenn es zu einer
Begegnung mit Jesus kommt, dann geht es typischerweise so zu. Deshalb
fragen wir: Was ist an diesem Gespräch Jesu mit der Frau so typisch,
dass es sich unter ganz veränderten Umständen heute noch ereignen
kann?
Ich möchte drei Dinge nennen:
1. Die Begegnung war menschlich gesehen für die Frau zufällig.
Für die Frau war sie zufällig, nicht aber für Jesus. Er geht bewusst in das Land der Samaritaner. Er geht in jenes heidnische Land, das der fromme Jude gemieden hat aus Angst, er könnte sich kultisch verunreinigen. Aber das hält Jesus nicht davon ab, auch noch zu denen zu gehen, auf die man wegen ihrer Religion oder ihrer Rasse herabsah. Er geht zu den Verachteten und Ausgestoßenen, zu den Unwürdigen und zu den gescheiterten Existenzen. Er geht zu ihnen, weil er sieht, wie nötig sie ihn brauchen. Auch diese Frau am Brunnen.
Müde
von der Reise und durstig von der Hitze hatte sich Jesus an den
Brunnen gesetzt. Für einen Juden war es nicht üblich, sich mit
einer Frau zu unterhalten. Doch er sagt zu ihr: »Gib mir einen
Schluck Wasser«.
Die
Frau sucht an jenem heißen Mittag nicht den versprochenen Messias,
den Retter, nein, ihre Bedürfnisse sind viel elementarer. Sie hat
bei dieser Hitze Durst und möchte sich am Jakobsbrunnen einen kühlen
Schluck Wasser holen. Nichts als das. Aber so fängt es an. Ganz
unerwartet. Überhaupt nicht eingeplant von der Frau. Aber dieser
fremde Mann spricht sie einfach an. Eigentlich unerhört!
Wenn Jesus einen Menschen anredet und dieser sich in seinem Gewissen angesprochen weiß, dann geht das bis heute nicht viel anders. Das scheint nach außen hin oft zufällig zu sein. So kann es geschehen, dass man ungeplant und überraschend einem Wort Gottes begegnet, das einen nicht mehr loslässt, und das mich nach dem tragenden Fundament meines Lebens fragt.
Ich denke an einen Mann, der erzählte, dass es bei ihm damit begonnen hat, als ihm zufällig sein Konfirmationsdenkspruch wieder in die Hände fiel. Das war in seinen Augen reiner Zufall. Er hatte seinen Denkspruch längst vergessen. Doch bei der Durchsicht seiner Papiere kam er wieder zum Vorschein. Und dann las er ihn. Mehr als einmal. Jesaja 43: »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein«. Und da hat dieses vergessene Wort bei ihm zu reden begonnen, und es hat ihm eine neue Perspektive seines Lebens eröffnet. Das war nicht eingeplant, aber jetzt merkte er, dass sein alter Denkspruch ihm persönlich gilt: »Fürchte dich nicht, du bist mein.« Und auch bei Dir ruft Gott Dir manchmal eine Verheißung wieder ins Gedächtnis. Oder es spricht dich einer an. Scheinbar zufällig draußen auf dem Weg. Und es wird ein Gespräch, das dir den Weg zurück in die Gemeinde ebnet. Gott braucht nicht immer die großen Evangelisationsveranstaltungen. Manchmal wirkt er im Kleinen. In der Begegnung mit deinem Mitmenschen. Eher zufällig, aber absolut zielgerichtet.
Und
damit sind wir beim Zweiten, was typisch ist für eine Begegnung mit
Jesus.
2. Jesus begegnet der Frau in einer
unscheinbaren und armseligen Gestalt.
Man sah es Jesus nicht von weitem an, wer er eigentlich ist. Was die Frau sah, das war für sie eben ein Fremder, den die Hitze in den Schatten getrieben hat, und der um Wasser bittet, weil ihm die Zunge am Gaumen klebt.
Das gab der Augenschein her. Mehr nicht. Verständlich, dass sich die Frau diesem Fremden gegenüber zunächst verschließt wie ein verfolgter Igel. Aber im geduldigen Reden Jesu mit ihr erkannte sie immer deutlicher, mit wem sie es in Wahrheit zu tun hatte. Als ihr endlich die Augen aufgehen, lässt sie ihren Krug am Brunnen stehen, rennt in das Dorf zurück und ruft den Leuten zu: »Kommt mit und seht euch den Mann an, der mir alles gesagt hat, was ich jemals getan habe. Ich glaube, er ist der versprochene Retter.«
Seht ihr, liebe Gemeinde, so tief steigt Gott herunter, so sehr wird er Mensch und unser Bruder, dass man ihn mit einem Touristen verwechseln kann, oder auch mit einem Verbrecher, den man schließlich ans Kreuz schlägt. So tief steigt er herunter, dass er in einem Viehstall geboren wird. Wir haben hier immer noch die Weihnachtssachen stehen aus gutem Grund!
Diese
erbärmliche Niedrigkeit hat Gott gewählt,
ja warum? Damit
niemand von uns sagen kann: Der da oben hat gut reden, denn er hat ja
keine Ahnung, wie mir in meiner Tiefe zumute ist, in die ich geraten
bin. Gott geht in alle Tiefen, damit er dem Menschen, der in der
Ausweglosigkeit seines Lebens den Mut und alle Hoffnung verloren hat,
das helfende Wort sagen kann, das ihn aufrichtet.
Bis zum Ende aller Tage wird Gottes Wort so zu uns kommen, wie es die Frau mit Jesus erlebt hat: Arm, bedürftig, hungrig und durstig. Heute versteckt in einem menschlichen Wort, das wir in der Predigt hören, oder in einem armseligen Stück Brot und einem kleinen Schluck Wein oder Saft, den wir beim Abendmahl trinken. Und morgen wieder anders. Gott hat es nicht nötig, keine pompöse Amtseinführung nötig wie so mancher Politiker dieser Erde. Er macht es tausendmal kleiner, stellt nicht sich in den Mittelpunkt und wird doch am Ende unendlich viel mehr herrschen und die Welt zum Ziel führen als alle anderen, die gerade menschliche Macht haben.
Gott macht sich in Jesus Christus immer wieder klein, unscheinbar, wirkt noch punktuell und immer wieder verborgen. Sein großer Tag kommt noch. Wir lesen in der Gemeinde gerade die Offenbarung und bekommen diese großen Linien aufgezeigt. Aber es gibt eben auch die kleinen, fast verborgenen Linien.
Als
Zinzendorf, der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine eine Reise
durch Europa machte, kam er auch in eine Galerie in Düsseldorf. Er
erzählte, wie er vor einem Bild des gekreuzigten Christus stand. Er
las die Worte, die unter dem Bild standen: »Das tat ich für dich,
was tust du für mich.« Und diese Worte unter dem Bild des
Gekreuzigten haben sein Leben verändert.
Warum ich das erzähle, liebe Gemeinde?
Es
kann sein, wenn Sie dieses Bild einmal zu sehen bekommen, dass Sie
sagen: »Das ist doch kein besonderes Kunstwerk.« In der Tat: Unter
künstlerischen Gesichtspunkten wird das Gemälde als eher dürftig
eingestuft. Aber gewissermaßen versteckt in diesem Bild hat der
lebendige Christus mit Zinzendorf ein Gespräch begonnen, in dem er
sich als sein Retter zu erkennen gab. »Das tat ich für dich.« Und
diesem Christus wollte Zinzendorf gehören und ihm dienen. Damit
komme ich zum Dritten, was an dieser Begegnung mit Jesus typisch ist:
3. Jesus zeigt der Frau, was sie wirklich braucht
In dem Gespräch kommt Jesus der Frau sehr behutsam näher. Einfühlsam fängt er an, die Mauersteine abzutragen, welche die Frau mit ihren Vorurteilen und ihrem Misstrauen bisher um sich errichtet hatte. Jesus sagt zu ihr:
»Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst haben, wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird nie wieder dürsten, denn das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, aus der ihm ewiges Leben zufließt.«
Es
ist bemerkenswert, dass die Frau diesem Gespräch nicht ausweicht.
Sie hätte mit ihrem gefüllten Krug auch weglaufen können, als
Jesus auf die wunden Punkte ihres Lebens zu sprechen kam. Aber sie
blieb. Je länger das Gespräch dauert, desto mehr fällt Licht
hinein in das Leben dieser Frau. Jesus deckt ihren Lebensdurst auf,
der sie quält und an dem sie im Begriff ist, zugrunde zu gehen. Sie
hat ihr Glück nacheinander bei fünf Männern gesucht, war mit ihnen
verheiratet oder auch nicht, mit dem sechsten ist sie es jedenfalls
nicht. Was für ein Durst, endlich angenommen zu werden, geliebt zu
sein!
Und
indem Jesus mit ihr spricht, begegnet sie jemand, der nicht mit
Fingern auf sie zeigt, wie die Frauen des Dorfes, die am Abend oder
am Morgen zum Brunnen gehen. Ihrem Spott und ihrer Verachtung kann
sie nur so aus dem Wege gehen, dass sie zu der im Orient völlig
unüblichen Zeit mittags um 12 Uhr hinausgeht zum Brunnen.
Jesus aber zeigt nicht mit dem Finger auf sie. Das ist die Art Jesu, liebe Gemeinde, mit Menschen zu reden. Auch heute. Man wird nicht von oben herunter fertig gemacht und bekommt eine rüber gebraten. Sondern Jesus stellt sich neben uns und gibt uns zu verstehen: Dir fehlt etwas, was ich dir geben kann. Und wie reagiert die Frau darauf?
Die
Frau lässt es sich von Jesus sagen. Sie erkennt: ich sitze an
schmutzigen Tümpeln. Wenn ich daraus weiter trinke, werde ich nie
heil an Leib und Seele. Sie sieht auf sich und erkennt, wie es ihr an
quellfrischem Wasser fehlt, an Reinigung, an Vergebung, an Befreiung,
an wirklichem Glück.
Aber
dabei bleibt sie nicht stehen und dürfen wir auch nie stehen
bleiben. Dann sieht sie nicht nur auf sich, sondern auf den, der ihr
das alles geben kann: Jesus Christus. Sie erkennt, dass sie ihn,
diesen Retter Jesus, so nötig hat wie das Wasser zum Leben.
Liebe Gemeinde, erinnern Sie sich an die Unternehmensberaterin im Intercity in der Schweiz am Anfang der Predigt? Als sie sich vor dem Aussteigen verabschiedete, sagte sie: »Eigentlich sind die Leute zu beneiden, die an Gott glauben.« Das sagte eine erfolgreiche Frau, die vieles, vielleicht sogar alles hatte, was man an Annehmlichkeiten braucht. Aber die Frage nach dem Sinn und Ziel ihres Lebens blieb für sie offen.
Niemand,
liebe Gemeinde, braucht neidisch auf den Glauben eines andern zu
sehen, sondern wir alle dürfen kommen, weil Jesus uns einlädt. Er
sagt: »Wen
da dürstet, der komme zu mir und trinke« (Johannes 7, 37).
Weil
dem so ist, kann auch jeder und jede von uns selber die Erfahrung
machen, was für ein Glück das ist, sich in der Hand Jesu geborgen
zu wissen. Ich sage nicht, dass unser Leben dann krisenfrei verläuft.
Aber ich sage, dass die Hand Jesu uns durch alle Krisen hindurch
festhält.
Wenn wir eine Quelle nur von ferne betrachten,
dann werden wir unseren Durst nie gelöscht bekommen. Das liegt aber nicht an der Quelle, sondern an uns. Wenn wir aber kommen, uns beugen und trinken, dann werden wir erfrischt. Deshalb lautet die Einladung Jesu: »Wen da dürstet, der komme und trinke.« Jetzt auch gleich in der Feier des Heiligen Abendmahls. Amen.
Bei Rückfragen gerne melden:
Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de