Ein persönlicher Gott, der mich kennt

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5. Sonnntag nach Trinitatis, 01.07.18, 1.Mose 12 1-4a

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vatter und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen für diese Predigt bitten: -Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Gibt es einen persönlichen Gott? Immer wieder treffe ich auf Menschen, die sagen: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich glaube schon, dass es so etwas wie ein höheres Leben gibt. Das kann nicht anders sein, wenn man die großartigen Zusammenhänge der Natur und des Universums sieht. Da muss was dahinter stecken. Das kann nicht alles ohne genialen Plan geworden sein.“ Diesem Zugeständnis an den Pfarrer folgt dann aber gleich eine Einschränkung: „Aber dass Gott sich um einzelne Menschen kümmert oder ihre Gebete um alle möglichen Dinge hört und sich darum kümmert, das glaube ich nicht.“

Ein persönlicher Gott, der mich kennt, der mich meint, an den ich mich wenden kann und der sich mir zuwendet. Das scheint Vielen unvorstellbar. Wie denken Sie? – Genau davon berichten doch viele Geschichten der Bibel. Auch unser heutiger Abschnitt für die Predigt. Er ist eine Schlüsselstelle und Verständnisgrundlage für alles, was danach kommt. Er bezeugt: Gott hat etwas vor mit einem Menschen, was weitreichende Folgen haben soll für die ganze Menschheit und er teilt es diesem einen Menschen mit, wozu er ihn braucht und wo er ihn haben will. Er lässt ihn seine Pläne wissen und fordert ihn auf an deren Verwirklichung mitzuwirken.

Ich lese 1. Mose 12, 1-4a:

Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 

Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte.

Ziemlich persönlich, finden Sie nicht? Ein 75-jähriger kinderloser Mann soll mit seiner Frau auswandern. Ziel unbekannt. – Wirst schon sehen, wohin. – Der Viehzüchter Abram soll die vertraute Umgebung und die Sicherheit der Großfamilie verlassen und in eine unbekannte und unsichere Zukunft gehen. Eine Zumutung! Warum sollte er das tun? 

Auch das hat Gott dem Abram gleich dazu gesagt: Ich hab etwas vor mit dir: Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Klingt nicht schlecht, vor allem wenn man bedenkt, dass Abram und seine Frau Sara bis dahin keine Kinder hatten und dass er auch keineswegs ein bekannter und berühmter Mann war. – Es klingt auch nicht besonders glaubwürdig, jedenfalls nicht nach vernünftigen menschlichen Überlegungen. Aber Gott lässt sich nicht durch vernünftige menschliche Überlegungen einengen. Wo unsere Möglichkeiten aufhören, fangen Gottes Möglichkeiten erst an. Er ist ein persönlicher Gott.

Das muss Abram – erst viel später gab Gott ihm den Namen Abraham – das muss dieser Abram vor mehr als dreieinhalbtausend Jahren schon gewusst oder wenigstens geahnt haben. Im Neuen Testament hat ein Mann, namens Paulus, es so ausgedrückt: Der Friede Gottes ist höher als alle Vernunft. Er hatte nämlich erlebt, dass Gott die ganze menschliche Vernunft und persönliche Sicherheit durch sein Eingreifen über den Haufen werfen kann und einem Herzen erst dann inneren Frieden schenkt, wenn es Gott gehorcht. – Wenn es ganz konkret den Willen Gottes in seinem Leben tut.

Das war auch die Erfahrung Abrams fast 2000 Jahre vor Paulus. Sicher ist der nicht sofort nach dem persönlichen Erlebnis mit Gott aufgesprungen und hat sein Bündel gepackt. – Er wird wohl auch erst überlegt, gezögert, abgewogen haben, was er tun soll. Aber was er mit Gott erlebt hatte, was Gott ihm gesagt hatte, ließ ihm keine Ruhe mehr: Wenn das wirklich Gottes Stimme war, wenn das wirklich Gottes Wille mit uns ist, kann ich doch nicht einfach nein sagen? Da kann ich doch nicht hier hocken bleiben und einfach so weitermachen.

Diese innere Unruhe ist Abram erst wieder losgeworden, als er sich tatsächlich dazu entschloss, Gott zu gehorchen. „Du spinnst doch! Du bist verrückt!“ Oder Ähnliches werden seine Verwandten zu ihm gesagt haben. „Wo willst du hin? Nirgendwo bist du sicherer als hier!“ Aber Abram lässt sich nicht mehr aufhalten. Er macht sich auf den Weg. Auf den Weg in eine unbekannte, unsichere Zukunft. Gegen alle vernünftigen Überlegungen, aber mit Gottes Zusagen.

Es hat noch 25 lange Jahre gedauert, bis etwas sichtbar wurde von Gottes Versprechen. Als Isaak, der Sohn Abrams und Saras zur Welt kam, war der Vater Hundert. – Ja, es dauert manchmal, bis Gottes Segen sichtbar wird. Gebete erhört Gott nicht immer sofort. Zuerst will er unseren Gehorsam und unser Vertrauen sehen. – Auch das gehört zu der persönlichen Beziehung: Vertrauen, dass der andere es gut mit mir meint. Tun, was er sagt, auch wenn ich gerade nicht oder noch nicht erkennen kann wozu das gut ist.

Wir sind da heute im Vorteil. Wir sehen, was aus den Verheißungen Gottes an Abram geworden ist. Er ist zum Vater eines besonderen Volkes geworden. Zum Stammvater des Gottesvolkes Israel. Das bedeutet der Name Abram: Vater eines Volkes. Durch Jesus und sein Evangelium aber noch mehr, zum Abraham, das heißt zum Vater vieler Völker. Überall, wo Christen in der Bibel lesen oder Wort Gottes hören, werden sie mit einbezogen in die Segensgeschichte und Segensverheißungen Gottes mit Abraham.

Durch den Glauben an den Gott Abrahams werden auch wir, fast 4000 Jahre später gesegnet und werden sogar zum Segen für unsere Umgebung. Mehrfach in meinem Leben habe ich diese Segensverheißung persönlich zugesprochen bekommen: Gott spricht: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. So Manche unter uns haben dieses Wort als Konfirmationsspruch, als Taufspruch oder bei anderer Gelegenheit persönlich erhalten.

Ja, wer sich segnen lässt und wer den Segenszuspruch Gottes für sich im Glauben annimmt, der wird immer auch zum Segen für andere. Für uns Christen ist Segen mit dem Kreuzzeichen verbunden. Also mit dem Hinweis auf Jesus, der für uns am Kreuz gestorben ist. Er hat uns unsere Schuld abgenommen und dafür sein Leben gegeben, sein Blut vergossen, damit wir als Kinder Gottes befreit sind und eine herrliche Zukunft haben.

Abraham ist mit seiner Lebensgeschichte zum Vorbild des Glaubens geworden. Auch für uns. Er gehorcht dem Willen Gottes. Er macht sich auf den Weg und bleibt nicht ängstlich und zaghaft in seinem alten Umfeld. Er traut Gott mehr zu, als nach menschlicher Vorstellung überhaupt möglich ist. – So alte Leute wie er und Sara werden doch nicht mehr Eltern! Abraham hält an der Verheißung fest, bis sie sich erfüllt.

Auch er ist kein Übermensch. Er kennt Zeiten des Zweifels und versucht der Erfüllung der Verheißung mit seinen Kräften nachzuhelfen. Er lässt sich auf die Beziehung zu Hagar ein, der jungen Magd seiner Frau Sara. Daraus entsteht der Sohn Ismael und ein großer, bis heute andauernder Konflikt.

Aber Abraham lässt sich von Gott immer wieder korrigieren und zurechtbringen. Er lernt unter Gewissensqualen und tiefen inneren Konflikten, dass Gott unseren unbedingten Gehorsam will. Mit seinem Sohn Isaak macht er sich auf zum Berg Moria, um den über alles Geliebten dort Gott zu opfern, wie es ihm zunächst aufgetragen war. – Verstehen konnte er das nicht. Aber er hatte verstanden, dass Gott auch aus dem Unverständlichen Gutes und Segen machen kann.

Gott kann auch aus dem Bösesten Gutes machen, so hat Dietrich Bonhoeffer es im vergangenen Jahrhundert ausgedrückt. Er kann durch Krankheit einem Menschen zum Heil verhelfen. Wenn er dadurch anfängt Gott zu suchen und nach seinem Willen zu fragen.

Er kann durch den Verlust eines Arbeitsplatzes an uns arbeiten. Uns durch das nicht Bestehen einer Prüfung prüfen. Er will uns durch unser eigenes Versagen barmherziger machen im Umgang mit anderen. – Wie wohltuend ist es, wenn jemand einen tröstet und sagt: Ich kann verstehen, wie es dir geht, weil mir das auch schon passiert ist.

Jesus sagt zu Petrus kurz vor seiner Verleugnung: Wenn du dich dann bekehrt hast von deinem falschen Vertrauen auf dich selbst, dann geh hin und stärke deine Brüder. Paulus konnte die Christenhasser seiner Zeit nur zu gut verstehen, weil er ja selbst auch so gedacht hatte, wie sie.

Auch unser Scheitern und Schuldigwerden kann Gott in Segen verwandeln, wenn wir dadurch unsere fromme Einbildung ablegen und uns von unserer Selbstgerechtigkeit verabschieden. Man müsste die ganze Abrahamsgeschichte erzählen, um das an vielen Ereignissen im Leben Abrahams zu zeigen. Was da bei seinem Ägyptenbesuch schief gelaufen ist oder wie er sich von Lot getrennt hat und auf sein Vorrecht als Älterer verzichtet hat. In dreizehn Kapiteln kann man das von 1. Mose 12-25 nachlesen. Sehr zu empfehlen!

Abraham war nicht perfekt. Er hat Fehler gemacht, versagt, gezweifelt, falsch reagiert, zu viel selber machen wollen, geklagt und noch mehr, wie wir auch. Aber er hat Gott vertraut und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden. Er hat den Glauben nicht aufgegeben. Darum ist Abraham bis heute Vorbild geblieben. Und in dieser Beziehung hat Gott ihm einen großen Namen gemacht. Auch diese Verheißung hat sich ja erfüllt. Der Name Abraham ist unter Christen und Juden und Moslems der ganzen Welt und der vergangenen Jahrtausende bis heute bekannt und geachtet.

Seine Geschichte ist aber nicht eine Geschichte, die leider Vergangenheit und für uns heute nicht mehr von Bedeutung ist, sondern der Segen seines Lebens kann auch zum Segen Deines und meines Lebens werden, wenn wir wie Abraham Gott vertrauen und uns seinem Willen und seiner Führung unterordnen. Dann sind wir Gesegnete und werden nach dieser Verheißung auch zum Segen für andere.

Gott hat versprochen, denen, die ihn lieben Gutes zu tun und noch den bis zu 1000 Generationen nach ihm. – Seit Abraham sind noch keine 200 Generationen über diese Erde gegangen. Da ist also noch viel Segenspotential vorhanden. Je mehr wir glauben, umso mehr segnet uns Gott. Glauben auch da, wo nichts zu hoffen ist. Glauben, wo wir nur Leid und Tod sehen. Dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist, dem ist nichts unmöglich. Der macht aus Verzweifelten Hoffende, aus Verzagten Mutige, aus Traurigen Getröstete, aus Feiglingen Bekennende, aus lau Gewordenen Brennende für die Sache Gottes.

Er ist persönlicher Gott, der dich und mich anspricht, einlädt, tröstet, frei macht. Immer wieder hat er ein „Fürchte dich nicht“ für uns. Jeden Morgen ist seine Gnade und Hilfe neu für uns da. Durch Jesus ist er ganz Mensch geworden, uns ganz nah gekommen, zeigt uns seine Liebe, ruft uns immer wieder zu sich. Ganz persönlich!

Am persönlichsten wird Gott durch Jesus im Abendmahl. – Ein „höheres Wesen“ lädt nicht an seinen Tisch ein, aber der Herr, der uns beim Namen ruft und der unseren Namen im Himmel ins Buch des Lebens schreibt. Mit der Hostie und dem Wein dürfen wir das in uns aufnehmen und glauben: Er kommt auch zu mir und zu dir. Er segnet auch dich und mich! Durch ihn werde auch ich, wirst auch du zum Segen.

Mit dem Dichter Christian Scriver dürfen wir gewiss sein:

Irr ich, sucht mich deine Liebe, fall ich, so hilft sie mir auf; ist es, dass ich mich betrübe, tröst sie mich in meinem Lauf. Bin ich arm, gibt sie mir Güter, hasst man mich, ist sie mein Hüter.

Ich bin dein und du bist mein, ich will keines andern sein.

Amen.

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel. 0921/41168