Ein festes Herz
Zur PDFJahresschlussgottesdienst 31.12.2019, Hebräer 13, 8-9b
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten…
Das Schriftwort für die Predigt an diesem letzten Tag des Jahres steht im 13.Kap. des Hebräerbriefes, die Verse 8 – 9:
Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Vor 12 Jahren, um Pfingsten 2007, war ich mit meinem Sohn auf dem Weg zum Nordkap. Bei ca. 25 Plusgraden überquerten wir den Polarkreis. Wir hielten an, machten Bilder von dem geographischen Punkt, ab dem die Sonne im Juni nachts nicht mehr untergeht. Nur wenige Kilometer weiter gab es noch ein denkwürdiges Ereignis, das uns zum Anhalten und fotografieren veranlasste. Der Tacho unseres alten Wohnmobils sprang von 99.999 wieder auf 00.000. Die Eins, die vorne dran hätte sein müssen, unterschlug der der Tacho, weil er nur fünf Stellen anzeigen konnte.
Auch das war, wie die Mitternachtssonne ein eigenartiges Erlebnis. Das fast 30 Jahre alte Fahrzeug hatte plötzlich eine Kilometeranzeige wie im Neuzustand. Wieder auf „Null“ gestellt. Ein toller Anblick. Nur leider war die Kiste dadurch keinen Tag jünger. Die Macken und Schwächen blieben.
Auch heute Nacht springen die Zahlen wieder um. Der Kalender wird auf Anfang gestellt. 01.01.2020 heißt es dann in ein paar Stunden. Ein neues Jahr beginnt. Nur leider ist der Körper, den wir anhaben immer noch der Alte. Und die kleinen und großen Schwachstellen, die wir haben, wenn wir keine 20 oder dreißig mehr sind, bleiben auch im neuen Jahr die alten. Nichts ist neu geworden.
Da stellt sich leider nichts auf „Null“. Als ich mich an diese kleine Begebenheit am Polarkreis erinnerte, hab ich mir ein paar Bilder von damals angesehen und musste feststellen, dass die zwölf Jahre nicht nur am Auto Spuren hinterlassen haben, sondern irgendwie auch an mir.
Die Reise durchs Leben verändert uns und prägt uns. An so einem letzten Tag des Jahres denkt man dann zurück, was die vergangenen 365 Tage gebracht haben – oder auch was oder wen sie uns genommen haben. Kinder wurden geboren, liebe Menschen mussten wir hergeben. Manche haben die Stelle gewechselt, einige geheiratet, andere haben sich getrennt oder wurden verlassen.
Manche sind in ihr neu gebautes Haus gezogen oder wie wir nach 25 Jahren umgezogen in eine neue Wohnung. Andere haben Prüfungen absolviert, einen neuen Job begonnen oder einen alten verloren. Für einige gab es den ersten Arbeitstag, für andere den letzten oder er steht, wie bei mir, bald bevor.
Wenn wir etwas das erste Mal erleben oder machen, dann nehmen wir das meistens bewusst wahr. Aber manches haben wir vielleicht heuer das letzte Mal erlebt und wissen es nicht. Als ich 1997 auf einer Studienreise in Israel war, habe ich mir gedacht: Hier möchte ich bald mal wieder her. Jetzt sind 22 Jahre vergangen und es ist mir nicht mehr gelungen. Ob daraus nochmal was wird? – Ich weiß es nicht.
Und was die 366 vor uns liegenden Tage von 2020 uns bringen werden, ist ungewiss. Wird der Frieden halten? Wird der nächste Sommer wieder so heiß werden wie die letzten beiden? Was wird aus unserer Wirtschaft und unserem Wohlstand werden? Hat die Leiter noch eine Sprosse nach oben oder geht es jetzt rasant runter? Alles ist in Bewegung, in Veränderung. Wann werden die Feuer in Australien gelöscht sein? Was wird aus dem Klima und mit dem Artensterben?
Der Kalender lässt sich auf „Null“ stellen. Das Leben nicht. Die Geschichte nicht. Die Natur nicht. Alles verändert sich. Das wird uns zum Jahreswechsel besonders bewusst und es beunruhigt uns auch. Wie gut, dass wir uns da auf die Worte aus dem Hebräerbrief berufen dürfen: Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Mitten in all den Turbulenzen und Veränderungen gibt es einen festen Punkt. Etwas, worauf wir uns verlassen und woran wir uns festhalten können. Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Unser Leben verändert sich, die Rahmenbedingungen verändern sich. Wir verändern uns. Werte sind im Wandel. Was vor 20 Jahren noch galt, muss heute längst nicht mehr gelten. – Vor 20 Jahren hatten wir den Jahrtausendwechsel. Können Sie sich noch erinnern, was das für ein Ereignis war und wie in den Medien alles daraufhin ausgerichtet war. – Zwanzig Jahre ist das jetzt her und zumindest die Älteren unter uns fragen sich, wo die eigentlich geblieben sind.
Der Apostel Paulus stellt im Römerbrief einmal fest: Wir sind ja der Vergänglichkeit unterworfen – ohne unseren Willen, doch durch den, der uns unterworfen hat. – Und er bezeichnet diese Vergänglichkeit als eine „Knechtschaft“. Die Vergänglichkeit beherrscht uns. Wir können uns ihr nicht entziehen. Auch nicht durch Farbe und Faltencreme. Aber wir können uns an den halten, der nicht vergeht. Er hat uns nicht nur der Vergänglichkeit unterworfen, sondern auch das „Leben und ein unvergängliches Wesens ans Licht gebracht durch das Evangelium“: Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit.
Der einzige Ausweg, den es aus der Vergänglichkeit gibt, heißt Jesus Christus. Vor der Predigt haben wir im Lied von Jochen Klepper die Strophe gesungen (EG 64,6):
Der du allein der Ewge heißt und Anfang Ziel und Mitte weißt im Fluge unsrer Zeiten: Bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand. Damit wir sicher schreiten.
Was kann man denn tun, dass der Ewige einem gnädig zugewandt bleibt? Haben wir darauf überhaupt einen Einfluss? – Wir haben! Wenn wir ihn suchen, wenn wir mit ihm reden, auf ihn hören und ihm vertrauen. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Suchen. Zum Beispiel, indem wir Gottesdienste besuchen, die Bibel zur Hand nehmen und darin lesen. Ganz einfach und praktisch, mit Hilfe eines Losungsbuches Worte Gottes an den Anfang eines Tages stellen. Die angegebenen Bibelstellen regelmäßig lesen und dann drüber mit Jesus sprechen, indem wir beten.
Beten. Was für ein Privileg ist das, dem heiligen allmächtigen Gott alles sagen zu dürfen, was man auf dem Herzen hat. Wovor man Angst hat, was einen freut, wofür man dankbar ist und was einem Sorge bereitet. Was macht ein Atheist, wenn er nachts wach liegt und ihm alles Mögliche durch den Kopf geht? – Der ist arm dran und allein mit seinen Sorgen. Wir Christen wissen, dass uns einer zuhört und dass er sich kümmert und für uns sorgt. Und wir erfahren immer wieder, dass der Herr auf irgendeine Weise mit uns redet und hilft.
Hören wir doch auf ihn! Zum Beispiel auf das was in diesen wenigen Zeilen unseres Predigttextes steht: Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Nicht nur eine Speise oder ein Getränk kann köstlich sein. Davon wird es ja für die Meisten heute noch genug Köstlichkeiten geben. Aber die sind auch der Vergänglichkeit unterworfen. Die sind Morgen schon vergangen.
Doch es gibt auch Köstlichkeiten, die bleiben. Wir müssen nur hinhören, wenn die uns gesagt werden und zugreifen, wenn sie angeboten werden. Ist es nicht köstlich, wenn Gott zu Dir sagt: Ich habe dich lieb. Oder wenn er mir zuspricht: Dir sind deine Sünden vergeben. Oder: Ich bin bei dir, dass ich dir helfe. Oder: Fürchte dich nicht, du hast Gnade bei Gott gefunden.
Wer die Köstlichkeiten des Heiligen Abendmahls nicht verachtet, der bekommt immer mehr ein festes Herz. Das ist eben nicht nur ein trockenes ungesäuertes Backwerk, nicht nur ein Schluck Wein oder Saft, sondern Leib und Blut Christi, für dich gegeben und vergossen. Unvergänglichkeits-Elixier! Wenn du dich daran hältst, wenn du diese Köstlichkeiten begehrst und annimmst, dann erhältst du dadurch ein festes Herz, das nicht bei jeder Kleinigkeit aus dem Rhythmus kommt.
Ein Herz, das durch Gnade fest geworden ist, kann mit allen Belastungen ganz anders umgehen. Vielleicht hat so ein Herz medizinisch gesehen nur eine stark eingeschränkte Leistung, aber es ist durch Gnade fest geworden. Belastbar durch den, der die Last der Schuld abgenommen hat. Ruhig auch in extremen Situationen, weil es weiß: Ich bin in seiner Hand. In der Hand meines gnädigen Herren und es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen und was gut für mich ist.
Durch solches Hören auf die Gnade Gottes wächst ein starkes Vertrauen. Wer Gottes Wort hört, behält und auf sich anwendet, wird stark und fähig auch zu besonderen Aufgaben und Anforderungen. Ist stark, wenn etwas durchzustehen ist.
Ein früherer Oberbürgermeister von Frankfurt, Walter Kolb, besuchte wenige Wochen vor seinem plötzlichen Tod einen Gottesdienst, in dem einige junge Leute konfirmiert wurden. Der Predigttext war der Vers aus unserem Predigttext, Hebräer 13,9: Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Nach dem Gottesdienst ging Oberbürgermeister Kolb zum Pfarrer, der noch mit den Konfirmanden zusammenstand und holte vor aller Augen seine Brieftasche heraus und zog aus einem Seitenfach seinen zusammengefalteten Konfirmandenschein. Und siehe da, darauf stand genau dieses Wort, über das der Pfarrer die Konfirmationspredigt gehalten hatte: Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.
Kolb bekannte den Konfirmanden, dass ihn sein Leben lang immer bei sich getragen habe, um ihn nicht zu vergessen und sich davon stets leiten zu lassen. Wenige Wochen später starb der angesehene und beliebte Oberbürgermeister ganz plötzlich. Sein durch die angenommene und geglaubte Gnade fest gewordenes Herz war in der Hand Gottes und durch Jesus vom Tod zum Leben durchgedrungen.
Nicht der Tod ist der schlimmste Schrecken. Sondern nach dem Tod erkennen zu müssen, dass man sich nicht für die Gnade Gottes interessiert hat und deshalb das Ewige Leben bei ihm verpasst hat.
Es ist ein Irrweg, wenn wir uns nur auf das Irdische beschränken und die ewig gültige Wahrheit Gottes verachten. Denn nach dem Erdenleben geht es, so bezeugt es die Bibel, ewig weiter. Und dabei wird es zwei Varianten geben: Ein ewiges Leben mit Gott oder ein ewiges Leben ohne Gott.
Wenn einmal das Zählwerk der Geschichte auf „Null“ gestellt wird, dann ist die Vergänglichkeit Vergangenheit. Alle Uhren werden dann ihre Bedeutung verloren haben. Das ist für alle die ein köstlich Ding, deren Herz durch Gnade fest geworden ist und die im Glauben an die Gnade durch Jesus Christus gestorben sind. Für die anderen wird der Schrecken ewig bleiben.
Das feste Herz, das durch die Gnade des Herrn Jesus Christus geschaffen wird ist nicht nur in sich gekehrt und weltfremd. Das kann man sehr gut an der Lebensgeschichte des Oberbürgermeisters Walter Kolb erkennen. Der Mann wurde nur 54 Jahre alt, hat aber Erstaunliches geleistet. Der gelernte Jurist war ein bekennender Gegner des Antisemitismus. Mit erst 30 Jahren wurde er der jüngste Landrat im Freistaat Preußen Er legte sich bald mit den Nationalsozialisten an, die ihn 1933 zwangspensionierten. Als Anwalt vertrat er dann politisch und rassistisch Verfolgte und war deshalb mehrfach von den Nazis inhaftiert. Das hat aber sein „festes Herz“ nicht aus der Spur gebracht. Auch nicht der Tod seines neugeborenen Töchterchens und seine Verurteilung zu Konzentrationslager, weil man ihn mit dem Hitlerattentat in Verbindung brachte. Während des Gefangenentransports konnte er fliehen und tauchte bis Kriegsende unter. 1945, direkt nach Kriegsende, wurde er OB von Düsseldorf und 46 bei den ersten freien Oberbürgermeisterwahlen nach dem Krieg als OB Frankfurts gewählt.
In seiner 10-jährigen Amtszeit in Frankfurt hat er in sehr schwieriger Zeit großartige Aufbauarbeit geleistet. Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Die Gnade befähigt auch, in der Welt und für die Welt etwas zu leisten. Sogar wenn nötig, Widerstand zu leisten und sich einem ungerechten weltlichen Regime zu widersetzen. Gnade macht stark, weil sie sich nicht auf Vergängliches verlässt, sondern auf Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Derselbe in Gnade und Gericht, wenn einmal der letzte Böller dieser Welt verhallt und die letzte Rakete verglüht sein wird. Lassen wir uns doch festmachen von ihm und seiner Gnade und durch keine noch so neue und fantastische Lehre davon abbringen. Himmel und Erde werden vergehen, aber seine Worte werden nicht vergehen, seine Gnade wird nicht von uns weichen und der Bund seines Friedens wird nicht hinfallen.
Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, du schöne, mein Herz an dich gewöhne. Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168