Eigentlich müsste ich …

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3.Advent, 11.12.2016, Kreuzkirche, Lukas 3, 1-14

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten:
… Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Das Schriftwort für diese Predigt lesen wir beim Evangelisten Lukas im dritten Kapitel. Eigentlich schließt die Predigt an die vom 1. Advent an. Da ging es um die Geburt Johannes des Täufers, von dem sein Vater Zacharias in seinem geistgewirkten Lobgesang prophezeite: „Und du Kindlein wirst Prophet des Höchsten heißen, denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest.“

Etwa 3 Jahrzehnte waren seitdem vergangen. Aus dem Kindlein, dessen Eltern seine Großeltern hätten sein können, ist ein Mann geworden. Seine Eltern lebten vermutlich nicht mehr, er hatte sein Dorf auf dem Gebirge Juda verlassen, war in die Wüste gezogen und inzwischen in ganz Judäa als Sonderling und komischer Kauz bekannt. Als der Evangelist Lukas seinen Namen, Johannes wieder nennt, lesen wir Folgendes:

Es war im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. (Pontius Pilatus verwaltete als Gouverneur die Provinz Judäa; Herodes herrschte als Fürst über Galiläa, sein Bruder Philippus über Ituräa und Trachonitis und Lysanias regierte in Abilene; Hannas und später Kaiphas waren die Hohenpriester.)
Da erreichte Gottes Auftrag Johannes, den Sohn des Zacharias, der in der Wüste lebte.
Johannes verließ die Wüste und zog durch das ganze Gebiet am Jordan. Überall forderte er die Leute auf: „Ändert euch von Grund auf! Kehrt um zu Gott und lasst euch als Zeichen dafür taufen. Dann wird euch Gott eure Sünden vergeben.“
So erfüllte sich, was im Buch des Propheten Jesaja steht: „Ich höre jemanden in der Wüste rufen: ‚Macht den Weg frei für den Herrn! Räumt alle Hindernisse weg, damit er kommen kann! Jedes Tal soll aufgefüllt, jeder Berg und Hügel abgetragen werden, krumme Wege sollen begradigt und holprige Wege zu guten Straßen werden. Dann werden wir alle den von Gott gesandten Retter sehen.’“
Der Menschenmenge, die gekommen war, um sich taufen zu lassen, rief Johannes zu: „Ihr Teufelspack! Glaubt ihr etwa, dass ihr dem kommenden Gericht Gottes entrinnen werdet? Beweist erst einmal durch eure Taten, dass ihr wirklich zu Gott umgekehrt seid! Ihr sagt: ‚Abraham ist unser Vater!’ und wollt euch damit herausreden. Das wird euch gar nichts helfen! Selbst aus diesen Steinen hier kann Gott Nachkommen Abrahams machen.
Es ist jetzt allerhöchste Zeit zur Umkehr; denn die Axt ist schon erhoben, um die Bäume an der Wurzel abzuschlagen. Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“

Da wollten die Leute wissen: „Was sollen wir denn tun?“ Johannes antwortete: „Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keins besitzt. Und wer etwas zu essen hat, soll seine Mahlzeit mit Hungrigen teilen.“
Es kamen auch Zolleinnehmer, die sich taufen lassen wollten. Sie fragten: „Und wir? Wie sollen wir uns verhalten?“ Johannes wies sie an: „Verlangt nur so viel Zollgebühren, wie ihr fordern dürft!“
„Und was sollen wir tun?“ erkundigten sich einige Soldaten? „Tut niemandem Gewalt noch Unrecht! Seid zufrieden mit eurem Sold“, antwortete ihnen Johannes.

Es ist schon erstaunlich, was sich Zuhörer alles bieten lassen. In manchen modernen Theaterstücken wird das Publikum angepöbelt. Auch im Kabarett kann es passieren, dass man als zahlender Gast vor allen anderen der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Vor 50 Jahren hat Peter Handke mit dem Stück „Publikumsbeschimpfung“ Aufsehen erregt. Das Publikum wurde von den Scheinwerfern angestrahlt und die vier „Schauspieler“ des Sprechstücks, das keine Spielhandlung hatte, übten Kritik an den Theaterbesuchern und beschimpften sie. Da wurden kritische Fragen an die Menschen gestellt, über ihr Verhalten in der NS-Zeit. Unbequeme Themen und Wahrheiten angesprochen.

So ähnlich muss das wohl auch über 1.900 Jahre vorher draußen bei den Open-Air- Veranstaltungen gewesen sein, zu denen dieser exotische Sonderling namens Johannes einlud. Dass er ungewöhnlich gekleidet war mit seinem Kamelhaarmantel würde heute sicher keinen mehr stören. Man kann auf einer Bühne ja alles an oder auch fast alles ausziehen. Das regt kaum noch jemanden auf.

Auch die alternativen Ernährungsgewohnheiten des Johannes würden heute kaum noch überraschen. Auch in unserer Zeit werden bisweilen vor laufenden Kameras Würmer, Spinnen Engerlinge und andere eklige Dinge verspeist. Da mutet der Speisezettel des Johannes mit den Heuschrecken und dem wilden Honig beinahe noch bürgerlich an.

Es sind seine Worte, die vor allem Aufsehen erregten. Zunächst würde man seine frontalen Verbalangriffe vielleicht sogar noch ganz amüsant finden, solange sie nur die anderen und nicht einen selbst treffen. – Aber wenn einen dann sein unwiderstehlicher Blick treffen würde und er mit dem Finger auf einen zeigen würde und vor allen anderen ausrufen würde: „„Ihr Teufelspack! Glaubt ihr etwa, dass ihr dem kommenden Gericht Gottes entrinnen werdet?“ Dann würde einem vielleicht doch etwas mulmig werden. Ganz direkt forderte der sonderbare Prophet die Frauen und Männer, die Soldaten, die ehrenwerten Mitglieder des Stadtrats und der Kirchenleitung auf, doch endlich ehrlich zu werden und ihr Fehlverhalten einzusehen und zu korrigieren. Johannes ließ es auch nicht zu, dass die anderen, die Kaufleute und die Handwerker, die Bürgerinnen und Bürger feixten und sich darüber freuten, dass denen da oben endlich mal einer ordentlich die Meinung sagt. Er nahm keinen aus von seinen kritischen Fragen und vor seinem durchdringenden Blick konnte man sich nicht verstecken.

Er spricht ganz verschiedene Lebendbereiche an: Umgang mit Macht, mit jeder Art von Besitz und mit der Wahrheit, vor allem gegenüber Gott. Johannes warnt davor, sich etwas vorzumachen und selbstsicher zu glauben, der liebe Gott müsste schon zufrieden sein mit einem. Damals lautete die Begründung: Ich bin ja ein Nachkomme Abrahams, ich gehöre ja zum erwählten Volk ein Kind Gottes. Heute meinen viele Christen: Ich bin ja getauft und damit ein Kind Gottes, das muss doch genügen.Irrtum! Gott kann sich aus diesen Steinen Kinder erwecken. Aus den Steinen, die in der judäischen Wüste und am Jordan rumlagen genauso wie aus den Steinen, die in den Wänden dieser Kirche verbaut sind.

Wenn Ihr nicht endlich umkehrt und anders lebt, werdet ihr abgehauen. Der Holzfäller steht schon da, mit seiner Axt. Heute würde er sagen: Die Motorsäge läuft schon. Er meint: Es bleibt nicht mehr viel Zeit, umzukehren. Ein Rabbi sprach: „Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist groß und seine Kraft ist klein. – Die große Schuld des Menschen ist, dass er jederzeit umkehren kann und es nicht tut.“

Die einen sagen: Ab Morgen… und es bleibt dann beim Morgen. Die anderen stellen fest: Eigentlich müsste ich… eigentlich sollte ich… eigentlich könnte ich… aber es bleibt bei dem „eigentlich“. Wieder andere wollen gar nicht hinhören. Sie lassen sich nicht gern kritisch hinterfragen. Ach was! Ich lebe, wie es mir passt und tue, wozu ich Lust habe.

Die Predigt des Johannes dürfte auch damals nicht bei allen auf Begeisterung gestoßen sein. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die auch zu ihm hinausgepilgert waren, weil sie mal hören wollten, was der zu sagen hat, den alle für einen Propheten halten, hatten wahrscheinlich keinen Spaß daran, als Teufelspack oder Schlangenbrut bezeichnet zu werden. Und König Herodes, den der Täufer auch nicht ausnahm bei seiner kritischen Betrachtung, ließ ihn schließlich bald darauf verhaften. Er hatte ja die Macht dazu. Er sperrte Johannes einund hinderte ihn so daran, seinen Auftrag auszuführen: Prediger zu sein in der Wüste, Bote Gottes, der zur Ehrlichkeit und Umkehr mahnt und der den geraden Weg empfiehlt.

Immerhin, nicht alle kehrten Johannes empört den Rücken. Nicht jeder regte sich auf über den Wüstenprediger. Was der sich einbildet und rausnimmt. Lukas berichtet, dass da nicht wenige waren, die von den Worten des Johannes getroffen und betroffen waren und fragte: Was sollen wir denn tun?

Sicher stand da so manchem ganz Konkretes vor Augen, was nicht in Ordnung war in seinem Leben: Die Soldaten dachten an die gemeinen Spielchen, die sie oft mit verängstigten Bürgern trieben. An die Drohungen, Erpressungen, Misshandlungen. Den Zöllnern kam ihre doppelte Buchführung in den Sinn. Wie sie mit überzogenen Gebühren ihr Gehalt aufgebessert hatten. Die Kaufleute erinnerten sich an die kleinen miesen Tricks, mit denen sie sich so oft einen Vorteil verschafften und Kunden über den Tischzogen. Und die Leute aus dem Volk erkannten, dass sie doch meistens nur an sich gedacht hatten und an so mancher Not vorbeigegangen waren, ohne zu helfen. Sie erkennen ihre Schuld vor Gott.

Betroffen stellen sie alle die Frage: Was sollen wir tun? Du hast ja recht! Wir haben gegen den Willen Gottes, gegen seine Gebote gehandelt. Aber das lässt sich doch nicht rückgängig machen. Stehen wir jetzt im Gericht? Sind wir jetzt dem Zorn Gottes ausgeliefert, verdammt, verloren?

Aber echte Bußpredigt hat nie den Sinn zu verdammen. Sie will zum Umdenken und zum Umkehren bewegen. Sie Verhaltensänderung zum Ziel. Es geht nicht um frommen Schein, sondern um rechtes Tun: Gebt was ab, von dem, was ihr habt, empfiehlt Johannes den Menschen. Missbraucht eure Macht nicht, ist seine Mahnung an die Soldaten. Bleibt ehrlich, fordert er von den Zöllnern und Kaufleuten.

Und so soll und kann auch jeder unter uns, vom Wort Gottes getroffen, fragen: Was soll ich denn tun? Was sollte ich denn künftig anders machen oder lassen? Ich bin mir sicher, dass der Geist Gottes jedem, der ehrlich so fragt, erstens aufdeckt, was nicht recht ist und zweitens zeigt, wie das anders geht. Den Eheleuten, den Kindern, den Eltern, den Lehrern und Pfarrern, den Schülern, Verkäufern, den Kunden.

Gott erwartet von uns allen mehr Ehrlichkeit, mehr Liebe, mehr Gottvertrauen. Weniger Egoismus, weniger Hochmut, weniger Neid. Mehr Zufriedenheit, mehr Dankbarkeit, mehr Mitgefühl. Weniger Gleichgültigkeit, weniger Zweifel, weniger Sorgengeist. Er will sich nicht aus diesen Steinen Kinder erwecken, sondern er will, dass wir aufwachen und anfangen zu verstehen, was es heißt, ein Gotteskind zu sein. Wir sollen erkennen, dass unser Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist und nicht ein Arbeitstier, ein Lastesel oder ein Lustgenerator.

Gott will mit seinem Aufruf zu Umkehr dem Bösen wehren und unser Miteinander verbessern und erneuern. Wie viel Streit gibt es wegen Kleinigkeiten! Wie viele Zerwürfnisse weil man beleidigt wurde oder beleidigt hat. Wie viele Tränen, weil lieblos und unüberlegt geredet wurde.

Ob Johannes wirklich glaubt, dass solche Apelle was nützen? Ohne ein vorausgehendes Geschehen werden sie wirkungslos bleiben. Das weiß auch Johannes. Darum bringt er ein entscheidendes Wort ins Spiel: Vergebung. Ihr braucht Vergebung eurer Sünden. Beugt euch vor Gott. Bekennt eure Schuld. Lasst euch von Gott die Sünden abwaschen. Johannes fordert zu einer symbolischen Handlung auf: Kommt hier zu mir in den Jordan. Steigt in den Fluss! Beugt euch! Lasst euch untertauchen, damit das fließende Wasser allen Schmutz und Staub von euren Körpern spült. – Wenn ihr dann wieder aus dem Fluss ans Ufer steigt, seid ihr gereinigt und erfrischt.

Und wenn ihr das getan habt, weil ihr euch schuldig gebt und Gott um Vergebung eurer Sünden bittet, dann dürft ihr auch wissen, dass er Euch alle Sünden abgewaschen hat. Dann dürft ihr ganz neu beginnen. Ohne Altlasten. Ohne schlechtes Gewissen. Dann dürft ihr Gott danken, fröhlich glauben, mutig handeln, tun, was dem Frieden dient.

Johannes weist nach seiner Bußpredigt auf den hin, der nach ihm kommt. Auf Jesus, der nicht mit Wasser sondern mit Heiligem Geist und mit Feuer tauft. Und Jesus wird später sagen: Siehe ich mache alles neu!

„Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.“ Versichert uns Paul Gerhardt. Seine etwas abgewandelte Adventsfrage lautet nicht: Was sollen wir tun? Sondern: Wie soll ich dich empfangen und wie begegn‘ ich dir?

Die Antwort kann doch nur lauten: Ehrlich, mit Vertrauen, demütig. Mit der Erwartung, dass er uns nach seinem Plan verändert und erneuert. Er tut es, wenn wir ihn bitten! Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168