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Predigt vom 25.06.2023, Kreuzkirche Bayreuth: Jona 4

Liebe Gemeinde,

mit einem Menschen, den wir lieben, sind wir nie fertig – so lange wir ihn lieben. Die Liebe befreit uns immer wieder aus den fixen Bildern, die wir uns voneinander machen. Du sollst dir kein Bildnis machen, das gilt unbedingt für eine Ehe und feste Beziehung. Und das gilt natürlich erst recht für Gott. Die meisten Menschen haben eine ganz bestimmte Vorstellung von ihm. Darf sich das auch verändern? Oder lieben wir das Bild, das wir uns von Gott gemacht haben, mehr als Gott selbst?

Wir hören den Schluss des Buches Jona:

Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie aumkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.
4 1 Das aber verdross Jona sehr, und er ward zornig
2 und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, adass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.
3 So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben.
4 Aber der HERR sprach: Meinst du, dass du mit Recht zürnst?
5 Und Jona ging zur Stadt hinaus und ließ sich östlich der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte; darunter setzte er sich in den Schatten, bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde.
6 Gott der HERR aber ließ einen Rizinus wachsen; der wuchs über Jona, dass er Schatten gab seinem Haupt und ihn errettete von seinem Übel. Und Jona freute sich sehr über den Rizinus.
7 Aber am Morgen, als die Morgenröte anbrach, ließ Gott einen Wurm kommen; der stach den Rizinus, dass er verdorrte.
8 Als aber die Sonne aufgegangen war, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen, und die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er matt wurde. Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben.
9 Da sprach Gott zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst um des Rizinus willen? Und er sprach: Mit Recht zürne ich bis an den Tod.
10 Und der HERR sprach: Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb,
11 und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?

I. Ein Gott, der anders ist

Ich möchte kurz die Erzählung von Jona in Erinnerung rufen. Jona hat einen Auftrag von Gott. Er soll der Stadt Ninive sagen: »Gott duldet euer Unrecht nicht länger. Es ist bald aus mit euch.« – Jona scheut sich, diesen Auftrag Gottes anzunehmen. Er flieht in die entgegengesetzte Richtung. Er gerät auf hoher See in einen Sturm. Er wird über Bord geworfen und von einem großen Fisch gerettet und an Land zurückgebracht. – Jona geht erneut nach Ninive. Er richtet den Leuten aus, was Gott geboten hatte. Erstaunlicherweise nehmen sich die Menschen in Ninive zu Herzen, was Jona sagt. Sie wenden sich ab von ihren bösen Wegen.

»Und Gott reute das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.« Gott hat gesehen, dass die Menschen ihren Sinn und ihr Leben geändert haben. Und auch Gott hat seinen Sinn geändert. Er hat Ninive leben lassen.

Das kann Jona nicht verstehen. Vielleicht war ihm das Ganze von Anfang an nicht geheuer. Erst lässt Gott ihn Gericht ankündigen, und dann lässt er Gnade walten. Das passt nicht in Jonas Bild von Gott. Das ist doch nicht konsequent! Wie soll man da wissen, wo man dran ist?

Das verdrießt Jona sehr, und er wird zornig. Immerhin sagt er Gott, was ihn so zornig sein lässt. »Ach, HERR«, beginnt er. Doch in seiner Klage ist er ganz bei sich. In den folgenden Sätzen sagt er fünfmal »ich«, und dann noch »mein« und »mir«: »Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist. … So nimm nun, HERR, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben.«

Der Mann ist wirklich sauer. Er versteht Gott nicht mehr. Jetzt ist Gott auch noch gegen die Fremden »gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte«! Die guten Worte aus den alten Gebeten seines Volkes werden in Jonas Mund zur bitteren Anklage. »So nicht, Gott! Da spiele ich nicht mehr mit! Dann möchte ich lieber tot sein als leben!«

II. Ein Gott, der geduldig Fragen stellt

Manchmal müssen sich verzweifelte Menschen erst einmal Luft machen. Alles hinausschreien, was ihnen zu schaffen macht, alles aussprechen, was sie bedrückt.

Jona darf sich Luft machen. Jona darf aussprechen, darf zu Gott hinschreien, was er nicht versteht und womit er nicht einverstanden ist.

Es klingt rechthaberisch, was Jona sagt, und ichbezogen ist es auch. Gott hört sich alles an. Und er stellt eine feinsinnige Frage: »Meinst du, dass du mit Recht zürnst?« – Doch es folgt kein Schlagabtausch darüber, was vor Gott recht ist und was nicht. Ganz wörtlich heißt es an dieser Stelle: »Ist es gut, dass es dir so entbrannt ist vor Zorn?«

Jona ist ganz bei sich und voller Zorn. Gott reagiert nun aber nicht beleidigt, sondern ist in seiner Gegenfrage ganz bei Jona! »Ist dein Zorn wohl gut für dich?« – Anders gesagt: »Jona, dein Zorn tut dir nicht gut. Er schadet dir eher!« Doch kleidet Gott das, was Jona lernen soll, in eine behutsame Frage.

Gott stellt Fragen. Wer Fragen stellt, räumt Zeit ein für eine Antwort. Wer Fragen stellt, macht keine Ansage von oben herab, sondern lässt Zeit zur Einsicht. Wer Fragen stellt, erzwingt nichts, sondern hofft darauf, dass ein Herz sich wendet.

Gott stellt Fragen. Gott hatte nicht nur Erbarmen mit Mensch und Vieh in Ninive, sondern er ist auch geduldig mit seinem Jona.

Jona war mit Gott mehr oder weniger fertig. Doch Gott ist nicht fertig mit Jona.

III. Ein Gott, der sich etwas einfallen lässt

Wer Fragen stellt, geht das Risiko ein, dass es mit der Antwort etwas länger dauert. Bei Jona dauert es auch etwas länger. Die Frage, die Gott ihm stellt, hat er überhört oder will sie überhören. Stattdessen geht er stur zum Stadtrand. Er sucht sich einen Platz, von wo er alles überblicken kann. Er kann sich immer noch nicht vorstellen, dass mit Ninive nichts passiert. Jona wartet ab. Bestimmt kommt noch was.

Auf seine Frage hat Gott keine Antwort bekommen. Es sieht so aus, als sei Jona im Moment mit Worten nicht zu erreichen. Zu sehr ist sein Herz verhärtet. Viel zu sehr ist er bei sich.

Doch weiterhin liegt Gott viel an seinem Jona. Darum wählt er eine andere Methode. Er »bestimmt« einen Rizinus. Das ist eine sehr schnellwachsende Staude.

Gott kann bestimmen. Im Verlauf der Geschichte hatte Gott schon öfter etwas bestimmt. Gott hatte bestimmt, dass der Sturm aufkommt. Gott hatte dann, als sie Jona ins Meer warfen, bestimmt, dass der große Fisch zur Stelle war. Jetzt bestimmt Gott einen Rizinus, dass er aufwächst, wo Jona gerade ist.

Die Staude soll Schatten spenden, damit es Jona gut hat. So tut Gott Gutes. Jona freut sich über den Schatten, freut sich sogar sehr, heißt es. Aber er weiß nicht, dass Gott ihm die Staude hat wachsen lassen.

Schön, wenn Jona sich auch einmal freut. Aber es geht Gott noch um mehr! Damit Jona etwas lernen kann, bestimmt Gott einen Wurm, dessen Stich der Staude den Garaus macht. Und so, wie die Staude gewachsen war und dem Jona ein Blätterdach bot, so fällt die Staude am nächsten Tag in sich zusammen, und der Schatten ist dahin. Und es kommt für Jona noch schlimmer. Ein Ostwind kommt auf. Auch den hat Gott bestimmt. Für Jona wird es nun unerträglich: »Da wünschte er sich den Tod und sprach: Ich möchte lieber tot sein als leben.«


IV. Ein Gott, der sich ins Herz sehen lässt

Das sagt Jona. Ob er weiß, was er da sagt? Ob er weiß, dass Gott genau das Gegenteil will? – Gott will, dass Jona leben kann. Dass Jona auflebt, dass Jona nicht länger zürnt, dass Jona sich auf etwas Besseres besinnt.

Noch einmal stellt Gott eine Frage: »Meinst du, dass du mit Recht zürnst um des Rizinus willen?« Aber ja, bestätigt Jona trotzig. Fast sehen wir ihn mit dem Fuß aufstampfen. Er ist ganz auf sich fixiert, pflegt seinen Ärger. Gott fragt ihn, aber Jona antwortet nicht mehr. Gott beschenkt ihn und beschützt ihn, aber Jona denkt nur an sich und was ihm das Leben schwermacht. Gott ist sich nicht zu schade, mit dem mürrischen Propheten zu ringen, aber Jona bleibt beharrlich: diesem Gott leiht er seine Stimme nicht mehr. Er ist geistlich abgestumpft.

Aber Gott stellt Jona noch eine Frage. »Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb…«, so beginnt Gott. »Um den Rizinus machst du dir Gedanken, Jona. Der geht dir innerlich nahe. Und dabei ist es nur ein Strauch. Du hast ihn nicht einmal gepflanzt, auch nicht versorgt. Der Rizinus war eine kleine Freude, die ich dir gemacht habe. Du konntest dich eine Zeitlang an der Staude freuen. Und jetzt geht dir die Staude innerlich so nahe.«

Und Gott fährt fort, sagt zu Jona, was ihm innerlich nahe geht, was ihn »jammert«, wie es die biblische Sprache so schön sagt. »Dich jammert der Rizinus, … und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was links und rechts ist, dazu auch viele Tiere?«

Ein drittes Mal fragt Gott seinen Jona. Zweimal hatte Gott die Frage gestellt: »Ist dein Zorn gut für dich?«

Nun fragt Gott ihn noch etwas anderes Wichtiges: »Jona, was geht dir innerlich nahe? Wenn der Rizinus etwas bei dir ausgelöst hat, Jona, dann ist das gut! Dann bist du innerlich noch nicht ganz und gar verhärtet. Dann kannst du vielleicht auch ein bisschen etwas davon spüren, wie mir meine Geschöpfe am Herzen liegen. Es ist mir nicht gleichgültig, wie sie miteinander umgehen. Und wenn meine Geschöpfe sich von einem bösen Weg auf einen besseren Weg wenden, bewegt mich das zutiefst!

Darum habe ich mich auch selbst bewegt. Und ich habe nicht getan, was ich ursprünglich wollte. Ich habe die Menschen in Ninive am Leben erhalten. Und das ist dann auch den vielen Tieren zugutegekommen.

Dass die Menschen in Ninive umgekehrt sind von ihrem bösen Weg, das war mir die größte Freude. – Wie ist das für dich, Jona, wenn du das hörst?«

V. Wie endet die Geschichte? – Soll sie enden?

Jetzt wüssten wir gerne, was Jona darauf geantwortet hat. Doch mit der Frage Gottes an Jona, was ihn innerlich anrührt, endet die Geschichte. »Schade,« könnten wir sagen, »jetzt wissen wir nicht, wie es ausgeht.«

Wir könnten aber auch überlegen: »Was hätte ich geantwortet an Jonas Stelle?«

Jonas Geschichte wiederholt sich übrigens, spätestens bei den Zeitgenossen von Jesus. Auch sie sind zornig, weil Jesus mit Menschen isst, die sie in Gottes Reich nicht erwarten. Jesus lädt sie ein zur Mitfreude. Aber sie sind neidisch. Wie z.B. der Bruder des sog. Verlorenen Sohnes. Oder die Pharisäer und Schriftgelehrten. Es sind alles Menschen, die ganz nah dran waren an Gottes Liebe, aber nicht bereit, Gottes Großzügigkeit mit anderen zu teilen.

Jonas Geschichte ist keine Abenteuergeschichte, die wir gemütlich lesen und dann zur Seite legen. Sie fordert uns heraus, uns selbst zu prüfen.

Ich möchte heute ganz bewusst mit Fragen enden, weil das Jonabuch auch mit einer Frage endet:

Werden wir mit Gott im Gespräch bleiben, auch wenn er uns Fragen stellt, statt Antworten zu geben?

Werden wir mit ihm verbunden bleiben, auch wenn sein Tun uns fremd scheint, wenn wir ihn nicht verstehen?

Werden wir am Ende einkehren in den Raum seiner Barmherzigkeit? Amen.

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de