Die Welt am Ende – die Christen am Anfang
Zur PDF2. Advent 08.12.2019 Lukas 21, 25-33
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: …Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Was wir hier machen, passt überhaupt nicht in unsere Zeit und in unsere Gesellschaft. Für die meisten Menschen ist die Vorstellung abwegig, am Sonntagvormittag zur Kirche zu gehen und einen Gottesdienst zu feiern. Sie schlafen lange, frühstücken gemütlich oder gehen gleich brunchen. Vielleicht besuchen sie jemanden oder bekommen Besuch, sind am Computer oder in den sozialen Netzwerken. Aber Gottesdienst kommt ihnen nicht in den Sinn. Das hat mit Ausnahme ihrer Konfirmandenzeit nie zu ihrem Sonntagsprogramm gehört. Und manche, die früher mal mit den Eltern kamen haben es sich längst abgewöhnt. Das geht schnell. Erst bleibt man ab und zu mal weg und dann kommt man nur noch ab und zu…
Sie, liebe Gemeinde, sind trotzdem hier. Das ist gut! Nicht nur für mich und den Klingelbeutel. Auch für Sie. Denn hier und jetzt geht es um ganz wichtige Termine und Aussagen. Diese Stunde am Sonntagmorgen ist ein Termin mit Gott. Und der hat Ihnen und mir Wichtiges zu sagen über die Gegenwart und die Zukunft, über die Weltlage und die Machtverhältnisse.
Draußen herrschen völlig falsche Vorstellungen von Advent und Weihnachten. Hier befassen wir uns mit dem wirklichen Sinn dieser Zeit. Advent. Es kommt etwas auf uns zu. In letzter Zeit tun sich Möglichkeiten auf, geschehen Entwicklungen, lassen sich Tendenzen erkennen, die das Leben der Menschheit völlig verändern werden. Man spricht von künstlicher Intelligenz. Alles wird automatisiert. In vielen Bereichen werden bald keine Menschen mehr gebraucht. Der kluge Mensch entwickelt sich weg. Er macht sich überflüssig.
In einer digitalisierten Welt fahren Züge und Busse, PKWs und LKWs autonom. Für Kommunikation und Information spielen Zeiträume und Entfernungen keine Rolle mehr. Falsche Nachrichten und manipulierte Bilder können mühelos in der Welt verbreitet, – aber nie wieder aus der Welt geschafft werden. Stürme, Unwetter, Feuer, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Naturkatastrophen aller Art nehmen zu. Der Meeresspiegel steigt und das Klima verändert sich. Vieles ist menschengemacht!
Die Menschheit ist gespalten. Die einen kümmern sich nicht darum, leben ihr Leben, ohne sich um die düsteren Prognosen zu kümmern. Sie machen sich keinen Kopf, genießen ihr Leben, verdrängen Ängste und halten alle Warnungen für übertriebene Panikmache und grundlose Hysterie.
Die anderen befassen sich ernsthaft damit. Selbst Schüler gehen auf die Straße und demonstrieren, weil sie das Schlimmste befürchten, ihre Zukunft bedroht sehen und wachrütteln wollen. Sie befürchten, dass unsere Welt, wenn wir nicht sofort und massiv umdenken und unser Verhalten verändern, bald kein guter Lebensraum für Mensch und Tier mehr sein kann. Sie ahnen, dass unsere Existenz auf dem Spiel steht. Viele stehen ratlos dazwischen und wissen nicht, was sie denken, dazu sagen oder wem sie glauben sollen.
Als Grundlage für die Predigt heute sind Verse aus dem 21. Kapitel des Lukasevangeliums vorgesehen, die dazu Wichtiges zu sagen haben. Das Kapitel trägt die Überschrift: Jesu Rede über die Endzeit. – Endzeit, die Zeit, in der die Welt und mit ihr die Menschen auf ein Ende zusteuern. Hören wir auf dem Hintergrund unserer Lebenswirklichkeit, was Jesus über diese letzte Zeit zu sagen hat. Lukas 21, 25-33:
Es werden Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen und auf Erden wird den Völkern bange sein und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: Wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.
Als ich über diese Sätze nachgedacht habe, wurde ich zunächst an meine Jugend erinnert. Schon als Schüler war ich begeisterter Zweiradfahrer. Allerdings musste damals zwischen den zwei Rädern ein Motor sitzen. Es musste nach Benzin riechen und Lärm machen.
Eines meiner ersten Fahrzeuge dieser Art, war ein Moped, Baujahr 1957 mit etwas mehr als einer Pferdestärke. Offiziell 40 km/h schnell. Tatsächlich etwas schneller. Auch für einen Schüler in der Anschaffung und im Unterhalt erschwinglich. In den Tank passten dreieinhalb Liter Zweitaktbenzin. Da war bei damaligen Spritpreisen mit Dreimarkfünfzig vollgetankt und man konnte wieder gut 100 Kilometer weit fahren.
Wenn der Tank leer wurde passierte kurz vorher Folgendes: Ohne dass man etwas dazu tat, drehte der Motor plötzlich kurz hoch, heulte auf, um dann anschließend auszugehen. Bevor man reagieren konnte, stand das Ding still. Passierte das in voller Fahrt, wurde das Fahrzeug auf einmal von selber schneller, so als ob es mehr Leistung hätte, aber nur kurz, dann ging nichts mehr. Man konnte gar nichts dagegen machen.
So kommt mir die Welt in unserer Zeit vor. Als ob alles noch mal hochdreht und sich beschleunigt. Nicht nur die Konjunktur überhitzt, auch Forschung, Entwicklung und Produktion. Aber auch Umweltveränderungen, Artensterben und Verschmutzung der Erde nehmen unkontrolliert zu. Und niemand ist in der Lage das aufzuhalten. Die einen wollen gar nicht, weil sie es nicht für nötig halten, die anderen würden gerne, aber wissen nicht wie. Die Daten, Zahlen und Fakten kann ich Ihnen hier ersparen, die hören sie täglich in den Medien.
Die Welt dreht hoch, heult auf. Alles beschleunigt sich. Man kann als Einzelner gar nichts dagegen machen. Aber das ist keine gute Nachricht, denn so ein hochdrehendes Aggregat, läuft heiß, überhitzt und das ist ein Vorbote des Absterbens.
Jesus fordert dazu auf wahrzunehmen, was geschieht, wach zu sein und die Zeichen der Zeit zu sehen. Im Gleichnis von den törichten und klugen Jungfrauen ist die Botschaft, vorzusorgen und genug Öl zu haben, damit die Lampen nicht ausgehen. Hier der Blick Jesu in die Natur und die Aufforderung ihre Zeichen wahrzunehmen zu deuten und dementsprechend zu handeln. Das macht ihr doch sonst auch, sagt Jesus. Ihr seht im Frühling einen Obstbaum aufblühen und stellt euch drauf ein, dass bald der Sommer kommt. Ihr bereitet euch auf die heiße Jahreszeit vor, sammelt Wasser in Zisternen, haltet Arbeitsgerät bereit, führt die Tiere auf die Weide.
Jesus überträgt das auf den Glauben. Wenn ihr den Eindruck habt, dass alles durcheinander gerät, dass auch die Ordnungen der Natur und die Kräfte des Himmels nicht mehr zusammenspielen, wenn alles bedrohlich wird, dann sollt ihr wissen, dass das Ende nicht weit ist und dass das Kommen des Menschensohnes, die Wiederkunft Christi nicht mehr lange auf sich warten lässt.
Jesus fordert weder zur Panik auf, noch zur Flucht, auch nicht zu Resignation und Verzweiflung, sondern dazu, mit aller Konzentration und mit höchster Priorität auf ihn zu sehen. Warum? Weil er unsere Zukunft ist, unser Erlöser. Der, der uns löst aus unbeherrschbarer Angst und aus Hoffnungslosigkeit. Christen, die mit Jesus rechnen, müssen nie den Kopf hängen lassen. Sie dürfen und sollen aufsehen. Kopf hoch nehmen! Nach vorne schauen heißt für Menschen, die mit Gott rechnen, auf Gottes Zukunft vertrauen und daraus Trost und Hilfe erwarten. Wir sollen uns bereit machen für die Begegnung mit dem kommenden Herrn.
Wer nur auf die Bedrohungen sieht, der wird verrückt vor Angst. Der rackert sich ab, um die Welt zu retten und schafft es nicht. Ja, wir sollen tun, was uns möglich ist, um die Nöte der Erde zu verringern. Jeder Christ ist es seinem Schöpfer und den nachfolgenden Generationen schuldig, dass er mit der anvertrauten Erde so gut wie möglich umgeht, auch wenn zu befürchten ist, dass das nicht ausreichen wird.
Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Mag sein, dass der jüngste Tag Morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“
Martin Luther hat ja bekanntlich behauptet, dass er noch ein Obstbäumchen pflanzen würde, auch wenn er wüsste, dass morgen die Welt untergeht. Als Menschen, die das Wort Gottes ernst nehmen wissen wir auch, dass Himmel und Erde einmal vergehen werden. Nur eines wird nicht vergehen: Die Worte Gottes. Wie man an diesen Versen sehen kann, sind sie hochaktuell, obwohl sie schon fast 2000 Jahre alt sind.
Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er sich an etwas festhalten will, was mit untergeht oder an dem, was nicht vergeht. Wer angesichts der Weltlage ahnt, dass eine letzte Zeit angebrochen ist, der müsste doch so klug sein, den Glauben wirklich wichtig zu nehmen, mit dem Erlöser Verbindung aufzunehmen und in Verbindung zu bleiben, sich nach Vergebung seiner Sünden auszustrecken, Gottes Willen zu tun und seine Gerechtigkeit zu suchen.
Menschen, die die Zeichen der Zeit sehen und richtig deuten, die müssten die Gottesdienste stürmen, zum Abendmahlstisch drängen, um Vergebung bitten und ihr Leben in Ordnung bringen. Aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Aufsehen auf den kommenden Herren, den Erlöser, der allein für eine gesicherte Zukunft sorgen kann.
Wer das tut, der ist von Gottes guten Mächten geborgen und wird gehalten. Auch wenn Tag für Tag neue erschreckende Ereignisse geschehen und uns mit Bild und Ton ins Haus geliefert werden. Dann sollen wir uns an die Worte Jesu erinnern: Wenn aber das anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Wenn wir Wort Gottes als die Wahrheit annehmen, können wir unaufgeregt tun, was nötig und möglich ist. Wir haben keinen Grund uns mit unserem Glauben zu verstecken. Im Gegenteil, wir haben die Aufgabe, die zu erinnern, die den kommenden Herrn vergessen haben.
Noch einmal: Hebräer 12, 2: Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens. Das Aufsehen richtet sich an den, der uns hilft durchzuhalten und das Ziel zu erreichen. Niemand von uns hat sich den Glauben selbst gegeben. Da hat Gott durch Menschen einen Anfang gelegt. Vielleicht schon im Kleinkindalter durch das, was die Oma oder eine Mitarbeiterin des Kindergottesdienstes oder ein Jungscharleiter weitergegeben hat. Jesus verspricht diesen Anfang fortzuführen und aus dem guten Anfang ein noch besseres Ende zu machen, wenn wir auf ihn sehen und hören. Im 1. Petrusbrief nimmt der Jünger das auf und verspricht: „Ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.“ Zielstrebig und Zielorientiert leben ist unsere Aufgabe. Daran werden wir in diesen Tagen vor Weihnachten allem Treiben draußen zum Trotz erinnert.
Das rückt die Adventszeit mit ihren Liedern und Texten wieder in den Blick: Das gute Ende. Den Sieg Gottes, das Ende allen Leids. Wenn wir nicht nur hören, sondern das Gehörte auch tun, ist das auch ein Aufsehen auf Jesus. Ein vertrauen, dass er aus unserem Scheitern und Versagen etwas machen kann. Seine Kraft ist in unserer Schwachheit mächtig. Nicht unser schwacher und kleiner Glaube bewirkt das, sondern die große Macht und Liebe, mit der uns der Herr begegnet.
Wer die Hand nach ihm ausstreckt und das Herz für ihn öffnet, wird herausgezogen aus dem Sumpf in dem er steckt, herausgerissen aus aller Verzweiflung, durchgebracht durch alle persönlichen Notlagen. Er sendet Zeichen der Hilfe.
Als ich gestern aus der Haustüre trat und auf den Durchgang zum Parkplatz zu ging, war ich bedrückt. Ich dachte: Ich bräuchte mal wieder ein klares Zeichen der Gnade Gottes. Nur ein kurzer Stoßseufzer zum Himmel. Dann ging ich zehn Schritte weiter durch den Durchgang. Mein Blick ging etwas nach links an den wolkenverhangenen Himmel Richtung Bayreuth. Da stand ein großer intensiver Regenbogen über Bayreuth. Gnadenzeichen! So macht der Herr das manchmal. Und wir können nur staunen danken und sagen:
Ach mache du mich Armen in dieser heil‘gen Zeit aus Güte und Erbarmen, Herr Jesu selbst bereit. Zieh in mein Herz hinein vom Stall und von der Krippen, so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168