Die Warum â Frage ist nicht alles
Zur PDFPredigt zu Lukas 13, 1-9 am Buß- und Bettag 2024, Kreuzkirche Bayreuth
Liebe Gemeinde,
wir hören auf den Predigttext für den heutigen Buß- und Bettag:
Es waren aber zu der Zeit einige da, die berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.
2 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben?
3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.
4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?
5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.
6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und besuchte Frucht darauf und fand keine.
7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?
8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn herum grabe und ihn dünge;
9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.
Unser Predigttext hat zwei Abschnitte: Da ist der Abschnitt vom Gespräch über die Ereignisse in Jerusalem und das Bild vom Feigenbaum. Schauen wir genau hin: Da kommen zunächst einige Menschen zu Jesus und erzählen die neuesten Nachrichten aus Jerusalem. Da gab es ein Massaker unter Pilgern aus Galiläa, wahrscheinlich im Tempelbezirk. Die Pilger opferten Tiere und wurden von den Soldaten des Pilatus niedergemacht. Pilatus war damals tatsächlich dafür bekannt, dass er grausam und hart regierte. Ein Menschenleben zählte nicht viel. Es wird nicht berichtet, mit welcher Absicht Jesus diese schrecklichen Neuigkeiten aus Jerusalem erzählt wurden. Wir können es nur aus der Antwort von Jesus schließen. Wahrscheinlich hatte die Nachricht an Jesus einen Unterton: »Schau mal, diese Galiläer müssen doch irgendwie besonders schuldig gewesen sein. Sonst wäre ihnen so etwas Schreckliches nicht passiert.« Man muss dazu wissen: In Israel galt damals die Regel: Alles hat seine Ursache. Wem etwas Schlimmes passiert, der hat etwas Schlimmes getan. Von nichts kommt nichts. Jesus setzt dann sogar selbst noch eins drauf. Er spielt auf ein zweites Unglück in Jerusalem an. Wahrscheinlich ist hier ein Turm der Stadtbefestigung beim Teich Siloah zusammengestürzt und hat Menschen unter sich begraben. Womit hatten die Opfer das verdient? –
Vielleicht ist diese Frage gar nicht so weit weg von uns heute: Womit hat sie oder er verdient, eine so schwere Lebenserfahrung durchmachen zu müssen? Wir kennen bestimmt auch Menschen in unserem Umfeld, die schwere Zeiten durchmachen. Womit hat er oder sie das verdient? Sind wir vielleicht besonders schuldig, wenn uns etwas Schlimmes passiert? Schlägt dann das Schicksal zu oder vielleicht sogar Gott? Warum geschieht so schreckliches Leid auf dieser Welt? Das ist die Frage, die hier berührt wird. Ich denke an die vielen zivilen Opfer in Kriegen. Ich denke an so manche Sterbende in den Krankenhäusern auch unserer Stadt. Ich denke an so manchen Notfallseelsorgeeinsatz aus meinen zurückliegenden Berufsjahren. Immer wieder sagen mir Angehörige später, dass selbst nach vielen Jahren der Schmerz immer wieder da ist. An besonderen Tagen, in bestimmten Momenten. Und da können die alten Fragen immer wieder aufsteigen: Warum, warum wir?
Jesus gibt den Menschen damals zumindest in einer Hinsicht eine klare Antwort: Niemand ist besonders schuldig. Niemand ist selbst schuld am Leid, das ihm, das ihr widerfährt. Es ist Gottes Geheimnis. Manche Rätsel bleiben. Und wir haben keine Erklärung für das Warum. Wie sollen wir das Leid der Welt Gott erklären? Wir müssen ehrlich zugeben: Wir können die Frage nach dem Warum des Leides nur unbefriedigend beantworten. Wir können auf die bohrende Warum-Frage niemals zufriedenstellend antworten. Doch bitte kein Fehlschluss. Die Warum-Frage besitzt dennoch eine wichtige Funktion. Sie ist nicht verboten, auch nicht aus theologischer Sicht. Die Frage nach dem Warum gleicht dem helfenden Ventil. Sie hilft mir Luft abzulassen. Sie kann hilfreich für leidende Menschen, ihre Not auszusprechen. Selbst Jesus betet: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«
Wir sollen in unserer Not wissen: Jesus lässt uns auch da nicht allein. An Jesu Leidensgeschichte darf uns aufgehen, dass wir nicht allein leiden. Vielmehr durchlitt auch Jesus größte Qualen. Er versteht unsere Not. An Jesu Sterben kann uns deutlich werden: Jesus steht uns bei. Gerade in Jesu Schmerzen darf uns die Größe seiner Liebe aufgehen. Denn Jesus liebt uns nicht nur mit Worten, sondern mit seinem selbstlosen Leiden. Jesus bestätigt sein Reden durch sein Handeln. Ja, Jesus steht uns bei, auch wenn wir gar nichts merken. Auch wenn ich gar nichts fühle von seiner Macht, er hält mich doch auch im Unglück und schweren Zeiten.
Allerdings heißt das nicht, dass wir alle unschuldig seien. O nein! Jesus zeigt den Menschen damals und uns heute: Niemand ist mit Gott im Reinen! Niemand kann sagen: Bei mir ist alles in Ordnung, aber die/der andere hat das schlimme Schicksal verdient. So funktioniert das Leben und unser Glauben an Gott nicht: dass die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden. Nein, so nicht!
Der Predigttext aus dem Lukasevangelium zeigt uns: Es geht um uns selbst. Und es ist nicht unsere Aufgabe, auf andere zu zeigen. Sondern es geht darum, dass wir uns selber ehrlich anschauen und entdecken: Unser eigenes Leben kann in Gottes Augen nicht bestehen. Es ist, als ob dieses Bibelwort uns einen Spiegel vorhält und sagt: Sieh dir selber in die Augen!
Wie sollen wir Gott am Jüngsten Tag, wenn er Gericht hält, denn alles erklären? Wie sollen wir ihm auch unser kleines Leben erklären? Unseren Streit, unsere Unversöhnlichkeit, unsere Kleinlichkeit gegenüber anderen? Unser fehlendes Vertrauen zu ihm? Oder all die anderen wunden Punkte unseres Lebens? Wie willst Du Gott das alles erklären?
Im Gleichnis vom Feigenbaum malt Jesus das vor Augen: Gott fragt nach unserem Leben. Er fragt, was wir daraus gemacht haben.
Jesus erzählt: Ein Feigenbaum, der in Israel keine besondere Pflege braucht, wurde gepflanzt. Er trieb im Frühjahr Blätter. Er blühte, aber er brachte keine Früchte. Der Weinbergbesitzer hat drei Jahre hintereinander nach Früchten gesucht. Doch er fand in keinem Jahr auch nur eine Frucht. Alle Mühen waren umsonst. Das ist sehr ungewöhnlich. Das ist so außergewöhnlich, wie wenn bei uns drei Jahre lang kein einziger Apfel an einem Apfelbaum wächst. Sicher es gibt mal eine schlechte Ernte. Aber keine einzige Frucht. Drei Jahre lang – keine einzige Feige. Der Weinbergbesitzer musste zu der Erkenntnis kommen: Das Setzen des Baumes war wohl vergebliche Arbeit. Das Schneiden des Baumes unnötige Mühe. Die Nährstoffe, die er aus dem Boden zog, empfing er wohl umsonst. Alles für die Katz.
Jesus erzählt dieses Gleichnis, weil er nicht bei den bedrohlichen Schreckensmeldungen stehen bleiben will. Jesus will uns die Augen öffnen für die größere Bedrohung unseres Lebens: dass wir am Ende das Ziel verfehlen! Jesus sagt uns mit dem Gleichnis vom Feigenbaum: Ihr starrt auf das schlimme Unrecht, das andere erlitten haben oder euch passieren kann, und verliert dabei den Blick für die entscheidende Gefährdung eures Lebens! Darum lass dich fragen: Kann in deinem Leben Gutes wachsen? Bringst du dich mit deinen Gaben ein? Ob unser Leben in Gottes Augen wertvoll erscheint, entscheidet sich an der Frucht unseres Lebens. Ob wir sinnvoll unsere Tage verbringen, entscheidet sich daran, welchen Stellenwert wir dem Wort Gottes in unserem Leben einräumen. Wer in seinem Leben dem Samen des Wortes Gottes Raum gibt, wird auch Frucht bringen.
Doch dieser Feigenbaum in unserem Gleichnis brachte keine Frucht. Er behinderte das Wachstum der anderen Pflanzen im Weinberg. Er lebte auf Kosten der Weinstöcke, die in seiner Nähe wuchsen. Denn ein Feigenbaum saugt besonders viele Nährstoffe aus dem Erdboden. Was liegt da näher als einen völlig unfruchtbaren Feigenbaum abzuhauen und einen neuen Baum zu setzen, der Frucht bringt? Ein guter Obstplantagenbesitzer würde schon einen Baum fällen, der nur noch wenig Frucht bringt. Er steigert nach klaren Regeln der Betriebswirtschaft seinen Ertrag. Der Weinbergbesitzer im biblischen Gleichnis wartet dagegen drei Jahre. Nachdem er so lange gewartet hatte, fällt er ein gerechtes Urteil: »Haut ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft weg?« Nun tritt eine überraschende Wende ein. Einer, der im Weinberg arbeitet, bittet für den fruchtlosen Feigenbaum. Einer, der sich Tag für Tag in diesem Weinberg abmüht, legt Fürbitte für ihn ein. Der Weingärtner bittet den Weinbergbesitzer um etwas völlig Außergewöhnliches für den Feigenbaum. Er will ihn mit großem Einsatz über das gewöhnliche Maß pflegen. Er will nichts unversucht lassen, um den Feigenbaum doch noch zu retten. Er scheut keine Mühen, den Baum vor dem sicheren Untergang zu erretten. Genauso will Jesu Liebe uns zur Umkehr leiten. Jesu Liebe lässt nichts unversucht, damit in unserem Leben Frucht wächst. Jesus schenkt auch uns eine Gnadenzeit. Keine Galgenfrist vor dem sicheren Untergang, sondern eine wirkliche Zeit der Gnade und Gnadenzeit. Eine Zeit, wo wir unsere Lebensrichtung ändern können.
Jesus hat in dieser Beispielgeschichte von dem Feigenbaum den Schluss offengelassen. Jesus hat uns nicht berichtet, ob dieser Feigenbaum im nächsten Jahr Frucht getragen hat oder abgehauen wurde. Dieser offene Schluss will sagen: Gottes Tür steht heute für dich offen. Denn Gott will uns heute mit seiner Güte zur Umkehr leiten und so das schlimmste Unglück unseres Lebens vermeiden. Denn es kommt die Zeit, da hat seine Geduld ein Ende. Es kommt die Zeit, da wird ein fruchtloser Feigenbaum gefällt. Dieses Gericht gilt es zu vermeiden. Es gilt zu bedenken, was Dietrich Bonhoeffer sagte: »Alle Umkehr und Erneuerung muss bei mir selbst anfangen.« Das gilt alle Tage. Aber heute Abend ist eine besondere Gelegenheit dazu. Gründen wir uns neu auf Christus, dann brauchen wir gar keine Angst haben. Ihn und seine Nähe suchen und finden wir jetzt in der Feier des Abendmahls. Amen.
Bei Fragen oder Anregungen: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/ 41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de