Die Schlange und ich
Zur PDFInvokavit, 05.03.2017 1.Mose 3, 1-19
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Ein Wochenende im Jahr 2015. Sechs junge Leute verabreden sich zu einem Wochenende am Edersee im Sauerland. Sie kaufen einige Kisten Getränke, teilen sich die Kosten und starten fröhlich ihre Feier. Mit dem Bierkasten, den sie gekauft haben ist ein Gewinnspiel verbunden. Ein junger Mann öffnet eine Bierflasche und sieht auf der Innenseite des Kronkorkens, dass das der Hauptgewinn der Aktion ist: Ein Auto im Wert von 30.000 €.
Er beansprucht den Gewinn für sich allein. Er bekommt und nutzt das Auto. Aber eine junge Frau, die dabei war, klagt dagegen. Sie meint, der Gewinn hätte unter alle sechs Personen geteilt werden müssen. Das Landgericht in Arnsberg gibt ihr Recht. Der junge Mann muss ihr über 4.000 € zahlen. Kommentar dazu: Freunde sind die jungen Leute nun nicht mehr. Was mit einer fröhlichen Feier begonnen hatte, endete in Unfrieden und Zerstrittenheit.
Was ist da hineingekommen? Da war doch Freundschaft und Vertrauen, gute Gemeinschaft und ungestörtes Miteinander. Dann winkte ein großer Gewinn. Das Habenwollen war stärker als das Vertrauen und die Freundschaft. Obwohl ja niemand von den jungen Leuten eine Not hatte. Es war kein Bedarf da, aber eine Verlockung. Der eine wollte nicht teilen und die anderen wollten was abhaben. Was ist da hineingekommen? Wer hat da Zwietracht gesät?
Antworten auf diese Fragen finden wir nicht in den Prozessakten und nicht in psychologischen Gutachten. Die Antwort finden wir in einer ganz alten Geschichte, die auf den ersten Seiten der Bibel steht und die heute unser Predigttext ist. 1. Mose 3 steht die Geschichte vom Sündenfall. Da erfahren wir, wie das Böse, in Gottes gute Welt hineingekommen ist und wie es seitdem den Menschen schwer zu schaffen macht. Hören wir die alte und doch so aktuelle Geschichte, die sich in grauer Vorzeit, noch im Paradies ereignet hat:
Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott, der Herr gemacht hatte und sprach zu der Frau: „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ Da sprach die Frau zu der Schlange: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt sie auch nicht an, damit ihr nicht sterbt! Da sprach die Schlange zur Frau: „Ihr werdet keineswegs sterben, sondern Gott weiß: An dem Tag, an dem ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie merkten, dass sie nackt waren. Da flochten sie sich Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze. Am Abend, als der Tag kühl geworden war, hörten sie Gott den Herrn, wie er im Garten ging. Da versteckte sich Adam mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes, des Herrn, unter den Bäumen im Garten. Und Gott, der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Adam antwortete: “Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ Gott sprach: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du wohl gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du sollst nicht davon essen?“ Da entgegnete Adam: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ Da sprach Gott, der Herr zu der Frau: „Warum hast du das getan?“ Die Frau sprach: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“ Da sprach Gott, der Herr zu der Schlange: „Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Staub schlucken dein Leben lang. Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse beißen.“ Und zur Frau sprach der Herr: „Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Du wirst dich nach deinem Mann sehnen, aber er wird dein Herr sein.“ Und zum Mann sprach Gott: „Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen! – verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ Und Adam nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott, der Herr machte Adam und seiner Frau Kleider aus Fellen und zog sie ihnen an. Und er sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!“ – Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.
Da lebten also die ersten Menschen in Freundschaft und Vertrauen mit Gott im Paradies. Sie hatten alles, was sie brauchten in Hülle und Fülle. Schönste Früchte und Genüsse, herrliche Umgebung. Freude, gutes Miteinander und eine ungestörte Beziehung zu ihrem Schöpfer. Der gab ihnen alles, was sie brauchten und war jeden Tag für sie da. Er hörte sie an, sprach mit ihnen und sie hörten auf ihn und waren bei ihm geborgen.
Bis da etwas hineinkam, was diese wunderbare Gemeinschaft störte und beinahe völlig zerstörte. Sie wollten alles haben, alles für sich und ohne Gott, ja gegen Gott. Die Schlange hatte der Eva versprochen: An dem Tag, an dem ihr von dem Baum in der Mitte des Gartens esst, werden eure Augen geöffnet und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Zunächst wehrt sich Eva und will das Verbot Gottes respektieren. Aber da ist das Begehren in ihrem Herzen. Ein giftiger Pfeil hat sie getroffen. Vielleicht hat ja die Schlange Recht? Vielleicht meint Gott es ja gar nicht gut mit uns. Vielleicht will er uns nur etwas vorenthalten. Wenn ich von der Frucht esse, dann bin ich vielleicht gar nicht mehr abhängig von Gott, dann brauche ich ihn gar nicht mehr und bin selber wie Gott. Die Schlange hatte es doch versprochen: Ihr werdet sein wie Gott!“
Sie hörten auf den Teufel und nicht auf Gott und brachten sich dadurch um das Paradies. Das ist so geblieben bis heute. Der Mensch, der mehr auf den Teufel hört als auf Gott, bringt sich um das Paradies. Darum hat Jesus in sein zentrales Gebet, das Vaterunser, die Bitte hineingeschrieben, die gegen alle Versuchungen gerichtet ist: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“
Martin Luther sagt dazu: „Aus dieser Bitte lernen wir, dass Christen auf Versuchungen nicht nur vorbereitet sein müssen, sondern mit Sicherheit täglich damit rechnen sollen, ohne Unterlass angefochten zu werden. Niemand darf so selbstsicher und unachtsam dahingehen, als sei der Teufel noch weit entfernt. Stattdessen müssen wir seine Schläge erwarten und uns ihm wiedersetzen. Auch wenn ich im Augenblick keusch, geduldig oder freundlich bin und fest im Glauben stehe, so wird der Teufel doch zur selben Stunde einen Pfeil ins Herz schießen, dass ich kaum standhalten kann. Denn er ist ein solcher Feind, der nie ablässt oder müde wird, und wo eine Anfechtung aufhört, da stellt sich sofort eine neue ein.
Darum gibt es keinen anderen Trost, als von Herzen zu Gott zu reden: „Lieber Vater, du hast mir befohlen zu beten, so bitte ich: Lass mich in dieser Versuchung nicht zu Fall kommen!“ Dann wirst du erleben, dass die Versuchung schwächer wird und endlich überwunden werden kann. Wenn du stattdessen wagst, dir mit eigenem Rat oder Nachdenken zu helfen, wirst du es nur noch schlimmer machen und dem Teufel Raum geben. Denn er hat einen Schlangenkopf, der überall hineinschlüpfen kann, wo er eine Lücke findet, und dann folgt unaufhaltsam sein ganzer Leib nach. Das Gebet aber kann ihm wehren und ihn zurücktreiben.“ (Der Große Katechismus, von dem Gebete, 1529, WA 30.1, 209, 30-210,14)
Das Gebet ist die einzige Waffe gegen den Versucher, die wir haben. Das Reden mit Gott. Ihn bitten, dass er den Bösen abhält. „Mit unserer Macht ist nichts getan. Wir sind gar bald verloren.“ So stellt es Martin Luther in seinem Lied fest.
Wie schnell erliegen wir Versuchungen. Aber auch danach müssen wir nicht verzweifeln. Gott stellt uns zur Rede. Er fordert Rechenschaft. Aber er gibt uns nicht auf. Er hat auch Adam und Eva nicht aufgegeben. Er weist sie aus dem Paradies, aber stattet sie auch aus. Er gibt ihnen Schutz und Kleidung und er verheißt ihnen einen, der stärker ist als die Schlange. Christus zertritt ihr den Kopf.
Und durch ihn, durch Jesus, gibt es auch einen Weg zurück ins Paradies, zurück in die Gottesgemeinschaft. Der Rückweg ins Paradies beginnt dort, wo ein Mensch sich zu seiner Schuld bekennt und sagt: Mein Gott, ich habe gesündigt vor dir und Menschen. In Jesus Christus hat Gott sich die Mühe gemacht ein Kreuz auf einen Hügel hinauf zu schleppen, hat Schmerzen und Leid nicht gescheut um als Unschuldiger die Schuld auf sich zu nehmen, alle Schuld der Welt. Er stirbt selbst den Tod, den er den Menschen um ihrer Schuld willen auferlegt hat. Warum nur? — Weil er die Menschen, weil er uns, weil er Sie und mich liebt. Mit einer unendlichen übermenschlichen, göttlichen Liebe, die uns trotz allen Ungehorsams und aller Schuld nicht verdammen, sondern retten will.
Wir dürfen uns, so wie wir sind, mit aller Sünde, mit unserem Versagen und schlechten Gewissen, mit unserer Auflehnung, mit unserem rebellischen Herzen und unserem Unglauben an ihn wenden. Ja, er hat uns den Tod gesetzt am Ende unseres Lebens und danach das Gericht. Aber er hat uns durch Jesus auch Vergebung zugesagt und zu neuem und ewigem Leben bestimmt. Noch ist es uns verborgen, aber unsichtbar ist der Auferstandene da, mitten unter uns. Er hat die letzte und größte Macht. Er siegt auch über alle Mächte der Finsternis.
Er will uns zu neuem Gehorsam gegen Gott führen. Er ist unser guter Hirte, dem wir folgen dürfen, dessen Stimme wir hören dürfen, aus dessen Hand uns nichts und niemand reißen kann. Keine Not oder Katastrophe, kein Krieg und keine Krankheit kein Versucher und keine Schlange.
Die Feindschaft wird bleiben. – Luther sagt: es ist die größte Torheit der Welt, Christus und den Teufel, Fromme und Gottlose vereinigen will. (Schriften 50. Band S. 270) – Die Feindschaft wird bleiben, zwischen Gott und dem Satan. Zwischen dem Menschen und dem Versucher. Er wird es immer wieder versuchen uns von Gott zu trennen, mit viel List und mit großer Macht arbeitet der Fürst dieser Welt täglich an diesem Ziel. Er erscheint schon längst nicht mehr mit dem Dreizack und auf Pferdefüßen. Er ist absolut „up to date“. Auch im World-Wide-Web, dem weltweiten Netz fängt er seine Beute, setzt Wellen und Strahlen für seine Zwecke ein, nutzt Technik und Wissen der Postmoderne um nur immer Zweifel an Gott zu säen und uns zum Ungehorsam gegen Gott zu bringen.
Aber solange wir uns an Gottes Wort, das geschriebene und das Mensch gewordene in Jesus halten, haben wir eine gute „Wehr und Waffen“ gegen ihn. Er ist besiegt! „Und wenn die Welt voll Teufel wär’, und wollt uns gar verschlingen,“ so müssen wir uns doch nicht fürchten, denn Jesus hält zu uns. Mit Ihm hat Gott die Tür zum schönen Paradies wieder aufgeschlossen, wie es in einem Weihnachtslied heißt. Die himmlischen Wächter mit dem Flammenschwert geben den Weg für alle frei, die mit Jesus kommen.
Darum können wir nichts Besseres tun, als uns jeden Tag ganz bewusst unter seinen Schutz stellen. Mit unseren eigenen Worten im persönlichen täglichen Gebet oder mit alten und neuen Liedern und Gebeten, die andere für uns vorgesprochen haben. Machen wir das, was wir vor der Predigtgesungen haben, doch wirklich zu unserem Anliegen und Gebet:
Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.
(EG 347,1)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/4116