Die Sache mit der Versuchung.

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Invokavit 14.02.2016, Hebräer 4, 14-16

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich, … 

Wie oft haben wir das schon erlebt. Da geht etwas schief in der Politik. Ein Skandal wird aufgedeckt. Sofort stellen die Medien die Frage: Wer ist politisch verantwortlich? Es ist gar nicht die Frage: Wer ist schuld? Wer hat hier falsch gehandelt? Sondern, in wessen Bereich ist der Fehler gemacht worden. Und der an der Spitze steht, der Vorsitzende eines Aufsichtsrates, der Minister, muss die politische Verantwortung übernehmen, auch wenn er von der Sache an sich nichts gewusst hat und persönlich nichts damit zu tun hatte.

Im Volk Israel gab es auch so einen Verantwortlichen, der vor Gott für die Schuld seines Volkes hintreten musste. Einmal im Jahr musste der Hohepriester im Tempel das Allerheiligste betreten und stellvertretend für sein Volk, für ein Volk von Sündern sich vor Gott beugen und Opfer bringen.

Seit Karfreitag hat für die Menschen des Neuen Bundes diese Aufgabe Jesus übernommen. Wir Christen müssen keinen Hohenpriester mehr wählen, keinen suchen, der für uns vor Gott hintritt und die Verantwortung übernimmt. Das hat schon einer getan und tut es noch: Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat die Verantwortung für unsere Schuld übernommen. Er war unschuldig, ohne Sünde, aber er tritt für alle Sünder und für alle, die sich als Sünder erkannt haben vor Gott hin. Er übernimmt die Verantwortung, trägt an seinem Kreuz die Folgen und die Strafe. Er ist der Hohepriester des Neuen Bundes. Gibt sein Leben, damit wir frei sind.

Darauf nimmt unser heutiger Predigttext aus dem Hebräerbrief Bezug. Und er versucht uns deutlich zu machen, was das für uns bedeutet. Im Kapitel 4 lesen wir in den VV 14-16:

Weil wir nun einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der in allem versucht worden ist wie wir, doch ohne Sünde.

Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Zunächst wird einmal betont, dass Jesus vom Himmel, von Gott kommt und dass dort eigentlich sein Platz ist, weil er ganz Gott ist: Er hat die Himmel durchschritten. Wie wir jeden Meter unserer Wohnung kennen und jeden Stein in unserem Garten, weil das unser Zuhause ist. So ist Jesus im Himmel daheim.

Aber da ist noch etwas anderes. Der wahre Gott ist aus seiner göttlichen Machtzentrale herausgetreten. Er hat die Aufgabe des Hohenpriesters übernommen. Sein göttliches Gewand abgelegt und sich ein Menschenkleid angelegt. Jesus hat die Verantwortung übernommen für alle, die zu ihm kommen.

Gott wird in Jesus voll und total Mensch. Er leidet wie wir, empfindet, Schmerz, Demütigung, Ungerechtigkeit wie wir. – Und er erlebt Versuchung wie wir. – Das Evangelium, das wir vorhin gehört haben, berichtet davon. Der Teufel tritt an ihn heran und versucht ihn von seinem göttlichen Auftrag abzubringen. Der Sohn Gottes, Jesus, erlebt als Mensch Versuchung in all ihren raffinierten Facetten. Versuchung:

Kennst du sie auch? Verlockend steht sie vor deinen Augen. Aufreizend, verführerisch, vielversprechend. Je länger du sie ansiehst, je mehr du dich mit ihr beschäftigst, umso faszinierender wird sie, ja unwiderstehlich. Sie verspricht Glück, Freude, Erfüllung deiner Wünsche. Du kennst sie doch!

Wenn du ihrem Locken nachgibst, ihrem Charme erliegst, wenn du ihr nicht widerstehen konntest, dann zeigt sie dir ihr wahres Gesicht. Eiskalt, verlogen, eine Enttäuschung auf der ganzen Linie. Nichts von dem, was sie dir vorher versprochen hat, hält sie. Sie lässt dich allein, du bleibst zurück, enttäuscht, traurig und mit beladenem Gewissen.

Die Versuchung ist wie eine alte Bekannte, die immer wieder auftaucht. Obwohl du sie schon so lang kennst, fällst du doch immer wieder auf sie herein. Denn sie ist raffiniert und kennt alle deine Schwächen. – Die VERSUCHUNG.

Sie ist ein teuflisches Subjekt. Der Versucher selbst hat sie damals auf Jesus angesetzt. Und setzt sie heute auf uns an. Sein Ziel: Die volle Macht über uns. Er will uns los machen von Gott, lösen von der Wahrheit und von der Liebe. Er will, dass wir von allen guten Geistern verlassen, ihm gehorchen.

Vom Versucher ist heute die Rede und von seiner treuen Mitarbeiterin, der Versuchung. Tausend Gesichter hat sie und kennt genau unsere schwachen Punkte und nutzt sie schamlos aus. Die Versuchung. Die Väter unserer Kirche haben sie am ersten Sonntag der Passionszeit zum Thema gemacht. Jesus, so heißt es hier im Hebräerbrief, ist in allem versucht worden wie wir. – Doch ohne Sünde. Er hat widerstanden. Nur mit ihm, können auch wir bestehen in der Versuchung.

Die drei Versuchungen, mit denen sich der Teufel an Jesus herangemacht hat, stehen exemplarisch für alle Versuchungen dieser Welt. Die erste Versuchung bietet dem ausgehungerten Jesus Brot an. 40 Tage hat er gefastet in der Wüste, gebetet, sich vorbereitet auf seine Aufgabe als Heiland der Welt. Er ist ganz Mensch.

„Sprich dass diese Steine Brot werden!“ Genug Brot, genug zu essen haben, sich satt essen. Essen und Trinken als Lebensphilosophie. Das Thema nimmt in unserer Gesellschaft einen enormen Raum ein. Es geht ja längst nicht mehr um den notwendigen Lebensunterhalt und vernünftige Ernährung, sondern um das pralle satte Leben. Sich keine Sorgen machen müssen, immer genug haben. Mehr noch, im Überfluss leben: In der Hightech-Küche werden exquisite Zutaten zu erlesenen Menüs kreiert. Dazu Getränke aus einer schier unüberschaubaren Vielfalt von Bieren, Weinen, Säften, Wassern, gemischt, geschüttelt, gerührt, und aufgeschäumt…

Ja, es geht bei der Brot-Versuchung noch um mehr als Essen und Trinken. Immer höher werden die Ansprüche an Kleidung und Wohnen, an die Mobilität und die Telekommunikation. An Ton- und Bildqualität, auch wenn das, was dann zu hören und zu sehen ist, oft von minderer Qualität und von sehr niedrigem Niveau ist.

Sprich, dass diese Steine Brot werden! Das ist die Versuchung der Werbung: Du kannst doch! Gönn dir was! Hast du schon? Warst du schon? Die anderen haben alle! Worauf willst du warten? Es geht nicht mehr ohne! So viele Stimmen reden auf uns ein. Sei doch nicht blöd! Wir versinken im Überangebot. Wir werden erdrückt von 1000 Optionen.

Grenzen sind nicht mehr erkennbar: Erlaubt ist, was Spaß macht! Tu, wozu du Lust hast! Wehr dich nicht gegen deine Gefühle! Lebe deine Träume!Gewissen? – Gebote? – Gefahren? – Ach was! Lass dir den Spaß nicht verderben! Es ist alles erlaubt, alles akzeptiert, alles toleriert. – Nur durch Genuss und Konsum wirst du glücklich, lebst du erfüllt. – Eine Predigt ist zu kurz um nur einen Bruchteil der Lügen zu nennen, die uns die Versuchung täglich auftischt. Sie diktiert, was man alles haben muss und wie man leben muss und wo man gewesen sein muss. Du kannst doch! Und wer eigentlich nicht kann, wird dazu verführt sich dieses Glück auf Raten zu kaufen. Du brauchst nur zu unterschreiben, zu bestellen, nur ein Häkchen setzen, ein Klick genügt.

Aber zurück bleibt nicht das versprochene Glück, sondern das ungestillte Verlangen und der schale Geschmack der Enttäuschung, manchmal Abscheu. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Zu leben fängt er erst an mit dem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. Frieden findet er erst, wenn er sich von Gott finden lässt. Glücklich und frei wird der Mensch erst, wenn er Jesus folgt und Vergebung hat.

Der zweite Bereich, in dem der Teufel Jesus für sich zu gewinnen versucht, ist das ICH. Die Botschaft: Gib nicht Gott die Ehre! Hör nicht auf ihn! – Stell DEIN ICH in den Mittelpunkt! Lass dich bewundern, verehren, bejubeln, beneiden! Spring vom Tempeldach und sie werden alle an dich glauben. – Wie viele Signale senden Menschen aus, um sich interessant zu machen! Mit Kleidung, Frisur, Farben. Auf der Haut und unter der Haut und durch die Haut gestochen.

Geschafft haben es die, die im Mittelpunkt stehen, die die offenen oder heimlichen Blicke der anderen auf sich ziehen. Die über die roten Teppiche schreiten und in die Kameras lächeln. Denen man neidisch nachschaut. Oder die doch wenigstens ein Selfie mit Mutti Merkel bei den Festspielen oder Thomas Müller vor dem Hoteleingang vorweisen können.

Von Bescheidenheit, Dankbarkeit und Zufriedenheit will die Versuchung nichts wissen. Sie möchte immer mehr. Mehr Anerkennung, mehr Aufmerksamkeit, mehr Zuwendung, mehr Beachtung. Wenn es sein muss um einen hohen, um jeden Preis. – Jesus: Du sollst Gott, den Herrn nicht versuchen!

In einem letzten teuflischen Akt bietet der Versucher Jesus alle Reiche dieser Welt an, also Macht und Besitz. – Darum führen die Menschen Kriege im Großen und Kämpfe im Kleinen. Worum geht’s denn in Syrien und Afghanistan. In der Ukraine und in Nahost? In einem Lied von Friedrich Karl Barth wird das mit wenigen Worten beschrieben (EG 576,2):

Kampf und Krieg zerreißt die Welt,
einer drückt den andern nieder.
Dabei zählen Macht und Geld,
Klugheit und gesunde Glieder.

Sind nicht auch viele Nachbarschaftsstreitereien Machtkämpfe? Der Sachwert, um den es geht, ist minimal, jeder könnte darauf verzichten. Aber es geht ums Prinzip! – Ich habe Recht und das werde ich beweisen! Geht es nicht in den Ehen und Familien oft um Macht? Wer setzt sich durch? Jeder möchte der „Bestimmer“ sein.

Wissen ist Macht und Geld ist Macht. Und wer davon das meiste hat herrscht, regiert, bestimmt. Jesus hat andere Vorstellungen vom gelingenden Leben. Du sollst Gott, deinem Herrn, allein dienen. Jesus räumt nicht dem Herrschen, sondern dem Dienen die höchste Anerkennung ein. Zu seinen Jüngern, die auch um die Macht gestritten haben, sagt er einmal: Wer unter euch der größte sein will, der soll aller Diener sein. – er hat es uns vorgemacht. Er hätte Freude haben können, aber er hat das Kreuz auf sich genommen. Er dient uns.

Paulus hat einmal an die Epheser über den Umgang miteinander in der Ehe geschrieben und er leitet den Abschnitt ein mit dem Satz: Seid einander untertan in der Furcht Christi. Und dann sagt er zu den Frauen, dass sie ihren Männern dienen sollen und zu den Männern, dass sie ihre Frauen lieben sollen, so wie Christus die Gemeinde geliebt hat. – Ja, wie hat denn Christus die Gemeinde geliebt? – Wie ein Pascha, der sich von allen Seiten bedienen lässt? Nein! Jeus sagt: Ich bin der, der gekommen ist zu dienen. Dienende Liebe, die sich am Ende selbst ganz gibt. So ist der wahre Hohepriester.

Und nun gibt uns der Hebräerbrief hier zwei wichtige Ratschläge: Erstens: Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis!

Lasst Euch nicht täuschen und Locken von den Versuchungen, sondern behaltet Jesus im Blick. Bekennt euch zu ihm, auch wenn die ganze Welt darüber den Kopf schüttelt. Bleibt dabei! Jesus allein! Wie lautet das Bekenntnis? Jesus, der Sohn Gottes ist mein Retter. Niemand und nichts sonst kann mich glücklich machen. Er hat für mich bezahlt am Kreuz, weil er mich lieb hat. Das ist das Bekenntnis: Durch Jesus bin ich befreit, erlöst, erneuert und vor Gott gerecht.

Zweitens: lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Das ist eine Aufforderung! Kommt mit zu diesem Hohenpriester. Er ist keiner der verurteilt, sondern einer, der das Urteil selbst auf sich nimmt und die Strafe trägt. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt. Was für eine Einladung! Zum Thron der Gnade, zur Barmherzigkeit, Zur Gnade, wenn wir Hilfe brauchen. Das ist die Aufforderung der Passionszeit: Lasst uns wieder vielmehr kommen zum Gnadenthron Gottes und um Barmherzigkeit bitten, um Hilfe nachsuchen für unseren Alltag, unseren Glauben, unsere Lasten.

Viele verstehen die Passionszeit als eine Zeit des Verzichts: Sieben Wochen ohne! Unser Predigttext fordert uns auf zu einem MIT. Es geht nicht ums zähneknirschende Verzichten, sondern ums mehr mit Jesus Leben. Zum „wahren Hohenpriester kommen, ihm die Lasten abgeben und von ihm Hilfe erwarten und Hilfe empfangen. Hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin. Du hast gesagt, dass jeder kommen darf. Ich muss dir nicht erst beweisen, dass ich besser werden kann. Was mich besser macht vor dir, das hast du längst am Kreuz getan. Und weil du mein Zögern siehst, streckst du mir deine Hände hin und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168