Die rechte Einstellung der Hirten einer Gemeinde
Zur PDFMiserikordias Domini (Hirtensonntag), 22.04.12, 1.P 5, 1-4
Lebendiger Herr und Heiland, wir bitten dich: Schließe uns dein Wort auf durch das Wirken deines Heiligen Geistes. Lass Reden und Hören zum Segen für unser Leben werden. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt steht im 1.Petrusbriefes im 5. Kapitel. Petrus schreibt an die verstreuten Gemeinden:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbar werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
Mit diesem Abschnitt leitet der Apostel das Ende seines Briefes ein. In den vier vorausgegangenen Kapiteln hat er viel über das Leben und den Glauben der Christen ausgeführt. Er kommt nun zum Ende und überlegt sich: Was sage ich ihnen zum Schluss? Was dient den Gemeinden zum Frieden, was baut sie auf, was hilft ihnen? Wie müssten sie miteinander umgehen, damit es gut weitergehen kann. Da fällt ihm ein Tier ein. – Keine Angst! – Nicht schon wieder! Nein, ich hab kein Schaf mitgebracht. Aber Petrus holt eines heraus oder ganz viele. Er greift nämlich ein altes Bild auf. Das Bild vom Hirten und von der Herde. Er spricht damit die Leiter und Mitarbeiter der Gemeinden als Hirten an und alle, die keine besonderen Aufträge und Aufgaben haben, als Herde.
Hirte und Herde tauchen ja schon im Alten Testament als Bild für Gemeinde und ihre Leiter auf. „Der Herr ist mein Hirte“, bezeugt bereits David. Und er ist sich selbst als König nicht zu schade, um sich mit einem Schaf zu vergleichen. Ich bin zwar oft genug ein störrischer alter Schafskopf, aber das macht nichts, denn ich hab ja einen Hirten, der ganz wunderbar für mich sorgt. Er weidet mich, führt mich, erquickt mich, tröstet mich, deckt mir den Tisch, er salbt mein Haupt mit Öl und schenkt mir voll ein. Lauter Wohltaten!
Auch beim Propheten Hesekiel werden besonders die Hirten, die Mitarbeiter und Leiter an ihre Verantwortung erinnert. – Und schließlich gebraucht der Herr Jesus selbst dieses Bild: Ich bin der gute Hirte! – Petrus nennt ihn hier den „Erzhirten“. Das ist der oberste Hirte.
Und der 2.Sonntag nach Ostern heißt seit Jahrhunderten „Hirtensonntag“, weil an ihm dieses schöne Bild des Hirten und der Herde im Mittelpunkt stehen soll. Es hat immer noch eine starke Aussagekraft und ist ein Blickfang.
Es ist zwar selten geworden, dass man unterwegs irgendwo dieses Bild antrifft, aber es kommt noch vor. Wahrscheinlich sieht man es öfter bei Rosamunde Pilcher als in der freien Natur. Eine Schafherde mit einem Hirten. Aber wenn man es sieht, dann jubeln die Kinder und die Erwachsenen freuen sich. Es hat so was Friedliches, strahlt Geborgenheit, Fürsorglichkeit und Ruhe aus. Schafe sind friedliche Tiere. Es ist wie ein Restbestand heiler Welt in einer bedrohten und manchmal bedrohlichen Welt. Ein schönes, ein anrührendes, aber auch selten gewordenes Bild.
In biblischen Zeiten war das wahrscheinlich noch ein bisschen anders. Da waren vor jedem Dorf und vor jeder Stadt Hirten mit ihren Herden unterwegs. Und man wusste vielleicht auch noch mehr von ihrer Lebensweise und von ihrer gegenseitigen Abhängigkeit. Beide erhielten einander am Leben. Der Hirte wusste, dass er von der Herde leben muss. Nur wenn er seine Herde gut weidete, brachte sie ihm etwas ein. Und die Herde war auf die Aufmerksamkeit des Hirten angewiesen, der sie zusammenhalten, vor Bedrohungen schützen und für ausreichend Futter und Wasser sorgen musste.
Dem Weitblick, der Wachsamkeit, der Erfahrung des Hirten hatte es die Herde zu verdanken, wenn sie satt und sicher leben konnte. Hirt und Herde waren eine Gemeinschaft auf Gedeih und Verderb in guten und schlechten Zeiten. Der Hirte stand außerdem in besonderer Verantwortung gegenüber dem Besitzer oder Oberhirten.
Daran erinnert Petrus die Gemeinden, ihre Leiter und Mitarbeiter am Ende dieses Briefes: Ihr seid doch als Christen eine Lebens- und Glaubensgemeinschaft, in der ihr füreinander Verantwortung tragt und ihr steht gleichzeitig in der Verantwortung vor dem Oberhirten, vor Jesus Christus. – Nur wenn Mitarbeitende und Gemeinde in lebendiger Beziehung zum „Guten Hirten“ stehen, kann es ein gutes und friedliches Miteinander geben. Das ist dem Petrus für die Gemeinden wichtig.
An erster Stelle muss für jeden Christen die lebendige Beziehung zum Herrn Jesus Christus, zum guten Hirten stehen. Vielleicht klingt es manchem zu kindlich und vielleicht halten es andere gar für kindisch, aber eigentlich muss auch ein Pfarrer, eine Kirchenvorsteherin, ein gestandener Männerkreisleiter, eine Kindergottesdiensthelferin von Herzen sagen oder singen können:
Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten, der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt. (EG593,1)
Was sage ich ihnen zum Schluss? Das hatte sich auch der Auferstandene Christus überlegt, als er seine Jünger und die Urgemeinde auf den Berg nahe Jerusalem bestellte. Und dann begann er seine Abschiedsworte mit der Feststellung: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. (Mt 28,18) Und er endete mit dem Versprechen: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)
Zwei Sätze, die eigentlich alles noch mal auf den Punkt bringen: Ich hab alles in der Hand! Und Ich bin bei Dir! Wir sind doch als Christen auf Jesus angewiesen. Was ist denn unser Leben ohne ihn? Was sind wir denn, wenn wir uns von Jesus trennen? Irrende Schafe, eine leichte Beute für Viele. Von Gott Losgelöste laufen bald – Geschichte und Gegenwart zeigen es immer wieder – hinter allen möglichen Ideologen und Idioten her. Wem der Himmel fremd geworden ist, der himmelt die Erde und ihre Erscheinungen an.
Jesus verwendet auch noch manche anderen Vergleiche und Bilder um das deutlich zu machen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15,5) – Oder andersherum gesagt, alles, was wir ohne ihn tun ist letztlich nichts. Es hat keine bleibende Bedeutung. Es vergeht. Du machst eine Reise, hast schöne Eindrücke und Erlebnisse, aber nach ein paar Jahren ist vieles vergessen, schon nach einpaar Wochen die Erholung dahin. Du baust ein Haus, irgendwann ist es alt und wird wieder abgerissen. Du gründest eine Familie, die Kinder gehen aus dem Haus, ziehen weg, Eheleute trennen sich oder werden getrennt durch den Tod des einen. Alles hat nur für kürzere oder etwas längere Zeit Bedeutung.
Ohne mich könnt ihr nichts tun, was auf Dauer, was für die Ewigkeit Bedeutung hat. Das gilt ganz besonders für alles, was in einer Gemeinde geschieht. Wenn ein Pfarrer nur aus eigener Autorität spricht und sich selber für das Maß aller Dinge hält, wenn er in seinen Predigten nur seine Meinung kund tut und seine eigenen Gedanken erörtert, dann wird in der Gemeinde niemand zum Glauben kommen. Dann wird vielleicht ein mehr oder weniger interessantes Programm gemacht, aber das bewirkt nichts.
Und das gilt auch für alle anderen, die in der Gemeinde Aufgaben haben: Mesnerin und Organist, Kirchenvorsteherin, Jugendleiter, Kindergottesdienstmitarbeitende, Gemeindehilfen, Pflegekräfte und Chormitglieder, wenn das, was sie tun nicht aus einer Bindung und Liebe zu Jesus Christus geschieht, dann ist es nicht mehr als die Mitarbeit in einem Verein. Es ist dann halt vielleicht ein frommer Verein, in dem man sich an der Geselligkeit und Geschäftigkeit freut. Oder an dem Bild, das dann mal in der Zeitung ist, vom letzten Fest.
In der Gemeinde, im Reich Gottes soll es nicht um Anerkennung, Bezahlung oder eigene Ehre gehen, sondern um die Sache und Ehre Gottes. Nur dann bringt es Frucht. Ein Trieb, der vom Weinstock abgetrennt ist, lässt keine Trauben mehr wachsen. Der Christ, der keine lebendige Beziehung zu Christus hat, kann niemals Gemeinde bauen.
Es kann da auch nicht um materiellen Gewinn gehen, nicht um die Frage: Was bringt mir das ein. Petrus betont, woher die Motivation kommen muss: Von Herzensgrund. Weil der gute Hirte alles für mich getan hat, will ich auch etwas für ihn tun. Ich muss nicht, ich will und tue es gerne, auch wenn es mir manchmal von Menschen viel zu wenig gedankt wird. Das ist leider so, dass auch in der Gemeinde manchmal der Dank vergessen wird. Weil so vieles im Verborgenen geschieht und weil man als Pfarrer auch manches übersieht.
Ich will mal die Gelegenheit nützen und allen, die irgendwie und irgendwo mitarbeiten danken. Danke, dass Ihr, dass Sie sich da einbringen, mitarbeiten und mitbeten, dass so viel geschieht in der Gemeinde. Danke! Aber ich nehme an, dass Ihr, dass Sie es nicht wegen dieses Dankes tun. Und nicht nur für mich oder für Pfarrerin Bauer oder für den Kirchenvorstand.
Ich gestehe, dass ich meinen Dienst auch nicht für den Dekan Peetz tue oder für die Regionalbischöfin Frau Dr. Greiner oder für den neuen Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, – dem ich noch nie persönlich begegnet bin. Mit dem Namen Bedford verbindet mich noch eher der Gedanke an Urlaub, denn das Fahrgestell unseres Wohnmobils wurde von der Britischen Automobilfirma Bedford gebaut.
Ich tu meinen Dienst auch bestimmt nicht für unsere Landessynode, die immer wieder mal Beschlüsse fasst, die ich nicht nachvollziehen kann. Nein, ich tue meinen Dienst für den Herrn Jesus Christus. Ich tu ihn gern, weil er auch so viel für mich getan hat. Und wenn ich mich manchmal im Dienst ärgere oder mich überfordert fühle, dann bitte ich ihn um seine Hilfe und um neue Kraft und um gute Gedanken, um Geduld und Vergebung für alles, was ich falsch mache. Auch darum, dass ich denen vergeben kann, die es mir gelegentlich mal schwer machen. Ich weiß genau. Ohne ihn, ohne den Herrn Jesus Christus, geht gar nichts! Und wer für ihn im Einsatz ist, der muss auch mal was einstecken können, der muss mal was aushalten ohne gleich hinzuschmeißen. Auch das ist Kreuz Tragen in der Nachfolge. Die anderen ertragen und trotzdem lieb haben, obwohl sie so sind. Um Jesu willen.
Jesus sagt: Wer unter euch der größte sein will, der soll euer Diener sein. Wenn Mitarbeit in der Gemeinde aus Gründen der eigenen Ehre und Suche nach Anerkennung geschieht, dann kommt es bald zu Verstimmungen. Dann sind die einen beleidigt, weil andere mehr dürfen oder besser rauskommen. Das gibt es ja leider in vielen Gemeinden, dass Eifersucht und Feindschaft herrschen, hoffentlich nicht unter uns.
Es ist schon gut, wenn man sich selber gelegentlich mal fragt: Warum mach ich das eigentlich? Die Gemeindeblätter austragen, die Jungschar halten, die Kleiderausgabe vorbereiten? Warum singe oder spiele ich im Chor oder warum arbeite ich in der Gemeindewerkstatt mit, im Kirchenvorstand, im Kindergottesdienst, in der Jugendarbeit? Worum geht es mir denn dabei? Geht es um mich oder um die Sache Gottes? Wenn es um mich geht, dann wird nichts Gutes draus. Wenn es um die Sache Gottes geht und um die Menschen, liegt Segen drauf. Dann wird man auch die Lasten tragen, die damit verbunden sind und nicht auf Menschendank warten. Dann kann man auch mal was einstecken oder die Fehler anderer aushalten. Ich tus ja nicht für den, sondern für den Herrn.
So kann sich auch jede Gottesdienstbesucherin und jedes Gemeindeglied fragen. Warum bin ich denn heute hier im Gottesdienst? Damit mich andere sehen? Weil die Kreuzkirche so schön renoviert ist?- Oder weil ich mich ganz bewusst zur Kirche des Herrn Jesus Christus halte und mich zu ihm bekenne. Weil ich zu meinem guten Hirten gehöre und mich von ihm führen und leiten lassen will. Das hat ja auch Auswirkung auf andere. Petrus sagt: Seid Vorbilder!
Das war ja in der vergangenen Woche bei unseren Bibelabenden sogar Thema: Was haben wir für Vorbilder? Sind wir Vorbilder? Unser großes Vorbild kann nur der Herr selber sein. Dass wir sagen: Ich möchte handeln wie er, lieben wie er, vergeben wie er, annehmen wie er. Freilich schaffen wir das nicht. Wir bleiben weit dahinter zurück. Aber trotzdem zeigt er uns doch die Richtung. Er gibt uns doch das Ziel vor und er gibt den Geist, in dem wir leben und handeln sollen. Nur ER!
Paul Gerhard betet in seinem Lied und wir dürfen es auch tun:
Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir wird ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168