Die (Mond)finsternis zwischen Gott und uns

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Epiphanias, 06.01.2013, Jesaja 60, 1 und 2

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Unser heutiges Schriftwort für die Predigt steht beim Propheten Jesaja im 60. Kapitel, die Verse 1 und 2:

Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.
Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir.

Haben Sie schon einmal eine Mondfinsternis beobachtet? Die letzte war vor 4 Wochen, die nächste totale Mondfinsternis wird erst wieder in der Karwoche 2014 sein. Der Mond schiebt sich in den Kernschatten der Erde und wird dunkel. Das Licht der Sonne kann den Mond nicht mehr erreichen, weil die Erde dann genau zwischen Sonne und Mond steht.

Die Sonne ist noch da und scheint noch. Der Mond steht noch am Himmel, ist aber kaum mehr zu sehen, weil die Erde ihren Schatten auf den Mond wirft. Eine seltene Himmelserscheinung, für kurze Zeit. Ein Licht und Schattenspiel am Himmel.

Von Licht und Schatten redet auch der Prophet Jesaja in diesen hoffnungsvollen Worten. Auch er kennt den Erdschatten und die Finsternis, die im Schatten herrscht und bedrückt. Sie kann über Völkern oder über einzelnen Menschen liegen.

Finsternis herrscht, wenn ein Volk von einem Diktator unterdrückt oder von einer Besatzungsmacht geknechtet und ausgebeutet wird. Auch Hungersnöte und Naturkatastrophen können mit Finsternismacht über ein Volk oder eine ganze Region hereinbrechen. Über 900 Naturkatastrophen gab es im vergangenen Jahr weltweit. Etwa 20.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Die messbaren Schäden liegen bei etwa 160 Milliarden Dollar. Hurrikan Sandy in den USA, Überschwemmungen in China, riesige Brände in Australien. Sturmwolken, Regenwolken, Rauchwolken. – Und wir? Wir sind wieder gnädig verschont geblieben. Haben Sie dafür schon gedankt? Oder ist Ihnen das selbstverständlich?

Im Mittelalter verfinsterte die schwarze Pest die Zukunftsaussichten der Bevölkerung, heute sind es andere Krankheitswellen und Epidemien. In Afrika immer noch die Immunschwäche AIDS, die schon viele Millionen Menschen infiziert hat und die viele tausend Kinder als Waisen zurücklässt. Bei uns wächst die Angst vor Krankenhauskeimen und Grippewellen, für die es keine wirksamen Gegenmittel mehr gibt.

Immer neue finstere Wolken überschatten unser Leben und verunsichern die Leute, stürzen viele in Ängste, bringen manche um ihre Existenz. Resistente Viren fordern ihre Opfer. Finstere Finanzkrisenwolken ziehen herauf. Aktionäre fürchten den Einbruch der Kurse, Wirtschaftsfachleute die immer stärkeren internationalen Verflechtungen. Rettungsschirme retten nicht, sondern werden zu Damoklesschwertern.

Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Der guten alten Erde drohen Übervölkerung, Überhitzung, Verstrahlung und Vergiftung. Die Menschen nehmen das Leben und Sterben selbst in die Hand. Ob neues Leben im Mutterleib heranwachsen darf, ob krankes Leben noch einen Wert hat, altes Leben noch bestehen darf, entscheiden sie individuell selbst oder Kommissionen von Fachleuten. Nicht mehr Gott allein ist der Herr des Lebens, sondern der Mensch mischt mit, wer leben soll und wer nicht leben darf.

Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Über unserem christlichen Abendland haben sich noch ganz andere Schatten breit gemacht. Mit den Grundlagen unseres Glaubens verschwinden auch christliche Werte aus der Gesellschaft. Vielen Kindern erzählt niemand mehr von Jesus. Viele Erwachsene besuchen so gut wie nie einen Gottesdienst. In der überwiegenden Zahl der Familien wird nicht mehr miteinander oder füreinander gebetet.

Der Journalist und Publizist Peter Scholl-Latour hat jüngst ein Buch geschrieben mit dem Titel „Die Welt aus den Fugen – Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart“. Er bezeichnet es als größte Gefahr der westlichen Welt, dass die Christenheit weithin ihren Glauben und damit ihre Werte verloren hat. In einem, in IDEA (51/52 2012 S.16-18) abgedruckten Interview, sagte er: „Viele evangelische und auch katholische Kleriker sind dazu übergegangen die Jenseitsbestimmung ihres Glaubens und die Dogmen ihrer Kirchen dem Zeitgeist zu opfern. Sie neigen dazu, das Christentum auf eine humanitäre Philosophie oder auf eine Soziallehre zu reduzieren.“

Taufen und Trauungen, manchmal auch Konfirmationen verkommen zu religiösen Ritualen, werden vergessen oder bewusst gemieden. Der Religionsunterricht darf nicht mehr zum Glauben hinführen, sondern nur noch Wissen über Religion vermitteln. Gegen Kreuze in öffentlichen Räumen kann man mit Erfolg klagen.

„Siehe!“, schaut doch hin, sagt der Prophet Jesaja zu den Menschen seiner Zeit. Viele sehens gar nicht. „Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker“. Und er könnte es heute genauso sagen. Aber sein Prophetenwort endet nicht mit dieser traurigen Wahrheit. Er fügt im Namen und Auftrag Gottes ein ABER hinzu. „Aber über dir geht auf der Herr und seine Herrlichkeit erscheint über dir!“

Das ist der Trost, derer, die ihren Glauben noch nicht aufgegeben haben. Ja, wir nehmen auch all die schrecklichen Entwicklungen wahr, wir sehen auch die Bedrohungen, aber wissen, wir sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert, denn über uns geht auf der Herr und wir erkennen seine Herrlichkeit, sein Licht, seine Macht. Wir sehen sie und wir suchen sie. Wären wir sonst hier in diesem Gottesdienst?

Epiphanias – Erscheinungsfest! Was ist denn das? Was feiern wir? Wir feiern, dass Gott sein Licht in die Dunkelheit der Welt und unsres Lebens scheinen lässt. Wir feiern, dass nicht die Schatten siegen, sondern das Licht. Wir feiern mit diesem kleinen zweiten Weihnachtsfest, das, Gott sei’s gedankt, noch nicht zum Konsumwettbewerb verkommen ist, noch einmal Jesus Christus, als Hoffnung der Welt und unseres Lebens.

An Epiphanias wird deutlich, dass dieses Licht für die ganze Welt leuchtet. Es ruft die Weisen Magier aus dem fernen heidnischen Land zu Jesus. Sie lassen sich rufen. Sie beugen ihre Knie vor dem Sohn Gottes. Sie beten das Wunder an. Sie tragen die Botschaft zu den Menschen in ihrem Land.

Bis heute ruft Jesus immer noch. Er ruft Fernstehende, ruft Menschen aller Hautfarben, unterschiedlicher Bildung, Herkunft und Religion. Dort in Bethlehem angekommen, hat die Weisen der Stern nicht mehr interessiert. Sie hatten den König gefunden, der sein ewiges Reich aufrichten würde. Wer den gefunden hat, den interessieren die Sternzeichen und die Horoskope nicht mehr, der lacht über sie und betet Jesus an. Wer Jesus, das Licht der Welt kennt, der kommt zu ihm und bringt alle Schatten und dunklen Wolken seines Lebens mit. Nicht nur fürbittend, die Finsternisse der Welt und der Völker, sondern auch betend alle Dunkelheiten des eigenen Lebens: Die Schuld, die Angst, die Sorge, die Krankheit, die Verzweiflung, die Enttäuschung, die Einsamkeit, Überforderung und die Schwachheit. Alles dürfen wir ihm bringen.

Mit seiner Vergebung, mit seinem Wort, mit seinem Sakrament bringt Jesus als Heiland Licht in jede Dunkelheit. Dafür verbürgt er sich: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis leben, sondern das Licht des Lebens haben.“ Hier steht geradezu der Befehl: Mache dich auf! Werde Licht! Wenn du nur noch Dunkelheit siehst in deinem Leben, wenn alles finster und hoffnungslos scheint, dann bleib nicht tatenlos sitzen und starre auf das Dunkle und Bedrohliche, sondern mach dich auf. Dann geh auf Jesus zu. Rede mit ihm! Er kommt dir schon mit seinem Licht entgegen.

Viele Menschen leben heute bildlich gesprochen mit heruntergelassenen Rollos in einem dunklen Raum. Sie machen jede Menge künstliches Licht an, starren auf die illusionäre Welt eines Computers oder eines Flachbildschirms. Sie denken: Das ist die Welt. Das ist das Leben. – Wer anfängt zu glauben, der zieht das Rollo hoch und lässt das Licht der Sonne herein. Es scheint viel tausend Mal heller als das künstliche Licht. Mit dieser Sonne kommt Wärme ins Leben. Erst dann merkt er, wie kalt, begrenzt und dunkel sein Leben bisher war. Er fängt an die Herrlichkeit zu sehen, die sich über ihm auftut:

Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ,
das, was mich singen machet, ist was im Himmel ist.

Der Schriftsteller Evans beschreibt in seinem Buch „Zug der Rentiere“, wie der Lappe Jon mit einigen Frauen und Männern aufbrach um auf Befehl der Regierung 3000 Rentiere von der Buckland-Bai in das Hungergebiet östlich vom Mackenzie Territorium zu bringen. Vier Monate ziehen sie über Tausende von Kilometern durch die Polarnacht. Mensch und Tier leiden unter der Finsternis. Eines Tages kommt einer gelaufen und schreit: Ich hab sie gesehen! Es kommt Leben unter die Leute. Sie fangen an zu lachen. Am kommenden Mittag steigen sie auf den nächsten Hügel und schauen sehnsüchtig nach Südosten, wo der Himmel anfängt zu glühen. Rote Strahlen schießen über den Horizont, wie Lanzen gegen die Nacht. Atemlos sehen sie den messerklingenschmalen Streifen der Sonne. Nur Minuten kurz, dann verschwindet sie wieder. Aber sie wissen: Morgen wird sie wieder leuchten, dann schon etwas länger. Und bald wird es wieder ganz hell werden und die lange dunkle Zeit liegt hinter uns.

Als gottesdienstliche Gemeinde sind wir so eine Schar auf dem Hügel, die Ausschau hält, nach dem Licht. Menschen, die auch in dunkler Nacht wissen: Das Licht ist da. Es scheint bald wieder und einmal wird es keine Dunkelheit mehr geben. Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt!

Ich muss noch einmal auf die Sache mit dem Mond zurückkommen. Wenn sich bei einer Mondfinsternis der Mond am Himmel verfinstert, dann heißt das weder, dass die Sonne aufgehört hat zu scheinen, noch dass der Mond vom Himmel gefallen wäre. Dann hat sich nur etwas zwischen Sonne und Mond geschoben, was den Lichtstrahlen den Weg versperrt.

Vielleicht kann so ein Naturereignis auch ein brauchbarer Hinweis für unser geistliches Leben sein. Wenn wir den Eindruck haben, dass das Licht Gottes nicht mehr zu uns durchdringt, dass wir als Christen nur noch ein erbärmliches Schattendasein führen, dann hat sich vielleicht auch etwas dazwischengeschoben zwischen Gott und Sie:

Eine große Sorge, ein beängstigender Termin, eine unvergebene Schuld, eine Lebenseinstellung, die sich permanent über Gebote Gottes hinwegsetzt. Ein berufliches Ziel oder Erfolge, die Ihnen wichtiger geworden sind, als alles andere. Vielleicht steht auch ein Mensch, dem sie nicht vergeben oder einer, von dem sie nicht lassen wollen, zwischen Ihnen und dem Gnadenlicht Gottes.

Was tun? Wer im Schatten steht, der muss den Standort, den Standpunkt verändern. Solange und so weit, bis er wieder im Licht steht. Vielleicht dürfen wir das auch so verstehen, wenn Gott uns hier auffordert: Mache dich auf! Werde Licht! Tritt heraus aus dem Schatten! Tritt neu ins Licht.

In einem Lied von Siegfried Fietz heißt es:

Komm heraus aus dem Schatten der Welt;
dort ist niemand, der zu dir hält.
Keiner hilft dir, du stehst allein
und du fragst dich, muss es so sein?

Und den Aufruf Jesajas formuliert Siegfried Fietz dann in seinem Refrain so:

Ergreif die Hand in dem Licht,
denn Gott gibt und verspricht,
dir das Beste für alle Zeit.
Jede Stund, ja jeden Tag
ist er da und vermag
dir zu geben, das Glück in Ewigkeit.

Gott hat niemanden unter uns zum Schattendasein bestimmt. Wir sind für sein Licht geschaffen und er hat Licht für jede und jeden unter uns. Wenn wir in das Licht der vergebenden Gnade Gottes treten, dann werden uns auch die Schatten unserer Vergangenheit nicht einholen.

Ein letztes Mal möchte ich mit Ihnen in den Mond schauen. In kalten Winternächten scheint er manchmal besonders hell. In einer klaren hellen Mondnacht gibt der stumme Erdenbegleiter immerhin soviel Licht, dass man mühelos einen Straßennamen oder ein Klingelschild lesen kann oder sicher auf einem unbeleuchteten Weg den Heimweg findet. Aber das Mondlicht ist ja gar nicht wirklich Mondlicht. Es ist in Wahrheit Sonnenlicht, das den Mond anstrahlt und so hell macht, dass sogar die dunkle Seite der Erde davon erleuchtet wird.

Wenn sich ein Mensch in das Licht Gottes stellt, die Liebe, die Vergebung, die Gnade Gottes annimmt, dann passiert dasselbe. Dann wird dadurch nicht nur sein eigenes Leben hell, sondern dann wird Gottes Licht von ihm auf andere reflektiert. Dann wird es um ihn herum heller und freundlicher, dann gehen Liebe und Wärme von ihm aus. Dann werden andere gesegnet und näher zum Licht Gottes geführt. Auch das ist uns aufgetragen, wenn es hier heißt: Mache dich auf! Werde Licht! Denn dein Licht kommt.

Als Christen sehen wir, vom Geist Gottes erleuchtet, die Finsternis der Welt, aber wir sind ihr nicht ausgeliefert. Auf uns warten nicht Nacht und Todesschatten, sondern Licht und Leben. Wir dürfen darum bitten, dass uns allen dieses Licht aufgeht und Herrlichkeit in unseren Alltag bringt.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth