Die Liebe Gottes

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Christvesper Matthias-Claudius-Kappelle 2010

Text: Johannes 3, 16-21

Weihnachten. Später Nachmittag. Es wird gerade dunkel. Als Letzter verlässt Herr M. das Geschäft. Es ist still geworden in den Straßen. Noch vor zwei Stunden war hier lebhaftes Treiben. M. Zieht den Schlüssel aus dem Schloss und geht durch den leichten Schneefall quer über den Platz. Er hat es nicht eilig wie die anderen vorhin. Auch nicht am Heiligen Abend. Es wartet ja niemand auf ihn.

Es ist nicht weit bis zur Bushaltestelle. Sie ist direkt vor der ehrwürdigen Stadtkirche. Ein Blick auf die Uhr. Zehn Minuten noch, dann musste der Bus kommen. Die Kirche ist hell erleuchtet. Man hört Orgelspiel und Gemeindegesang. Christvesper. Schon lang war er nicht mehr in der Kirche. Ja, früher, als Kind, da hatte er beim Krippenspiel mit gemacht. Mal den Wirt, mal einen Hirten, sogar den Josef durfte er mal spielen. Die Rolle war leicht. Da hatte er nichts zu sagen.

Er schlug den Kragen des Mantels hoch, die Kälte kroch langsam bis auf die Haut. Kirche war ihm fremd geworden. Diese Leute und diese Lieder und diese altertümliche Sprache. Sein Blick fiel auf den Schaukasten, der vor der Kirche stand. Das Licht der Straßenbeleuchtung ließ auf die Entfernung nicht so recht erkennen. Er trat näher. Ein Spruch unter einem Rahmen: So sieht der Mensch aus, den Gott liebt. – Ach? Wie sieht der Mensch aus, den Gott liebt. Neugierig tritt er an den Rahmen um besser zu sehen. Und er sieht – sein eigenes Gesicht. In dem Rahmen kein Bild, sondern nur ein Spiegel.

Erschrocken macht Herr M. einen Schritt zurück. Der Bus kommt. M. steigt ein, zeigt die Monatskarte mit seinem Bild und setzt sich. Bevor er die Karte wieder wegsteckt, fällt der Blick auf sein Bild. Und in seinem Kopf wiederholt sich immerzu der Satz: So sieht der Mensch aus, den Gott liebt. Mich? Kann das sein? Immer wenn er in den Spiegel blickte…

Vielleicht sollten wir uns diesen Satz alle an den Spiegel stecken, damit wir das nicht vergessen, damit uns das alle Traurigkeit und Angst, alle Hoffnungslosigkeit und Resignation nimmt. Dieser Mensch, jung oder alt, krank oder gesund, fröhlich oder traurig selbstsicher oder voller Selbstzweifel, gebildet oder eingebildet, heilig oder scheinheilig, fromm oder weltoffen, dieser Mensch ist von Gott geliebt. Nicht nur oberflächlich und vorübergehend, sondern total und leidenschaftlich. So geliebt, dass Gott für ihn das beste gibt, was er hat.

Der Evangelist Johannes bezeugt uns das in seinem weihnachtlichen Wort, im 3. Kapitel seines Evangeliums:

So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht an ihn glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
Das ist aber das Gericht, dass das Licht Gottes in die Welt gekommen ist und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Zwei völlig verschiedene Welten, die unendlich weit auseinander sind, beschreibt Johannes: Licht und Finsternis. Sie haben nichts gemeinsam. Es kann nicht gleichzeitig dunkel und hell sein. Wer in unserer Welt lebt, der kann die Welt Gottes nicht sehen und nicht verstehen. Der kann auch von sich aus nicht in die Welt Gottes eindringen.

Deshalb ist Weihnachten das ungeheuerliche Geschehen, dass Gott von sich aus die Brücke schlägt. Die Brücke von seiner Welt in unsere Welt. Weil wir den Weg zu ihm allein nicht finden können, findet ER den Weg zu uns. ER wird zwar ganz Mensch, mit allem was dazu gehört, Windeln und Schweiß, Schmerzen und Angst, aber ER bringt etwas mit aus der Welt Gottes in unsere Welt. Er bringt etwas mit, was es so in dieser Welt bis zu seinem Kommen nicht gab:

Er bringt Liebe mit, er bringt Hoffnung mit, er bringt Zukunft mit. Dass er überhaupt da ist und wie er da ist, klein, schwach, hilflos, das ist, nein ER ist die personifizierte Liebe Gottes: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Die Liebe, die er mitbringt hält er durch von der Krippe bis zum Kreuz. Er verschenkt seine Liebe sogar. An wen? Schauen Sie in Ihren Spiegel: So sieht der Mensch aus, den Gott liebt. Und mit seiner Liebe verändert er jeden Menschen. – Aus Schuldigen macht er durch seine Vergebung Unschuldige. – Aus Hoffnungslosen und Verzweifelten macht er durch seine Worte Frohe und Geborgene. – Aus solchen, die kein Ziel und keine Zukunft haben, macht er Menschen, deren Leben Sinn hat und eine klare Richtung.

Aber wie und wodurch? Es geschieht nur durch den Glauben. Der Glaube ist das einzige Verfahren mit dem jeder Mensch für sich selbst die Wirklichkeit Gottes nachweisen kann. Wenn jemand die Radioaktivität eines Stoffes nachweisen will, dann muss er einen Geigerzähler benutzen. Wenn jemand den Magnetismus eines Gegenstandes nachweisen will, dann muss er dazu ein Eisen benutzen. Mit einem Stück Glas, Plastik oder Holz wird es ihm nie gelingen. Da bleibt alles Gerede von Kraft und Anziehung unverständlich.

Und so muss ein Mensch, der Gott für sich nachweisen will an Jesus glauben, sonst bleibt alles Gerede von Gott und seiner Kraft für ihn sinnlos und unverständlich. „Wer nicht an den Sohn Gottes glaubt, wird nie zum Leben gelangen.“ Der wird auch nie Weihnachten verstehen, wie viele Päckchen er auch packt, wie großartig er auch feiert. Noch viel mehr als mit Geschenken und Kerzen, als mit Stimmung und Sternen hat Weihnachten mit dem Glauben zu tun.

Und was ist Glauben? Wie geht Glauben? Schauen wir einmal in die Weihnachtskrippe rein. Da gibt’s die Maria und den Josef, da gibt’s natürlich ein Jesuskind in der Krippe. Da stehen vielleicht schon die Weisen aus dem Morgenland mit ihren Geschenken, obwohl sie noch gar nicht dran sind, aber da stehen auch noch ein Ochse und ein Esel. In der biblischen Weihnachtsgeschichte kommen die zwar gar nicht vor, sie können uns aber trotzdem helfen zu lernen, was Glauben ist.

Der Dichter Heinrich Waggerl berichtet, dass seine Mutter auf die Frage, warum Ochs und Esel in der Weihnachtskrippe stünden immer folgende Geschichte erzählte:

Während Josef und Maria nach Bethlehem wanderten, war der Erzengel schon dort und versammelte alle Tiere der Gegend, um zwei von ihnen auszuwählen, die bei der Geburt Jesu dabei sein dürften.
Als erster meldete natürlich der Löwe seine Ansprüche an. Als König der Tiere sei er würdig, brüllte er, bei der Geburt des Königs der Welt dabei zu sein. Er würde sich in seiner Stärke vor den Stall legen und jeden zerreißen, der sich in die Nähe des Kindes wage. „Du bist viel zu grimmig“, sagte der Engel.
Da bot sich gleich der Fuchs an und meinte: „König hin, König her, wenn ein Kind geboren wird, geht es um leibliche Nahrung für Mutter und Kind.“ Deshalb bot er an jeden Tag ein Huhn zu stehlen, damit die Wöchnerin wieder zu Kräften komme. „Du bist mir viel zu listig“, erwiederte der Engel.
Da stelzte der Pfau in den Kreis und entfaltete prachtvoll sein Rad. „Wenn es schon so ein armseliger Stall ist, in dem Jesus zur Welt kommt, will wenigstens ich für eine farbenprächtige Kulisse sorgen. “Der Engel sagte: „Du bist mir viel zu stolz.“
Dann kamen weitere Tiere und priesen ihre Vorzüge an. Die kluge Eule, die Nachtigall mit der wunderschönen Stimme und viele andere. Aber vergeblich.
Zuletzt sah der Engel noch den Ochsen und den Esel, die den ganzen Tag beim Bauern schwer gearbeitet hatten und fragte sie: „Was könnt ihr denn?“
„Wir können nichts, nur dienen und gehorchen“, sagten die beiden. „Dann seid ihr die einzigen, die zu Jesus passen, meinte der Engel. Und so kam es“,
schloss Mutter Waggerl ihre Geschichte, „dass gerade Ochs und Esel bei der Geburt Jesu dabei waren.“

Glauben ist: Gehorchen und dienen. Und zwar Gott gehorchen und Gott und Menschen dienen. Wer das tut, der erlebt das Wunder: Er erkennt wer Jesus ist. War’s nicht bei dem Mädchen Maria so, die den Worten des Engels gehorchte: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ und die sich selbst als Magd, als Dienende bezeichnet? Hat nicht auch Josef dem Engel gehorcht und die schwangere Maria zu sich genommen, obwohl das, was er glauben sollte eine Zumutung war?

Haben nicht die Hirten dem Engel geglaubt und sind noch in der Nacht nach Bethlehem hinein gelaufen, um das Wunder zu sehen? Haben nicht die Weisen dem Engel, der ihnen im Traum erschien geglaubt und sind nicht nach Jerusalem zu Herodes zurück, sondern auf einem anderen Weg in ihr Land?

Glauben, das ist nicht die Unterzeichnung eines Vertrages, irgendein Dogma theoretisch für wahr halten, sondern Gott gehorchen, also auf Gott hören und das Gehörte auch tun und praktisch anwenden und damit der Sache Gottes dienen.

Dienen und Gehorchen, das sind zwei Begriffe, die heute nicht gerade aktuell sind. Wir werden viel lieber bedient und sagen anderen, was sie tun sollen. Erziehungsziele Dienen und Gehorchen rangieren nicht an erster Stelle. Man führt die Katastrophen der Geschichte an, die durch blinden Gehorsam von Soldaten und Staatsdienern erst möglich geworden sind. Aber darum geht es im Glauben nicht, um Kadavergehorsam und willenloses Dienen unter den Mächtigen.

Wer Gott gehorcht und dient, der wird nicht zum Sklaven, der alles mitmacht, sondern wird frei. So frei, sich vor Mächtige hinzustellen und ihnen im Namen Gottes zu widerstehen.

Wie Petrus und Johannes, die sich vom Hohen Rat nicht verbieten ließen vom Glauben an Jesus zu reden. Sie wussten und sagten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Wer Gott nicht gehorcht, der gehorcht immer anderen Mächten: Den Meinungsmachern, den Werbeträgern, den Trend-settern, den Sterndeutern und Wahrsagern, der Mode, den Gesetzen der Wirtschaft und des Erfolges, dem Diktat der Masse oder der Clique oder dem eigenen Ich. – Der Gehorsam gegen Gott beginnt damit, dass ich seine Liebe annehme.

Wir müssen wissen: Wem wir gehorchen, dem gehören wir. Wer Gott gehorcht, hört auf Jesus. Und wer auf den hört, der gehört ihm und den kann nichts und niemand aus seiner Hand reißen. Und das gilt nicht nur in einer Heiligen Nacht im Jahr, sondern in allen Nächten, auch den bitteren und den schweren, in den schlaflosen und schmerzvollen Nächten.

Dazu ist Jesus als Mensch geboren, um uns zu sagen und zu zeigen, dass wir geliebt sind und wo wir hingehören, wo wir Vergebung finden und wo es Hilfe für uns gibt. Das ist es, was uns auch nach den Feiertagen noch hält und froh in die wunderbaren Glaubenslieder einstimmen lässt.

Wer Segen sucht und erfüllt leben will, der muss gehorchen und dienen lernen, der darf sich beides immer neu von dem Gott erbitten, der ihn unendlich liebt. Das ist Glauben, Glauben, der jetzt schon Wunder erlebt und der Gottes Handeln in der Welt und im eigenen Leben entdeckt.

Gott stellt nicht in unser Belieben, was wir glauben. Es wird auch ganz gewiss nicht jeder nach seiner Fasson selig werden, sondern, wer an Jesus Christus glaubt. Gott hat ihn als den Brückenbauer in die Welt geschickt, der die Kluft zwischen ihm und uns überwindet. Jesus ist die einzige Brücke über den Abgrund. Und der Glaube wagt es diese Brücke zu betreten – und erfährt dabei, dass sie hält, trägt und zum Ziel bringt.

Wer nicht glaubt, macht Johannes deutlich, der ist verloren. Der ist schon gerichtet. Der hat sich selbst schon das Urteil gesprochen. Wer eine Liebe ausschlägt, die für ihn alles gibt, was will den noch retten?

Aber wer glaubt, auch gegen allen Augenschein und alle logische Vernunft, den trifft nicht Gottes Zorn, sondern der trifft auf Gottes vergebende Liebe, die ihm die Last der Vergangenheit nimmt und durch jeden Tag hilft. Sie hilft Ihnen auch durch diese Weihnachtstage, wenn sie für Sie heuer aus bestimmten Gründen besonders schwer sein sollten.

Einmal hilft Gottes Liebe, die wir im Glauben angenommen haben, uns auch durch den Tag des Gerichts. Darum ist das so wichtig: Euch ist heute der Heiland geboren. Der, der euch gerecht macht und mit Gott versöhnt.

Das sieht der Glaube, wenn er vor der Krippe steht, staunt und anbetet. Das sieht auch der Glaubende, wenn er in den Spiegel schaut: So sieht der Mensch aus, den Gott liebt. Kleben Sie sich diesen kleinen Satz auf Ihren Spiegel, damit sie immer wieder daran erinnert werden. Der Glaube sieht schon, was noch nicht ist. Sieht in dem Kind in der Krippe den Mann, der am Kreuz alles auf sich nimmt und den Heiland, der am Ostermorgen siegt.

Halten wir uns zur Krippe und zum Kreuz, dann sind wir geliebt und siegen mit. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168