Die Liebe Gottes ist anders als die der Menschen.
Zur PDF3.Sonntag n. Trinitatis, 21.06.15, Lk 15,1-3.11-32 Konfirm. Jubiläum
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. – Wir wollen in der Stille, jeder für sich, um den Segen für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist…
Unser Schriftwort für die Predigt steht im Evangelium des Lukas im 15. Kapitel. Es ist eine ganz bekannte Geschichte, die für Menschen aller Zeiten und für unser Bild von Gott ganz wichtig ist. Jesus versucht mit diesem Gleichnis zu vermitteln, wie Gott ist:
Es nahten sich Jesus allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.
Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen:
Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.
Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.
Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.
Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!
Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater.
Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.
Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Den dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.
Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.
Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.
Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.
Die Hauptpersonen in diesem Gleichnis: Der Vater und die beiden Söhne. Der Vater steht für Gott. Die beiden Söhne für uns Menschen, unser Denken und Verhalten unsere Beziehung zu Gott. Da ist zunächst der jüngere Sohn. Er steht für den autonomen modernen Menschen. Er will sein Leben leben, strebt nach Freiheit, Unabhängigkeit und Selbständigkeit.
Nachdem er im Elternhaus alles bekommen hat an Starthilfe fürs Leben, will er weg. Alles ist ihm zu eng geworden. Er möchte nicht mehr im elterlichen Unternehmen, auf dem Landgut, arbeiten, was der Vater anordnet. Er hat keine Lust sich einzufügen in die Ordnungen und Abläufe des Elternhauses. Er fordert und er weiß, was ihm zusteht: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.
So eine Vorstellung vom Leben und von Gott ist weit verbreitet. Gott hat zu geben: Gesundheit, Wohlstand, Frieden, Erfolg, Glück, Anerkennung. Dass Gott auch Erwartungen an uns haben könnte ist überhaupt nicht auf dem Schirm. Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.
Und Gott gibt. So wie hier im Gleichnis der Vater. Er gibt, vielleicht schweren Herzens, aber er gibt. Viele Menschen in unserem Land haben mehr als sie brauchen. Lange Jahre leben sie gesund und stark, erfolgreich und mit vielen Annehmlichkeiten. Sie nehmen. – Erst fordern, dann nehmen und gehen. – Nicht fragen, woher es kommt. Kein Dank an den Geber. Der Mensch unserer Tage ist weithin gewohnt zu fordern und zu nehmen. Möglichst viele Rechte und Freiheiten und möglichst wenig Pflichten und Verantwortung zu haben. So ist das, dem Staat gegenüber und Gott gegenüber.
Der ältere Sohn ist da etwas anders. Im Gleichnis erfahren wir allerdings erst gegen Ende einiges mehr über ihn. Er hat sich immer eingefügt in die Familie, in den Betrieb. Er hat seine Pflicht erfüllt und sich einigermaßen an die Regeln gehalten. – Aber wirklich zufrieden war er nie. Das hört man aus seiner Klage nach der Rückkehr des Bruders. Er sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
Er hält sich für den besseren Sohn und wirft dem Vater nun Ungerechtigkeit vor. Auch von ihm ist kein Dank zu hören, sondern nur Anklage. Er sieht es nicht ein, dass sein missratener Bruder eine zweite Chance bekommt. Seine Selbstgerechtigkeit führt in die Verbitterung und wird zur Mauer zwischen dem Bruder und ihm und zwischen dem Vater und ihm.
Auch das findet sich so wieder im Denken mancher Christen, die ihr Leben lang an den kirchlichen Traditionen festgehalten haben, die bei ihrem Glauben geblieben sind. Sie sind im Herzen doch unzufrieden und meinen, Gott wäre ihnen etwas schuldig geblieben, Gott hätte ihnen die Freude am Leben nicht gegönnt. Und den anderen, den Schlechteren lässt er es gut gehen. Den Sündern wendet er sich zu. Und wenn dann Alter, Krankheiten oder Nöte das Leben belasten, fragen sie: Wie kann Gott das zulassen. Womit habe ich das verdient? Sie klagen Gott an. Weil ich viel besser bin, müsste es mir auch viel besser gehen.
Manche Ausleger sagen, dieses Gleichnis müsste die Überschrift haben: Von den verlorenen Söhnen. Denn eigentlich war auch der ältere Sohn für den Vater verloren. Als er den jüngeren wieder aufnimmt, spürt er, dass sein älterer Sohn keine wirkliche Liebe zu ihm hat. Er hat sein Leben lang nur getan, was er meinte tun zu müssen. Im Herzen war er aber widerwillig und unzufrieden. Jesus lässt im Gleichnis offen, wie es mit dem älteren Sohn weitergeht.
Er spricht damit die Frommen seiner Zeit an – oder vielleicht die Frommen aller Zeiten – und hinterfragt ihre Einstellung. Er fordert auch sie zur Umkehr und zur Änderung ihres lieblosen Verhaltens auf. Freut euch doch über jeden, der umkehrt, der heimkommt und nehmt ihn freundlich und liebevoll an. Lehnt die nicht ab, die sich in euren Augen falsch verhalten haben.
Hier wird die Geduld und Liebe des Vaters zu beiden Söhnen gezeigt. Er hat seinen Jüngeren nicht vergessen. Jeden Tag denkt er an ihn. Wo wird er sein? Wie wird es ihm gehen? Immer wieder steht er am Tor und hält Ausschau. Wenn er doch wieder heimkäme! Die Liebe des Vaters wartet. Und als schließlich der Tag kommt, an dem er in der Ferne eine Gestalt sieht, die der Sohn sein könnte, da eilt er ihm entgegen. Er stört sich nicht am zerlumpten Äußeren, am ungepflegten Äußeren, das auf eine schlimme Vergangenheit schließen lässt. Er schließt den Sohn in die Arme, noch bevor der sagen kann, was er sich vorgenommen hat. Der Vater weiß, er sieht dem Sohn an, dass er anders geworden ist und er weiß, dass ihm dieser Weg nicht leicht gefallen ist.
Besonders bemerkenswert die Worte des Sohnes, die er sich am Tiefpunkt seines Lebens überlegt hat: „Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!“
Er hat eingesehen, wie lieblos und undankbar sein Verhalten war. Er ist sich seiner Schuld bewusst. Er weiß, dass er kein Recht mehr hat weitere Ansprüche zu stellen. Aber er appelliert an das Mitleid des Vaters. Mache mich zu einem deiner Taglöhner. – Taglöhner, das war die unterste Stufe der Arbeiter. Die sind nur für das entlohnt worden, was sie geleistet haben und das war auch nur gerade so viel, wie zum Überleben nötig war.
Der jüngere Sohn war nach seiner Umkehr bereit, mit dem Mindestlohn zufrieden zu sein, ja auch den schon als eine kostbare Gabe zu betrachten. Er hatte ja die Erfahrung gemacht, dass Geld und Lust, Besitz und Vergnügungen nicht das wahre Glück bringen. Er hatte so manche menschliche Enttäuschung erlebt. Solange er Geld hatte und andere einladen konnte, war er beliebt und angesehen. Aber als das Erbe verbraucht war, blieben auch die Freunde weg. Man suchte seine Gesellschaft nicht mehr. Er war nicht mehr beliebt und anerkannt.
Wie oft ist das heute auch noch so. Mit dem Wohlstand und Besitz verlieren Menschen meist auch ihr soziales Umfeld. Wer nicht mehr mithalten kann, wird ausgegrenzt, der gehört halt nicht mehr dazu. Wer raus ist aus der gesellschaftlichen Mitte, mit dem will man nichts mehr zu tun haben. Der wird nicht mehr mitgenommen oder eingeladen oder nur von wenigen. Von den wahren Freunden.
Bevor der Sohn heimkehrt, erinnert er sich an das, was das Elternhaus für ihn bedeutete: Geborgenheit, Liebe und Sicherheit. Da war er umgeben von einer Liebe, die seinen Wert nicht nach dem Geldbeutel bemaß. Um seiner selbst willen angenommen, weil er das Kind, weil er der Sohn war. Angenommen auch mit allen Fehlern und Schwächen. So wie Eltern normalerweise ihr Kind lieb haben, auch wenn das Kind nicht immer gehorcht und manches versäumt, vergisst oder falsch macht.
Das ist auch die Liebe, die Gott uns entgegenbringt. Ja mehr noch, wenn schon Eltern so lieben können, wie viel mehr vermag es Gott. Barmherzig und gnädig ist der Herr, groß ist seine Geduld und grenzenlos ist seine Liebe. (Psalm 103,8) Wenn Kinder Wege einschlagen, eine Entwicklung nehmen, die nicht gut ist, dann wünschen sich die Eltern, dass sie zur Vernunft kommen, dass sie zurückkommen und auf den richtigen Weg. Sie warten in Liebe und voller Sehnsucht darauf.
Wie viel mehr wartet Gott darauf, dass die zurückkommen zu ihm, die ihm den Rücken gekehrt haben, die nur genommen haben von seiner Güte und von seinen Gaben. Groß ist seine Geduld. Immer wieder bringt er sich in Erinnerung. Er gibt den Menschen mehrfach im Leben Anstöße, Impulse, Aufforderungen, doch wieder zu kommen. Und Jesus hat versprochen: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.
Das Gleichnis zeigt, dass der Vater nicht zuerst Garantien von seinem heimgekehrten Sohn fordert. Er setzt den Sohn nicht auf Bewährung wieder in den Sohnesstatus. Er nimmt sofort an und ganz. Das wird deutlich in dem neuen Kleid und dem Ring den der Heimgekehrte bekommt. Das sind Zeichen der Zugehörigkeit zur Familie. Der Vater tut noch mehr: Er feiert ein Fest aus Anlass der Umkehr und Heimkehr seines Sohnes.
Jesus sagt einmal: Es wird Freude sein im Himmel über einen Sünder der umkehrt, mehr als über 99 Gerechte. Ist das eine Zurücksetzung der Gerechten? Nein, es zeigt wie Liebe Gottes, die auf einen guten Weg holen will. Gottes Geduld ist groß, aber sie währt nur begrenzte Zeit. Einmal ist es zu spät. Wenn das Leben vorbei ist und diese Umkehr nicht stattgefunden hat, bleibt man draußen, fern vom Fest Gottes. Ausgeschlossen von seinem Reich der Liebe und des Friedens.
Niemand weiß, wann der Ruf Gottes an ihn das letzte Mal ergeht. Darum ist ein Aufschieben der Rückkehr zum Vater höchst gefährlich. Beim Verlorenen Sohn war der Anlass seines Umdenkens und der Zeitpunkt seiner inneren Umkehr verbunden mit äußerer Not. Es ging ihm ganz schlecht. Er war am völlig verzweifelt. – Er wusste, dass er seine Notlage zum Teil selbst verschuldet hatte durch seinen Lebensstil, durch seine Haltung, durch seinen Weggang aus dem Elternhaus.
Es gibt solche Schlüsselstellen im Leben. Krisen, Krankheiten, Notlagen, persönliche Katstrophen, die oft auch selbst verschuldet oder zum Teil selbst verschuldet sind. Aber solche Tiefpunkte bergen immer die Chance zum Neuanfang. Doch zu einem Neuanfang gehört auch die Einsicht alter Fehler. Dass man sich nichts vormacht, sondern ehrlich zu sich selbst, zu anderen und zu Gott ist. Hier findet bei dem jüngeren Sohn genau das statt: Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!
Gottes Liebe und Geduld geben eine neue Chance. Das ist die Botschaft dieses Gleichnisses. Komm und lass dich von ihm lieben, lass dich annehmen, lass dir vergeben. Du bist willkommen, auch wenn du lange weg warst, wenn du viel verloren hast. Du bleibst geliebt. Bei Gott gibt es keine Kinder zweiter Klasse. Wer bei ihm bleibt oder wer zurückkommt ist sein Kind. Mit allen Rechten und Privilegien.
David hat es am Ende seines 23. Psalms so ausgedrückt: Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Daheim sein bei Gott, Jesus zum Bruder haben, das hört nicht auf, auf nicht mit dem Tod. Wir dürfen im Glauben geborgen und daheim sein unser ganzes Leben lang und darüber hinaus. Wer im Leben den Weg zurück zu Gott findet, ist auch im Tod und danach eingebunden in die Liebe Gottes, bleibt im Reich Gottes für immer.
Dieses Vertrauen hilft auch in Notlagen, in Krankheit oder Ängsten: Gottes Liebe ist grenzenlos. Er bringt mich durch, auch durch die Zeit, die ich gerade durchmache. Durch den Schmerz, durch die Sorge, durch die Not. Ich bin ja sein Kind.
Franz von Assisi konnte beten und wir dürfen es mit seinen Worten auch:
O Herr, in deinen Armen bin ich sicher.
Wenn du mich hältst, habe ich nichts zu fürchten.
Ich weiß nichts von der Zukunft, aber ich vertraue dir.
Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168