Die Kirche, das bin ich
Zur PDFKirchweih Kreuzkirche 20.10.2013 Credo 3.Artikel
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes u. d. Gemeinschaft des HG sei mit euch allen. Amen. Lasst uns in der Stille…
Gedenktag der Kirchweihe haben wir heute. Kein rundes Jubiläum, kein Auftrieb mit Festzelt und Flohmarkt. Mal eher zum Danken und Denken und weniger zum Tanken und Schenken.
Wie wollen wir ihn also angehen den 53. Geburtstag unseres Gotteshauses hier in unserem Stadtteil Kreuz? Wenn ein Mensch so einen 53. Geburtstag feiert, fängt er vielleicht an, über sein Leben, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachzudenken. Wer bin ich eigentlich? Wie sieht mein Leben aus? Habe ich Zukunftsperspektiven?
Warum nicht! Fragen wir halt mal so:
Kirche, wer ist das?
Kirche, was bedeutet das, hier bei uns?
Welche Zukunft hat unsere Kirche/Gemeinde?
Kirche, wer ist das eigentlich? Bei dem Wort fangen die Missverständnisse schon an. Die einen meinen das Gebäude mit dem Altar und den Bänken, der Empore und der Orgel dem Taufstein. Ein Gebäude, das nun über fünf Jahrzehnte hier steht und nach der großen Renovierung vor zwei Jahren innen und außen wieder richtig schön aussieht.
Die nächsten sagen dasselbe Wort, Kirche, und meinen den Gottesdienst. „Wer hält denn heute die Kirche?“ – „Hoffentlich dauert sie nicht so lang, die Kirche.“
Die nächsten denken schließlich an die Institution Kirche, deren Mitglieder sie immer noch sind, die ihnen viel zu viel Kirchensteuer abzieht, die oft veraltet wirkt, in der es viele Missstände und manche unfähige Mitarbeiter gibt.
Kirche, wer ist das eigentlich? In dem Gebäude Kirche sitzen wir. Kirche im Sinn von Gottesdienst haben wir gerade jetzt. Was aber ist das Dritte? Kirche, Institution, Organisation? Es ist ja weit verbreitet, auf Kirche zu schimpfen und sich über Kirche aufzuregen. Verschiedene Untersuchungen belegen, dass das Ansehen von Kirche in den letzten Jahrzehnten immer mehr abgenommen hat. Was ist denn da schief gelaufen, wer hat denn da versagt?
Ein junger engagierter Pfarrer kam in eine neue Gemeinde in Norddeutschland. Der Zustand der Kirche und der Gemeinde war erschreckend. Die Gottesdienste wurden nur von einer Handvoll älterer Leute und ein paar Konfirmanden besucht. Der Pfarrer engagierte sich mächtig. Er besuchte die Leute, schrieb Artikel im Gemeindebrief, bot Veranstaltungen für jung und alt an, kümmerte sich selbst um Reparaturen, aber es wurde nicht anders.
Eines Tages schließlich gab er in der örtlichen Tageszeitung eine Todesanzeige auf. In dieser Anzeige gab er den Tod der Kirche bekannt und lud die ganze Gemeinde zum Begräbnisgottesdienst ein. Das war schnell Ortsgespräch. Die Leute waren neugierig und viele kamen in das Gotteshaus. Dort war auf den Altarstufen ein großer Sarg hoch aufgebahrt. Zu Beginn der Trauerfeier forderte der Pfarrer die Gemeinde auf, der Kirche die letzte Ehre zu erweisen und am Sarg Abschied zu nehmen. In einer langen Reihe kamen die Leute nach vorne.
Um in den Sarg hineinsehen zu können musste jeder noch auf ein kleines Podest vor dem Sarg steigen. Und wer da stand, der sah am Ende des Sarges über dem Leichentuch zwischen Blumen und grünen Ranken – sein eigenes Gesicht. Der Pfarrer hatte dort einen Spiegel so aufgestellt, dass jeder, der dort stand, sich selbst sah.
Diese Predigt war deutlich und sie schlug ein. Die Leute begriffen: Kirche, das sind nicht die anderen, über die wir uns aufregen und uns das Maul zerreißen. Kirche, das sind wir. Kirche, das bin ja ich. Diese Erkenntnis wurde der Anfang zu einem neuen Aufbruch in dieser Gemeinde.
Kirche, das bin ich. Das ist die erste wichtige Erkenntnis. Das sollten wir immer auch bedenken, wenn wir Kirche anklagen. Das ist dann eine Selbstanklage. Kirche, das ist auch jede und jeder unter uns. Kirche, das bist du Konfirmand/in, Jugendliche/r, das sind Sie, Vater, Mutter, Oma, Opa, Kirchenvorsteher/in, Mitarbeiter/in. Kirche, das bin auch ich, Pfarrer. Und der Zustand von Kirche kann nie besser sein als mein eigener. Wer sich das bewusst macht, dem vergeht die schnelle pauschale Kritik.
Dem englischen Gottesmann Ch. H. Spurgeon erklärte einmal ein Kritiker, dass er sich nie den Kirchen anschließen würde, die er bisher kennengelernt habe. Die seien ihm alle zu unvollkommen. „Sie haben recht“, sagte Spurgeon, „die vollkommene Kirche gibt es nicht. Wenn sie warten wollen bis sie die finden, dann warten sie bis zum jüngsten Tag. Und außerdem“, so fügte er hinzu,“ wenn sie jemals die vollkommene Kirche gefunden hätten, dann würde deren Vollkommenheit mit ihrem Beitritt enden.“
Vor 25 Jahren gingen in der DDR die Menschen aus den Kirchen auf die Straßen und riefen den Stasispitzeln, Politikern und Polizisten zu Tausenden entgegen: Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Mit diesem lautstarken, aber friedlichen Protest haben sie das marode kommunistische System in die Knie gezwungen und die Wende herbeigeführt.
Wir müssten angesichts der Kritik an Kirche vielleicht auf die Straßen gehen und rufen: Wir sind die Kirche! Wir sind die Kirche! Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir etwas tun. Kirche, das sind wir, Sie und ich.
Ich bestreite nicht, dass in unserer Kirche manches nicht stimmt. Sie hat viele Fehler. Und manchmal könnte man sich aufregen über ihre Bürokratie oder ihre Anpassung oder über die Ausgewogenheit von kirchlichen Verlautbarungen und Erklärungen. Sie sind so ausgewogen, dass man oft nach dem Lesen eines Papiers keinen Standpunkt erkennen kann.
Unsere Kirche hat zuwenig christliches Profil, zu wenig Klarheit, zu wenig biblischen Standpunkt. Sie kümmert sich zu wenig um den Glauben und passt sich viel zu sehr an.
Aber bin ich mir jetzt nicht selber auf den Leim gegangen? Wenn ich das, was ich über die Kirche gesagt habe an meinen eigenen Ansprüchen messe? Die Kirche, das bin ja ich. Muss ich dann nicht sagen: Ich habe zu wenig christliches Profil, zu wenig Klarheit, zu wenig Standpunkt, zu wenig Glauben? Ich passe mich viel zu oft an. Bei mir fehlt es hinten und vorne. Ich bin alles andere als der perfekte Christ! Und Sie? Ich meine die Frage ganz ernst! Ist jemand unter uns, der von sich sagen kann, er wäre ein vorbildlicher Christ?
Niemand? Wirklich niemand? Erschütternd, aber wahr. Es ist niemand unter uns, der im Glauben und in seinem Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen so ist, wie nach seinen eigenen Vorstellungen ein Christ sein sollte. — Ja, wie kann denn dann Kirche je ein besseres Bild abgeben, als sie es tut. Ein Haufen Leute, die alle hinter ihren Anforderungen zurückbleiben.
Es ist erstaunlich, dass es bei diesem erschreckenden Befund Kirche überhaupt noch gibt. Umso erstaunlicher, wenn man die Geschichte der Kirche zurückverfolgt und feststellt, dass das nie anders war. Von Anfang an waren Kirche Leute mit Ecken und Kanten, mit Fehlern und Unarten, mit Sünden und Gebundenheiten. Frauen und Männer, die nicht nur hinter den Ansprüchen Gottes, sondern auch hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückgeblieben sind.
Leute, die dann in Augenblicken der Selbsterkenntnis so ehrliche Sätze gesagt haben, wie der Apostel Paulus:“ Das Gute, das ich tun will, das tue nicht, sondern komischerweise oft das Böse und Falsche, das ich gar nicht tun will.
Stellen sie sich vor, mit so wenig konsequenten Leuten hat der Herr seine Kirche gebaut. Da war einer in seiner allernächsten Nähe, der war vorlaut und unbeherrscht, der wollte immer vorne dran stehen, der hat seinen Glauben für unheimlich stark gehalten und als es dann drauf ankam war er doch feige. Und zu dem hat der Herr der Kirche gesagt: „Du bist Petrus, ein Fels und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“
Und obwohl Jesus das tatsächlich wahr gemacht hat, mit Petrus und Paulus, mit anderen fehlerhaften, mutlosen, voreiligen und zögerlichen Leuten seine Kirche gebaut hat, ist doch dieses Unternehmen bis heute nicht gescheitert.
Es gibt sie bis auf den heutigen Tag die Kirche. Die Juden wollten sie auflösen, die Römer mit ihrer Staatsgewalt ausrotten. Die Kommunisten, die Nationalsozialisten, und die 68-er haben sie für tot erklärt. Jede Generation bezeichnet die Kirche von neuem als überholt und veraltet, aber sie lebt trotzdem weiter und hat die wichtigste und aktuellste Botschaft, die es je gab: Jesu Christus lebt!
Nur weil das wahr ist, gibt es die Kirche, gibt es sie trotz ihrer unfähigen Leute noch und wird es sie immer geben. Wie kann das sein? Weil Jesus sagt: Ich will meine Kirche bauen.
Nicht Petrus hat die Kirche gebaut, nicht Paulus, nicht Luther, nicht die Bischöfe und Kardinäle und nicht der Landeskirchenrat in München. Auch nicht der Schöppel oder Kirchenvorstand im Kreuz. Der Herr Jesus Christus selbst baut seine Kirche. Und der hat so viel Macht, dass er seine Kirche sogar mit Sündern und ungeeigneten Leuten bauen kann.
Von Michelangelo wird erzählt, dass er eine seiner schönsten Skulpturen, den David, aus einem Marmorklotz herausgemeißelt hat, den man vorher als unbrauchbar weggeworfen hatte.
Es gibt niemanden, der so ungeeignet ist, dass der große Meister, der Kirchenbauer Jesus ihn nicht an seinem Bau für eine Aufgabe brauchen könnte. Nur das ist notwendig: Dass jemand erkennt, wer Jesus ist und wer er selbst ist. Beides hat Petrus. Kurz bevor Jesus ihn den „Felsen“ nennt, auf den er seine Kirche bauen will, da fragt er seine Jünger für wen sie ihn eigentlich halten. Und es ist Petrus, der die Antwort gibt: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Schon bei der ersten Begegnung mit diesem Sohn Gottes ist dem Petrus auch klar geworden, wer er selber ist. Er fällt vor Jesus auf die Knie und sagt: Ich bin ein sündiger Mensch! Geh lieber weg von mir! Ich pass nicht zu dir,
Aber Jesus geht nicht weg und er schickt den Petrus nicht weg. Jesus schickt überhaupt nie einen weg, der ihn als den Sohn Gottes und der sich selbst als Sünder erkennt. Die sucht und sammelt er. Die nennt er Kirche, die baut er auf und mit denen baut er seine Kirche. Auch im Jahr 2013, auch in Deutschland, Bayreuth und hier im Kreuz.
Und alle die, die sich hier als Kirche versammeln, ob aus dem Kreuz oder sonst wo her, die sammeln sich unter dem Kreuz Jesu, weil sie das wissen: Ich bin ein Sünder, der Vergebung braucht. Und der am Kreuz hat für mich bezahlt und spricht mich frei. Jesus allein kann mich heil machen.
Die das wissen, die nennt der dritte Glaubensartikel „heilige christliche Kirche“. Wenn solche, die unheilig und voller Fehler sind, im Namen Jesu zusammenkommen, dann sind sie unsichtbar verbundene „Gemeinschaft der Heiligen“.
Dankbar und beschämt können wir dann sagen: Wir sind das Volk Gottes! Wir sind Kirche! Und wenn wir an der Kirche Schwächen und Fehler sehen und uns an ihr ärgern, dann müssen wir bei uns selber anfangen daran etwas zu ändern.
Wie? Im „Do it yourself-Verfahren”? Lieber nicht! Das wird nichts. Anders wird nur etwas, wenn wir auf den Herrn der Kirche hören, wenn wir von seinem Wort und seinem Sakrament Gebrauch machen. Wenn wir ihn darum bitten, dass er uns verändert. Dann verändert sich mit uns auch Kirche. Nicht durch einen verärgerten Kirchenaustritt kann man die Kirche verändern, sondern nur durch Umkehr zu Jesus.
In den Grundlagen unserer ELKiB, im Augsburger Bekenntnis Art. 7 heißt es: Die Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.
Und in seinem großen Katechismus sagt Luther bei der Auslegung zum 3. Glaubensartikel, dass Kirche der Ort ist, wo Vergebung durch Gottes Wort und Sakrament vermittelt wird.
Den Namen Kirche tragen wir nicht dann zu recht, wenn wir alles richtig machen oder wenn wir meinen allen moralischen Ansprüchen gerecht zu werden, sondern wenn wir das Gegenteil wissen: Dass wir Sünder sind, dass wir Vergebung brauchen, dass wir Jesus Christus brauchen, den Heiland der Sünder, der uns nicht hinaus stößt, sondern uns trotzdem liebt und trotzdem zum Bau seiner Kirche gebraucht.
Im Führer einer Stadt stand zu lesen: Versäumen Sie nicht die wunderbaren mittelalterlichen Glasfenster unserer Stadtkirche anzusehen. Der Tourist ging zur Stadtkirche, lief herum, sah hinter Maschendraht unansehnliche grauschwarze alte Glasscheiben. Komisch, das sollen die angepriesenen Kunstwerke sein, dachte er, da lohnt es sich ja kaum, dass ich reingehe.
Weil er noch Zeit hatte, bis sein Zug fuhr, ging er doch hinein. Als sich seine Augen an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten, sah er die herrlichen Fenster in wunderbaren Farben mit beeindruckenden und aussagekräftigen Motiven. Jahrhunderte alt, hatten sie nichts von ihrer Leuchtkraft verloren.
So ist das auch mit der Kirche. Von außen betrachtet mag sie oft enttäuschen. Wer sich aber in sie hinein begibt, der erkennt, dass sie nichts von ihrer Kraft, ihrer Hilfe, ihrem Trost verloren hat, solange sie Kirche Jesu Christi bleibt. Und sie hat Zukunft. Wenn einmal alles andere veraltet, vergangen und verbraucht ist, dann Vollendet der Herr seine Kirche und uns mit ihr. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168