Die göttliche und die menschl. Seite von Ostern

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Ostermontag, 21. April 2014, Markus 16,1-14

1 Nachdem der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Salome und Maria, die Mutter von Jakobus, wohlriechende Öle, um den Toten zu salben.
2 Früh am ersten Wochentag, gerade als die Sonne aufging, kamen die Frauen zum Grab.
3 Schon unterwegs hatten sie sich besorgt gefragt: „Wer wird uns nur den schweren Stein vor der Grabkammer zur Seite rollen?“
4 Umso erstaunter waren sie, als sie merkten, dass der Stein nicht mehr vor dem Grab lag.
5 Sie betraten die Grabkammer, und da sahen sie auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der ein langes weißes Gewand trug. Die Frauen erschraken sehr.
6 Aber der Mann sagte zu ihnen: „Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist nicht mehr hier. Er ist auferstanden. Seht her, an dieser Stelle hat er gelegen.
7 Und nun geht zu seinen Jüngern und zu Petrus, und sagt ihnen, dass Jesus euch nach Galiläa vorausgehen wird. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch versprochen hat.“
8 Da flohen die Frauen aus dem Grab und liefen davon. Angst und Entsetzen hatte sie erfasst. Sie redeten mit niemandem darüber, so erschrocken waren sie.
9 Jesus war frühmorgens am ersten Tag der Woche von den Toten auferstanden und erschien zuerst der Maria aus Magdala, die er von sieben Dämonen befreit hatte.
10 Sie lief zu den Jüngern, die um Jesus trauerten und weinten,
11 und berichtete ihnen: „Jesus lebt! Ich habe ihn gesehen!“ Aber die Jünger glaubten ihr nicht.
12 Danach erschien Jesus zwei von ihnen in einer anderen Gestalt, als sie unterwegs waren.
13 Sie kamen voller Aufregung nach Jerusalem zurück, um es den anderen zu berichten. Aber auch ihnen glaubten die Jünger nicht.
14 Wenig später erschien Jesus den elf Jüngern, während sie gemeinsam aßen. Er wies sie zurecht, weil sie in ihrem Unglauben und Starrsinn nicht einmal denen glauben wollten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.

Liebe Gemeinde!

Eigentlich ist das, was wir gerade gehört haben, ein ziemliches Desaster.

Die Frauen hauen geschockt ab. Die gut gemeinte Erklärung des Engels geht völlig unter. Statt irgendwas weiterzusagen verschlägt es ihnen total die Sprache. Sie sagen nichts.
Und die Männer, die 11 Jünger, als die zu hören kriegen, von Maria Magdalena und den zwei Emmausjünger: “Jesus lebt. Wir haben ihn gesehen.”, da schütteln sie nur mit dem Kopf, sagen so etwas wie: “Ihr habt ja nicht mehr alle Tassen im Schrank” und glauben ihnen kein Wort.
Und sozusagen als Krönung – Jesus taucht dann selbst auf – gibt erst mal Donnerwetter und die Jünger werden richtig zusammengefaltet.

So sah also Ostern aus.

Es ist mal ganz gut, das zu sehen, denn das ist die menschliche Seite der Auferstehung.

So wie es auch bei der Kreuzigung eine menschliche und eine göttliche Seite gibt.

Die göttliche Seite ist das, was Jesus aushält. Wie er durchhält. Was er alles auf sich nimmt: die allergrößte Schuld, das größte menschliche Desaster, ganze Berge an Schuld, auch alles, was dich betrifft, so niemand hier unter uns sagen kann: “Meine Schuld ist zu groß.” Keiner sagen kann: “An mich hat er nicht gedacht.” Keiner sagen muss: “Ich muss noch was dazu tun, die Erlösung reicht nicht aus.” Er, der Sohn Gottes hat durchgehalten, hat alles vollbracht. Das ist die göttliche Seite des Kreuzes.

Und daneben steht die menschliche Seite des Kreuzes: der Hass, der Spott, das Dran-Vorbei-gehen bis auf den heutigen Tag. Das viele gar nicht merken, wer da stirbt. Der Sohn Gottes für dich und mich. Auch dass wir so schnell wieder vergessen, was er tat. Wie kümmerlich ist oft unser Dank für seine Liebe und Selbstaufopferung. Kann sich ja jeder mal fragen: Fließt unser Herz über vor Dank, dass er mich gerettet hat vor der Hölle, vor der ewigen Finsternis? Oder tröpfelt es da eher wie aus einem Wasserhahn, dessen Leitung verstopft ist? Das ist die menschliche Seite des Kreuzes.

Aber es gehört auch das Erkennen des Hauptmannes dazu: “Dieser ist wahrlich Gottes Sohn gewesen” und die Tränen der Frauen und der Glaube des Schächers und vieler anderer: “Denk doch an mich, Jesus, wenn du in dein Reich kommst.”

So haben Kreuz und Auferstehung zwei Seiten. Die göttliche und die menschliche.

Die göttliche Seite der Auferstehung geschieht ohne dass irgend ein Mensch dazu hilft. Ja es darf nicht einmal einer zusehen. Jesus durchbricht die Mauer des Todes. Allein aus Gottes Macht. Und das tut er schon am Karfreitag um 15.00 Uhr. Der Tod kann ihn nicht besiegen und damit nicht festhalten. Selbst in die Welt der anderen Toten reißt er ein Loch, eine Öffnung. Auf einmal ist für die, die irgendwo warten in der Scheol, wie das Alte Testament sagt, die Tür offen. Wer vorher auf Vergebung gehofft hatte, der hat sie jetzt. Und darf sich himmelwärts machen.

Die Heilige Schrift sagt es mehrfach, dass die, die selig in Christus gestorben sind, nicht erst warten müssen bis zum jüngsten Tag und der Auferstehung der Leiber. “Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein”, sagt Jesus zum Schächer neben ihn am Kreuz. Und ein Paulus schreibt: “Ich habe Lust abzuscheiden und beim Herrn zu sein.” Und das Zeugnis vieler Christen ist, dass die Heiligen aus der jenseitigen Welt kräftig mithelfen den Kindern Gottes in dieser Welt. “Weil wir aber eine Wolke von Zeugen um uns haben”, schreibt der Hebräerbrief, “so lasst uns ablegen die Sünde, die uns anklebt und träge macht.”

Mit der Erschaffung eines Menschen ist etwas Unsterbliches geschaffen worden. Niemand kann sich selbst mehr in Nichts auflösen. Keiner kann seine Identität mehr auswechseln. So wie wir sind, gehen wir einmal hinüber in die Ewigkeit. Jeder wird einmal wiederzuerkennen sein, unsere Eigenschaften, unsere Art nehmen wir mit. Ob man das nun unsterbliche Seele nennt oder nicht, spielt keine Rolle. Die Seele ist ja nach biblischen Verständnis sowieso das Ich, die Person, die in dieser Welt einen irdischen Leib hat und in der jenseitigen Welt einen unvergänglichen Leib hat.

Aber das Entscheidende an Jesus war nun, dass ihn der Tod nicht festsetzen konnte in der Finsternis. Dass er sozusagen kein Recht an ihm finden konnte. Hätte Jesus gesündigt wie wir, dann hätte er genügend Rechte, ihn festzusetzen. So kommt es ja auch entscheidend einmal bei uns darauf an, dass bei unserem Sterben keine Schuld uns mehr festsetzen kann. “Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Schuld bedeckt ist.”

So bricht nun Jesus einfach durch. So dass er am Ostermorgen in seinem alten Leib auferweckt wird. Und doch ist dieser alte Leib nicht mehr der alte, sondern durchdrungen von der Unverweslichkeit. Und alle Himmel rufen nun die gewaltige Botschaft: Der Herr lebt. Der Herr ist auferstanden!

Die göttliche Seite von Ostern ist die wunderbare Seite.

Und während er das Grab schon verlassen hat, schickt Gott extra einen Engel der den Frauen erklärt, was da los ist. Und der hält keine komplizierte lange theologische Abhandlung wie so mancher Artikel im Sonntagsblatt, was das leere Grab alles bedeuten könnte. Sondern ganz einfach: Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist nicht mehr hier. Er ist auferstanden. Seht her, an dieser Stelle hat er gelegen.

Und dann fügt er gleich eine Aufgabe an, so wie Gott oft an seine Versprechen eine Aufgabe anfügt: “Ich hab dich lieb, aber nun hab doch die Deinen auch lieb”: Hier heißt es: “Sagt’s den anderen, sie sollen nach Galiläa. Dort werden ihr alle Jesus sehen.” Aber das was so einfach wäre, tun sie nicht. Sie bleiben im Schreck stecken. Sind so fassungslos, dass sie es selber nicht glauben können, was sie sehen. Die menschliche Seite von Ostern.

Und geht’s uns manchmal nicht auch so, dass uns die kleinste Aufgabe überfordert, wir den Mund nicht aufkriegen, den Hintern nicht hochkriegen? Vor Schreck oder Verzagtheit gar nichts machen. Gar nicht merken, dass ein Lied, das uns einfällt, von Gottes Engeln geschickt wird oder ein Bibelwort, das ich lese, mich herausreißen will aus allem Jammer. Da ruft uns der Himmel was zu, plötzlich singt es in dir: “Warum willst du noch sorgen, wo du doch beten kannst.” Wir nehmen’s zur Kenntnis, aber nicht zu Herzen. Und es ändert sich nichts. Gott hätte so gerne geholfen, aber wir haben’s nicht kapiert. Was das heißt, wenn er redet! Dass das zu glauben und mitnehmen ist, dann geht der Himmel auf. Aber wir sitzen fest in Lähmung oder Grübeln oder Zerstreuung oder im Schreck. Und der schlimmste Schreck, den es gibt, ist wenn neben allem anderen Schrecken noch dazu kommt: “Ja, jetzt bist du zu weit gegangen. Diese Schuld war endgültig zu viel.” So wie es einen Martin Luther gepackt hat nach jahrelangem Bemühen um Gottes Gnade. “Mir gelingt es nicht, Gott zu lieben, so wie die Schrift es will, mein Herz bleibt hart und kalt. Das ist ein Zeichen des Gerichtes, ich bin verworfen, ich bin verloren.”

Und dann hört man gar nicht mehr zu, was die Boten Gottes, Engel sind ja Boten Gottes in Engels- oder auch in Menschengestalt, sonst noch zu sagen haben.

Eigentlich ist die menschliche Seite der Auferstehung schon wieder tröstlich. Die waren auch nicht anders. Und wenn jemand vorhin gedacht hat, das kann aber nun wirklich nicht glauben, was da alles zu hören war von der Auferstehung. Den Jüngern ging’s genauso. Sie konnten sich es einfach nicht vorstellen, was ihnen da berichtet wurde. Ihr Verstand kam da nicht mit. “Das geht doch gar nicht.”

Eine Frau hat mir mal erzählt von der schweren Krankheit ihres Kindes. Wie sie gebetet und gerungen hat um ihr Kind wochen-, monatelang, aber auch irgendwann bereit war: “Herr, wie du es willst! So will ich es tragen, auch wenn er nicht mehr gesund wird.” Und wie dann auf einmal mitten im Gebet ein richtiger Durchbruch da war, eine große Freude über sie kam. Und zur gleichen Zeit, wo ihr das so ging, da war auf einmal die Krankheit gebrochen. Da ging’s mit ihrem Kind rapide aufwärts, so dass allen aufgefallen ist: Das ist ein Wunder.

Aber was haben die aus ihrer Familie gemacht, als sie dieses klare Zeugnis vor sich hatten? Haben sie sich bekehrt zu dem Gott, der dies Wunder tat? Nein. Sie haben es nicht wirklich geglaubt. Weder der Geheilte noch der Vater.

Aber genau deswegen pfeift Jesus seine 11 Jünger fürchterlich zusammen. Inzwischen gab es welche, die Jesus selbst gesehen hatten, die jubelnd zu den 11en kamen: “Der Herr lebt. Wir haben das und das erlebt.” – “Das kann nicht sein. Ihr spinnt.” war ihre Reaktion. Und darum poltert Jesus: “Ihr habt gehört von den anderen, dass sie mich gesehen haben, und ihr glaubt ihnen einfach nicht. Tut so, als ob sie Lügner wären.” Das Wort im Griechischen ist deutlich: Er schmäht, er beschimpft sie. Er ist richtig zornig.

Aber und das ist nun ganz wichtig. Jesus ist nicht zornig, weil sie versagt haben am Karfreitag. Er ist nicht zornig, weil sie ihn verleugnet haben. Er ist nicht zornig über den Berg ihrer Sünden.

Er ist allein zornig, weil sie nicht das geglaubt haben, was man ihnen gesagt hat.

Liebe Gemeinde, kann man sich so einen Zusammenpfiff nicht gut gefallen lassen! Das mir und dir der Herr sagt: Jetzt sei doch nicht mehr so blöd, dass du immer dran rumzweifelst an dem, was ich dir hab ausrichten lassen.

“Jetzt glaub doch endlich mal, dass ich dich wirklich lieb habe”, sagt der Herr.

“Jetzt glaub doch endlich wieder, dass ich dir tatsächlich
alle Deine Schuld vergeben habe”, lässt uns der Herr
ausrichten. Sie liegt doch wirklich am Kreuz. Glaub’s auch, wenn
du es nicht fühlst, allein weil es dir gesagt wurde.

“Jetzt glaub doch auch, dass ich deine Sorge, die du mir schon so
oft anvertraut hast, wirklich übernommen habe.”

“Jetzt glaub doch wirklich einmal, dass ich mit dir gehe, wenn du dich morgen aufmachst an deine Arbeit.”

“Jetzt rechne doch mal damit, dass ich dir Weisheit und Hilfe
gebe für das, was du wissen und tun musst nächste
Woche.”
“Jetzt rechne doch damit, dass ich dir Klarheit geben werde für die Entscheidung, die du zu treffen hast.”

“Jetzt glaub doch mal gegen dein: ‘Ich kann das
nicht.’ ‘Ich kann nicht lieben.’ Doch du kannst es,
wenn du dabei auf mich schaust, der ich dich und den anderen lieb hab.
So kriegst du meinen Geist und Sinn, indem du immerzu und immer wieder
auf mich schaust und nicht mehr auf dich.

Gerade die Sache mit den 11 Jüngern weißt uns wieder mal darauf hin, dass es Gottes Methode ist, zuerst sein Wort zu geben, dann sollen wir es glauben, auch gegen allen Augenschein und gegen alle Gefühle, und dann erfüllt es sich erst.

Wie menschlich unsere Seite von Ostern auch sein sollte, durch Schrecken, Erstarren und Zweifeln, sie wird quasi ausgehebelt durch die göttliche Seite, dass er uns versichert: Es bleibt dabei: “Jetzt glaub doch, dass ich meine Versprechen halte.”

Und wo wir niedergedrückt sind und sagen: Wieder gefallen, wieder gesündigt, wieder verzagt, da tritt er an unsere Seite und sagt: “Trotzdem gewonnen.” Nur wer aufgibt, hat verloren. Dazu gibt es aber keinen Grund, denn Jesus gibt uns ja nicht auf.

So sagt ein Martin Luther – das zum Schluss: “Der Glaube ist ein lebendiges Ding, dass man an dem Wort hängt, gehe es uns, wie es wolle. Er handelt mit den Gütern, die er nicht sieht und nicht fühlt, und geht damit um, wie wenn er sie schon in Händen hat, und hat doch keinen anderen Trost, als dass er weiß, Gott lügt ja nicht und betrügt mich nicht.”