Die Christuswaffe ist der Segen

Zur PDF

4.Sonntag nach Trinitatis, 01.07.2012, 1.Petrus 3, 8-15

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
In der Stille wollen wir darum bitten, dass der Herr uns durch sein Wort segnet. …Herr, wir bitten

Im ersten Petrusbrief im 3. Kapitel lesen wir Worte der Heiligen Schrift, die dieser Predigt zugrunde liegen. 1.Pet. 3,8 -15

Haltet fest zusammen! Nehmt Anteil am Leben des anderen und liebt euch wie Brüder! Seid barmherzig zueinander und haltet nicht so viel von euch selbst.

Vergeltet nicht Böses mit Bösem, bleibt freundlich, auch wenn man euch beleidigt. Denkt und redet Gutes über den anderen, denn ihr wisst ja, wieviel Segen Gott euch zugedacht hat.

Es heißt doch in der Heiligen Schrift:

„Wer sich am Leben freuen und gute Tage erleben will, der achte auf das, was er sagt. Keine Lüge, kein gemeines Wort soll über seine Lippen kommen. Vom Bösen soll er sich abwenden und das Gute tun. Er setze sich unermüdlich und mit ganzer Kraft für den Frieden ein. Denn Gott sieht mit Freude auf solche Menschen und wird ihre Gebete erhören. Wer aber Böses tut, wird Gottes Zorn zu spüren bekommen.“

Könnte euch jemand schaden, wenn ihr wirklich Gutes tun wollt? Doch selbst wenn ihr leiden müsst, weil ihr so lebt, wie es Gottes Wille ist, kann man euch glücklich nennen.

Darum fürchtet euch nicht vor dem Leid, das euch die Menschen zufügen und lasst euch durch sie nicht verwirren. Lasst Christus den Mittelpunkt eures Lebens sein. Seid immer dazu bereit, denen Rede und Antwort zu stehen, die euch nach der Begründung eueres Glaubens fragen.

Seid dabei freundlich, aber vergesst nicht, welche Verantwortung ihr vor Gott habt. Habt ein gutes Gewissen! Dann nämlich werden sich alle die selbst richten, die euch schlechtgemacht und über euer vorbildliches Leben als Christen Lügen verbreitet haben. Es ist doch besser – wenn Gott es so will -, für das Gute zu leiden, als für etwas Schlechtes.

Ja, so müsste es sein in der christlichen Gemeinde und bei uns. So könnte Frieden sein und so könnten wir auf andere vielleicht glaubwürdiger wirken. Aber jeder von uns hat seine Empfindlichkeiten und seine Eitelkeiten. Jeder meint natürlich, dass er recht hat und der andere nicht. Und dann legt man sich für manche Gemeinheit auch noch Begründungen zurecht.


Ein Pfarrer kommt dazu, wie sich zwei Jungs auf der Straße prügeln. Er geht dazwischen, trennt die Streithähne und meint: „Wisst ihr nicht, dass in der Bibel steht: Du sollst deine Feinde lieben!“ „Doch“, meint der eine und entwindet sich dem Griff des Pfarrers, „aber der da ist ja gar nicht mein Feind, das ist mein Bruder!“ Er dreht sich um und lässt den verdutzten Pfarrer stehen.

Ganz schön pfiffig der Knabe. Wahrscheinlich hätte er noch mehr gute Gründe dafür gehabt seinen Bruder zu vermöbeln. So wie wir immer gute Gründe dafür haben, wenn wir in Streit und Feindschaft mit jemandem leben oder den Kontakt abgebrochen haben. Was der oder die zu mir gesagt oder mir angetan hat…

Oft sind es auch bei uns nicht die Feinde die uns wirklich Schwierigkeiten machen, sondern die Brüder und Schwestern, die Eltern und Kinder, die Nachbarn oder Mitarbeiter oder es ist der Ehepartner.

Oft sind auch wir dem Hiebe Austeilen, auch wenn es nur verbale oder gedankliche Schläge sind, näher als dem, was hier dieses Wort der Bibel von uns fordert. Wir setzen uns zur Wehr, wir schlagen zurück, mit Worten und Taten, voller Zorn und Hass. Weder brüderlich noch mitleidig, weder verständnisvoll noch versöhnlich, sondern knallhart und eiskalt. Einer muss es dir ja mal sagen. Einer muss es dir ja mal heimzahlen.

Von Aushalten, von Vergeben, gar von Segnen keine Spur. Und so dreht sich die Spirale des Bösen weiter. Wir machen damit uns selbst und anderen das Leben schwer. Und wir machen uns und unserem Herrn keine Ehre damit.

„Schaut sie an die frommen Christen, wie sie sich gegenseitig zerfleischen“, höhnen die Fernstehenden und wenden sich auf ihrer Suche nach dem Frieden ab. Streitende Frommen sind abschreckend und manchmal bin ich auch einer von ihnen.

Dabei weiß ich doch, wie recht der Mann hat, der diese Zeilen
schreibt. Eigentlich will ich ihn auch den Frieden und brauche ihn und
sehne mich nach ihm. Wie wahr ist das Zitat aus dem 34. Psalm, das
Petrus anführt: Wer sich am Leben freuen und gute
Tage erleben will, der achte auf das was er sagt. Keine Lüge, kein
gemeines Wort soll über seine Lippen kommen.“
Wenn nur mehr beachtet würde, was Petrus sagt!

Was war das überhaupt für einer, der diese Zeilen an seine christlichen Freunde geschrieben hat? Petrus, war er so ein ganz Braver? So ein Sanftmütiger, der sich alles gefallen lässt? Einer, der sich immer unter Kontrolle hat, der nie die Fassung und nie die Beherrschung verliert? Solche gibt’s ja, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen sind.

„Mit dem kann man ja nicht einmal streiten“, sagte einmal eine sehr temperamentvolle Frau, voller Wut über ihren so veranlagten Mann. Was für ein Vorwurf! Wenn man auf böse Angriffe schweigt, gibt es keinen Streit. Da ghörn immer zwa dazu, sagt der Franke. Aber so war er nicht, Petrus, der uns diese Sätze schreibt. Ganz im Gegenteil! Er weiß genau wovon er redet, denn das war früher genau sein Problem. Schnell und heftig reagieren. Überreagieren, wie man dann gern beschönigend sagt. Petrus konnte sich kräftig wehren, kämpfen, und wenn’s sein musste auch zuschlagen.

Der uns hier die Sanftmut und Besonnenheit predigt, ist derselbe Petrus, der einige Jahrzehnte vorher das Schwert zieht und der im Garten Gethsemane einem der Soldaten, die Jesus greifen wollen, ein Ohr abschlägt. Damals war er sich noch sicher richtig zu handeln. Für eine gerechte Sache muss man doch kämpfen! Wenn es sein muss auch mit Gewalt anwenden! Damals konnte er Jesus nicht verstehen, der ihn zurückhielt und aufforderte das Schwert wegzustecken.

Doch zwischen Gethsemane und diesem Brief, den er drei Jahrzehnte später schreibt, hat sich einiges verändert bei Petrus. Er hat begriffen, dass es eine viel wirksamere Methode gibt als die Vergeltung. Er hat sie von seinem Herrn gelernt, damals unter dem Kreuz: „Vater vergib ihnen. Sie wissen nicht, was sie tun.

Petrus hat es an sich selbst erfahren, wie vergebende Liebe einen viel mehr verändern kann als Moralpredigten oder berechtigt bittere Vorwürfe. „Wenn du dich einmal bekehrst“, hatte Jesus zu ihm gesagt, „dann stärke deine Brüder.“ Er verstand das damals nicht, denn er hielt sich längst für bekehrt, vielleicht viel bekehrter als seine Jüngerkollegen.

Dabei stand ihm noch manche Umkehr bevor. Vor allem die eine, in jener Nacht, als der Hahn krähte und er seinen Herrn verraten hatte. Die eine große Umkehr von dem Irrtum, dass ein Mensch sich mit seinen eigenen Kräften retten und immer richtig verhalten kann.

Er hat es mit den Jahren immer mehr gelernt seine Sache nicht selbst zu vertreten und dabei schuldig zu werden, sondern seine Sache seinem Herrn anzuvertrauen und zu wissen, der sorgt schon für mich. Der weiß wie es wirklich ist. Der kann Wahrheit und Lüge wirklich unterscheiden. Der Herr allein kann sich wirklich ein Bild machen.

Mit jeder Umkehr und jedem Neuanfang hat sich der raubeinige Fischer mehr auf den Auferstandenen verlassen und so konnte er schließlich am Ende seines Lebens die Hand ohne Schwert aufheben, auch nicht um zuzuschlagen, sondern um im Namen Jesu zu segnen. Weil er damit viel beste Erfahrungen gemacht hat, gibt er das an seine Freunde weiter, gibt er auch an uns weiter: Segnet, statt zu streiten und zu kämpfen. Segnet, weil ihr Gesegnete seid. Segnen als Weg zur Konfliktlösung. Das scheint uns so abwegig, dass es die meisten unter uns wahrscheinlich noch nie versucht haben.

Segnen, das heißt wörtlich eigentlich „bezeichnen“. Signieren, unterschreiben. Mit dem Zeichen, das die Spirale der Gewalt und des Hasses stoppt, mit dem Kreuz. Sinngemäß bedeutet segnen „Gutes wirken“. Der Herr segne dich, das heißt, der Herr wirke Gutes an dir und dann auch durch dich. Wenn ich segne, dann wünsche ich jemandem im Namen Gottes Gutes. Segen kann das Böse aufhalten, kann dem Hass Einhalt gebieten. Schon im Alten Testament wird die Wirkung des nicht Vergeltens deutlich gezeigt.

Der eifersüchtige König Saul verfolgte den jungen und beliebten David und wollte ihn umbringen. Hass und Neid hatten ihn so weit getrieben. David hatte ihm nichts getan. Saul jagte mit seinen Soldaten den flüchtenden David und seine Freunde. Bei Einbruch der Dunkelheit flüchten sie sich auf einen steilen Felsen. Saul lässt ihn umstellen und belagern und weiß: Morgen ist der David in meiner Hand. Auch David ist bewusst, dass sie keine Chance haben, zu entkommen.

Mitten in der Nacht schleicht er sich mit einem Vertrauten an den Wachen vorbei in das Lager Sauls. Es gelingt ihnen unbemerkt bis zum schlafenden König vorzudringen. Dort zieht David den Speer des Königs aus dem Boden. „Töte ihn! Spieß ihn an den Boden den gemeinen Kerl!“ flüstert ihm sein Begleiter zu. Aber David schüttelt den Kopf. „Nein! Er ist der von Gott gesalbte König. Ich werde ihm nichts tun.“ David achtet den Willen Gottes, obwohl in ihm vielleicht auch der Wunsch nach Rache da war.

Er nimmt nur den Speer des Königs und noch seinen Wasserkrug, und schleicht damit wieder unbemerkt aus dem Lager zurück auf den Berg zu seinen Freunden. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang zeigt er sich dem Saul von einem Felsvorsprung aus mit Speer und Krug. Saul begreift, dass ihn David in jener Nacht hätte töten können. Beschämt zieht er mit seinen Soldaten ab. David und seine Leute sind frei. Dass er sich nicht selbst gerächt hat, dass er nicht Böses mit Bösem vergolten hat, brachte ihm noch mehr Anerkennung ein.

Petrus sagt: Gott sieht mit Freude auf solche Menschen und hört ihre Gebete. Wer aber Böses tut, wird Gottes Zorn zu spüren bekommen. Wer nicht selbst heimzahlt, und dem anderen Böses wünscht oder darauf wartet, dass der Feind Fehler macht, der steht unter dem besonderen Segen Gottes. Auch dann, wenn er zunächst dabei Unrecht erfährt.

Aber das kann ich nicht und das will ich auch gar nicht, sagen da manche und manchmal geht es mir auch so. Nein, das kann auch keiner aus eigener Kraft. Die Freiheit zur Vergebung, die Freiheit zu schweigen, die Freiheit Ungerechtigkeit zu ertragen, kann uns nur Jesus schenken. Und er schenkt sie nur, wenn wir ihn darum bitten.

Ein indischer Christ war zum Glauben an Jesus gekommen. Doch nach einigen Wochen kam er verstört zu seinem Pfarrer und sagte: „Ich hatte immer gemeint durch Jesus Frieden zu bekommen. Aber jetzt ist es tief drinnen in mir so, wie wenn da zwei Katzen sich dauernd bekämpfen würden, eine schwarze und eine weiße Katze!“

Der Seelsorger gab zur Antwort: „Keine Angst. Es ist gut so.
Früher hattest du nur schwarze Katzen; jetzt aber ist auch die
weiße Katze da!“ Aber der Anfänger im Glauben gab sich
damit noch nicht zufrieden. Besorgt fragte er; „Aber wer wird
dann endlich die Oberhand gewinnen?“ Der Pfarrer meinte trocken:
„Das wird davon abhängen, welche Katze du besser
nährst.“ (IDEA 28/2000 S.10)

Kämpfen in Ihnen auch manchmal die weiße und die schwarze Katze? Oder ist da nur die schwarze Katze?

Die schwarze Katze nährt sich von bösen Gedanken, davon dass ich immer wieder das Böse, das mir widerfahren ist, bedenke und erzähle. Die weiße Katze nährt sich von den guten Worten Gottes. Von solchen etwa, die Petrus hier sagt. Sie wird stärker und verdrängt das schwarze Biest, wenn ich mir meine Schuld bewusst mache und wenn ich für mich selber Gottes Vergebung erbitte.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen. Unseren Frieden finden wir nur, wenn wir vergeben. Dabei bleibt auch die Gerechtigkeit nicht auf der Strecke. Solange dem anderen das, was er mir angetan hat, nicht von Gott vergeben ist, wird er sich einmal dafür verantworten müssen. Wenn es ihm vergeben ist, weil er, genau wie ich Vergebung braucht, dann werde ich schuldig, wenn ich ihm nicht vergebe.

Nicht zum Fluchen und Vergelten sind wir berufen, sondern zum Segnen. Pfarrer Bösinger hat einmal gesagt: Die Christuswaffe ist der Segen.“ Der
alte Petrus hebt trotz Verfolgung und Verleumdung die Hand auf um zu
segnen. Sie hält nicht mehr das Schwert, sondern sie zeichnet das
Kreuz. Möge auch dir der begegnen, dich der verwandeln, der in dir
siegen, der an diesem Kreuz für dich starb. Das Kreuz war und ist
die Waffe, die das Böse stoppt und besiegt.

Gott sagt: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Das ist eine sonderbare Sache mit dem Segen: Man kann ihn nur behalten, wenn man ihn weitergibt. Gesegnete werden zu Segnenden. Wer Segen annimmt, sucht nicht, wie er heimzahlen kann, sondern kann beten, wie Franziskus von Assisi:

O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens; dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, woA man sich beleidigt, dass ich verbinde, wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht, dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt, dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich Licht entzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168