Die Bedeutung von Gründonnerstag für uns
Zur PDFGründonnerstag, 18. April 2019, 1.Kor.11,23-26
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Stilles Gebet
Liebe Gemeinde, an einem Tag im Kirchenjahr steht in ganz besonderer Weise das Heilige Abendmahl im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Es ist der Tag vor dem Karfreitag, wo wir an die Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus denken.
Dass dieser Tag Gründonnerstag heißt, wissen viele noch, was das Besondere dieses Tages ist, könnten dagegen die meisten nicht mehr sagen. Es ist der Tag, an dem unser Herr Jesus Christus das Heilige Abendmahl eingesetzt hat. Das H.A. ist eines der größten Wunder unseres Glaubens, ein wunderbarer, liebevoller Akt des Annehmens und der Fürsorge unseres Herrn.
Dieser Tag leuchtet für den, der überhaupt noch etwas vom Kirchenjahr weiß, heraus aus den Berichten über das bevorstehende Leiden Jesu. Der Herr wußte, im Gegensatz zu seinen ahnungslosen Jüngern, was an Schrecken und Qual kommen würde. Er weiß, dass dies der letzte Abend ist, den er so mit seinen Freunden verbringt. Er weiß, einer wird mich verraten, einer wird mich verleugnen, alle werden sie mich im Stich lassen. Und was tut er mit diesem Wissen? Er droht nicht, er jammert nicht, er klagt nicht, er klagt auch nicht an.
Nein, er lädt an seinen Tisch. Er feiert ein Fest mit seinen Freunden. Er spricht in Liebe, auch in Klarheit mit ihnen. Er gibt ihnen vorweg eine neue Form mit ihm zusammen zu sein, für die Zeit, wenn er nicht mehr sichtbar bei ihnen sein wird. Er macht ihnen allen damit allen eine Umkehr, eine Rückkehr möglich, wenn sie nach Kreuz und Auferstehung anfangen werden zu verstehen.
Die Väter der Liturgie und Kirchenordnung haben diesen Feiertag, Gründonnerstag, sichtbar herausgehoben aus der dunklen Karwoche. Altar und Kanzel sind weiß gedeckt. So ist das sonst nur an Weihnachten und Ostern und den Sonntagen danach.
An Weihnachten ist die Botschaft; Gott wird Mensch, dir Mensch zugute. An Ostern wird uns die Auferstehung groß gemacht. Jesus Lebt! Mit ihm auch ich! Am Karfreitag wird uns gezeigt, wie weit die Liebe Gottes geht. Sie ist stärker als der Tod.
Am Gründonnerstag fließen diese wunderbaren Tatsachen des Glaubens zusammen, werden konkret greifbar und persönlich: Nimm hin und iss, das ist mein Leib, für dich gegeben. Nimm hin und trink, das ist mein Blut, für dich vergossen, zur Vergebung deiner Sünden.
Nimm das Heil, das der Herr für dich geschaffen hat an. Spüre es, schmecke es, sieh es, wie freundlich und fürsorglich der Herr mit dir umgeht. Haben wir das alle wirklich begriffen? Ist uns das wirklich allen bewußt, wenn wir zum Heiligen Abendmahl kommen?
Der Apostel Paulus schreibt über das H.A. an seine Gemeinde nach Korinth und fragt sie auch so mit den Worten unseres heutigen Schriftwortes für die Predigt: 1.Kor.11,23-26
Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach ’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis.
Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinkt,, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.
Drei ganz wichtige Aussagen sind in diesen wenigen Zeilen enthalten.
1. Jesus geht Gemeinschaft mit uns Sündern ein. So wie damals seine Jünger lädt er uns heute noch zu seinem Fest an seinen Tisch. Seine Gegner machten Jesus da immer zum Vorwurf: Du isst mit Zöllnern und Sündern. – Du setzt dich mit gottlosem Gesindel an einen Tisch! In der Tat waren die Tischgenossen Jesu häufig Leute, von denen sich viele distanzieren; Betrüger, Leute mit unmoralischem Lebenswandel, mit gescheiterten Beziehungen, mit abstoßendem Äußeren. Leute von einfacher Herkunft und geringer Bedeutung.
Jesus sucht ihre Nähe, nicht um sie zu verurteilen, auch nicht um sich anzubiedern. Er sucht sie, um sie aus der Gottesferne heimzubringen in die Arme des liebenden Vaters. Er will sie aus der Unmenschlichkeit ihres Lebens in die wahre Menschlichkeit bringen, die sich nur mit Gott leben und erleben läßt.
Auch die Tischgesellschaft am letzten Abend im Leben Jesu macht hier keine Ausnahme. Es überrascht, wie offen die Evangelisten über die zwölf Männer berichten, die später in der Kunst und Kirchengeschichte zu Heiligen und Übermenschen gemacht worden sind.
Im NT wird an den Jüngern jedenfalls nichts beschönigt. Wir erfahren, dass unter ihnen Ängstliche, Feige, Geizige und Ehrgeizige, Neidische und Großspurige sind, ganz zu schweigen von Lügnern und ehemaligen Betrügern. Jesus nennt sie hochmütig, schläfrig, kleingläubig, sogar ungläubig und schickt trotzdem keinen weg, schließt trotzdem keinen von seiner Feier aus. Sogar den schickt er nicht weg, der sich in seinem Kopf schon den Plan zurechtgelegt hat, wie er den Freund verraten wird.
Jesus sucht offensichtlich ganz bewußt die Gemeinschaft von solchen fehlerhaften und sündigen Menschen. Nicht um ihr Wesen und Verhalten gut zu heißen, nicht um ihre Sünde zu verschleiern, sondern um vergebend zu ertragen. In dieser Tischgemeinschaft des letzten Abendmahls werden die Jünger ganz klein und der Herr Jesus ganz groß.
In der Gemeinschaft des Abendmahls sind auch wir am rechten Ort, wenn wir aufgrund der Erkenntnis unserer eigenen Sünde klein geworden sind. Wenn wir Vergebung brauchen und suchen. Die Bibel nennt das innere Herabsteigen vom hohen Roß der Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit: Demut.
Nur wenn wir klein werden in der Erkenntnis unserer Schuld, kann uns Jesus und seine Liebe wirklich groß werden. Das Abendmahl ist eine Gemeinschaft solcher Menschen, die es aufgeben wollen sich auf sich selbst zu verlassen. Sie sehen nur noch eine Möglichkeit von sich selber loszukommen: Erlösung durch Jesus Christus. Dafür reicht eigene oder fremde menschliche Kraft nicht aus. Dafür braucht es die ganze Kraft Gottes. Dafür braucht es die ganze Liebe Jesu. Und die wird uns angeboten im H.A. Bis heute geht Jesus in diesem Mahl Gemeinschaft mit Sündern ein
2. Jesus hat damals sein Leben hingegeben als Preis der Erlösung. Das gilt uns heute. Mein Leib! Mein Blut! Für dich! Von Liebe wird viel geredet. Oft bilden wir uns auch etwas ein auf Opfer, die wir gebracht zu haben glauben. Aber unsere Liebe ist nicht belastbar. Sie sucht das Ihre. Sie endet oft dort, wo ein wirkliches Opfer zu bringen nötig wäre.
Oft wäre ja zur gelebten Liebe nur ein wenig Verzicht, nur ein wenig Rücksicht nötig. Wir brauchen oft nur etwas von unserer Zeit, etwas von unserem Geld, etwas von unserer Kraft, Geduld oder Zuwendung zu opfern. Niemand verlangt von uns alles.
Nur von Jesus wurde alles verlangt. Er hat sich mit seinem ganzen Leben hingegeben und er läßt uns das im H.A. erfahren. „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.“ Wir sehen, ja wir schmecken im H.A. die Freundlichkeit Gottes, die rettende Liebe Jesu.
Das Mahl, das wir nachher miteinander feiern, wirkt mit göttlicher Kraft. Als Sakrament ist es gebunden an das Wort Jesu: Für euch gegeben und vergossen zu Vergebung der Sünden. Und es ist gebunden an den Glauben, dass Gott tut, was er sagt. In Luthers kleinem Katechismus heißt es: Wer denselben Worten glaubt, der hat, was sie sagen, nämlich Vergebung der Sünden. Im jetzt und heute vollzogenen Glauben geschieht die wirkliche Erlösung des Sünders.
3. Aus diesem Glauben an die Erlösung entsteht ein neues, von gegenseitiger Liebe gekennzeichnetes Gottesverhältnis. Ich kann nicht anders als den, der mich so liebt wieder zu lieben. Er hat meine Vergangenheit in Ordnung gebracht. Er hilft mir mit meiner Gegenwart zurechtzukommen und er gibt mir Zukunft. Der Satz: Dir sind deine Sünden vergeben ist der hoffnungsvollste Satz, den es gibt. Er löscht alles aus, was mir die Hoffnung rauben will. Wir haben Anteil an dem neuen Leben, das Christus gibt. Das Beste und Schönste ist, wenn Christen diese Erfahrung gemeinsam machen. Wenn Eheleute, Familien, Kollegen, Nachbarn, Mitarbeiter einer Gemeinde miteinander zum H. A. kommen. Wenn sie annehmen, was ihnen da geboten wird: Volle Vergebung, totale Begnadigung, angenommen sein, dann können sie das, was ihnen geschenkt ist auch dem neben ihnen zugestehen.
Nicht nur ich bin begnadigt, sondern auch mein Ehepartner, meine Schwester, mein Bruder, mein Chef, mein Mitarbeiter, mein Nachbar und mein Hausgenosse. Gott hat seine/ihre Sünde weggenommen und ausgelöscht, genauso, wie meine. Es gibt beim Abendmahl nur ein Brot, einen Leib Christi, einen Kelch, Blut Christi. Ich kann nicht sagen: Bei mir macht es alles neu, aber nicht bei dir. Und wenn Leib und Blut Christi beiden die Last nehmen, dann kann doch eigentlich hinterher nur Liebe da sein. Dann kann ich doch eigentlich den anderen nur genauso annehmen, wie ich angenommen bin.
So schafft das im Glauben empfangene H. A. eine neue von Liebe geprägte Gemeinschaft. Die ist nicht unzerstörbar. Da kann wieder etwas Trennendes hineinkommen, aber diese Gemeinschaft kann durch das Blut Jesu immer wieder erneuert und auf lange Sicht geheilt werden.
Das heißt nicht, dass alle Tischgenossen Jesu gleich denken und handeln, gleich empfinden und reagieren müßten. Einigkeit verlangt keine Vereinheitlichung. Im Gegenteil! Wahre Einigkeit kann die Verschiedenheit des anderen ertragen und anerkennen. Davon lebt Gemeinde und nur so ist echte Gemeinschaft möglich.
Was uns verbindet ist nicht, dass wir immer derselben Ansicht sind, sondern dass wir denselben Herrn, dieselbe Hoffnung und dieselbe Heimat im Glauben haben.
Wenn das der Fall ist, dann können wir bei aller notwendigen Verschiedenheit trotzdem sagen: Wir sind einander tief verbunden, die wir auf einem Wege gehen, den wir durch Gottes Ruf gefunden.
Es gibt eine alte christliche Schrift, eine Kirchenordnung, die in den ersten Jahrzehnten des Christentums entstanden ist, in der es auch um das Abendmahl geht. In dieser Schrift steht ein Gebet, das nach dem Empfang des H. A. gebetet wurde. Es endet mit der flehenden bitte: Komm, unser Herr! Es soll auch unser Gebet sein:
Komm, unser Herr, der du uns Sünder in deine Gemeinschaft aufnimmst, der du dich selbst uns gibst und der du uns in die Vollendung deiner Herrschaft bringst. Unser Herr, komm! Auch jetzt in Brot und Wein zur Vergebung aller unserer Sünden.
Amen.
Lied 221, 1-3 O Durchbrecher aller Bande
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168