Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft
Zur PDFQuasimodogeniti, Kreuzkirche, 27.04.2014, Jesaja 40,26-31
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …
Das Schriftwort für diese Predigt steht beim Propheten Jesaja im 40. Kapitel. Mit diesem Kapitel beginnt das Trostbuch, nachdem, in den ersten 39 Kapiteln, sehr viele mahnende und Gericht androhende Worte des Propheten zu lesen waren.
Der Prophet schreibt hier von Israels unvergleichlichem Gott, der für sein abtrünniges Volk immer noch Erbarmen hat:
Hebt eure Augen auf in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr (Sternen)-Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob und du Israel sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?“
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen;
aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Rabbi Jakob war mit einem Schüler unterwegs in den Bergen. Als es dämmerte, stellten sie ihr Zelt auf und fielen müde in den Schlaf. Vor Morgengrauen wachte Jakob auf und weckte seinen Schüler. „Öffne deine Augen“, sagte er „und schau hinauf zum Himmel. Was siehst du?“ – „ Ich sehe Sterne“, antwortete der Schüler schlaftrunken. Unendlich viele Sterne, Rabbi.“
„Und was sagt dir das?“, fragte Jakob weiter. Der Schüler dachte einen Augenblick nach. „Dass Gott, der Herr, das große Weltall mit all seinen Sternen geschaffen hat. Ich schaue hinauf in den Himmel und fühle mich dankbar und demütig angesichts dieser unendlichen Weiten. Wie klein ist der Mensch und wie wunderbar sind Gottes Werke.“
„Ach Junge!“, stöhnte Rabbi Jakob. „Mir sagt es, dass jemand unser Zelt gestohlen hat.“
So unterschiedlich können Wahrnehmungen und Erkenntnisse sein. Beide haben recht. Der Rabbi sieht nur was unmittelbar vor seinen Augen ist – oder eben nicht mehr da ist –das Zelt, das offensichtlich in der Nacht gestohlen wurde.
Der Schüler sieht in der Weite des Universums die Wunder und Macht Gottes. Er sieht ohne die Hülle des Zeltes das Himmelszelt und staunt. Er wird vor Gott dankbar und demütig.
Wer auf das sieht, was ihm fehlt, übersieht das, was er hat. Ist das nicht bei uns auch oft so? Im Kleinen und im Großen. Dabei wird man dann undankbar und hochmütig. Unzufriedenheit ist wie eine Betonwand, die den Blick verbaut auf die Fülle unserer Gaben und die Macht Gottes .
Da war jemand jahrelang gesund, vielleicht jahrzehntelang. Er hat das immer als selbstverständlich angesehen und sich nichts dabei gedacht. Aber eines Tages wird er krank, hat Schmerzen, ist in seiner gewohnten Lebensführung eingeschränkt. Arztbesuche, Klinikaufenthalt, Therapie. Es ist völlig ungewiss, wie es weitergeht. Das Zelt, das die kalte Luft und den Regen abgehalten hat, ist weg. Warum nur? fragt er sich und klagt im Herzen gegen den, dem er vorher nie wirklich gedankt hat.
Sollte uns so ein geklautes Zelt oder eine angeschlagene Gesundheit oder ein verbeulter Kotflügel nicht zuerst einmal demütig werden lassen und zum Nachdenken bringen? Hab ich nicht immer das Gute für selbstverständlich genommen? Dass ich nicht bestohlen wurde, dass ich gesund war, dass niemand in mein Haus eingebrochen ist, dass ich so viele Jahre unfallfrei unterwegs war.
Oder noch eine Dimension größer: Dass unser Land nun schon fast 70 Jahre im Frieden lebt, dass wir Wohlstand und geordnete Verhältnisse haben, dass wir nicht für Lebensmittel anstehen müssen oder gar hungern. – Fällt es Ihnen nicht auch auf, wie sich bei uns immer mehr ums Essen dreht? – Nein, nicht ob wir was zu beißen haben, sondern wie man es noch raffinierter zubereiten, anrichten, dekorieren und kombinieren kann. Es geht nicht mehr ums „tägliche Brot“ und ums Überleben, wie in den Zeiten nach dem 2. Weltkrieg, sondern es geht um Essenskult. Der Zubereitung und dem Verzehr von Speisen und Getränken wird ein enormer Stellenwert beigemessen.
Und wer denkt dann beim Anblick der festlich gedeckten Tafel oder des schön angerichteten Tellers daran, Gott zu danken für die wunderbaren Gaben und für die Freude eines guten Essens. Gastgeber und Küche werden gelobt und bewundert oder wenn ein kleiner Mangel erkennbar ist kritisiert. An so vielen Tafeln und Buffets wird mit keinem Gedanken an Gott gedacht, geschweige denn gedankt.
Es sind ja auch nur noch wenige alte Menschen unter uns, die sich daran erinnern können, dass ein Kanten Brot ein Schatz war und gar ein Stück Butter dazu das Schlaraffenland. Andächtig haben sie früher die Hände darüber gefaltet und Gott dafür von Herzen gedankt. Glauben Sie, dass es nicht auch bei uns mal wieder anders werden könnte? Auch wir werden sicher nicht immer in der Lage sein, tonnenweise Lebensmittel wegzuwerfen oder aus markttechnischen Gründen zu vernichten. Heute schon leben auch in unserem Land nicht wenige davon, was andere wegwerfen oder was sich nicht mehr verkaufen lässt.
Die einen stehen übersatt von der Tafel auf, die noch voller guter Sachen ist und andere stehen hungrig vor der Tafel an und warten geduldig darauf, dass auch für sie noch etwas Erschwingliches zum Leben bleibt. Nicht nur auf den Müllhalden der Metropolen Asiens suchen Hungernde nach Essbarem, auch in den Abfallbehältern unserer Stadt kann man schäbig gekleidete Bedürftige sehnsüchtig suchen sehen.
Dabei wäre auf unserer Welt genug für alle da, sagen die Wissenschaftler, wenn achtsamer und gerechter damit umgegangen würde. Am Schöpfer und Erhalter dieser Welt liegt es nicht, sondern daran, dass viele Geschöpfe ihn nicht mehr sehen, nicht mehr achten und nicht mehr fürchten.
Unbegreiflich, welche Geduld Gott trotzdem noch mit uns hat und wie er in Liebe und Freundlichkeit mit uns redet. Immer wieder versucht er es, unser Denken zu verändern. Manchmal nimmt er uns dazu das Zelt weg, das unseren Blick verhüllt. Oder er macht auf sich aufmerksam, vielleicht in einem Klinikzimmer, auf einem Friedhof, auf einem Autobahnparkplatz oder in einer Kirchenbank. Er kann auch heute reden mit den jahrtausendealten Worten eines Propheten Jesaja in einer sternenklaren Nacht:
„Schau doch mal nach oben! Was meinst du? Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? – Er ist es! Er ruft sie und sie kommen hervor; jeden kennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie ruft.
Und du denkst immer, Gott weiß nicht, wie es dir geht. Oder es macht ihm nichts aus, wenn es dir schlecht geht. Begreif doch endlich! Hör doch! Der Herr, der den Kosmos geschaffen und geordnet hat, der Sonnen ihre Leuchtkraft und ihren Planeten die Bahn gegeben hat, der wird nicht müde. Er hat genug Kraft und ordnende Übersicht auch für Dich und Dein Leben.
Seine Weisheit stößt nicht an Grenzen. Vertrau doch darauf, dass er solchen Erschöpften wie Dir neue Kraft gibt und dass er Schwachen, wie Dir hilft. Jeder Mensch stößt an seine Grenzen, auch die jungen. Alle werden müde und kraftlos, stolpern irgendwann und brechen unter Lasten zusammen.
Aber alle, die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft.“ Was ist das für ein wunderbarer Gott, der so liebevoll, einfühlsam und aufbauend mit Leuten redet, die nicht mehr weiter wissen!
Damals waren diese Worte an die Israeliten im babylonischen Exil gerichtet. Sie hatten zwar Hoffnung auf Freilassung und Rückkehr in ihre Heimat. Aber welche Strapazen lagen da vor ihnen! Die beschwerliche Reise zurück in zerstörte Städte und Dörfer. Keine Vorräte, keine Reserven. Wovon sollen sie leben? Womit sollen sie ihre Häuser wieder aufbauen, ihre Felder bestellen und neu anfangen.
Kennen wir das nicht auch? Stunden, Zeiten, in denen einen alles überfordert. Wo man hinschaut, Hindernisse, Probleme, Widerstände:
– Wie soll ich den Stoff noch lernen vor meiner Prüfung?
– Womit sollen wir die ganzen Rechnungen bezahlen?
– Wie soll ich mein Arbeitspensum schaffen
– Wer zeigt mir, wie ich es machen soll?
– Wer packt mit an und hilft mir?
– Wo finde ich geeignete Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen?
Ich bin doch so müde! Ich hab einfach keine Kraft, keinen Antrieb, keine Motivation mehr. Es gibt ja verschiedene Arten von Müdigkeit: Körperliche Müdigkeit, psychische Müdigkeit, geistliche Müdigkeit.
Dabei ist die körperliche Müdigkeit noch die, mit der man am ehesten umgehen kann. Wenn man 18 Stunden auf den Beinen war und ständig gefordert, konzentriert, angespannt, dann braucht es halt einfach mal tiefen Schlaf um wieder zu Kräften zu kommen, damit man sich wieder konzentrieren kann und was leisten. Auch das ist ein Geschenk Gottes, wenn man schlafen kann und es ist ein Wunder Gottes, was unser Körper im Schlaf wieder an neuen Kräften sammelt. Dazu ist uns der Sonntag von Gott gegeben, das wir guten Gewissens mal länger schlafen, als uns das die Woche über möglich ist. Trotzdem kann noch genug Zeit bleiben für Gottesdienst und Gottes Wort, denn das hilft uns gegen die psychische und geistliche Müdigkeit, die uns zu schaffen machen.
Psychische Erschöpfung spüren wir, wenn wir seelischem Druck ausgesetzt sind. Wenn wir ständig von Menschen umgeben sind, die unentwegt fordern und uns ständig manipulieren und kritisieren. Wenn wir über lange Zeit mit Leid konfrontiert werden, eigenem und fremden. Das kann im Beruf sein, als Krankenschwester oder Altenpflegerin, in der Beratung, als Sachbearbeiter auf einem Amt, der helfen möchte, aber doch aufgrund der Vorgaben und Bestimmungen nicht kann.
Das kann im familiären und persönlichen Bereich sein, wenn man einen alten oder schwer kranken Menschen neben sich hat, mit leidet, helfen will und doch nichts recht machen kann.
Jesus lädt uns geradezu ein, in solchen Zuständen betend zu ihm zu kommen (Matth. 11,28): „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Ich will euch wieder frisch machen und stark. Unbestritten können auch ein paar Stunden in der Lohengrintherme gut tun oder ein Spaziergang an der frischen Luft. Aber sie können nicht den Trost und Zuspruch geben, den das Wort Gottes gibt. „Er erquickt meine Seele“, stellt David im 23. Psalm (Vers 3) fest und im Psalm 138 bezeugt er (Ps.138, 3): „Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.“
Wir kennen alle solche Nächte, dunkel und schwer. Aber an so einem dunklen Nachthimmel unseres Lebens funkeln auch Sterne. Lichtblicke, Hoffnungszeichen, die uns neu ausrichten und aufrichten wollen. Es sind Verheißungen Gottes, wie sie hier dem Volk Israel gegeben werden und mit diesem heutigen Predigttext auch uns: Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft! Dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden!
Es gibt wohl kaum etwas, was gegen psychische Müdigkeit mehr und besser hilft als Worte Gottes. Wie oft hab ich das schon erlebt, dass ich auch am Ende war und keine Kraft mehr hatte. Und dann manchmal konnte ich nur wenige armselige Sätze beten. Nur wenige Minuten innehalten und aufschauen auf die funkelnden Sterne, diese Lichtblicke der Kraft Gottes. Und wie oft stand dann ein unsichtbarer „Prophet“ neben mir und gab mir einen hilfreichen Gedanken, einen Halbsatz aus einem Lied, ein Wort der Heiligen Schrift, von dem ich nicht einmal wusste, wo es stand und schon war wieder Kraft da.
Da ist das Bild des Adlers sehr anschaulich, das hier verwendet wird. …„auffahren mit Flügeln wie Adler“. Sind ja mächtige Vögel, die Adler, etliche Kilo schwer. Man wundert sich, dass die überhaupt fliegen können und wie leicht das oft aussieht. Wir haben das erst im letzten Jahr wieder gesehen in Österreich, auf Burg Hohenwerfen. Da pfeift immer ein kräftiger Wind. Ein Falkner hat den großen Adler auf seinem Lederhandschuh sitzen und gibt ihm nur einen leichten Impuls. Der Adler breitet seine Flügel aus, macht zwei drei Schläge über die Burgmauer hinaus und schon trägt der Wind den mächtigen Vogel schnell, wie an unsichtbaren Fäden gezogen in die Höhe. Hoch oben zieht er bald lautlos und ohne jeden Flügelschlag seine Kreise.
Der Adler macht dabei gar nichts! Der breitet nur seine Flügel aus und lässt sich von der großen Kraft des Windes tragen. So dürfen wir es auch machen: Von der unsichtbaren Kraft Gottes uns tragen lassen. Hier der Prophet sagt: „die auf den Herrn harren!“ Das Wort, das da im Urtext steht, kommt eigentlich aus einem ganz anderen Bereich. Es wird für einen Bogenschützen verwendet, der den Pfeil in seinen Bogen gelegt hat und damit das Ziel anvisiert. Das Ziel suchen, sich ganz darauf konzentrieren, das ist harren, auf den Herrn harren.
Das Ziel und die Mitte unseres Lebens und Glaubens sich wieder vor Augen halten, das einem im Alltag völlig aus dem Blick geraten ist. Wegschauen von dem, was uns Angst oder Sorge macht, was uns niederdrückt oder belastet und hinschauen auf den, der unser Ziel ist, Jesus Christus. Das Friedenskreuz des Gottessohnes befreit. An diesem Kreuz ist unsere Schuld bezahlt, unser Versagen zugedeckt, unser Leid getragen. Mag dieses Kreuz manchen ein Rätsel, eine Torheit sein, unverständliches Relikt frommer Vergangenheit, denen, die glauben, ist es eine Gotteskraft, die selig macht.
Nehmen wir doch dieses Ziel wieder in den Blick! Harren wir doch auf diesen Herrn, der dort am Kreuz für deine und meine Sünde bezahlt. Auch für Deine und meine Müdigkeit im Glauben, für Deine und meine Ängstlichkeit im Bekennen und für alle Versäumnisse unseres Lebens. Er hat am Kreuz den Tod besiegt, der ja eigentlich nichts anderes ist, als die letzte und größte Müdigkeit. Seine Auferstehungskraft ist die neue Kraft, an der wir teilhaben dürfen und von der wir uns täglich so viel erbitten und nehmen dürfen, wie wir brauchen. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel @, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168