Der Zug der Liebe

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13. Sonntag nach Trinitatis, 21.08.2016, 1.Johannes 4,7-12

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um Gottes Segen für diese Predigt bitten. …Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen

Unser Bibelwort für die heutige Predigt: 

1.Johannes 4, 7-12:

Meine Freunde! Lasst uns einander lieben, denn die Liebe kommt von Gott. Wer seinen Bruder liebt, beweist damit, dass er ein Kind Gottes ist und Gott wirklich kennt. Wer aber den anderen nicht liebt, der weiß nichts von Gott, denn Gott ist Liebe.

Gottes Liebe zu uns ist für alle sichtbar geworden, als er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte, damit wir durch Christus ein neues und ewiges Leben bekommen. Das einzigartige an dieser Liebe ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns seine Liebe geschenkt. Er gab uns seinen Sohn, der alle Schuld auf sich nahm, um uns von unserer Schuld freizusprechen.

Meine Freunde, wenn uns Gott so sehr liebt, dann müssen auch wir einander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Doch wenn wir einander lieben, wird sichtbar, dass Gott in uns lebt und wir von seiner Liebe erfüllt sind.

(Pfarrer Axel Kühner schreibt in einem seiner Bücher, „Voller Freude und Gelassenheit“, S. 9): Zwei junge Menschen verlieben sich und beschließen zu heiraten. Das Mädchen kommt aus einem sehr reichen Elternhaus. Dort wird der junge Mann zum Abendessen eingeladen und will um die Hand der Tochter bitten. Verlegen steht er mit seinem Blumenstrauß den zukünftigen Schwiegereltern gegenüber. Die wohlüberlegten Sätze sind wie weggeblasen. Schließlich spricht er von einem ungeheuren Zug, der ihn zu dem Mädchen zieht, dass der Zug immer stärker wird, dass er sich so sehr zu dem Mädchen hingezogen fühlt, dass er um die Hand der Tochter bitten möchte. Der zukünftige Schwiegervater legt ihm gütig lächelnd die Hand auf die Schulter und fragt: „Dieser Zug, von dem Sie da sprechen, ist das ein Güterzug oder ein Personenzug?“ – Lieben Sie unsere Tochter oder unseren Reichtum? –

Ist Gott für uns nur der Geber und Wünsche-Erfüller und unsere Beziehung zu ihm nur ein „Güterzug“? Oder ist Gott unser Herr und Vater, Freund und Vertrauter und unsere Beziehung zu ihm ein Personenzug.

Gott schickt uns viele „Güterzüge“: Kosmos und Erde, Sonne und Regen, Zeit und Leben, Schätze, Reichtümer und Wohlstand. Aber er schickt uns, und das zeigt seine Liebe noch viel mehr, den „Personenzug“, Jesus. Einen Zug, der uns dem Vater näher bringen, der uns an ein wunderbares Ziel bringen will. Jesus wurde Person, er wurde Mensch, bat um unsere Hand und um unser Herz und reichte uns seine Hand und gab sein Leben für uns. Er nahm uns Last und Schuld ab und trug sie für uns. Das ist sein Liebesbeweis.

Wenn wir darauf angemessen antworten wollen, kann unsere Antwort nur aus Dank und Liebe bestehen. Wer mich so beschenkt, wer mir so vergibt, wer mich so lieb hat, den muss ich einfach wiederlieben. Ich kann gar nicht anders. Wenn jemand sagt, er kann Gott nicht lieben, dann hat er weder den Absender des„Güterzuges“ wirklich wahrgenommen, der uns täglich versorgt, noch ist er in den „Personenzug“ eingestiegen, der uns mitnehmen will auf die Reise zum Vater und in sein Reich. Er hat vor allem noch nicht begriffen, dass dieser Zug der Liebe Gottes ein Zug ist, der schädlichen strahlenden Müll aus unserem Leben abtransportiert.

Aller „Müll“, alle Sünde, alle erfahrenen Verletzungen, die wir nicht von ihm entsorgen lassen, strahlen ständig weiter und machen uns auf Dauer krank. Die Krankheiten, die durch unvergebene Schuld entstehen, heißen Bitterkeit, Freudlosigkeit und Misstrauen. Sie haben auch viele medizinische Namen. Es sind Krankheiten, die uns Angst machen und die seelische Schmerzen verursachen. Sie machen auch einsam und lassen das ganze Leben sinnlos erscheinen.

Vor Jahren machte ein Millionär von sich reden, der sein Privatflugzeug mit Absicht gegen die Zugspitze flog. Er zerschellte dort an der Felswand. Kurz vor dem Aufprall hatte er über Funk die Botschaft durchgegeben, dass alles sinnlos sei und er darum nur noch diesen Weg wählen könne. – Der „Güterzug“ allein konnte ihn nicht retten. Und den „Personenzug“, der direkt aus dem Reich Gottes zu ihm kam, hat er nicht wahrgenommen und nicht betreten.

Wie Viele steigen nicht mehr ein, wenn der Zug der Liebe an ihrer Station hält. – Sie hören mal eine Predigt, sie lesen mal ein Wort von Jesus, sie werden vielleicht mal eingeladen zu einer evangelistischen Veranstaltung. Sie nutzen die Gelegenheit nicht. Sie steigen nicht ein, sie lassen den Zug weiterfahren. – Noch erschütternder, manche steigen aus diesem Personenzug aus. Sie waren eine Wegstrecke mit unterwegs. Sie sind einige Jahre oder Jahrzehnte auf dem Weg des Glaubens, auf dem Weg zum großen Ziel gewesen, aber steigen aus und verlieren das Ziel aus den Augen.

Sie besuchen keine Gottesdienste mehr, ihre Gebete werden seltener und oberflächlicher. Ihr Kursbuch, Bibel, verstaubt in einem Regal. Und damit verschwindet diese alles verändernde Liebe aus ihrem Leben, die unsere Liebe im Umgang miteinander am Leben erhält. – Die heilende Wirkung der Vergebung hat keinen Einfluss mehr auf sie. Die Liebe Gottes kann nur bei uns landen, wenn wir eine persönliche Beziehung zu Jesus haben, die lebt.

Wovon lebt diese Beziehung? Sie lebt vom Wort Gottes. Vom gehörten, gelesenen, gepredigten Wort Gottes. Wenn ich seine Warnungen, seine Weisungen, seine Hilfsangebote annehme und befolge.

Der alt gewordene Jünger Johannes macht hier in seinem Brief an die Gemeinden deutlich, dass Gott auf uns zukommt. Er kommt uns entgegen und geht in Vorleistung. Nicht weil er mit uns etwas verdienen könnte oder uns ausnützen will, nicht weil wir Humankapital wären, dass sich in materiellen Gewinn verwandeln ließe, sondern weil er von kapitaler Liebe getrieben, erreichen will, dass wir wieder human miteinander umgehen. Der Gewinn seiner Investition an Liebe kommt uns zunächst direkt zugute. Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Erreichen will er ein doppeltes Ziel. Zum Einen dass wir von seiner vergebenden und bedingungslos annehmenden Liebe erfüllt und geheilt werden. Dass Lasten abfallen und wieder Freude einkehrt in ein Leben.

Ich hab das erst in den letzten Wochen bei unserer Freizeit an der Ostsee bei nicht wenigen in der Seelsorge erlebt. Sie kamen bedrückt, traurig, mutlos, manche mit dem Chaos oder dem Scherbenhaufen ihres durch Sünde und eigene Schuld beschädigten Lebens. Und nach Gespräch und Gebet, nach dem Zuspruch der Vergebung im Namen Jesu, gingen sie erleichtert, fröhlich, zuversichtlich und gestärkt wieder ihren Weg. Das ist Tatsache, es gibt nichts Wohltuenderes als den Zuspruch der Vergebung.Nichts Hilfreicheres als einen neuen Anfang machen zu dürfen im Glauben.

Wer wieder einsteigt in den Zug des Lebens, wer die Verbindung wieder aufnimmt zum Zugführer und das Ziel wieder vor Augen hat, der kann mit den Schwierigkeiten des Lebens viel gelassener umgehen. Wenn ich weiß, dass ich einen Helfer habe, dann gehe ich die Aufgaben ganz anders an, mit Nöten ganz anders um, als wenn ich allein damit bin.

Wer zusteigt in den Zug des Lebens, wer sich dem Zugführer Jesus anvertraut, muss seine Lasten nicht länger selber schleppen. Sie werden ihm abgenommen. – Welche Last schleppen Sie mit sich herum? Schon lange, vielleicht schon Jahre und Jahrzehnte? Wie lange wollen Sie sich damit noch plagen? Wie lange wollen Sie dem Verkläger noch gestatten sie damit zu quälen.

Am Anfang seines Briefes (Kap 1, 8-9) sagt Johannes: Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünde bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden ergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Verdrängen und Schönreden hilft nicht. Wenn jemand meint, Gott habe ihm nichts vorzuwerfen, dann hat er auch noch nicht im Ansatz die Heiligkeit Gottes erkannt und noch nicht den Sinn eines einzigen Gebotes erfasst.

Denken wir nur mal an das 1.Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Martin Luther erklärt es so: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten lieben und vertrauen. Allein da fehlt es doch weit. Jede Sorge, die ich mir mache, bricht dieses Gebot. Jede Furcht vor Menschen verkennt die Macht Gottes. Jede Vorliebe, die mich von Gebet und Glauben abhält bricht Gott die Treue.

Und trotzdem hört dieser wunderbare Gott nicht auf uns zu lieben, uns zu suchen, uns nachzugehen und uns Gutes zu tun. Weil er uns zu sich ziehen will und uns noch mehr Gutes zu tun als je zuvor.

Und er hat noch einen Hintergedanken dabei. Er will uns mit seiner Liebe zu einer Verhaltensänderung bewegen. – Wir haben ja auch oft Hintergedanken, wenn wir einem anderen etwas tun. Manchmal haben schon die Kinder Hintergedanken: Mama, kann ich dir beim Tisch abräumen helfen, fragt die fünfjährige. Überrascht und erfreut sagt die Mama Ja, gerne, das ist aber schön. Die Aktion ist noch längst nicht abgeschlossen, da kommt die zweite Frage des Töchterleins: Wenn wir fertig sind, spielst du dann mit mir und krieg ich dann ein Eis?

Und Gottes Hintergedanken? Wenn ich ihnen meine Liebe zeige, wenn ich ihnen helfe, wenn ich ihnen ihre Last abnehme, wenn ich sie mit großer Liebe behandle, vielleicht kapieren sie es dann endlich, dass Liebe das Leben reich und wertvoll, schön und lebenswert macht. Wenn sie erfahren, wie befreiend Vergebung ist, vielleicht lernen sie es dann auch einander zu vergeben. Die Ehepartner einander, die Eltern den Kindern, die so lieblos waren. Die Kinder den Eltern, die so ungerecht waren. Die Geschwister, die den Eindruck hatten benachteiligt worden zu sein.

Die Vielen, denen wirklich großes Unrecht geschehen ist. Vielleicht lernen sie es durch Gottes große vergebende Liebe, dass Vergeben befreit. Wenn ich nichts mehr im Herzen habe gegen den, der so gemein zu mir war, der mich so verletzt hat, dann fällt von mir die Last des Hassens und des Vergelten Müssens ab.

Wir hatten auf unserer Freizeit einen Abend über Christenverfolgung in unserer Zeit. Da kam in einem Filmausschnitt eine Frau zu Wort, deren Mann, ein Arzt, von brutalen und radikalen IS-Kämpfern auf bestialische Weise umgebracht worden war. Und diese Frau erzählte mit großer Freiheit und Gelassenheit davon und sagte: „Ich habe keinen Hass gegen seine Mörder. Ich habe ihnen vergeben.“ Ein anderer war von seinen Verfolgern in den Kopf geschossen worden und hatte überlebt. Sein Gesicht war sichtbar entstellt. Das Sprechen machte ihm Mühe. Aber auch er sagte: „Ich habe ihnen vergeben. Mein Herz ist ohne Hass.“

Das ist kaum zu begreifen, dass das möglich ist, so zu vergeben. Aber mit Jesus und in der erfahrenen Kraft seiner Liebe ist das möglich. Und es ist unglaublich befreiend. Es hilft, auch mit den menschlichen Folgen dieser erfahrenen Tat umzugehen. Mit dem Verlust eines Partners, mit dem Verlust an Unversehrtheit und Gesundheit.

Es hilft, auch in dem Wissen: Jesus haben und auf dem Weg zu einem wunderbaren Ziel sein, an dem alles heil ist, das ist viel mehr und viel größer. Paulus: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus, unserem Herrn ist. Amen.

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168