Der zornige Gott und der liebende Gott
Zur PDFLätare 30.03.2014
Jesaja 54, 7-10
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese
Predigt…
Unser Bibelwort für die Predigt an diesem Sonntag steht beim Propheten Jesaja im 54. Kapitel:
Der Herr ruft dich zu sich zurück: Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Im Zorn habe ich mich für einen Augenblick von dir zurückgezogen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
Damals nach der großen Flut schwor ich Noah: Nie mehr wird die ganze Erde überschwemmt werden! Und heute schwöre ich: Ich bin nicht mehr zornig auf dich, Jerusalem! Nie mehr werde ich dir drohen!
Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel sollen hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.
Beides steht hier in diesen Versen des Jesaja nebeneinander: Zorn Gottes und Erbarmen Gottes. Gericht Gottes und Gnade Gottes. Beides ist möglich, beides gehört zu einem umfassenden Bild Gottes. Wer nur vom lieben Gott redet, verkürzt die biblische Botschaft genauso wie die, die nur vom richtenden Gott sprechen.
„Die ausschließliche Rede vom lieben Gott, der nur alles toleriert und alle mit offenen Armen im Himmel empfängt ist eine moderne Irrlehre. Leider aber eine weit verbreitete. Der Essener Theologieprofessor im Ruhestand, Manfred Josuttis, kritisiert in der Märzausgabe des Deutschen Pfarrerblattes solche Tendenzen und behauptet: „Der „liebe Gott“ hat Karriere gemacht. Was in der Kriegs- und Nachkriegszeit angesichts von Massenvernichtung und Kulturzerstörung unsagbar schien, ist derzeit zum Alleinstellungsmerkmal der Gottheit geworden. Niemand wird behaupten, dass die Rede von Gottes Liebe nicht eine zentrale Aussage der biblischen Schriften darstellt. Aber deswegen alle anderen Dimensionen des göttlichen Wesens und Wirkens auszuschließen, lässt sich nur als ein interessengeleitete Manipulation an der biblischen Tradition charakterisieren – auch und gerade in der Pfarrerschaft, meint Manfred Josuttis.“ (Deutsches Pfarrerblatt 03/14 S.132)
Der heilige Gott ist auch ein zorniger, weil gerechter Gott. Er kann seine Liebe verweigern, sich zurückziehen, sich abwenden. An zahlreichen Stellen redet die Bibel auch vom strafenden Gott. Immer dann, wenn sein Volk ihm den Gehorsam verweigert, wenn Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Ausschweifung und Religionsvermischung herrschen.
Gottes Gebote sind nicht in unsere Beliebigkeit gestellt. Sie sind keine frommen Wünsche, sondern zeitlos und bedingungslos geltende Forderungen. Wenn Gott sagt: Du sollst nicht töten, ehebrechen, stehlen lügen, begehren, dann meint er das auch so. Und wer sich selbstherrlich darüber hinwegsetzt muss mit Konsequenzen rechnen.
Weil die Liebe Gottes ganz besonders den Opfern gilt, ist auch Gottes Zorn von dieser Liebe bewegt. Wenn Sie Ihr Kind oder ihren Partner sehr lieb haben, dann werden Sie mit aller Entschlossenheit, ja auch mit Zorn gegen die vorgehen, die Ihrem geliebten Kind oder Ehepartner Schmerz und Leid zufügen. Auch über dem Zerstören der Schöpfung aus Mutwillen und Habgier steht der Zorn Gottes. Er liebt auch die leidende Kreatur und tritt für sie ein.
Selbst der sonst stets Frieden stiftende Jesus reagiert scharf, ja zornig als er sieht, wie geldgierige und betrügerische Geschäftemacher den Tempel, der ein Bethaus sein soll, zur Räuberhöhle gemacht haben. Er knüpft sich aus Stricken schnell eine provisorische Geißel und treibt diese Geschäftemacher zornig aus dem Tempel hinaus. Mit zornigen scharfen Worten geht Jesus mit heuchlerischer Frömmigkeit und selbstgerechtem Verhalten ins Gericht. Mit drastischen Worten warnt er davor, dauernd die kleinen Splitter im Auge des Nächsten zu sehen und dabei den „Balken“ im eigenen Auge nicht zu bemerken.
Keine Gnade stellt Jesus auch denen in Aussicht, die anderen, am Ende gar Kindern und jungen Menschen, den Glauben zerstören. Ihnen geschähe besser, so Jesus, wenn sie mit einem Mühlstein am Hals im Meer versenkt würden. Warum? Weil er die Kinder liebt und weil er will, dass wir sie zu ihm bringen, dass wir mit ihnen beten und ihnen Gottvertrauen und Gottesfurcht vorleben.
In ihren Predigten und Reden fordern die Propheten dazu auf, das eigene Handeln zu überdenken, Unrecht zu erkennen, davon abzulassen und Gott um Vergebung zu bitten. Gott ist nicht zuerst daran interessiert zu richten und zu strafen. Er will viel mehr, dass Menschen seine Ordnungen beachten. Er will, dass wir ehrlich, gerecht, fürsorglich und liebevoll leben. Ja er ist der letzte, der einem umkehrbereiten Sünder den Neuanfang verweigern würde. Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe. (Hes 18,23)
Mit Jesus, der Passion und dem Kreuz unternimmt Gott den letzten und drastischsten Versuch, uns zu zeigen, wie wir sind, wie er ist und welches Ziel er mit uns hat. Er will uns retten vor falschen Wegen und Zielen. Er will uns herausreißen aus falschen Bindungen und Abhängigkeit. Er will, dass wir uns von ihm segnen lassen, damit wir selbst gesegnet leben und für andere zum Segen werden.
Das geschieht immer dann, wenn ein Mensch ehrlich wird, sich vor Gott beugt, nach seinem Willen fragt und ihn bittet, sein Leben zu lenken. Dann zeigt die Macht der Liebe ihre Stärke: Dann wird Schuld vergeben, das Urteil aufgehoben, Gnade geschenkt. Der Zorn weicht schon der Liebe, wenn wir nur Gottes Willen tun wollen.
Der Herr ruft dich zu sich zurück. So sagt der Prophet Jesaja hier. Gottes Rückrufaktionen sind nicht auf Autos oder Kaffeemaschinen gerichtet, sondern auf Menschen. Komm zurück zu mir! Ich will Dich heilen. Komm zurück zu mir und ich will dir helfen, dass du mit deinem Leben klar kommst und mit den Aufgaben und Belastungen. Komm zurück von den falschen Wegen, die du eingeschlagen hast und die du ohne mich gegangen bist.
Wenn wir zurückkommen zum Herrn und seinen Willen für uns annehmen, dann hilft er uns zu einer neuen Sicht. Dann können wir mit Leid anders umgehen, mit Aufgaben, mit Belastungen, mit Verletzungen, die uns zugefügt wurden und mit Schicksalsschlägen.
Am 21. März vor sechs Jahren brachte Amelie Mahlstedt eine behinderte Tochter zur Welt. Bei Lola wurde Trisomie 21 festgestellt. Down-Syndrom. Die Gefühle der jungen Frau spielten verrückt: „eine schwarze Wand. Hoch bis zum Himmel.“ Amelie Mahlstedt wollte aufwachen aus diesem Traum, der doch keiner war.
Die einfühlsame Oberärztin sprach mit ihr und erklärte ihr: „Kinder mit Down-Syndrom sind glückliche Kinder.“ Dieser Satz ging der erschrockenen Mutter nicht mehr aus dem Kopf. Sie machte sich bewusst, dass es nicht um sie, sondern um Kind ging. Sie bekam ein Buch in die Hand mit dem Titel „Außergewöhnlich“. Darin fand sie folgende Geschichte: Gott beauftragt seine Engel die Kinder an ihre zukünftigen Eltern zu verteilen. Und er bestimmt, wer welches Kind erhält – je nach Fähigkeit der Eltern. Einer Frau gibt er ein Kind mit Behinderung. Der Engel ist entsetzt und fragt, warum gerade diese Frau ein behindertes Kind bekommen solle, sie sei doch so glücklich. Ja eben deswegen, entgegnet Gott, weil sie es tragen könne.
Das war für Amalie Mahlstedt eine völlig neue Sichtweise. Sie war nicht gestraft, sondern auserwählt für eine besondere Aufgabe. In ihren Internet-Blog schrieb sie kürzlich: „Wie furchtbar ist die Vorstellung, nur auf die Werte unserer geltenden Gesellschaftsordnung angewiesen zu sein und wie befreiend, sich in Gottes Gnade fallen lassen zu dürfen. Der so großzügig ist. Da erschien mir die Vorstellung, Teil der Kirche zu sein, plötzlich als ein großes Geschenk.“
Durch ihre Tochter Lola hatte Gott ihr einen neuen dankbaren Blick auf das Leben geschenkt. „Sie hat die Wertigkeiten zurechtgerückt.“ Die inzwischen dreifache Mutter möchte, nach dem Bericht im neuesten idea-spektrum (13/2014), auch andere betroffene Eltern ermutigen, sich selbst und ihrem Kind zu vertrauen; Die sechsjährige Lola kommt im Herbst in die Schule – in eine ganz „normale“, mit Integrationsplätzen.
Liebe und Gnade Gottes öffnen uns die Augen für uns selbst, für Gott, für das Leben, für den Glauben. Gott sagt: Du bist nicht vergessen, du bist nicht verlassen. Auch das, was dir jetzt zu schaffen macht, werde ich zum Guten wenden und einbauen in den Segensplan, den ich mit dir habe.
Es sollen wohl Berge weichen und Hügel sollen hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. Es kann eine Menge geschehen, es kann sich vieles verändern in uns und um uns. Das ändert nichts an Gottes Möglichkeiten. Das ist ja ein gewaltiges Bild, das da verwendet wird: Berge weichen, Hügel fallen hin. Manches baut sich vor uns auf wie ein Berg. Arbeit, die man einfach nicht schaffen kann, Krankheit, eine bevorstehende Operation oder Behandlung, Lernstoff und Prüfungen, von denen viel abhängt. Das können alles Berge sein, die uns unüberwindlich erscheinen.
Ich kenne das auch gut. Da muss bis zu einem bestimmten Termin etwas fertig sein und es geht nicht vorwärts. Immer Neues kommt dazwischen, was aufhält. – Wenn man einen Berg von weitem sieht, dann sieht er meistens gar nicht so groß aus. Wenn man aber nah dran ist, sieht man erst wie hoch er ist und wie steil der Weg. Wenn man am Fuß der Felswand steht, dann scheint sie riesig. Unbezwingbar, kein Weg nach oben. Aussichtslos! Nicht zu schaffen!
Gott aber sagt, dass er die Berge weichen lässt. Er hilft uns über sie weg, wie hoch und schwierig sie auch sein mögen. Er macht sie platt! – Manchmal machen uns schon kleine Dinge zu schaffen. Wenn man erschöpft ist und müde, keine Kraft mehr hat, dann ist schon ein kleiner Hügel ein Hindernis. Gegen Ende eines Marathonlaufs fürchtet man schon eine kleine Steigung. Aber hier steht der Zuspruch, dass auch die Hügel hinfallen sollen, wegfallen, flach werden.
Nur etwas soll nicht weichen und nicht wegfallen: Meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens wird nicht hinfallen spricht der Herr, dein Erbarmer. Diese Verheißung gilt nicht dem, der Ansprüche stellt, der von Gott fordert, der ihn verklagt, sondern dem, der um Gottes Erbarmen bittet. Und der darf immer wieder erleben, wie Gott eingreift und aus Bösem Gutes macht. Selbst aus Bösestem kann er das.
Der Gott, der die Leidensgeschichte seines Sohnes, Jesus Christus, zu einer heute noch wirksamen Segensgeschichte werden ließ, kann auch die Enttäuschungen und Niederlagen, die Schrecken und Krankheiten, die Fehler und Versäumnisse Ihres und meines Lebens einbauen in seinen Segensplan mit uns. So das wir einmal staunend zurückblicken werden und bekennen müssen: Herr, du hast es dennoch gut gemacht.
Nur eins ist dazu nötig: Unser Vertrauen auf seine Macht und seine Liebe. Dass er seinen guten Willen zum Ziel bringt, wenn wir ihm unser Leben anvertrauen. Dann spielt es keine Rolle, ob Berge weichen müssen und Hügel hinfallen, ob sich die Welt schnell oder langsam verändert. Es ist nicht die gegenwärtige Not, die über uns herrschen darf, sondern der Herr, der verspricht: Meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.
Sein Erbarmen ist noch immer nicht zu Ende,
ist an jedem Morgen immer wieder neu.
Und es halten mich die guten starken Hände,
denn er liebt mich und er bleibt mir immer treu.
Amen. (Text und Melodie Werner Hofmann)
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168