Der Treue und Barmherzigkeit Gottes trauen
Zur PDFErntedankfest 01.10.2017, Klagelieder 3, 22-26. 31-32
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Als Schriftwort für die Predigt hören wir Verse aus dem 3. Kapitel der Klagelieder des Propheten Jeremia (3,22-26.31f):
Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.
Der Herr verstößt nicht ewig, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. Denn nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen.
Eigentlich gehören diese Verse als Predigttext zum 16. Sonntag nach Trinitatis. Der ist heute nach der üblichen Zählung. Aber am ersten Sonntag im Oktober hat das Erntedankfest seinen Platz und geht vor. So ist die liturgische Regelung. Doch als ich diese Verse aus den Klageliedern des Jeremia gelesen habe, ging mir durch den Kopf, dass sie doch hervorragend zum Erntedankfest passen:
Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Wenn wir auf unseren schön und reich geschmückten Altar schauen, haben wir sehr deutlich vor Augen, wie groß die Güte des Herrn ist und dass seine Barmherzigkeit noch kein Ende hat. Das gilt auch, wenn wir die Zahlen unserer Wirtschaft anschauen. Ist es doch tatsächlich wieder und noch einmal aufwärts gegangen, obwohl wir uns mit unserem Luxus und Wohlstand schon lange in schwindelerregenden Höhen bewegen.
Steuereinnahmen steigen, Arbeitslosenzahlen bewegen sich abwärts. Die Vermögen wachsen, die Regale in den Einkaufszentren werden voller, die Technik kann immer mehr. Die Autos werden sicherer, die medizinischen Möglichkeiten sorgen für steigende Durchschnittsalter.
Allerdings wird das nur selten mit der Güte des Herrn in Zusammenhang gebracht. Wirtschaft und Politik beanspruchen den Erfolg für sich. Weil wir so gut sind… Und darum wird häufig der Dank an Gott vergessen. Man nimmt 70 Jahre Frieden, 27 Jahre vereintes Deutschland, über ein halbes Jahrhundert wachsender Lebensstandard als selbstverständlich hin. Güte des Herrn sehen dahinter nur wenige.
Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. So machte es sich dieser Beter vor zweieinhalbtausend Jahren bewusst. Eigentlich müssten wir angesichts dieser Fülle und im Bewusstsein der wachsenden Gottlosigkeit in unserem Land sagen: Unbegreiflich, Herr, dass Du uns immer noch so viel Gutes tust. Unfassbar, dass Du angesichts eines treulosen Volkes so treu bleibst. Ja, wir können uns doch nur beschämt beugen vor Gott und für unsere Undankbarkeit und für die Undankbarkeit unseres Volkes um Erbarmen und um Vergebung bitten. Tatsächlich sollten wir das jeden Morgen als ersten Gedanken festhalten: Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Merken Sie wie da eine allgemeine Feststellung in persönliche Anbetung übergeht? Der Satz beginnt: Seine Barmherzigkeit… und endet mit der direkten Anrede an Gott: deine Treue ist groß. Von diesem Wechsel sollten wir lernen. Wenn wir uns umsehen und feststellen dürfen, wie gut es uns geht, einen direkten Dank an Gott daraus machen: Danke Herr, dass ich noch lebe. Danke, dass Brotkasten und Kühlschrank nicht leer sind. Danke, dass der Kleiderschrank voller schöner Sachen ist. Danke, dass ich mit den Tabletten meinen Blutdruck senken kann. Danke, für das saubere Wasser zum Kochen, Duschen und Waschen. Danke, für die Feuerwehr und den Rettungsdienst, für unser Schulsystem, unsere Universitäten und Kliniken. Danke, für die Polizei, für die Lebensmittelüberwachung und die Straßenverkehrsordnung. Danke, für die Müllabfuhr, die Kanalisation und Straßenreinigung.
Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Oder finden Sie das abwegig all diese Dinge mit Gottes Güte in Verbindung zu bringen? Wenn es hier heißt, dass seine Barmherzigkeit noch kein Ende hat, dann kann das der Glaubende mit jedem Atemzug wahrnehmen. Es ist erstaunlich, dass diese wunderbaren Verse in einem Buch der Bibel stehen, dass die Überschrift „Klagelieder“ trägt. Bei uns klingen Klagelieder meistens anders. Da können wir von der Bibel etwas lernen: Nicht auf das sehen, was noch fehlt, sondern für das danken, was wir haben.
Wenn man morgens aufwacht mit dem Gedanken an die schwierigen Aufgaben des Tages oder mit Sorge um einen lieben Menschen oder um die Gesundheit, dann darf man sich genau das ins Gedächtnis rufen: Ich muss nicht Angst haben, nicht verzagen, nicht jammern, das hilft sowieso nicht, sondern ich darf wissen und darauf vertrauen: seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
Seine Barmherzigkeit hat auch an diesem Tag heute noch kein Ende und Gottes Treue ist unbegreiflich groß. Das gilt auch für Enttäuschungen, Niederlagen und Misserfolge.
Ich las von Graf Zeppelin, dem Luftfahrtpionier und Erfinder der nach ihm benannten Luftschiffe. 1863 begann er mit seiner Idee des Fliegens erste Erfahrungen zu sammeln. Viele Jahre erlebte er immer wieder Misserfolge und hatte unter dem Gespött der Leute zu leiden. Man nannte ihn den verrückten Grafen. Bis zum Jahr 1900, als er mit seinem ersten Luftschiff LZ 1 Luftfahrtgeschichte schrieb. Die LZ 2 wurde im Flug schwer beschädigt. LZ 3 wurde am Boden durch ein Unwetter zerstört. Als LZ 4 im Triumph von einem Rundflug zurückkehrt, brennt es kurz darauf völlig aus. Jahrzehnte Misserfolg liegen hinter dem Grafen. Am Unglückstag 1908 schlägt der Graf wie gewohnt sein Losungsbuch auf. Er möchte Kraft aus Gottes Wort schöpfen. Und was liest er da? Diesen Vers aus den Klageliedern, Kapitel 3,22: Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind und seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende. In anderer Übersetzung lautet das: „Die Gnadenerweise des Herrn sind nicht zu Ende. Ja, sein Erbarmen hört nicht auf.“
Graf Zeppelin nimmt das für sich und erfährt, dass es trotz der vielen Rückschläge weitergeht. Landauf, landab wird für sein Projekt gesammelt und es kommen 6 Millionen Mark zusammen um dem Projekt Luftschiff wieder auf die Beine zu helfen. Der Graf schreibt in einem Dankeswort: „Wenn es mir jetzt trotz vieler Zwischenfälle gelingt, so habe ich das Gottes Hilfe zu verdanken. Als er 70 wird, setzt er die Tageslosung seines Geburtstages als Inschrift über die Toreinfahrt zu seinem Gut: „Die auf ihn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren wie Adler.“ Er hat sich auf diese Verheißung und auf Gottes Treue verlassen und ist nicht enttäuscht worden.
Wir dürfen es mit unseren Projekten und Luftschiffen auch so machen. Der Treue und Barmherzigkeit Gottes trauen. Nicht aufgeben und verzagen, weil wir so viele Fehler machen und so manchen Rückschlag auch in unserem Glauben erleben, sondern Gott zutrauen, dass er das Projekt unserer Rettung zu einem erfolgreichen und guten Ende bringt.
Als Noah aus der Arche trat und die Spuren der verheerenden Flutkatastrophe vor Augen hatte – es hatte ihn und seine Familie und seine Tiere auf einen fremden Berg in eine zunächst unwirtliche Umgebung verschlagen – da hat Gott ihm gegenüber einen Regenbogen auf die dunklen Wolken gesetzt und dem Noah seine Treue versprochen: Solange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Das ist Gottes Treue. Sie schafft Neues. Sie hält durch. Das Kreuz Christi ist das Siegel dafür. Gottes Treue lässt sich auch nicht von der schrecklichsten Schuld und von der größten Ungerechtigkeit zerstören. Jesus hat dort am Kreuz die Liebe durchgehalten. Er ist treu geblieben, damit wir nie den Mut und die Hoffnung verlieren. Auch dann nicht, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht, wenn wir abzustürzen oder unterzugehen drohen. Wer diesen Glauben festhält, muss nie verzweifeln.
Für viele Menschen ist am Morgen nur die Zeitung im Briefkasten neu. Frisch gedruckt, verteilt und noch am Frühstückstisch gelesen. Dabei enthält sie doch nur viele schreckliche Meldungen von Terror und Krieg, von Verbrechen und Skandalen. Vorne Katastrophenmeldungen und hinten Todesanzeigen. Und dazwischen eine Menge Streit, Kritik und allerhand merkwürdige Meinungen. Die Lektüre der Zeitung macht in der Regel wenig Mut. Sie tröstet weder, noch nimmt sie einem die Sorgen oder die Angst.
Wie anders klingen die Worte dieses Predigttextes: Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Sollten wir daraus nicht die Konsequenz ziehen, die der Schreiber dieser Klagelieder gezogen hat: Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und dem Menschen, der nach ihm fragt.
Jede Seele die das tut wird die Erfahrung machen, die David in seinem 23. Psalm weitergibt: Er erquickt meine Seele. Auch Jesus tut dasselbe, wenn er die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft und ihnen verspricht, dass er sie erquicken will. Gottes Wort ist mehr Wellness für die Seele als alle Thermen und Therapien.
Heute, am Erntedankfest ist das Danken besonders unser Thema. Aber es sollte kein Tag vergehen, ohne dass wir dem Herrn danken. Dankbarkeit, so hat einmal jemand gesagt, ist eine besonders schöne Form des Glücks. Wer danken kann ist ein zufriedener und froher Mensch.
Fragen sie sich doch einmal, wenn sie niedergeschlagen, unglücklich und unzufrieden sind: Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gedankt? Wann habe ich meinem Gott ganz bewusst gedankt, dass ich lebe, dass ich satt bin, ein Dach über dem Kopf habe…
Martin Luther sagte einmal: „Wir können Gott nichts anderes geben als Lob und Dank, zumal wir alles andere von ihm empfangen, es sei Gnade, Werk, Evangelium, Glaube und alle Dinge. Das ist auch der einzige rechte christliche Gottesdienst: Loben und Danken.“ Aber so loben und danken kann nur, wer sich auch bewusst macht, was Gott uns alles gibt.
Noch einmal Martin Luther mit kurzen und klaren Worten: „Danken ist, wenn man mit Gott über empfangene Wohltaten spricht oder ihm Lieder singt. Dadurch wird der Glaube gestärkt.“ (WA 10.1.2, 183, 18-20)
Das Erntedankfest will uns wieder neu erinnern und Mut machen mit Gott über empfangene Wohltaten zu sprechen und dabei gewiss zu werden, dass die Barmherzigkeit Gottes noch kein Ende hat, sondern alle Morgen neu ist.
Herr wir danken Dir für Deine Treue und Güte, die wir nicht nur heute, sondern täglich vor Augen haben. Öffne unsere Augen, dass wir das noch viel mehr erkennen. Mach uns zu dankbaren und zufriedenen Menschen, die auch abgeben können von den materiellen und geistlichen Gaben, die du uns gibst. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/4116