Der schwere Job des Jeremia

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Okuli, 03.03.2013, Jeremia 20, 7 – 11a

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Worauf hab ich mich nur eingelassen! Hätte ich nur nicht damit angefangen! Am liebsten würde ich alles hinschmeißen und davonlaufen. – Haben Sie auch schon manchmal so gedacht? Sie hatten eine Aufgabe übernommen, vielleicht von anderen dazu gedrängt und überredet und dann klappt alles nicht so, wie geplant. Schwierigkeiten häufen sich, es wird immer mehr und geht schier über die Kräfte. Wenn es dann auch noch Ärger gibt, man beschuldigt wird, heftig kritisiert und verantwortlich gemacht für Dinge, die man gar nicht verbockt hat. Kennen Sie das?

Ich kenn das schon. Man plant etwas, was zeitlich noch weit weg ist. Man ist von einer guten Idee überzeugt und beteiligt sich an der Durchführung einer Aktion, trägt Termine in den Kalender ein. Und dann rückt der Termin näher und ein großer Berg kommt auf einen zu. Mit vielem hat man ja gerechnet, aber anderes kommt völlig unerwartet. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Hindernisse bauen sich auf und müssen zeitaufwändig überwunden werden. Und man denkt: Wenn ich das alles vorher gewusst hätte, hätte ich mich nie und nimmer darauf eingelassen.

Ein großes Gemeindefest zum Kirchweihjubiläum, ein diakonisches Projekt wie die Tagespflege „Im Kreuz zu Haus“. Eine missionarische Aktion wie ProChrist oder die Stichwort-Veranstaltungen. Wenn es dann soweit ist, scheint es einen zu überfordern. Und überhaupt, Pfarrer werden! Manchmal hab ich schon gedacht: Warum hab ich denn nicht einen anderen Beruf ergriffen. Wenn man Widerstände spürt, auf Unverständnis stößt, wenn man einfach nie fertig ist mit der Arbeit, wenn man immer wieder auch Ablehnung erfährt, da hadert man schon manchmal mit Gott. Warum ich? Warum hast Du mich da hingestellt? Warum verlangst Du so viel von mir?

Auch für solche
Zeiten gibt es hilfreiche und tröstliche Stellen in der Bibel.
Die Heilige Schrift verschweigt uns auch die Selbstzweifel und Klagen
der Boten Gottes nicht. So hat etwa Mose manchmal
geseufzt und schwer getragen an seiner großen Aufgabe. Elia
kannte, als von König Ahab Gejagter und Gesuchter, Zeiten der
Erschöpfung und Verzweiflung und rief
schließlich(1.Kön 19,4): Es ist
genug, Herr, ich will nicht mehr, so nimm, Herr meine Seele.

Jona hat schon geahnt, was da auf ihn zukommen
könnte, als Gott ihm das Prophetenamt angetragen hat und ist
erst mal davongelaufen. – Aber so einfach ist das ja nicht.
Gott hat ihn eingeholt. Wenn er zum Dienst beruft, ist es nicht so
leicht, sich dem zu entziehen. Gott mutet einem auch etwas zu.

Jeremia, der von Gott im 7. Jahrhundert vor Christus zum Propheten berufen wurde, hat sich um dieses Amt nicht gerissen. Er hätte es lieber nicht übernommen. Und musste dann auch prompt erleben, dass er von allen Seiten abgelehnt wurde. Man spottete über ihn, hielt ihn für einen Nestbeschmutzer und ewigen Miesmacher, der immer nur drohte und Gericht predigte und Umkehr. Lass uns doch in Ruhe mit deinem Gott! Aber weil er nicht schweigen konnte, schlug man ihn, vertrieb ihn, wollte ihn sogar töten. Und so kommt auch dieser Bote Gottes an einen Punkt, wo er nicht mehr mag. Er hat es satt! Er will Gott kündigen.

Es ist die große Ehrlichkeit der Bibel, dass sie uns das nicht verschweigt. Sie lässt uns die Klagen und die Mutlosigkeit des Propheten mithören. Es ist sogar unser Schriftwort für die Predigt heute, Jeremia 20, 7-11:

Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden und jedermann verlacht mich.
Denn sooft ich rede, muss ich schreien: „Frevel und Gewalt!“ muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
Denn ich höre, wie viele heimlich reden: „Schrecken ist um und um!“ „ Verklagt ihn!“ „ Wir wollen ihn verklagen!“
Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle. „Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.
Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Er kann einem wirklich leid tun, der Prophet. Nach anfänglichem Zögern und Widersprechen übernimmt er schweren Herzens den Auftrag, den Gott ihm gibt. Er hält sich zwar für zu jung und völlig ungeeignet für so einen Auftrag, aber Gott lässt nicht locker. Er zwingt Jeremia in die Rolle des Propheten. So empfindet es Jeremia jedenfalls: Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen.

Jeremia hat mit diesem Auftrag Anteil am Leiden Gottes in der Welt. Und darum hat man diesen Predigttext auch für die Passionszeit ausgewählt. Gott und seine Boten, Christus und seine Zeugen gehen einen schweren Weg. Erschütternd, was Gott sich alles gefallen lassen muss von den Menschen. Sie ignorieren seine Liebe. Sie pfeifen auf seine Gebote und lachen über seine Warnungen. Viele nehmen ihr Leben als eine Selbstverständlichkeit hin, so, als ob sie sich selber erschaffen hätten und für immer am Leben erhalten könnten. So war es damals – und so ist es heute.

Nur wenige lassen sich einladen, besuchen Gottesdienste und Veranstaltungen, bei denen es um Gottes Wort geht und auch von denen, die kommen, nehmen nicht alle an, was sie hören. Jahr für Jahr laden wir neue Konfirmanden ein. Sie melden sich zur Konfirmation an, sie kommen zum Unterricht, besuchen Gottesdienste, manche gerade so viel, wie sie müssen. Sie lernen, wenn auch mit Murren. Manchmal hören sie auch wirklich zu und man merkt, dass sie interessiert sind und dass in ihren Herzen eine tiefe Sehnsucht ist nach einem festen Halt. Dann kommt die Konfirmation, bei der sie sich öffentlich zum Glauben bekennen. – Und danach? Danach bleiben viele weg. Nicht alle.

Die, die sich gemüht haben junge Menschen zum Glauben zu führen und zu Gott bringen Pfarrer, Jugendleiter, beschleichen Zweifel. War alle Mühe umsonst? Lag’s an mir? Was hab ich falsch gemacht? Nichts! Nichts Entscheidendes. Aber es sind so viele Stimmen und Einflüsse um die jungen Menschen, die sie ablenken und weglocken und man spürt, wie sich eine ganze Gesellschaft immer weiter entfernt von Gott. Viele Zeitgenossen verstehen gar nicht mehr, wovon wir reden. Gott? Buße? Sünde? Ich weiß gar nicht, was Ihr wollt. So war es damals, – so ist es heute.

Immer mehr Kräfte wollen die Kirche aus dem öffentlichen Leben verdrängen. Kein Gottesbezug in der Verfassung. Manche Parteien würden am liebsten die Bindungen und Verträge zwischen Staat und Kirche aufheben, den Religionsunterricht abschaffen. Der Buß- und Bettag ist es schon. Der Sonntag ist auch schon lange nicht mehr das, was das 3. Gebot fordert.

Die Identität der eigenen Religion, des christlichen Glaubens wird von vielen preisgegeben. Sie ist bestenfalls eine unter vielen Religionen. Langsam aber scheinbar unaufhaltsam sind früher selbstverständliche Privilegien verschwunden und Jahrhunderte geltende Werte werden aus dem Bewusstsein verdrängt. Gesetze, die Ehe und Familie einst schützten, werden geändert und es vollzieht sich hinter dem edlen Etikett von Offenheit und Toleranz die Entchristlichung unserer Gesellschaft.

Muss man da als haupt- oder ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kirche nicht den Mut verlieren? Wenn man nur auf die eigenen geringen Kräfte schaut, sieht es so hoffnungslos aus. Was sollen diese Minderheiten bewegen. Christliche Parteien, die sich nicht nur auf das „C“ in ihrem Namen beschränken sind prozentual bedeutungslos, bei Wahlen ohne Chance. Eine Minderheit der Kirchenmitglieder besucht Gottesdienste, christliche Fernsehsender, Rundfunkkanäle und Zeitschriften spielen in der Medienlandschaft kaum eine Rolle.

Ist es da nicht verständlich, wenn die wenigen, die sich noch zu Christus bekennen sich zurückziehen wollen? Ich muss ja immer nur Warnungen aussprechen, sagt Jeremia. Ich muss zur Umkehr rufen und Gottes Gericht ankündigen, wenn die Menschen so weitermachen. Und dann gehen sie wieder alle auf mich los, weil das keiner hören will. Jeremia ist verzweifelt. Und er hat seinen ganzen Kummerkasten vor Gott ausgeschüttet. Aber dann ist da ein merkwürdiger Bruch –

Es ist, als ob jemand den
Finger auf Jeremias Mund legt, als ob ihm jemand etwas ins Ohr sagt,
was sein Klagen verstummen lässt. Seine depressive,
resignierte Stimmung schwenkt um. Auf einmal kommen ganz andere Worte
aus seinem Mund: – Aber der Herr ist bei mir wie ein starker
Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Jeremia wird erinnert: Du bist doch nicht allein! Ich bin doch auf deiner Seite! Sorg dich nicht! Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Vor der Predigt haben wir gesungen:

Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt
Um dich her in Trümmer brechen. Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht fallen lässt. Er hält sein Versprechen.
Es mag sein, dass Frevel siegt, wo der Fromme niederliegt; doch nach jedem Unterliegen wirst du den Gerechten sehn lebend aus dem Feuer gehen, neue Kräfte kriegen.
(EG 378,1+3)

So hat es Rudolf Alexander Schröder mitten im Nationalsozialismus in sein Lied gefasst. Er war Innenarchitekt, Maler Lyriker und Übersetzer und hat auch einige Lieder unseres Gesangbuchs gedichtet. Damals standen auch alle Zeichen gegen den Glauben und gegen die Bekennende Kirche, der sich Schröder angeschlossen hatte.

Als mein Vater 1934, nach dem Abitur mit dem Theologiestudium begann, da haben ihn manche seiner Schulkameraden für verrückt erklärt. In zehn Jahren, so sagten sie zu ihm, da gibt es keine Kirche mehr. Da werden keine Pfarrer und Religionslehrer mehr gebraucht. Er hat trotzdem weiter studiert. Und fast ein Jahrzehnt lang sah es so aus, als würden seine Mitschüler recht behalten, aber dann brach das Gericht herein über Deutschland für seinen Abfall vom Glauben.

In den letzten Kriegsjahren und in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wurden Pfarrer dringend gebraucht, um die vielen Gefallenen und Opfer der Bombenangriffe zu beerdigen, um Trauernde zu trösten und um die Überlebenden wieder neu auszurichten auf den Herrn, der allein uns retten kann. Dankbar saugten die Übriggebliebenen in der deutschen Trümmerlandschaft die Botschaft der Hoffnung und der Vergebung auf.

Mein Vater, der selbst zum Kriegsdienst eingezogen worden war, hatte in amerikanischer Kriegsgefangenschaft für einige Monate die Aufgabe als Seelsorger und Pfarrer unter den Mitgefangenen zu wirken. Der Bedarf war groß. Damals waren es viele, die bereit waren umzukehren, die dankbar waren für ein Wort der Vergebung und für die Gnade eines neuen Anfangs.

Auch Jeremia erlebte mit, dass sich das von ihm angekündigte Gericht Gottes noch zu seinen Lebzeiten ereignete. Jerusalem wurde von Nebukadnezar II. erobert und zerstört. Teile der Bevölkerung wurden nach Babylon verschleppt. Jeremia wirkte in Jerusalem weiter als Bote Gottes und zeigte den Zurückgebliebenen den Weg der Umkehr und des Neuanfangs.

Auch Jesus hatte menschlich gesehen keine Chance gegen seine Widersacher. Sie setzten sich durch mit ihrem Plan, ihn zu töten. Doch das war nicht ihr Sieg und nicht das Ende des Herrn, sondern es war der Sieg für die Sache Gottes. Der Sieg über die Mächte der Finsternis, der Sieg über Tod und Hölle.

Gut, dass auch wir immer wieder von diesem Sieger, Jesus gestärkt werden, dass er uns durchhilft durch schwere Zeiten und dann auch wieder erleben lässt, dass unser Einsatz doch nicht umsonst war: Wenn Konfirmierte bleiben und weiter Jugendgruppen und Gottesdienste besuchen und man erlebt, dass bekennende Christen aus ihnen werden, die sich engagieren für die Sache Gottes. Oder wenn man erlebt, dass ein Gemeindefest gelingt, dass die Tagespflege für Gäste und Angehörige eine segensreiche Einrichtung ist. Wenn die ProChrist Abende besucht werden und bei vielen die gute Botschaft ankommt. Wenn Stichwortabende sichtbare Segensspuren hinterlassen. Dann können wir nur dankend und staunend auf den schauen, der Siege vollbringt und Mutlose aufrichtet: Unseren Herrn und Heiland Jesus Christus.

Es mag sein, so soll es sein! Fass ein Herz und gib dich drein;
Angst und Sorge wird’s nicht wenden. Streite, du gewinnst den Streit! Deine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen.

Daran dürfen wir uns halten. Auch nach Klagen und Enttäuschungen uns durchringen, zu der Gewissheit Jeremias: Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Auch uns flüstert der Geist Gottes immer wieder Worte der Hoffnung und der Zuversicht zu. Wir dürfen und sollen unser Herz ausschütten, alles, was uns bedrückt und belastet, ängstet und entmutigt, damit wieder Platz ist für die Zuversicht des Glaubens: : Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168