Der reiche Mann und der arme Lazarus

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Kreuzkirche, Rogate., 29.05.2011, Lukas 16, 19-31

(Gottesdienst mit Einführung der neuen Konfirmanden)

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Die Grundlage für die Predigt heute soll eine Geschichte sein, die der Herr Jesus Leuten erzählte, denen Geld und Besitz viel wichtiger waren als Gebet und Hören auf Gott. Der Evangelist Lukas hat sie im 16. Kap. seines Evangeliums aufgeschrieben:

Da lebte einmal ein reicher Mann. Er war immer vornehm gekleidet und konnte sich alle Tage jeden Luxus leisten.
Vor dem Portal seines Hauses aber lag Lazarus, bettelarm und schwerkrank. Sein Körper war über und über mit Geschwüren bedeckt.
Während er dort um die Abfälle aus der Küche bettelte, kamen die Hunde und leckten seine offenen Wunden.
Lazarus starb und die Engel brachten ihn dorthin, wo all sein Leiden zu Ende war. Auch der reiche Mann starb und wurde begraben. Als er im Totenreich unter Qualen erwachte, blickte er auf und erkannte in weiter Ferne Abraham und Lazarus.
„Vater Abraham“, rief der Reiche laut, „habe Mitleid mit mir! Schick mir doch den Lazarus! Er soll seine Fingerspitze ins Wasser tauchen und damit meine Zunge kühlen. Ich leide in diesen Flammen furchtbare Qualen!“
Aber Abraham erwiderte: „Erinnere dich! Du hast in deinem Leben alles gehabt, Lazarus hatte nichts. Jetzt geht es ihm gut und du musst leiden. Außerdem liegt zwischen dir und uns ein tiefer Abgrund. Niemand kann von der einen Seite zur anderen kommen, selbst wenn er es wollte.“
„Vater Abraham“, bat jetzt der Reiche, „dann schick ihn doch wenigstens zu meinen fünf Brüdern. Er soll sie warnen, damit sie nach ihrem Tod nicht auch an diesen qualvollen Ort kommen.“ Aber Abraham entgegnete: „Deine Brüder sollen auf das hören, was sie bei Mose und den Propheten lesen können. Dann sind sie gewarnt.“
Der Reiche widersprach: „Nein, Vater Abraham, erst wenn einer von den Toten zu ihnen käme, würden sie ihr Leben ändern.“ Doch Abraham blieb dabei: „Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“

Eine Geschichte, die nachdenklich macht. Sie lässt Reichtum und Armut, Luxus und Leiden plötzlich in ganz anderem Licht erscheinen. Es genügt nicht, beim Tod eines Menschen zurückzuschauen und zusammenfassend festzustellen: Das war doch ein tolles Leben, in Reichtum und Freuden. Der konnte sich alles leisten, hat das Leben in vollen Zügen genossen und ist dann schnell gestorben. – Oder im anderen Fall, in dem des Lazarus, zu sagen: Gut, dass er’s jetzt hinter sich hat. War doch nur ein elendes Leben. Der arme Kerl hat nichts gehabt als Hunger und Schmerzen. Das war doch schon für jeden, der es nur mit anschauen musste eine Zumutung.

Moment! Sagt der Herr Jesus. Das war doch noch nicht alles! Mit dem Tod ist es nicht einfach aus. Es geht doch weiter auf der anderen Seite. Sofort und sehr konkret. Auch nach dem Sterben eines Menschen gibt es noch Empfindungen, Freuden und Leiden. Ja es folgt sogar ein gerechter Ausgleich zu den, zugegeben, oft ungerechten Bedingungen des Lebens: Lazarus, dessen Tage von Schmerz, Entbehrung und Armut gekennzeichnet waren, muss nun nicht mehr leiden. Er ist im Himmel, bei Abraham und den anderen Erlösten. Er hat keine Schmerzen mehr, seine Krankheit ist geheilt, er darf sich satt essen und trinken, kann lachen und fröhlich sein, wird nirgends mehr weggejagt. Jetzt muss er nicht mehr betteln. Engel sind um ihn und er ist ganz nah bei Gott. Bestimmt hat er in dieser Herrlichkeit schnell all das Leid vergessen, das er auf der Erde erlebt hat.

Der Reiche, der in dieser Geschichte im Gegensatz zum armen Lazarus nicht einmal einen Namen hat, erlebt im Sterben dagegen ein furchtbares Erwachen. Alles was er von Gott und Gericht, von Nächstenliebe und Mitleid einmal gehört hatte, was in den Mosebüchern und Prophetenschriften stand und was er nie ernst genommen hatte, stellt sich jetzt als wahr heraus. Er findet sich in der „Hölle“ wieder. Vorbei der Reichtum, keine Dienerschaft mehr, die jeden Wunsch sofort erfüllt. Niemand der ihm kühle Luft zufächelt oder ein erfrischendes Getränk reicht. Heiß ist ihm, der es gewohnt war, in kühlen schattigen Gemäuern zu residieren, unendlich heiß. Heiß von den Flammen der Hölle, so erzählt es Jesus. – Oder heizt ihm vielleicht die plötzliche Klarheit ein, dass er sein Leben falsch geführt hat? Wird ihm vielleicht siedendheiß bewusst, wie gottlos und menschenverachtend er gelebt hat?

Die Not anderer hatte ihn nie interessiert. Hauptsache er hatte alles: Schicke Klamotten, schöne Wagen, rassige Pferde, neueste Erfindungen aus aller Welt, interessante Reisen, charmante Frauen… Wenn er sein großes Grundstück verließ oder heimkam, hatte er am Tor immer weggeblickt, wenn da der Bettler mit den unappetitlichen Geschwüren lag. Dabei wäre es eine Kleinigkeit gewesen, etwas für ihn zu tun. Hätt’ ich ihn doch hereingebeten! Hätt’ ich doch meinen Arzt mal nach ihm sehen lassen. Für ein wenig Arbeit hätt’ ich ihm Kost und Logis geben können. So denkt er jetzt, wo es zu spät ist.

Hätt’ ich doch! Das wird wahrscheinlich in der Hölle einmal der am meisten gedachte, geseufzte, geschriene Satz sein. Hätt’ ich doch nicht immer nur an mich gedacht! Hätt’ ich doch auf Mose und die Propheten gehört, auf Jesus und die Apostel! Hätt’ ich doch! Hätt’ ich doch! Es sitzen wohl auch manche in Gefängniszellen, die immer wieder diesen Satz denken: Hätt’ ich doch auf meine Mutter gehört und mich nicht mit falschen Freunden eingelassen. Hätt’ ich doch auf meinen Vater gehört und wäre nicht alkoholisiert und viel zu schnell mit dem Auto oder Motorrad unterwegs gewesen.

Manche leben auch unerkannt mit diesem Selbstvorwurf jahre- und jahrzehntelang, immer mit der Angst, dass eines Tages noch alles herauskommt: Der Betrug, der Seitensprung, die Annahme von Bestechungsgeld, der Diebstahl. Hätt’ ich doch! Das ist wie eine unauslöschliche Flamme, die im Gewissen brennt. Eine Flamme, mit der viele leben, die ihre Vergangenheit nicht bereinigt und die nicht bei Gott Vergebung gefunden haben.

Erst jetzt, in der Hölle, sieht er es ein, der egoistische Mann. Jetzt, wo er sein ganzes vergangenes Leben überblickt und seine finstere Zukunft. Jetzt ist er plötzlich sehr bescheiden geworden. Er befiehlt nicht mehr, wie er es immer getan hat, sondern er bittet. Es geht ihm nicht mehr um das Beste im Überfluss, sondern nur um eine kleine Linderung. Lazarus soll mit einer Fingerspitze, einem Tröpfchen Wasser, seine Zunge netzen. Aber es ist nicht möglich. Eine tiefe Kluft trennt Himmel und Hölle. Unüberwindlich der Abstand zwischen Gottes Welt und der Finsternis. Es ist zu spät.

„Zu spät“ ist genauso eine furchtbare Erkenntnis, wie „hätt’ ich doch“. Sie sind leider zu spät gekommen, sagt der Arzt zu einem Patienten, dem er nicht mehr helfen kann. Wenn ein Schüler das Zeugnis erst in der Hand hat, auf dem steht, das Vorrücken in die nächste Klasse nicht erlaubt, dann ist es zu spät, wenigstens für dieses Schuljahr. Jetzt, vor den letzten Schulaufgaben, geht’s vielleicht noch, wenn man was tut.

Es ist schon erstaunlich, als der reiche Mann in der Hölle Qualen leidet, da denkt er plötzlich nicht mehr nur an sich. Seine Leiden haben bereits etwas bewirkt an ihm. Plötzlich fallen ihm seine Verwandten ein, seine fünf Brüder, die immer noch genauso egoistisch leben, wie er selbst früher. Wenn die so weiter machen, dann landen sie auch hier in der Hölle. Darum äußert er Abraham gegenüber einen, wie es scheint, ganz selbstlosen Wunsch, mit dem er die anderen vor Leid bewahren will: „Lieber Vater Abraham, schick doch bitte den Lazarus wenigstens zu meiner Familie um meine Brüder zu warnen, dass sie nicht auch noch hier in der Hölle landen!“

Unmöglich! Sagt Abraham. Lazarus könnte den Brüdern des reichen Mannes ja nichts Neues sagen. Alles was Gott für das Zusammenleben von Menschen bestimmt hat, lässt sich in der Bibel, den Geboten, bei Mose und bei den Propheten nachlesen. „Deine Brüder kennen das doch! Sie wissen doch, dass Gott Gerechtigkeit und Barmherzigkeit will und dass die, die zu viel haben, denen abgeben sollen, die zu wenig haben.“

Hartnäckig argumentiert der Reiche weiter: „Ja, ja, sie wissen es schon, aber sie nehmen es nicht ernst, sie beziehen es nicht auf sich selbst. Wenn aber einer, wie der Lazarus von den Toten zu ihnen käme, dann würden sie die ganze Sache bestimmt ernst nehmen.“

Würden sie das wirklich? – Was der Herr Jesus jetzt in dieser Geschichte folgen lässt, ist bereits eine Anspielung auf seinen Tod und seine Auferstehung. Er lässt den Abraham sagen: „Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“ Jesus ist von den Toten auferstanden. Aber das hat seine Feinde und auch die Gottlosen nicht überzeugt. Sie hatten nicht geglaubt, was im Alten Testament über Jesus angekündigt war, sie wollten nicht glauben, dass er der Messias, der Retter, der Sohn Gottes war und sie glaubten auch nicht, dass er von den Toten auferstand.

Manchmal komme ich mit Menschen ins Gespräch über die Frage, was nach dem Tod sein wird. Viele vertreten die Ansicht, dass dann alles aus und vorbei ist, dass der Mensch dann nichts mehr empfindet. Der Körper wird in die Erde gelegt oder verbrannt und das war’s dann. Auf meinen Einwand hin, dass in der Bibel etwas ganz anderes steht, dass da von Auferstehung, Gericht und ewigem Leben berichtet wird, zucken sie oft die Schultern und meinen: „Ja, schon, aber ob das stimmt? Es ist ja noch keiner wieder zurückgekommen“. – „Doch!“ sag ich dann: „Jesus Christus!“ Aber das wird auch nicht gehört und nicht angenommen. Aber wenn sie es dann eines Tages selbst erkennen, unausweichlich, dann wird es zu spät sein.

Diese Erzählung von Jesus ist nur eine von vielen wichtigen und wegweisenden Geschichten der Bibel. Wer sie ernst nimmt, wird sein Leben ändern. Die Geschichten der Bibel haben Antworten auf viele Fragen. Sie geben uns Klarheit, was wichtig ist und was gefährlich ist. Sie wollen verhindern, dass es einmal am Ende unseres Lebens heißt: Jetzt ist es zu spät! Sie wollen verhindern, dass wir mit dem quälenden Selbstvorwurf, „hätt’ ich doch“, für die Ewigkeit in der Hölle sitzen.

Das Evangelium ist die Einladung Gottes, jetzt schon umzudenken und umzukehren so lange es noch nicht zu spät ist. Das heißt, Jesus, Gott, Gottesdienst, die Bibel in unser Leben einzubeziehen. Nicht zu denken, dass uns das Leid der anderen nichts angeht. Es will helfen, nicht immer nur an uns selbst zu denken oder an die Erfüllung aller unserer Wünsche.

Die Konfirmandenzeit ist eine gute Gelegenheit mehr zu erfahren von Jesus, von Gott, von einem Leben, das sich lohnt und von einer Ewigkeit, in der einmal alles Leid der Erde überstanden ist. Das ist ja auch der wunderbarer Trost dieser Geschichte für alle, die in ihrem Leben viel durchmachen müssen und die Ungerechtigkeit erfahren oder Schmerzen leiden und mit Krankheiten belastet sind. Lazarus zeigt: Gott sieht das und wird einmal für erlittenes Leid entschädigen.

Die Konfirmandenzeit ist eine gute Gelegenheit für einen Anfang mit Jesus. Nicht nur für die Konfirmanden, auch für Eltern und Paten, Geschwister und Großeltern. Gehen Sie gemeinsam in den Gottesdienst. Reden Sie hinterher über das, was Sie gehört haben. Nehmen Sie ernst, was der gesagt hat, der von den Toten zu uns zurückgekommen ist, Jesus.

Ich seh’ manchmal, wenn ich am Ende des Gottesdienstes zu den Türen gehe um die Gemeinde zu verabschieden, wartende Eltern, meist Väter, im Auto sitzen. Sie haben ihr Kind zum Gottesdienst gebracht und holen es wieder ab, anstatt mit zu kommen und mit gesegnet zu werden. Ich verspreche Ihnen, Gott hat auch Ihnen etwas zu sagen, hat für jede und jeden Rat, Hilfe und Segen bereit. Ganz abgesehen davon, dass es pädagogisch recht fragwürdig ist, seine Kinder zu etwas anzuleiten, was man selbst nicht teilt oder mitträgt.

Wer ein paar Mal hintereinander Gottesdienst mit feiert, der wird bald merken, dass der ganze Ablauf eines Gottesdienstes nicht alter Quatsch ist, sondern sehr durchdacht und wertvoll, dass Predigt Hilfe zum Leben und zum Glauben sein kann und dass Gottes Segen einem Kraft, Klarheit und Hilfe für die neue Woche mit all ihren Aufgaben gibt. Manchmal wird einem dabei klar, was im eigenen Leben falsch läuft, was man ändern muss. Was andere verletzt und Gemeinschaft zerstört.

Im Gottesdienst beten wir auch miteinander. Und wer zusammen mit Gott geredet hat, kann dem anderen danach eigentlich nicht mehr das Gespräch oder die Vergebung verweigern.

Wer verstanden hat, worum es hier geht, der wird bald auf den Gottesdienst nicht mehr verzichten wollen. Denn durch den Gottesdienst halten wir Verbindung mit Gott und seinem Wort und dürfen uns immer wieder Mut machen lassen, wie es Jörg Streng in einem Lied ausgedrückt hat, das wir jetzt gleich noch von unserem Jugendchor hören. Warum sind die da und singen? Weil sie mal gemerkt haben, dass es im Glauben nicht um tote langweilige Aussagen geht, sondern um einen einmaligen wunderbaren und großen Gott, der uns helfen und schützen, begleiten und vergeben will. Wer das merkt, der kann dann auch fröhlich und überzeugt sagen oder singen:

Gott – Gott, du bist groß.
Groß ist die Liebe, die dich zu uns treibt.
Nie lässt du uns los,
du gibst das Leben, gibst neues Leben,
du gibst das Leben das bleibt.

Amen.

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168