Der knechtische und der kindliche Geist

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14. Sonntag nach Trinitatis 28.08.16 Römer 8, 14-17

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um Gottes Segen für diese Predigt bitten … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen

Das Bibelwort für die Predigt steht im 8. Kapitel des Römerbriefes. Paulus schreibt:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!

Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. – Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, so werden wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.

Beinahe hätte mich die alte Dame wieder rausgeschmissen, als ich in ihr Zimmer im Seniorenheim kam. „Sie! – Gehen Sie weg! Sie haben mich beleidigt!“ – Wie bitte??- Ich wusste gar nicht, was sie meinte. „Ja, als Sie mich damals im Krankenhaus besuchten, da haben Sie zu mir gesagt, dass ich sterben muss. – So was sagt man nicht zu einem Kranken.“ – Ich konnte mich wirklich nicht daran erinnern und habe auch große Zweifel, dass ich das so gesagt habe. Vielleicht habe ich sie darauf angesprochen, dass man vor einer schweren Operation sich immer auch mit der Möglichkeit befassen sollte, dass man nicht wieder gesund werden könnte. Dass man sein Leben vor Gott und Menschen in Ordnung bringen sollte. – Aber das hatte sie wohl nicht hören wollen und auch gründlich missverstanden.

Nachdem sie ihrem ersten Ärger Luft gemacht hatte, durfte ich doch bleiben und mich zu ihr setzen. Dann fing sie an zu erzählen: Es sei furchtbar ungerecht, was sie alles erlebt habe. Ihr Mann sei früh verstorben, sie hätte eine schwere Krankheit bekommen und sei nicht wieder richtig gesund geworden und leide noch immer unter den Folgen. Wo ist denn da der liebe Gott? – Hören Sie mir auf mit dem! Ihr sei so viel Unrecht und Schweres wiederfahren, dass sie nichts mehr mit ihm zu haben wolle. 

Sie war sehr unglücklich, unzufrieden und bitter. Nach über 8 Jahrzehnten konnte sie sich, auf ihr Leben zurückblickend über nichts freuen und sie hatte auch kein lohnendes Ziel vor Augen. Und sie war nicht bereit oder nicht in der Lage ihr Gottesbild, ihren Glauben oder ihre Einstellung zu überdenken oder gar zu ändern. Sie stellte sich vehement gegen Gott. – Leider ist diese Einstellung kein Einzelfall.

Dabei ist es doch ganz anders. Gott will uns ein guter und liebender Vater sein. Er will uns gerade in Krankheit und Nöten Trost geben, Hoffnung, Zuversicht und Hilfe schenken. Paulus verwendet hier einen sehr zu Herzen gehenden Vergleich: Er sagt: wir dürfen zu Gott kommen, mit allem, was uns zu schaffen macht, wie ein kleines Kind zu seinem Vater gelaufen kommt und die Arme ausstreckt: Papa, mein lieber Papa! Papa, nimm mich! Halt mich fest! Tröste mich! Hilf mir!

„Abba“, so sagten kleine Kinder in der Sprache Jesu und das ist dasselbe Wort wir Papa bei uns. Ein Wort, das ein tiefes Vertrauen ausdrückt. Papa! Bei dir suche ich Schutz und Hilfe. Bei dir bin ich geborgen und in Sicherheit. In deiner Nähe kann ich auch Angst aushalten und Schmerzen, die ich habe werden mit dir erträglicher. Papa, du kennst den Weg. Du bist stark, Du weißt einen Ausweg. Wenn ich nur dich habe, dann kann ich viel aushalten und durchstehen. – „Wenn ich nur dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde…“ (Psalm 73).

Darum geht es doch in unserem Glauben! Das will uns Paulus in diesen Versen groß machen. Es geht darum, dass wir lernen Gott als unseren Vater zu sehen. Als einen guten, liebenden Vater, dem man vertrauen kann und der einen nicht enttäuscht. – Es gibt in dieser Welt leider auch Väter, die die ihre Rolle und den Vertrauensvorschuss, den sie naturgemäß haben furchtbar missbraucht haben. Die sind hier nicht gemeint.

Paulus denkt und argumentiert vom Urbild des Vaters her. Der beschützt seine Kinder, gibt ihnen das Beste, was er hat, liebt sie über alles und hält ein Erbe für sie bereit. Gott will kein Machtverhältnis zu uns haben, auch wenn er alle Macht hat. Er will nicht, dass wir Angst vor ihm haben, auch wenn wir ihn über alle Dinge fürchten sollen. Paulus betont: Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen.

Der Geist Gottes, der unsere Beziehung zu Gott wecken und formen will, möchte nicht, dass wir uns mit Auflehnung zähneknirschend der göttlichen Gewalt beugen. So wie das Volk sich einem Diktator beugt und seine Willkür erträgt, weil es ja keine andere Möglichkeit hat.

Der Geist Gottes will uns ein Kindschaftsverhältnis zu Gott vermitteln: Vater, mein lieber Vater! Vater, nimm mich, nimm meine Leben in deine Obhut! Du kannst es lenken und schützen. Vater, halt mich fest! Tröste mich! Hilf mir! Gib mir Kraft!

Ja, wie kann man denn so ein Verhältnis zu Gott bekommen? Nur durch den Geist Gottes: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Und wie kann ich erreichen, dass der Geist Gottes zu meiner Triebkraft und meiner Motivation wird? Wie kann das gelingen, dass der Geist Gottes mein Denken und Handeln bestimmt? – Indem ich ihn bitte, dass er aus mir einen neuen Menschen macht.

Das werde ich aber nur tun, wenn mir klar geworden ist, dass der alte Mensch in mir, der Mensch aus Fleisch und Blut dem Vater wegläuft. Der alte Mensch hat einen knechtischen Geist. Der fühlt sich von Gott unterdrückt, schlecht und ungerecht behandelt. Er sagt: Ich muss beten und ich muss in den Gottesdienst; und ich darf nicht lügen, stehlen, ehebrechen. Für den knechtischen Geist ist Gott ein Kontrolleur und Aufpasser. Der perfekte Überwacher. Der knechtische Geist will weg von Gott. Raus aus dem Abhängigkeitsverhältnis. Der alte Mensch will sein Leben leben und seinen Willen durchsetzen. Der alte Mensch will sich nichts sagen lassen, will seine Fehler nicht erkennen und schon gar nicht darauf angesprochen werden. Der alte Mensch hat einfach noch nicht verstanden, dass Gott kein Diktator ist, dem man Widerstand leisten muss, kein Tyrann, vor dem man am besten wegläuft, kein Betrüger, dem man am besten nicht zuhört, sondern ein liebender Vater, der alles dafür tun möchte, dass sein Kind den rechten Weg findet. Er will von seinem Kind wieder geliebt werden.

Um das zu erreichen schickt er Jesus in die Welt und in unser Leben. Jesus kommt zu uns. Er erzählt uns von der Liebe des Vaters in Gleichnissen und Bildern. Er macht deutlich: Wer mich sieht, der sieht den Vater. Und dann geht er hin, lässt sich verhaften und nimmt seine Jünger in Schutz. Er lässt sich verurteilen, obwohl er keine Schuld hat. Er lässt sich schlagen, ohne auch nur einen Schlag verdient zu haben. Er vergießt sein Blut und stirbt am Kreuz um uns zu zeigen: So stark ist die Liebe Gottes. Für dich!

Sollte er, der uns so liebt, nicht alles schenken? Indem er Jesus zu unserem Bruder werden lässt, macht er uns zu seinen Kindern. Er bietet uns an: Du darfst mein Kind sein. Mein Sohn hat alles deine Sünde auf sich genommen. Er hat bezahlt für deinen Unglauben. Er hat gelitten für deine Sünden. Er nimmt dir deine Last ab und will aus dir einen neuen, einen anderen Menschen nach seinem Bild machen. Das will der Geist Gottes bewirken und will dann die Triebkraft in unserem Leben werden, die uns immer mehr hilft, den Willen Gottes zu tun. Dann heißt es nicht mehr: Ich muss, sondern: Ich will den wiederlieben, der so zu mir ist. Ich will ihn nicht betrüben.

Der Anfang dieses Vater-Kind Verhältnisses ist wie die Geburt zu einem neuen Leben. Johannes sagt: Es sei denn, dass ein Mensch von neuem geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Geboren durch Wasser und Geist. Wenn diese Neue Geburt aus Glauben nicht geschehen ist, bleibt die Gottesbeziehung im besten Fall eine knechtische Gschichte. Aus Furcht vor dem Gericht und Zorn Gottes.

Zu Luthers Zeiten, vor dem Durchbruch der Reformation haben viele Menschen aus dieser Furcht ihr letztes Geld hingegeben und sich einen Ablass gekauft. Bis heute meinen immer noch viele, wenn sie viel spenden und Wallfahrten machen, Vaterunser beten und viele Kerzen anzünden und sich sozial engagieren, dann wird Gott wegsehen von ihren Sünden. Ein knechtischer Geist! Wenn ich mich recht anstrenge und mich aufarbeite, dann muss Gott mir doch gut sein.

Aber dann passiert dieser Unfall. Oder es wird diese böse Krankheit festgestellt. Oder die Familie bricht auseinander. Die Firma geht Pleite und man verliert den Arbeitsplatz. Und manchmal kommt dann in kurzer Zeit alles zusammen. – Da schreit der knechtische Geist auf: „Mein Gott, bist du ungerecht! – Ich hab mir doch Mühe gegeben! Vielleicht mehr als so mancher andere!“ Und der knechtische Geist kündigt dem Herrn.

Der kindliche Geist dagegen flieht in der Not zum Vater. Er weiß, ohne darüber nachzudenken: Der Vater kann helfen. Er liebt mich so, dass er mich nicht im Stich lassen wird. Er wird alles für mich tun, um mich zu retten, um mir Kraft zu geben, um mich durchzubringen auch durch die dunkelsten Stunden und Täler.

Der „kindliche Geist“ wird nicht die Faust aufheben gegen Gott, sondern wird auch mitten im Leid anfangen zu begreifen, wie groß die Liebe des Vaters ist, der seinen Sohn hat leiden lassen aus Liebe. Wer dann auf den Bruder Jesus sieht, wer das Kreuz im Blick hat, der wird sich auch im Schweren geborgen wissen beim Vater.

Gerade in den schweren Zeiten unseres Lebens machen wir besondere Erfahrungen mit Gott und gewinnen Jesus lieb. Da wächst die Verbindung zum Vater, wird die Nähe des Heilands am intensivsten erlebt. So viele Lieder und Lebensberichte von Christen haben das schon bezeugt. Selbst in Verfolgungszeiten haben Christen das immer wieder erfahren.

Als Kind Gottes bin ich niemals und nirgends verlassen. Da wird mir am Ende nicht alles genommen, sondern alles geschenkt. Martin Luther trifft es, wenn er in seinem Lied auffordert: „Nehmen sie den Leib, Kind Ehr Gut und Weib, lass fahren dahin, sie haben kein Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.“ Ein Kind Gottes weiß: Auch wenn mir auf dieser Welt alles genommen würde, das Beste bleibt mir: Das Reich Gottes, das Himmelreich. Das kann mir niemand nehmen. Als Kind Gottes bin ich auch Erbe, voll und ganz.

Gott hat mich durch Jesus als sein Kind angenommen. Darum bin ich auch mit Jesus Erbe seines Reiches. Jesus lebt! Mit ihm auch ich! Jesus sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Mit dieser Glaubensgewissheit und Lebensgewissheit wird jeder ausgestattet, der durch Jesus Vergebungsgewissheit hat. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid.“

Paul Gerhardt drückt das in seinem Lied so aus (EG 351,1+2):

„…Hab ich das Haupt zum Freude und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?“
Nun weiß und glaub ich‘s feste und rühms auch ohne Scheu, dass Gott der Höchst und Beste, mein Freund und Vater sei und dass in allen Fällen er mir zur Rechten steh und dämpfe Sturm und Wellen und was mir bringet Weh.“

Amen.

 

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168