Der Herr ist treu
Zur PDFPredigt am 31.12.2024, Kreuzkirche Bayreuth, Jesaja 51, 4-6
Liebe Gemeinde,
wir stehen an einer Schwelle. Eigentlich willkürlich gesetzt durch den Wechsel der Jahreszeit. Silvester ist nicht wirklich ein kirchlicher Feiertag. Und doch feiern wir Gottesdienst. Warum? Weil an wir an einer Schwelle bewusst etwas hinter uns lassen und anderes neu beginnen. Eine Türschwelle verbindet zwei Zimmer hintereinander. Aber man kann eben nur in einem Zimmer sein, nicht in beiden gleichzeitig. Ich muss erst das eine Zimmer verlassen, den Schritt über die Schwelle tun, und dann kann ich das nächste Zimmer betreten. In nur noch wenigen Stunden übertreten wir die Schwelle vom Jahr 2024 zu 2025. Hinter uns das Jahr, das seinem Ende zugeht und vor uns das neue Jahr. Da gehen die Gedanken zurück zu den Tagen und Wochen, die hinter uns liegen. Da erscheinen Tage vor unserem inneren Auge, bei denen uns warm ums Herz wird. Und zugleich sind da vielleicht auch Erinnerungen an Begegnungen, an Worte, die uns einen Stich ins Herz gegeben haben, die wehtaten. Oder es mag sein, dass wir beim Zurückblicken auf das Jahr das Gesicht eines lieben Menschen vor uns sehen, der uns wichtig war, der uns geprägt hat und nun von uns gegangen ist. Beim letzten Jahreswechsel hat der Vater oder die Mutter noch gelebt. Heute hängt nur noch das Bild von ihr oder ihm an der Wand.
Was bleibt von diesem Jahr? Was möchten wir gerne tief in unserem Herzen behalten und uns bewahren? Und was möchten wir am liebsten wegschieben, vergessen? So wie es mal jemand gesagt hat: »Es ist gut, wenn man manches auch vergisst im Leben.« Ja, Gott sei Dank kann man manches vergessen. Ich war bei der Geburt unserer drei Söhne dabei und habe schon beim ersten Kind gedacht: meine arme Frau, die wird nie mehr ein Kind zur Welt bringen. Das war es dann wohl. Aber es hat gar nicht so lange gedauert, da hat sie mir erzählt, dass man als Frau offenbar den Geburtsschmerz und was man da alles durchmacht wieder vergisst. Und das ist ja auch notwendig, sonst würden alle Paare nur ein Kind haben. Man kann schwere Lebenserfahrungen auch vergessen. Und doch merken wir vielleicht: das, was wir am liebsten vergessen wollen, das holt uns immer wieder ein.
Was bleibt von diesem Jahr? Das ist das Eine, was uns heute Abend bewegt und zugleich geht der Blick aufs neue Jahr: Was mag wohl kommen? An der Schwelle zum neuen Jahr hören wir auf ein Bibelwort aus dem Buch des Propheten Jesaja 51,4-6:
4 Merkt auf mich, ihr Völker, und ihr Menschen, hört mir zu! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. 5 Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. 6 Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.
Was bleibt? Sehr deutlich spricht Jesaja davon, wie das Leben ist. Dass nichts bleibt. Nicht einmal unsere Welt wird bleiben. Vergänglich ist sie wie Kleider, die von Motten zerfressen sind und sich unter den Händen auflösen. Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Da werden wir Menschen im Blick auf unsere Lebenszeit mit Mücken verglichen. Das ist krass. Das müssen wir ernst nehmen! Ach hören wir doch endlich auf, uns so wichtig zu nehmen. Am Ende sind es wenige, die sich an dich und dein Wirken erinnern werden. Vieles, was Du getan und geleistet hast, war gut und hatte seine Zeit. Aber es verblasst und wird vergessen. Und ein paar Jahre nach deinem Tod erinnern sich nur noch wenige an dich und mich. So nüchtern müssen wir sein. Hören wir doch auf, uns so wichtig zu nehmen. Auch in geistlichen Dingen. Es ist wichtig und ich bin dir zutiefst dankbar, wenn Du am Reich Gottes mitbaust und in der Gemeinde mithilfst. Wirklich, wir brauchen dich hier in unserer neuen Pfarrei! Aber gleichzeitig muss dir und mir klar sein: wir müssen nicht die Welt retten. Sie ist schon gerettet. Bei allem geistlichen Auftrag, den wir haben, Menschen für Christus zu gewinnen: Gott kann auch unsere eigene Zeit, Gesundheit und Kraft begrenzen und wirkt dann auch durch andere. Damit müssen wir umgehen lernen, gerade wenn wir geistliche Aufgaben übernehmen oder übernommen haben. Verkaufen wir uns nicht unter Wert, Gott benutzt dich und mich auf jeden Fall für den Bau seines Reiches. Aber hören wir auch gleichzeitig auf, uns so wichtig zu nehmen als wenn das Seelenheil des anderen ganz auf unserer Schulter liegt. Ganz konkret gilt das auch für Pfarrerinnen und Pfarrer: Die Kreuzkirchengemeinde und auch die Gemeinde Heinersreuth hat schon viele Pfarrer kommen und gehen sehen. Und auch Frau Bauer und ich werden mal wieder gehen. Aber damit geht die Sache Gottes in unserer Pfarrei nicht unter. Das gilt auch für unsere Tagespflege und das Pfarrbüro. Und was für uns Hauptamtliche gilt, das gilt für die ehrenamtliche Mitarbeit genauso.
Aber auch im großen Rahmen gilt das Bild der Verwundbarkeit und Vergänglichkeit: Wie zerbrechlich unsere Erde ist, wie schwankend das Gesamtsystem, das erleben wir im Zuge des Klimawandels. Wenn der Regen ausbleibt, die Natur verdorrt oder andersherum von unendlichen Wassermassen geflutet wird und wir trotz allem technischen Fortschritt machtlos sind. Ich gestehe, dass ich mich immer wieder frage, in welcher Welt meine Kinder in 30 Jahren leben werden. Was für ein Klima wird herrschen? In welcher Weise wird unsere Mobilität sich verändert haben? Was bringt die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz mit sich? Ich zähle mich noch nicht zu den Alten, aber ich erinnere mich noch an Mitte der 90-iger Jahre, wo ich in die Unibibliothek in Tübingen gehen musste, um Internetzugang zu haben. Damals habe ich auch mein erstes E-mail Konto angelegt. Heute brauche ich jungen Menschen keine mail mehr schicken. Das wird gar nicht mehr gelesen. Whatsapp oder ein anderer Nachrichtendienst ist das mindeste auch in der Gemeindearbeit. Und KI wird auch vor der Kirche nicht Halt machen und soll es vielleicht auch gar nicht. Wir müssen uns diesen neuen Themen stellen, müssen sie prüfen und das Gute behalten. Und wie wird es mit dieser Welt, mit Europa weitergehen in Zeiten, wo zunehmend Konflikte eskalieren, ein neuer Nationalismus Einzug hält, Demokratie zunehmend gefährdet ist und in Kriegen die Menschen wie Mücken sterben?
Was bleibt? Das Bibelwort aus Jes 51 malt aber nicht ein Horrorszenario des Weltendes vor Augen, sondern in allem klingt die große Hoffnung durch: Gott bleibt, und seine rettende Macht ist stärker als alles. Nicht ums Bangemachen geht es hier, sondern darum, zu trösten und Hoffnung zu wecken. In V.3 wird beschrieben: Ja, der Herr tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des Herrn, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang. Gott tröstet die Israeliten, an die das Bibelwort zuerst gerichtet war. Ihr Leben lag in Trümmern, nachdem die Babylonier sie weggeführt hatten aus der Heimat. Eine ganze Generation steht vor dem Nichts. Weil sie alles verloren haben: ihre Heimat, den Tempel als Ort der Gegenwart Gottes. Und in all das hinein spricht Gott seine tröstenden Worte. Sehr klar spricht Jesaja im Auftrag Gottes davon, dass nichts bleibt. Wir haben nichts in der Hand, im Leben nicht und schon gar nicht, wenn es ans Sterben geht.
Aber in allem sind wir nicht allein gelassen. Matthias Claudius, der auch das Lied »Der Mond ist aufgegangen« dichtete, hat gesagt: »Etwas Festes muss der Mensch haben, daran er zu Anker liege, etwas, das nicht von ihm abhänge, sondern davon er abhängt.« Was ist der Anker, an dem wir uns festmachen? An dem Du dein Leben festmachst? Was bleibt?
Er bleibt: der lebendige Gott. Das Bibelwort aus dem Buch Jesaja malt es vor Augen, was bleibt: Gottes rettende Macht bleibt, seine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit bedeutet: Gott bringt unser Leben zurecht. Er legt uns nicht fest auf das, was war. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, um unser Leben zurechtzubringen.
Wie tröstlich, wenn das über diesem Jahr steht, auf das wir zurückblicken: Gott bringt zurecht durch Jesus. Wenn wir zurück schauen auf die Zeit, die hinter uns liegt, dann denken wir vielleicht an Situationen, die uns im Nachhinein leidtun, wir denken an Menschen, die wir verletzt haben. Und wir können ja nichts zurücknehmen, nicht einmal die Bemerkung, die den anderen so tief getroffen hat, und wir haben uns gar nicht viel dabei gedacht. Gott bringt zurecht. Aber wie? Durch Vergebung!
Vielleicht ordnen manche von uns in diesen ruhigen Tagen über den Jahreswechsel die Fotos des vergangenen Jahres. Wir legen sie im Computer ab in Ordnern. Oder machen ein Fotobuch. Wir machen jedes Jahr ein Familienfotobuch. Und diese Bilder rufen Erinnerungen wach. Da denken wir vielleicht an schöne Momente und manches, was lustig war. Und vielleicht treten uns bei manchen Bildern Tränen in die Augen. Manche Bilder rühren auch an das, was wir am liebsten auslöschen würden. Weil sie uns vielleicht daran erinnern, wo wir etwas an Menschen versäumt haben, wo wir Versprechen nicht gehalten haben, auf andere herabgesehen haben.
Jeder von uns trägt in sich unzählige Erinnerungen. Und wir spüren vielleicht manchmal, wie sehr uns diese Bilder der Vergangenheit prägen. Wir können vielleicht manches löschen oder haben den Eindruck, es sei gelöscht. Aber Computerexperten haben mir gesagt, dass man letztlich alle Daten wieder holen kann, wenn man Profi ist. Wir können nicht wirklich löschen. Aber Gott kann es! Gott löscht durch Vergebung! Er rettet und bringt zurecht. Die Bilder auf meinem Computer helfen mir zu begreifen, was es bedeutet: Gott bringt unser Leben zurecht. Gott wird Mensch in Jesus, er stirbt am Kreuz, und dort wird â im Bild gesprochen â unsere Lebensgeschichte mit
allen
Bildern von Schuld und Versäumnissen, die wir nie ungeschehen machen
können, auf Jesus übertragen und endgültig gelöscht. Wenn uns
manches einfällt aus diesem Jahr, was uns leidtut, dann können wir
bei jedem Einzelnen sagen: »Herr Jesus, ich danke dir, dass du auch
das getragen hast. Bitte vergib es mir! Lösch du es aus!«
Er bleibt. Jesus ist es, der bleibt, wenn wir zurückschauen. In unserem Gestern ist er. Weil er Schuld löscht. Weil er in allem da war, was uns begegnet ist. Er war auch da, als wir alle Hoffnung aufgegeben hatten und nicht im Traum daran gedacht hätten, dass jetzt Jesus bei uns ist. Er war da, als wir nachts wachlagen und manches uns nicht zur Ruhe hat kommen lassen. Unser Gestern können wir abgeben in seine Hand, loslassen.
Und in unserer Gegenwart ist er. Wenn wir heute Nacht den Schritt ins neue Jahr gehen, dann geht er mit. Er wird da sein. Jesus ist es, der uns erwartet im neuen Jahr. Er wird da sein in dem, was uns freut. Und er wird da sein, wenn es unserem Herzen bange ist. Er wird da sein, wenn manche Erfahrungen unser Herz hart zu machen drohen. Ja, selbst in dem, wo wir schuldig werden vor Gott und an Menschen, ist er da. Es kann niemand sagen, was das kommende Jahr uns bringt. Ob es vielleicht unser letztes Jahr sein wird. Was es alles für Veränderungen bringt. Vielleicht gesundheitlich. Vielleicht familiär. Vielleicht beruflich. Vielleicht weltpolitisch. Was kommt, wissen wir nicht. Aber eines können wir wissen: Jesus wird da sein. Bis in die Ewigkeit reicht diese Gewissheit. Jesus ist es, der unser Gestern heilt und zurechtbringt, der uns in der Gegenwart begleitet und uns morgen erwartet. Er wird auch am Ende da sein. Wenn unsere Zeit zu Ende sein wird. Wenn dann kein neues Jahr mehr für uns anbricht, sondern die Ewigkeit. Er lässt dich auch dann nicht fallen. Vertraue ihm nur fest.
Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Das nächste Jahr wird kein Jahr ohne Angst, Schuld und Not sein. Aber, – dass es in aller Schuld, Angst und Not ein Jahr mit Christus sei, dass unserem Anfang mit Christus eine Geschichte mit Christus folge, die ja nichts ist, als ein tägliches Anfangen mit ihm – darauf kommt es an.“ Christen sind Menschen, die nicht nur jedes Jahr, sondern jeden Tag neu anfangen mit Jesus, weil er die einzige verlässliche Größe ist in allen Umbrüchen und Veränderungen. Er hält dich auch noch, wenn du fällst.
Mit meinem Leben heute darf ich mich an ihn wenden. Meine Sorgen und Ängste vor ihn bringen, die mich bewegen, wenn ich an meine Kinder denke oder Eltern, an meinen Beruf oder meine Gesundheit. Alle euere Sorgen werft auf ihn, er sorgt für euch! Heute, jetzt, in der Gegenwart. Er ist der Gegenwärtige.
Was möchte ich abgeben an Jesus aus meinem Gestern und loswerden, bevor ich ins neue Jahr gehe? Wo brauche ich Jesus in meiner Gegenwart, wo brauche ich seine Nähe besonders? Und was macht mir Hoffnung, auch wenn die Zeit und Lebenszeit vergeht? Auf Jesus sehen und vertrauen. Das ist es, was bleibt, auch wenn die Zeiten sich ändern! Denn der Herr ist treu! Amen.
Bei Rückfragen bitte wenden an: Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/ 41168, E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de