Der Hauptgewinn
Zur PDF9.Sonntag nach Trinitatis, 28.07.2013, Philipper 3, 7-14
Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Stilles Gebet
„Der Gewinner des Eurojackpots vom Wochenende in Höhe von 41,5 Millionen Euro hat sich bei Westlotto in Münster gemeldet.“ So konnten wir am vergangenen Dienstag in der Zeitung lesen. – Für wen mag der Traum in Erfüllung gegangen sein? Nie mehr den Euro umdrehen müssen vor dem Ausgeben. Nie mehr um den Job bangen müssen. Nie mehr knapp bei Kasse sein. Endlich keine Schulden mehr. Endlich den Traum vom eigenen Häuschen verwirklichen. Endlich die Weltreise buchen und das Wunschauto kaufen.
Keine Raten mehr abstottern, ausgesorgt haben. Ich würde ja auch, so haben sicher manche, auch unter uns, dem lieben Gott schon einen Deal angeboten, ich würde ja auch einen Teil meines Supergewinns für gute Zwecke spenden.
Einer hatte das große Glück, wenn es denn eines war. Für die restlichen zwanzig Millionen Tipper ist aber wieder eine Hoffnung geplatzt. Viele werden weiterspielen und weiterhoffen und weiterträumen und weiterwarten. Die Lottogesellschaften rechnen damit und leben gut davon. Vater Staat auch, denn die Hälfte jedes Einsatzes geht an ihn, sozusagen als freiwillig gezahlte Steuer. Er kann’s ja auch dringend brauchen. Vielleicht hat mancher auch irgendwann die Nase voll von den wöchentlichen Enttäuschungen und hört auf damit, weil die großen Gewinne ja doch immer nur die anderen machen. Oder kennen Sie jemanden, der schon mal viel gewonnen hat?
Ich kenn einen, der gewonnen hat. Am Anfang konnte er es gar nicht glauben, weil dadurch sein ganzes bisheriges Leben total auf den Kopf gestellt wurde. Er war eigentlich schon vor seinem Gewinn der Meinung, dass er alles, was er brauchte, längst hätte. Alles selbst verdient, hart erarbeitet. Mit Fleiß, Ehrgeiz und manchem Verzicht hatte er sich seine Welt aufgebaut, seinen Himmel erarbeitet. Und dann kam der Supergewinn. Alles, was er sich vorher selbst geschaffen hatte, war auf einmal klein und wertlos im Vergleich zu seinem Supergewinn. Seinen Namen will ich aus Datenschutzgründen nicht öffentlich sagen. Nennen wir ihn einfach mal Paul. Dieser Paul war von seinem Gewinn so begeistert, dass er dachte, diese Freude sollten andere auch haben. Ich möchte möglichst vielen anderen auch zum Supergewinn verhelfen.
Paul ist dann auf Reisen gegangen, hat Vorträge gehalten und offene Briefe geschrieben in denen er den Weg zum großen Gewinn beschrieben hat. Und, sie werden es kaum für möglich halten, doch alle, die sich an Pauls Anleitung zum Supergewinn gehalten haben, sind inzwischen in den Gewinnerlisten vermerkt. Leider konnte ich Paul nicht persönlich zu uns einladen, weil er schon vor längerer Zeit nach einer Verleumdungskampagne umgebracht wurde, aber einen Auszug aus einem seiner Briefe habe ich für Sie mitgebracht. Ursprünglich war der Brief auf Griechisch an Leute in der Stadt Philippi im Nordosten Griechenlands gerichtet, aber er ist gut übersetzt. Paul schreibt da im 3. Abschnitt:
Seit ich Christus kenne, ist für mich alles ein Verlust, was ich früher als großen Gewinn betrachtet habe
Denn das ist mir klargeworden: Gegenüber dem unvergleichlichen Gewinn, dass Jesus Christus mein Herr ist, hat alles andere seinen Wert verloren. Ja alles andere ist für mich nur noch Dreck, wenn ich bloß Christus habe.
Zu ihm will ich gehören. Durch meine Leistung kann ich vor Gott nicht bestehen, selbst wenn ich das Gesetz genau befolge. Was Gott für mich getan hat, das zählt. Darauf will ich vertrauen.
Um ihn allein geht es mir. Ihn will ich immer besser kennenlernen und die Kraft seiner Auferstehung erfahren, damit ich auch seine Leiden mit ihm teilen und seinen Tod mit ihm sterben kann. Dann werde ich auch mit allen, die an Christus glauben, von den Toten auferstehen.
Dabei ist mir klar, dass ich dies alles noch nicht erreicht habe, dass ich noch nicht am Ziel bin. Doch ich setze alles daran, das Ziel zu erreichen, damit der Siegespreis einmal mir gehört, wie ich jetzt schon zu Christus gehöre.
(Wie gesagt, meine lieben Brüder,) ich weiß genau: Noch habe ich den Preis nicht in der Hand. Aber eins steht fest, dass ich alles vergessen will, was hinter mir liegt. Ich konzentriere mich nur noch auf das, vor mir liegende Ziel.
Mit aller Kraft laufe ich darauf zu, um den Siegespreis zu gewinnen, das Leben in Gottes Herrlichkeit. Denn dazu hat uns Gott durch Jesus Christus berufen.
Pauls Jackpot heißt Jesus. Und sein Gewinn wird nicht in Dollar oder Euro ausbezahlt, sondern in Leben. In sinnvollem, erfülltem, zielgerichtetem Leben. Und das stärkste kommt erst noch. Wenn du denkst, irgendwann ist es ja mit diesem Gewinn auch vorbei -früher oder später, wenn dein Name hinten in der Zeitung bei den schwarz umrahmten Anzeigen steht, hast du doch verloren. Eben nicht! Dann wird erst der Hauptteil des Gewinns fällig: Ewiges Leben in der Herrlichkeit Gottes. Alles andere vorher war nur die Anzahlung. Jeder, der Lotto spielt und selbst der, der den Jackpot knackt, muss eines Tages sterben. Er kann sich keine Stunde Leben kaufen. Und ob er mit einem Gewinn glücklicher gelebt hat als die Nicht-Gewinner ist sehr die Frage. Es gibt ja eine Reihe von Lottokönigen, für die das große Glück zum großen Unglück geworden ist. Man kann die Million retten und doch verloren gehen.
Aber selbst wenn jemand den schnellen Reichtum verkraftet hat und klug mit seinem Geld umgegangen ist, vielleicht sogar anderen etwas davon abgegeben hat, bewahrt ihn das nicht vor dem natürlichen Alterungsprozess oder vor einem plötzlichen Herzversagen. Und dann kommt die Zeit, da liegt er in einem Pflegebett und der Gewinn von einst ist völlig uninteressant geworden. Er ist für den Gewinner wertlos geworden. Gewinner werden zu Verlierern, wenn Sie auf Geld setzen.
Was sich viele Sterbende wünschen, könnten sie sich auch mit den 41 Millionen aus dem Jackpot nicht kaufen. Lebenszeit, Hoffnung, Zukunft. In dem Gewinn, den Paul, manche nennen ihn auch Paulus, gemacht hat, ist das alles enthalten.
Wenn Christus mein Leben ist, dann ist Sterben mein Gewinn. Wer diesen Gewinn anstrebt, wird zugreifen und das Wort vom Ewigen Leben dankbar in sich aufnehmen und im Glauben festhalten. Das ist eine Lebensentscheidung, die man nicht hinausschieben darf, sonst ist es eines Tages zu spät. Wer seine guten Tage ohne Jesus gelebt hat, der schafft es in den schweren Tagen des Alters meistens nicht mehr, umzukehren und mit dem Glauben anzufangen.
Der Mann war fast hundert Jahre alt und von erstaunlicher geistiger Klarheit. Wir hatten ein angeregtes gutes Gespräch. Aber als ich ihm anbot mit ihm zu beten, lehnte er ab. Seit im Krieg sein Freund neben ihm starb, glaubt er nicht mehr an Gott. „Geben Sie sich keine Mühe, Herr Pfarrer, das haben schon viele versucht. Ich ändere meine Meinung nicht mehr.“ Er blieb dabei. Betroffen ging ich weg. Da wird einem großer Gewinn angeboten und er lehnt ab, weil er’s nicht glaubt…
An den unvergänglichen Himmel Gottes wollen viele nicht mehr glauben. Das Gewinnlos, Jesus Christus, nehmen viele nicht einmal geschenkt. Sie suchen den Himmel auf Erden. Wenn sie dann alt und gebrechlich werden und ihnen alles, was ihnen Gewinn zu sein schien, zwischen den Fingern zerrinnt, ist es zu spät. Deshalb lautet die Mission des Paulus: Kümmere dich rechtzeitig darum, dass das große Los, Jesus Christus, auf deinen Namen ausgestellt wird. Setz alles daran, dass dein Name durch Ihn in die Gewinnerliste eingetragen ist.
Von jenen, die sich einen Himmel Gottes vielleicht noch vorstellen können, leben nicht wenige in dem volkskirchlichen Irrtum, dass dieser Eintrag automatisch mit der Taufe erfolgt und sie das Ewige Leben ohnehin gebongt hätten, auch wenn sie sich ihr Leben lang nicht mehr darum kümmern. Sie legen sicherheitshalber den Konfirmationsschein zum Taufschein dazu und beruhigen ihr religiöses Gewissen mit dem jährlichen Besuch der Christvesper und mit den gut abgehefteten Spendenquittungen und sonstigen guten Taten.
Paulus warnt in seinem Brief ausdrücklich vor solchem Denken. Fromme Vorfahren und ein paar religiöse Riten und kirchliche Traditionen reichen nicht für den großen Gewinn. Wer durch Taufe und Konfirmation für die Gewinnerliste vorgesehen ist, muss sich aufmachen und seinen Gewinn abholen.
Paulus sagt: Seit mir Christus zum Gewinn geworden ist, finde ich alles andere zweitrangig. -Er drückt es sogar noch ein wenig deftiger aus: … ist mir alles andere so unwichtig wie Dreck. Man müsste es genau genommen sogar noch anrüchiger übersetzen, das möchte ich Ihnen aber mit Rücksicht auf Ihre sonntägliche Stimmung ersparen.
Wenn ein Lottogewinner mit dem Tippschein auf dem Weg zur Lottozentrale ist, um seinen dicken Scheck abzuholen, dann wird er sich unterwegs nicht aufhalten lassen. Er hat schließlich ein großes Ziel. Und wir Christen? Haben wir nicht ein noch viel größeres Ziel? Lassen wir uns aufhalten?
Georg Treuer erzählt von einem Erlebnis: Ich war gerade 10 Jahre alt, als eine Artistengruppe namens Wolkenstürmer auf unserem Schulhof eine aufregende Vorstellung gab. Ein Artist stieg auf einer Leiter zu einer Plattform hoch. Von dort war ein Seil zu einem 30 Meter entfernten Gestell gespannt. Mit einer Balancierstange trat er auf das Seil. Uns stockte unten der Atem. Wir ließen kein Auge von dem Mann. Fast federleicht lief er auf dem Seil. Dabei fiel mir auf, dass er überhaupt nicht auf das Seil und auf seine Füße schaute. Er sah auch nicht nach rechts oder links und natürlich schon gar nicht hinter sich. Er blickte weit nach vorne auf das Ziel, auf das er zuging. Das ist das große Geheimnis der Artisten. Sie fixieren ihr Ziel. Sie lassen sich nicht ablenken. Der Blick nach unten, auf die Gefahr würde unsicher machen, sie würden abstürzen.
Auch der Weg zum Ziel Gottes ist ein schmaler Weg, schmal wie ein Seil. Rechts und links vieles, was uns ablenken will. Wenn wir nach unten sehen, verlieren wir das Ziel aus den Augen, weil wir nur unsere Schritte beobachten, weil wir nur auf unsere Möglichkeiten schauen. Und schon beginnt das Lebensseil und das Glaubensseil unter uns zu wackeln.
Es ist doch so mit dem Glauben: Wenn wir auf uns selbst sehen und unsere Schritte, Rückschritte, Fehltritte, dann rückt das Ziel in weite Ferne. Was uns auf dem Lebensseil allein helfen kann ist der Blick auf den festen Punkt, Jesus Christus. Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.
Nicht stehen bleiben. Weiterlaufen! Nicht aufgeben! Selbst Paulus sagt hier: Ich bin noch nicht dort wo ich hin will. Ich bin noch nicht ganz bei Christus. Aber ich bleib auf dem Weg. Ich setze alles daran das Ziel zu erreichen, damit der Siegespreis einmal mir gehört, wie ich jetzt schon Christus gehöre. Er schreibt diese Worte aus dem Gefängnis, nicht von einer gut gepolsterten Kirchenbank.
Ist das nicht ein starkes Wort! Das möchte ich mir heute mitnehmen: „Ich bin noch nicht am Ziel, aber ich gehöre jetzt schon Christus. Er ruft uns zu: Komm! Du gehörst zu mir! Ich hab deinen Supergewinn bezahlt! Komm her zu mir, auch wenn du müde und belastet bist. Ich bau dich wieder auf. Ich nehme dir ab, was dich niederdrückt, ich gebe dir Kraft und zeig dir ganz neu das Ziel. Ich helfe dir, dass du wieder nach vorne schauen kannst. Ich gebe dir, was du brauchst, damit du deinen Weg schaffst.
Der Lebensgewinn durch Jesus ist nicht von der Wahrscheinlichkeit 1 zu 59 Millionen abhängig. Da ist das Verhältnis umgekehrt. Einer bezahlt am Kreuz und Millionen, die ihm vertrauen, gewinnen. Jesus lässt mich vergessen, was hinter mir liegt an Fehlern und Versagen, an falschen Zielen und Irrwegen. Wenn ich nach vorne schaue auf das Ziel, auf Jesus Christus, sehe ich seine Wunden. Und ich darf wissen, dass er für alle Fehler meines Lebens bezahlt hat. Sie müssen mich nicht mehr belasten. Sie können mich nicht ausschließen vom Gewinn.
Die Beziehung zu Jesus kann ich nicht in einen frommen Tresor sperren, wie man einen Lottogewinn in den Tresor sperrt. Sie muss gelebt und bezeugt werden an jedem Tag: Am Familientisch, hinter dem Steuer, am Schreibtisch, im Supermarkt, am Gartenzaun, am oder im Krankenbett, im Urlaubsquartier und am Arbeitsplatz. Glaube wird konkret mit dem Kugelschreiber oder der Fernbedienung, bei der Wahl der Worte und des Fernsehprogramms.
Niemand von uns ist schon fertig und vollkommen. Niemand von uns macht alles richtig, niemand muss alles richtig machen. Wir haben den höchsten Gewinn, wenn wir uns von Gott und für Jesus gewinnen lassen. Wir halten diesen Gewinn fest, wenn wir nicht aufhören, zu glauben. Den Jackpot können wir dann wirklich neidlos anderen überlassen. Amen.
Herr, du bist der größte Schatz, den wir finden können und den wir festhalten wollen. Mit dir gewinnen wir das Leben. Hilf uns, dass wir nicht aufgeben, nicht nachgeben, was auch geschieht. Schenk uns neu Glauben und ein festes Herz. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168