Der Gott der Hoffnung

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3.Advent, 16.12.2018, Römer 15, 4-13

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Im Brief an die Römer schreibt der Apostel Paulus im letzten Teil, Kapitel (15, 4-13):

Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Denn ich sage, Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen Gottes zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: „Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.“ Und wiederum heißt es: Freut euch ihr Heiden, mit seinem Volk! Und wiederum: „Lobet den Herrn, alle Heiden und preist ihn, alle Völker!“ Und wiederum spricht Jesaja: „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.“ Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Ganz schön kompakt! Was in diesen Versen alles drinsteckt! Eine Fülle von wichtigen und guten Aussagen, die viele Lebenssituationen hilfreich sein können. Aber in der Dichte erfasst man das gar nicht gleich. Da muss man sich ein bisschen Zeit nehmen und genauer hinschauen oder hinhören.

Was die Bibelstellen aus den Briefen des Apostel Paulus so schwer macht, ist ihre Fülle. Was der Apostel da im vorletzten Kapitel an die Römer alles reinpackt, daraus könnte man viele Predigten machen. Paulus entfaltet nicht nur die Lehre unseres Glaubens gründlich, sondern erinnert an den Trost der Heiligen Schrift, preist die Geduld Gottes, macht seine Barmherzigkeit groß, fordert zum Lob Gottes auf und zum Dank in allen Dingen. Da sind wichtige Aussagen im Blick auf den Umgang mit anderen: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“ Schon dieser eine Satz ist eine große Aufgabe und ein gewaltiges Geschenk. Paulus will am Ende seines Briefes der Gemeinde in Rom noch einmal alles ans Herz legen, was fürs Zusammenleben als Christen und fürs Durchhalten im Glauben wichtig ist.

Mir kommt das so vor wie so ein Multi-Tool. Das ist auch kompakt und schwer. Die Touren Radler und Wildnis Wanderer unter uns werden es kennen. In diesem kleinen Ding sind viele Werkzeuge versteckt. Verschiedene Schraubenzieher, Sägen und Feilen, Messer und Zange, Drahtschneider, Flaschen- und Dosenöffner, Nussknacker, Fischentschupper – braucht man besonders häufig – und vieles mehr.

Wenn man damit unterwegs ist, dann hat man für jede Notlage das Richtige dabei. Weil es so viel auf kleinem Raum enthält, ist es ziemlich schwer. Aber im Fall eines Falles kann man darauf zurückgreifen. So ist das auch mit den schweren Texten des Paulus. Man muss sich Zeit dafür nehmen, sie entfalten, dann entdeckt man ihre Möglichkeiten und Stärken. Für so manche Notlage im Leben ist da Hilfe enthalten.

Als ich vor 7 Jahren über diese Verse gepredigt habe, da habe ich mich besonders mit dem ersten Teil beschäftigt, wo von Gottes Geduld die Rede ist und gefragt: Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Dass wir einen Gott der Geduld haben? Einen Gott, der unendlich viel Geduld mit uns hat und der uns dazu bringen möchte, dass wir geduldig auf sein Eingreifen warten, dass wir Geduld lernen und dass wir auch Geduld miteinander haben. Wenn sie wollen können Sie ja die Predigt von damals in unserem Predigtarchiv auf der Homepage der Kreuzkirche noch einmal nachlesen.

Heute möchte ich einen anderen ganz wichtigen Satz des Paulus besonders herausgreifen und mit ihnen bedenken. Auch ein hilfreiches Werkzeug für unseren Glauben. Der letzte Satz der vorhin verlesen Bibelstelle: Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Und ich möchte genauso fragen: Ist ihnen das schon einmal so richtig aufgegangen, dass wir einen Gott der Hoffnung haben? Einen Gott, der unsere Hoffnung ist und der uns nie ohne Hoffnung lässt. Auch nicht in der Angst, nicht im größten Chaos und nicht einmal in selbstverschuldeter Not. Ja nicht einmal im Sterben.

In Saloniki, dem alten biblischen Thessaloniki fand man bei Ausgrabungen zwei uralte Graburnen, die aus etwa derselben Zeit stammten, Die eine trug die Inschrift: „Keine Hoffnung“ und auf der anderen stand der Satz: „Christus, der ist mein Leben.“ Genau das ist der Unterschied. Wer keinen Gott der Hoffnung hat, der hat auch am Ende keine Hoffnung. Aber wer den Gott der Hoffnung kennt und sich an ihn wendet, der kann sagen: Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg.

Mit dem Gott der Hoffnung muss niemand verzweifeln, muss niemand aufgeben, ist keiner am Ende. Auch wenn ihm nichts gelingt oder alles alles zerbricht, wenn er alles verliert, er hat doch noch seinen Herrn und Gott der ihn nicht ohne Hoffnung lässt, der seine Hoffnung ist.

Als ich am Ende meines Studiums zunächst das Examen nicht bestanden habe, hatte ich nur diese Hoffnung und konnte damit betend zu Jesus kommen: Herr, ich verstehe das nicht, aber du weißt, wofür es gut ist und du wirst deinen Plan für mich gut zu Ende führen. – Er hat meine Hoffnung nicht enttäuscht.

Nur weil Martin Luther diesen Gott der Hoffnung hatte, konnte er in seinem Lied dichten (EG 362,4): „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin, sie haben‘s kein‘ Gewinn: Das Reich muss uns doch bleiben.“ Das Reich Gottes, seine Herrlichkeit und seine Zukunft kann uns nicht genommen werden.

Friedrich von Bodelschwingh, der Begründer der Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld hat zusammen mit seiner Frau vier seiner Kinder begraben müssen. Was für ein Leid! – Im Schlafzimmer der Bodelschwinghs hing an der Wand ein Bild das eine Frau zeigte, die am Himmelstor von vier Kindern abgeholt wurde, um sie vor den Thron Gottes zu bringen. In den Kindern mit den Palmzweigen in den Händen sahen die Eltern ihre eigenen vier verstorbenen Kinder. In der Hoffnung auf Jesus wussten sie die schon Himmel. Der Gott der Hoffnung gab ihnen diesen starken Trost.

Zu Paulus Zeiten standen Christen unter dem Druck drohender Verfolgung. Aber Gott ließ sie durch den Heiligen Geist gewiss werden, dass sie in keiner Situation allein sein würden. Sie hatten die Hoffnung, dass auf sie in jedem Fall die Herrlichkeit des Himmels wartet. Das gibt bis heute verfolgten Christen die Kraft treu zu bleiben und zu bekennen. Sie wissen, dass die Leiden dieser Zeit nichts sind im Vergleich zu der himmlischen Herrlichkeit, die sie erwartet.

Noch sind wir solcher Verfolgung nicht ausgesetzt, aber es gibt unendlich viele, die in einer anderen hoffnungslosen Lage sind: Hoffnungslos verschuldet; hoffnungslos einsam, hoffnungslos erkrankt, hoffnungslos traurig, hoffnungslos verliebt, hoffnungslos überfordert. Allen Hoffnungslosen dürfen wir sagen: Es gibt einen Gott der Hoffnung! Er kann auch Dir neue Hoffnung geben. Er will mit seinem Geist, den die Bibel auch den „Tröster“ nennt neue Hoffnung und neue Kraft geben. Bei dem Gott der Hoffnung gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

Er hat Gelähmte wieder gehen und Blinde wieder sehen gemacht. Eine Ehebrecherin durfte neu beginnen, ein Geiziger konnte großzügig Geld verschenken, ansteckend Kranke wurden gesund und durften zurück in die Gemeinschaft der Gesunden und ihrer Familie.

Der Gott der Hoffnung erfüllte sie alle mit Freude. Wer Hoffnung hat, kann sich wieder freuen, der sieht Licht am Ende des Tunnels. Hoffnung haben heißt doch: Das sehen und erwarten, was noch nicht da ist. Noch bin ich nicht gesund, aber mit Gottes Hilfe kann ich es werden. Wer in diesem Glauben steht, in dessen Herz ist Frieden.

So erleben es die Eltern, die in diesen Wochen vor Weihnachten ihr Kind verloren haben. Diesen Frieden, der in ruhig sein lässt, spürt der Familienvater, der seine Arbeit verloren und noch keine neue Stelle gefunden hat. Diese Geborgenheit schenkt der Gott der Hoffnung dem Mann, der wegen seiner Krebserkrankung immer wieder in die Klinik muss.

Einem afrikanischen Christen wurde seine siebzehnjährige Tochter durch den Tod genommen. Die ganze Familie war traurig. Aber sie waren auch getröstet durch die Hoffnung auf das Ewige Leben. Auf das Grab der Tochter setzte der Vater ein schlichtes Holzkreuz und schrieb die Worte darauf: „Der Tod hat keine Hände!“ Als man ihn fragte, was die Inschrift bedeuten solle, gab der Vater zur Antwort: „Ich weiß, dass mir der Tod mein Kind nicht wegnehmen und für immer festhalten kann, sondern ich werde es bei Jesus wiedersehen. Der Tod hat ja seit Ostern keine Hände mehr!“

David sagt im 31. Psalm: „Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Wer so mit Gott redet, der muss sich nicht ängstlich um sein Leben sorgen. Der muss sich auch nichts vormachen, wie kürzlich der Schlagersänger Heino, als er 80 geworden ist. Der verdrängt den Gedanken an sein Lebensende mit dem Spruch: Achtzig ist das neue fünfzig.

Wenn mir manchem Besuch älterer oder sterbenskranker Menschen immer mal der Gedanke kommt: Wie wird denn wohl mein Leben mal enden? Dann bete ich die Liedzeile der Gräfin von Schwarzburg- Rudolstadt (EG 530), mit der sie jede Strophe dieses Liedes enden lässt: Mein Gott, ich bitt durch Christi Blut, mach‘s nur mit meinem Ende gut.

Weil Jesus uns durch sein Blut teuer erkauft und für alle unsere Sünden bezahlt hat, darum bleibt die Hoffnung auf ein gutes Ende und eine wunderbare Zukunft. Nicht weil einer vielleicht halbwegs anständig gelebt oder es wenigstens meistens versucht hat. Der Geist Gottes bewirkt dies Erkenntnis und diesen Frieden: Ich bin erlöst und ich bin ganz in Gottes Hand!

Selbst wenn einmal eine große Katastrophe unsere Welt unbewohnbar machen sollte oder ein nuklearer Krieg alles zerstören würde, dürften wir uns an die Worte Jesu halten (Lukas 21, 28): Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Am Ende steht für Gotteskinder eben nicht der Tod oder der Weltuntergang, sondern der kommende Herr und Gottes neue Welt. Er vollendet sein Reich, vernichtet alle bösen Mächte. Er schafft den neuen Himmel und die neue Erde. Damit rechnen wir und darauf setzen wir unsere Hoffnung. Es ist keine vage, sondern eine starke Hoffnung. Wir haben eine Hoffnung, deren Kraft die Welt nicht kennt heißt es im Lied eines unbekannten Verfassers und im Refrain wird der Grund der Hoffnung genannt: Jesus kommt wieder!

Von dieser Hoffnung dürfen wir leben und auch anderen fröhlich berichten. Das ist die Hoffnung, mit der Martin Luther am Tag vor dem Weltuntergang noch sein Apfelbäumchen pflanzen würde. Hoffnung, die auch uns aussichtslose Projekte unterstützen lässt. Dass wir mit unseren begrenzten Möglichkeiten am Frieden arbeiten und an der Erhaltung der Schöpfung.

Mit unserer kleinen Kraft dürfen wir an dem Platz, wo wir hingestellt sind im Vertrauen auf die Hilfe Gottes tun, was nötig und was möglich ist, auch wenn wir wissen, dass wir damit die Welt nicht retten. Die verlorene Welt ist schon längst gerettet durch Jesus. Daniel Falk hat es in seinem Weihnachtsklassiker in einen kurzen Satz gefasst: Welt ging verloren, Christ ist geboren. Und er leitet davon den „Befehl“ ab: Freue dich, o Christenheit. – Wenn wir den Gott der Hoffnung und des Friedens festhalten, wird uns das nicht schwer fallen, auch wenn die Umstände unseres Lebens und dieser Welt grad nicht besonders erfreulich sind.

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168