Der Abgrund des Todes ist überbrückt durch das Kreuz Christi

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Ewigkeitssonntag 26.11.2017, Psalm 90, 12-17

(Kreuzkirche, 21.11.99 auch WFZ MBK Kurz, Haidenaab 20.11.99)

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn J. Chr. Lasst uns in der Stille … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Als Schriftwort für diese Predigt hören wir den Spruch für diesen Gedenktag der Verstorbenen und die anschließenden Verse aus dem 90. Psalm: Im Gebet des Moses heißt es:

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden. Herr, wende dich uns wieder zu!  …

Hab Erbarmen mit uns, wir gehören doch zu dir! Herr, schenke uns deine Liebe jeden Morgen neu! … Zeige uns, wie machtvoll du eingreifst; auch unsere Kinder sollen deine machtvollen Taten sehen! Herr, unser Gott, zeig uns deine Güte! Lass unsere Mühe nicht vergeblich sein. Ja, lass unsere Arbeit Früchte tragen.

Den vor 30 Jahren verstorbenen Quizmaster, Hans Rosenthal kennen wahrscheinlich nicht mehr alle unter uns. Seinen Ausruf und Luftsprung: Wir sind der Meinung, das war Spitze dagegen kennen wahrscheinlich auch heute noch fast alle. Rosenthal war jüdischer Abstammung und hat den Nationalsozialismus nur überlebt, weil er 2 Jahre vor Kriegsende in einer Gartenkolonie in Berlin untertauchte und dort von drei mutigen Frauen heimlich versorgt wurde.

Nach dem Krieg wurde er dann in Radio und Fernsehen ein beliebter und bekannter Showmaster und Erfinder von Quizsendungen. Im Alter von erst 62 Jahren erlag er 1987 einem Krebsleiden. Sein Abschiedsbrief begann mit den Worten: „Ich weiß nicht, wohin ich gehe, aber ich gehe nicht ohne Hoffnung.“ Er war sich dessen bewusst, dass das Leben mit dem physischen Tod nicht einfach zu Ende ist. Aber er hatte keine Ahnung, wohin die letzte Reise geht. Wie so viele. Seine Hoffnung hatte kein Ziel. Auch das ist bei Vielen so.

Aber darf das sein? Da ist ein Mensch, erfolgreich, angesehen, kann sich alle materiellen Wünsche erfüllen, hat viele Interessen und Ziele, die er erreichen will, aber er hat keine Vorstellung, was einmal mit dem Tod und nach dem Tod auf ihn zukommen wird.

Das muss nicht so sein. Der 33 Jährige Manfred Primke sagte: „Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen.“ Er saß im Oktober 1986 in einem Airbus, der nur knapp einer Katastrophe entging. Der Schrecken begann für ihn und die anderen 245 Flugzeuginsassen mit einem lauten Knall. In der Toilette des Jets explodierte während des Fluges von Manila nach Osaka eine Handgranate und riss ein großes Loch in die Wand des Flugzeugs. Der Airbus kommt darauf hin ins Trudeln und geht im Sturzflug von 10.000m auf 2.000m herunter. Atemmasken fallen aus den Schächten über den Sitzen. Die Passagiere müssen Schwimmwesten anlegen. Gegenstände fliegen durchs Flugzeug.

„Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren“, erinnert sich der Dortmunder Primke. Beim ersten Absacken betet er ein Vaterunser und bereitet sich innerlich darauf vor zu sterben. Allen ist klar, dass etwas Schreckliches passieren wird. „Als ich nach einigen Minuten immer noch lebte, betete ich weiter.“ Ihm fällt der Vers aus Jesaja 43 ein: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.

Das gibt ihm die Gewissheit, dass er nach seinem Tod bei Gott sein wird. „Ich habe eine ungeheure Zuversicht bekommen, dass alles, was ich glaube, wirklich stimmt.“

Sein bisheriges Leben war reich und erfüllt gewesen. Er war kein Heiliger gewesen, aber er hatte geglaubt, gebetet und von der Vergebung durch Jesus Christus gelebt.

Hoffnungslosigkeit kam nur in ihm auf, wenn er an seine Frau und seine zwei Kinder dachte. Nach einer dreiviertel Stunde, in der alle Passagiere den Tod vor Augen haben, landet die Maschine in Osaka. 62 der 246 Insassen wurden verletzt. Tote hat es nicht gegeben. Im Hotelzimmer angekommen sinkt Primke auf die Knie und dankt Gott für die Bewahrung, mit der er nicht gerechnet hat. Als Christ glaubt er, dass alle Ereignisse seines Lebens in Gottes Hand liegen.

Die Hoffnung, die dieser gerettete Passagier hatte, war zielgerichtet. Sie hielt ihn fest, auch in der Nähe des Todes. Ganz anders der Quizmaster, von dem ich am Anfang sprach. –

Wir werden alle täglich mit dem Tod konfrontiert. Wenn wir die Zeitung aufschlagen, wenn wir Nachrichten sehen oder hören, wenn wir auf den Straßen unterwegs sind.

Ein Augenblick Betroffenheit – aber dann blättern wir rasch weiter in der Zeitung. In den Medien folgt sofort die nächste Meldung aus Politik oder Sport. Der Gedanke an den Tod, auch an den eigenen, verdrängt. Unser Psalmwort sagt uns: Halt, warum nicht über diese Tatsache nachdenken? Wer kann sagen: Das geht mich nichts an, damit habe ich nichts zu tun. Irgendwann wird das Thema für jeden von uns sehr aktuell und ganz persönlich: Mit dem Wort eines Arztes, mit dem Blick auf das Geburtsjahr oder in den Sekundenbruchteilen, in denen ein Wagen mit quietschenden Reifen auf uns zu rast. Die Bibel rät uns, nie zu vergessen, dass unser Leben zeitlich begrenzt ist.

Den bekanntesten Vers aus dem 90. Psalm haben wir im Ohr: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“ Wörtlich übersetzt: „ Unsere Tage zu zählen, lehre uns, Herr, damit wir ein weises Herz gewinnen. Oder noch anders: Mach uns bewusst, wie kurz unser Leben ist, damit wir endlich zur Besinnung kommen.

Es geht nicht darum Angst zu verbreiten, das Leben und die Lebensfreude mies zu machen, sondern es geht darum kostbare Lebenszeit sinnvoll und vor Gott verantwortet zu füllen. Schon zu Lebzeiten muss klar sein, wo die Reise hin geht.

Es gab irgendwann einmal eine Vorabendserie mit dem Titel: “Ein Engel auf Erden“. Eine Episode hatte den Titel: Tod auf Bewährung. Ein modernes Märchen.

Der Unternehmer R.R. Benson ist reich mächtig und skrupellos. Seine Freundin ist „gekauft“, seine Berater reden ihm nach dem Mund. Jonathan und Mark, die beiden Engel auf Erden sollen ihn zur Umkehr bewegen.

Im Traum erlebt Benson seinen Tod. Im Zusammenhang damit sieht er noch einmal rückblickend sein Leben vor sich. Er bettelt und fleht um eine Gnadenfrist. Er bekommt sie. Er darf die letzte Woche seines Lebens noch einmal leben. Bei diesem „zweiten Versuch“ benutzt er sein Vermögen, um die durch seine Firmen verseuchte Umwelt wieder in Ordnung zu bringen. Er setzt sein Geld ein für andere. Auf einmal weiß er, dass Liebe mehr ist, als der Kauf einer Immobilie. Er fängt an in der Bibel zu lesen, weil er nicht mehr in Unfrieden mit Gott sterben will. Sein ganzes Leben wird neu. Schließlich sagt er: „Diese sieben Tage will ich nie mehr missen. Es waren die glücklichsten Tage meines Lebens.“

Benson bekommt das Leben noch einmal geschenkt. Er lebt weiter. – Ein Märchen zwar, aber eines macht es deutlich: Wir würden unser Leben viel klüger gestalten, wenn wir wüssten, dass wir nur noch sieben Tage zu leben hätten.

Aber wenn wir unser Leben mit diesem Wissen ändern würden, warum fangen wir dann nicht schon heute damit an? Denn, was wert ist in den letzten sieben Tagen noch getan zu werden, das muss doch auf jeden Fall gut sein für unser Leben in der Gegenwart.

Die Liederdichterin Marie Schmalenbach dichtete:“

Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell herein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine.

Ist Ihnen das Große schon groß? Das unübertrefflich große, dass unser Leben mehr ist als nur von der Geburt zum Tod. Mehr als essen und trinken, kaufen und arbeiten, reisen und feiern, lieben und leiden. Leben Sie mit dem Wissen, dass das Grab und die Urne nicht das Letzte, der Friedhof nicht die Endstation ist? – Ist es Ihnen schon groß geworden und wichtig, dieses ewige Leben auch zu erreichen, von dem Bibel redet? Haben Sie schon die große und wichtige Tatsache wahrgenommen, dass es für alle Schuld und alles Scheitern in Ihrem Leben Vergebung und eine neue Chance gibt?

Es kann ausgelöscht werden, was vor Gott gegen uns spricht. Der Abgrund des Todes, der sich am Ende eines jeden Lebens auftut ist überbrückt durch das Kreuz Christi. Wer hinüber will auf die andere Seite des Abgrundes, wer die Ewigkeit in der Herrlichkeit Gottes verbringen will, kann nur den Weg übers Kreuz nehmen. Das Kreuz des Herrn Christus ist die Brücke zur Ewigkeit. Es gibt keinen anderen Weg.

Jesus sagt das direkt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich. “Ein weises Herz“ können wir nur gewinnen, wenn wir uns vom Mensch gewordenen Gott durchs Leben führen lassen.

So viele Ideen und Ideale. Konsum und Unterhaltung. Betrieb und Aktion. Tausende Stimmen und Bilder wollen uns einreden: Das musst du haben! Jenes musst du tun! Dort musst du gewesen sein. So musst du aussehen, dich so verhalten. Doch selbst wenn man sich bemüht und abhetzt alles mitzunehmen und immer auf dem Laufenden zu sein im Trend der Zeit, du bleibst trotzdem unzufrieden und leer.

„Jeder fünfte Deutsche ist körperlich und seelisch ausgebrannt. Das betrifft nicht nur Manager, sondern auch Hausfrauen und Mütter.“ So stellte es des Psychologieprofessor Michael Dietrich aus Freudenstadt schon vor Jahren fest.

Wer nicht ausgebrannt werden wolle, sollte sich an Regeln und Ordnungen halten. Die beste von allen“, so der Psychologe“, biete die Bibel, die Gott als Gebrauchsanweisung für seine Geschöpfe geschaffen habe. Halten wir uns an die biblischen Ordnungen, wie sie vor allem in den 10 Geboten gegeben sind, dann geht es uns besser.“

Dann geht es uns nicht nur ein bisschen erträglicher, sondern dann hat die Seele Frieden und Halt und kann auch mit den Nöten und Sorgen, mit den Verlusten und Enttäuschungen des Lebens anders umgehen.

Es ist so viel Kleines, was in unserem Leben zu groß geworden ist und das eine Große verdrängt hat. In der Geschäftigkeit des Alltags merken wir es manchmal gar nicht. Aber plötzlich stirbt da jemand in unserer Nähe oder wird schwer krank, und auf einmal wird alles, was uns sonst so wichtig war ganz unwichtig und klein. Kennen Sie das nicht auch?

Auf einmal weiß ich nicht mehr, wie es weitergehen soll. Wie gut, wenn ich mich dann festhalten kann an dem, der den Weg weiß und der das Ziel kennt, dem ich vertrauen kann, der mich nicht im Stich lässt, auch nicht in der größten Schwachheit.

Martin Luther schrieb zu unserem Psalmwort: Weil unser Leben nichts anderes als ein stets währender Gang zum Tode ist, darum sollen wir auch das ganze Leben hindurch die Kunst richtig und gut zu leben und zu sterben, studieren. Wer so gelebt hat, kann nicht schlecht sterben. 

Gut leben aber heißt nicht, täglich toll und voll sein, wie die Welt glaubt, sondern im Glauben des Sohnes Gottes leben, wie es Gal 2,20 heißt: „Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Gut sterben, so Luther, heißt gern sterben. Gern sterben aber bringt der Glaube. Wer glaubt, dass er einen gnädigen Gott durch Christus hat, stirbt gern, denn er weiß, wo er hin soll.“

In solchem Vertrauen dürfen wir unseren Weg, auch durch schwere und traurige Zeiten gehen, nicht aus eigener Kraft, sondern mit der Kraft, die Gott schenkt. Er schenkt sie auch Ihnen, die Sie im vergangenen Jahr einen lieben Menschen verloren haben. Oder Ihnen, denen man gesagt hat, dass die Krankheit, die Sie haben, Ihr Leben bedroht. Es ist nicht nur schlimm, das beizeiten zu wissen, es ist auch eine große Chance. Es ist die große Chance mit Gott und Menschen ins Reine zu kommen. Manchmal braucht es dazu seelsorgerliche Hilfe und Begleitung. Das persönliche Gespräch mit einem Pfarrer oder einem vertrauenswürdigen glaubenden Menschen.

Wenn ich weiß, wie begrenzt und kostbar mein Leben ist wird es möglich bewusst auf den Tod und die Ewigkeit zuzugehen. Auch mit Angehörigen darüber zu sprechen und diese besondere Zeit bewusst und gemeinsam, ohne Lügen und falsche Hoffnungen zu erleben. Man kann noch tun, was längst getan sein müsste. Man kann Abschied voneinander nehmen und weiß als glaubender Christ, dass es kein Abschied für immer sein wird, sondern dass wir uns wiedersehen werden im Reich Gottes.

Dort wartet eine Zukunft ohne Ende auf uns. Zukunft, in der Gott alle Tränen trocknet, in der alle Rätsel gelöst, alle War um-Fragen beantwortet sein werden. Es wird keinen Schmerz mehr geben und keinen Tod. – Dein Reich komme! Beten wir im Vaterunser und wir sollten es ganz bewusst tun.

Wir alle sind eingeladen in sein Reich. Gott schließt keinen aus. Ausgeschlossen bleiben nur die, die sich selbst ausschließen, weil sie Jesus Christus nicht geglaubt haben.Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168