Den Glauben der Kinder erwecken, bewahren und fördern
Zur PDFKantate 14.05.2017, Matthäus 21, 14-17
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Im 21. Kapitel des Matthäus steht unser heutiges Schriftwort für die Predigt. In den Versen 14-17 heißt es:
Es kamen zu Jesus Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. Als die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat und als sie hörten, wie die Kinder Davids!“, wurden sie wütend und fragten Jesus: „Hörst du denn nicht, was die Kinder da schreien?“
„Ja, ich höre es“, antwortete Jesus. Habt ihr nie gelesen, was im Psalm 8 steht: Selbst unmündige kleine Kinder werden dich loben!?
Damit ließ er sie stehen, verließ die Stadt und ging nach Bethanien und blieb dort über Nacht.
Der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen hat im Jahr 1829 für eine Kirche in Kopenhagen eine Skulptur angefertigt, die Jesus darstellen sollte, der Kinder zu sich ruft, Kranke heilt und zum Glauben einlädt. Vom Original in Überlebensgröße wurden viele Kopien in verschiedensten Größen gemacht. Eine steht z. B. auf dem Bayreuther Stadtfriedhof nahe der Aussegnungshalle. Auch ich habe eine kleine Kopie, die etwas mitgenommen immer noch in meinem Arbeitszimmer steht. Sie stand schon im Arbeitszimmer meines Vaters.
Als Kind habe ich ihn sehr geliebt, den Gipsheiland, der so freundlich einladend und liebevoll auf uns heruntersah. Die Arme ausgebreitet, als wollte er sagen: Komm nur her zu mir mit dem, was du auf dem Herzen hast. Oft hab ich auch mit ihm geredet, wenn kein Mensch im Zimmer war.
Vom Material her ist das Ding wert los. Der linke Arm ging irgendwann einmal zu Bruch und wurde von einem mäßig begabten Bastler nachmodelliert und wieder angebracht. Vom Künstlerischen her gehört das Original in die Zeit des Klassizismus und reißt Kunsthistoriker nicht vom Sessel.
Als Thorvaldsen an diesem Werk arbeitete, zeigte er ein kleines Modell der geplanten Jesusstatue einem Kind und fragte es: Weißt du, wer das ist? Das Kind schaute das Modell an und sagte: Bestimmt irgendein berühmter Mann. Da stellte der Künstler diesen Entwurf weg und machte einen neuen. Er wollte einen Jesus gestalten, dem jedes Kind gleich ansieht, wer er ist. Als er dann wieder ein Kind fragte, erhielt er sofort die Antwort: „Das ist der Herr Jesus.“ – Nach diesem Entwurf fertigte er dann das Kunstwerk.
Kinder haben oft ein feines Gespür für das Gute, für Geborgenheit und Liebe. Es interessiert sie nicht ob etwas in den Augen der Erwachsenen wertvoll oder vielleicht kitschig, oder künstlerisch unbedeutend, theologisch bedenklich oder pädagogisch fragwürdig ist. Sie haben einen anderen Blick, einen unkomplizierten Zugang, kindliches Vertrauen.
So auch hier im Tempelvorhof, als sie um Jesus herumrennen und begeistert fröhlich schreien, was sie kurz vorher am Stadttor gehört haben. Da hatte eine begeisterte Menge Jesus jubelnd empfangen, mit ihren Tüchern und Umhängen hatten sie einen Bunten Teppich auf den Weg gelegt und gerufen: Hosianna dem Sohn Davids! Hosianna!
Ein eigenartiger, schwer übersetzbarer Ausruf um Hilfe, der zugleich Lobpreis und Jubelruf war. „ Heil dir! oder Hilf uns doch, du Sohn Davids! – Sohn Davids war dabei eine andere Bezeichnung für den von Gott verheißenen Messias und Retter auf den die geplagten Menschen schon so lange warteten.
Die Kinder kannten die Erzählungen der Alten, die davon redeten, dass dann alles anders, alles besser werden würde, wenn einst der Sohn Davids, der Messias, der Gesalbte Gottes käme. – Und eben hatten sie miterlebt, wie Jesus Kranke heilte, gelähmte Bettler und Blinde, die am Eingang zum Tempelvorhof saßen und auf die Almosen der Tempelbesucher hofften.
Die Blicke der Kinder gingen hin und her, sie sahen dem lachenden Mann in die Augen, der früher nur mit starrem totem Blick dagesessen und ins Leere geschaut hatte. Sie staunten den anderen an, der immer von ein paar Freunden auf seiner Bahre zum Betteln hergeschleppt worden war und der jetzt frei stand und erste Schritte wagte. Die Kinder spürten das Wunder und erlebten die große Freude und sie stimmten laut und fröhlich ein in die Hosianna-Rufe. Ihnen war klar. Das ist er, der Heiland, der Hoffnung schenkt und der alles zum Guten wendet. Jetzt ist er da und das ist wunderbar für uns.
Ja, Kinder haben einen natürlichen, einen fröhlichen, unkomplizierten und manchmal auch einen lauten Glauben, der den Erwachsenen dann peinlich ist. Aber sie können diesen Glauben natürlich nur dann haben, wenn die Erwachsenen ihre Verantwortung vor Gott ernst nehmen und ihren Kindern von Jesus erzählen. Wenn Eltern und Paten das tun, was sie bei der Taufe versprochen haben, dass sie den Kindern helfen in den Glauben hineinzuwachsen.
In vielen Fällen geschieht das heute nicht mehr. Da sind Kinder zwar gegen alles versichert und geimpft, mit Elektronik und neuester Mode ausgestattet, technisch versiert, sexuell informiert, aber geistliche Analphabeten. Viele Kinder waren außer vielleicht mal an Weihnachten, noch nie mit ihren Eltern im Gottesdienst. Die meisten werden auch nicht mehr dazu angehalten in den Kindergottesdienst zu gehen.
Das Land der Reformation feiert zwar auf allen Kanälen Martin Luther, ist aber nicht mehr das christliche Abendland, das sein gutes geistliches Erbe bewahrt, sondern ein multikulturelles, multireligiöses Staatsgebilde, das allen Strömungen viel Raum und Schutz bietet. Die eigenen Glaubensvorstellungen, reformatorische Werte und göttlichen Ordnungen gibt man preis oder drängt sie verschämt in den Hintergrund. Die Vorgaben dazu machen die Medien in ihren Programmen.
Längst hat man den Buß- und Bettag abgeschafft, der Sonntag wird mehr und mehr zum Arbeits- Veranstaltungs- und Verkaufstag. Die Ehe wird anderen Lebensgemeinschaften gleichgestellt, Kreuze werden zu anstößigen Zeichen, die man Schulkindern und der Öffentlichkeit nicht mehr zumuten kann.
Eltern schicken ihre Kinder in die Jugendabteilung der Faschingsgesellschaft, des Fußballvereins oder sonst wohin aber nicht in die Jungschar der Kirchengemeinde.
„Auch vor der Kirche und ihren Mitarbeitern macht die Entchristlichung nicht halt. „Christus als personaler Gott,“ so fand schon vor fast zwei Jahrzehnten der Berliner Religionssoziologe Klaus-Peter Jörns heraus, „wird selbst von jenen nur noch beschränkt wahrgenommen, die ihn predigen sollen. Nur zwei von drei Pfarrerinnen und Pfarrern geben Jesus Christus als Gottesnamen an.“
Es wächst schon beinahe die dritte Generation heran, der nichts mehr heilig ist, die vom Wohlstand geschädigt und durch Gottlosigkeit enthemmt ist. Da ist kein Empfinden mehr für Werte wie Wahrheit und Treue, für Nächstenliebe und soziale Verantwortung. Die Individualisten und Egoisten, für die nur Kohle und Karriere wichtig sind, nehmen zu.
Wir können als Eltern oder Paten, Großeltern, Verwandte Nachbarn oder Bekannte dieser Entwicklung nur dadurch entgegenwirken, dass wir Kindern von Jesus erzählen, dass wir mit ihnen und für sie beten, dass wir Jungen und Alten unseren Glauben nicht verheimlichen und dass wir unseren eigenen Glauben an den biblischen Worten überprüfen.
Nach reformatorischem Verständnis und Luthers Grundsätzen ist die Heilige Schrift der einzige Maßstab, an dem wir uns orientieren sollen. Wer seinen Glauben und sein geistliches Verständnis an der Gesellschaft, am Zeitgeist und am jeweils vorherrschenden Trend festmacht, verliert alles.
Auch Jesus selbst bringt hier die Heilige Schrift ins Spiel. Die frommen Glaubenshüter in Jerusalem hören die Hosianna-Rufe der Kinder und fordern Jesus auf, diesem Treiben, das sie für gotteslästerlich halten, zu wehren. Da zitiert Jesus Psalm 8, wo es heißt: „Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet.“
Damit macht er den Glaubenslehrern klar: Die Kinder sind euch voraus. Die Kinder haben erkannt, dass ich der bin von dem der Psalm und die Propheten reden. Die Kinder sind in ihrem Glauben und in ihrer Erkenntnis weiter als die Erwachsenen und die frommen Fachleute.
Wenig vorher war Jesus auf einem Eselsfohlen, wie es für den Messias angekündigt war nach Jerusalem eingezogen, auf den ausgebreiteten Gewändern und Palmzweigen begleitet von Hosianna-Rufen (Psalm 8,3) der einfachen Leute, die seine Predigten gehört und seine Wunder miterlebt hatten.
Kurz darauf hatte Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem Tempelhof gejagt, von deren Abgaben die hohe Geistlichkeit nicht schlecht lebte. Dann hatte er auf den Stufen zum Tempel die geheilt, die nach damaligem Verständnis durch ihr Leiden sichtbar von Gott gestraft waren. Er hatte sich Sündern zugewendet und solchen, die so unrein waren, dass sie den Tempel nicht betreten durften. Wer Tempeldienst tun wollte musste körperlich und geistig unversehrt sein.
Jesus verstößt damit gegen alle denkbaren religiösen Vorstellungen der Experten und behauptet dann mit dieser Äußerung: Mir steht der Hosianna-Ruf zu. Ich bin der Messias. Das ist zu viel für seine Gegner. Das bringt sie in Rage und lässt die Pläne in ihnen reifen, die sie dann am Karfreitag auf Golgatha verwirklicht haben. Aber Jesus schert sich nicht um ihre Kritik. Er lässt die Kritiker einfach stehen. Er hat Ihnen gesagt, was nötig war und geht weg aus seiner Stadt, vom Haus seines Vaters, das für ihn Bethaus und nicht Bazar mit Money-Change war. Die fröhlich Hosianna rufende Kinderschar hinterher und einige lachende Menschen, die nicht mehr blind und nicht mehr lahm waren dazu.
Ja, der Heiland wendet sich von den überheblichen Frommen ab, die alles wissen und alles haben, er lässt sie stehen mit ihrer theologischen Bildung ihrer liturgischen Kompetenz, die über jeden Zweifel erhaben sind und wendet sich den Mühseligen und Beladenen zu, denen, die ihm kindlich vertrauen, denen, die ihn von Herzen loben und mit dem Mund bekennen. Die erfahren seine Liebe, seine Hilfe. Von Ihnen lässt er keinen stehen. Denen läuft er nicht davon.
So ist es bis heute. Für Starke und Selbstgerechte, für Wissenschafts- und Vernunftgläubige bleibt Jesus fremd. Sie können mit seinen Worten und seinem Handeln nichts anfangen. Sie empfinden sich nicht als Sünder, die Vergebung oder gar Erlösung bräuchten. – Sie glauben, wie sie sagen, schon auch irgendwie an Gott, oder ein höheres Wesen, aber sie machen sich ihren Gott selbst aus den Bausteinen der Religionen, die ihnen gefallen. Sie wunderen sich nicht einmal, dass ihr Gott ein toter Gott ist, der nicht hilft, nicht antwortet, nicht Halt gibt. Sie brauchen Jesus nicht. Und Jesus geht weg und lässt sie einfach stehen.
Er wendet sich denen zu, die kindlich und unkritisch rufen: Jesus, du Sohn Davids, Jesus, du Sohn Gottes, Du Heiland und Herr, erbarm dich über mich. Denn –
– ich bin blind für die richtige Lösung in meiner Not. – ich bin wie gelähmt in meinem Glauben. – ich hab nicht die Kraft für meinen Alltag.
Ich bin so verstrickt in meiner Schuld, dass ich allein nicht rauskomme. Niemand hat mich lieb. Niemand kann mich liebhaben, weil ich so bin, wie ich bin. Immer mehr so Hilfsbedürftige, wie du und ich sammeln sich um Jesus und machen mit kindlichen Glauben wunderbare Erfahrungen.
Die Erfahrung:
– Ich bin doch geliebt, trotzdem geliebt. – Mir ist wieder vergeben. Alle meine Schuld. – Gott hat doch einen Weg und eine Zukunft für mich, auch wenn das Arbeitsamt, der Arzt, der Lehrer und ich selber keinen mehr gesehen haben.
Solche Erfahrungen machen es dann auch leicht, mit einzustimmen in das Gotteslob. Da kommt dann das „Großer Gott wir loben dich“ von Herzen und nicht aus einem gelangweilt gähnenden Mund.
Nehmen Sie den Heiland mit, wohin Sie gehen. Ich nehme meinen auch mit. Nicht nur den alten aus Gips, der ja nur ein Bild ist, sondern den lebendigen Herrn im Herzen. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/4116