Davids Schuld und Gottes Vergebung

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11.Sonntag nach Trin. 31.08.2014, 2.Sam. 12,1-10. 13-15a

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … 


David steht heute im Mittelpunkt. Eine schillernde Persönlichkeit, ein mutiger und furchtloser Mann. Schon als Jugendlicher kämpft er mit wilden Tieren, um seine Schafe zu schützen. Bereits als Kind wird er von Samuel zum König gesalbt ohne die Bedeutung zu erfassen. In jugendlicher Unbeschwertheit nimmt er den Kampf mit Goliath auf und siegt.

Er ist begnadeter Liederdichter, Schriftsteller und Musiker, treuer Freund, geschickter Diplomat, großer Stratege, mutiger Feldherr, wird berühmt als Baumeister und Staatsmann. Er schont mehrmals das Leben Sauls obwohl der ihm ohne allen Grund nach dem Leben trachtet.

David ist dem Prinzen Jonathan verlässlicher Freund, tief gläubig auch als er Schweres mitmacht. Er durchlebt Jahre als Verfolgter, immer bedroht, immer auf der Flucht. Sein Leben ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, wie kaum ein anderes. Als Vater agiert er eher unglücklich. Einige seiner Kinder machen ihm großen Kummer. Er war zu nachsichtig.

Davids Karriere dagegen ist einzigartig. Vom kleinen Bauernbuben und Hirten zum großen König. Vor 3000 Jahren, bedeutete König sein: Du hast niemand mehr über dir. – Nur Gott. – Heute weiß das ja nicht mehr jedes Staatsoberhaupt. – David war das wohl noch bewusst. Und trotzdem vergisst er es auf dem Höhepunkt seiner Macht. Auch er erliegt der Versuchung, sich zu erlauben, was Gott nicht erlaubt. Er missbraucht seine Macht. Er denkt für einige Zeit nicht daran, dass er alles, wirklich alles, was er tut, vor Gott verantworten muss. Auch wenn ihn Menschen dafür nach damaliger Staats- und Gesellschaftsordnung nicht zur Rechenschaft ziehen können. Das wird ihm zum Verhängnis.

Zunächst erliegt er einer zarten Versuchung. Vom Dach seines Palastes aus, auf dem Gipfel der Macht, wird ihm eine schöne Frau zum Verhängnis. Er sieht sie beim Bad im Garten ihres Hauses. Er wehrt sich nicht sofort gegen die ehebrecherischen Gedanken. Er schaut nicht schnell weg, sondern lange und intensiv hin. Er lässt dem Begehren freien Lauf. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, sondern auch Ehebrecher/innen. Und die Gelegenheit war günstig. Der Ehemann der schönen Frau weit weg, als Offizier im Auslandseinsatz.

Eine Einladung zum Candle-Light-Dinner, die Frau genießt die Bewunderung des Königs. Ein Spiel mit dem Feuer, da brennt es schnell. Das ist bis heute nicht anders. Wie viele Affären haben mit vermeintlich harmlosem Flirt begonnen. Und dann gibt es kein Zurück mehr. Lust und Leidenschaft nehmen ihren Lauf und es beginnt der Teufelskreis von Lügen, Betrug und zerstörtem Vertrauen. Das kann bis zum Mord gehen. Bei David ging es wirklich so weit. Nachdem die Versuche, dem betrogenen Ehemann das Kind als eigenes unterzuschieben scheitern, sorgt David dafür, dass der Offizier Uria bei einer riskanten militärischen Aktion umkommt. Er stirbt im Kampf und David nimmt sich der schwangeren Witwe, Bathseba, an und wird dafür vom Volk geachtet.

Unrechtsbewusstsein? Zunächst keines. Eher das überlegene Gefühl von cleverem Krisenmanagement: Hab ich das nicht durch mein Geschick noch gut hingekriegt? Kein Skandal. Kein Verlust an Ansehen. Vor Menschen wächst schon Gras über die Sache. König David hat die Sache schon beinahe vergessen – oder verdrängt. Bei so vielen staatsmännischen Pflichten bleibt ja auch kaum Zeit zum Nachdenken.

Aber bei Gott ist das Unrecht nicht vergessen. Vor dem Allmächtigen lässt sich weder große noch kleine Schuld vertuschen. Gott hat verschiedene Möglichkeiten, Menschen auf ihre Sünden aufmerksam zu machen. Er entzieht vielleicht den Segen, er spricht das Gewissen des Schuldigen an, durch sein Wort oder durch Menschen. So war es bei David. Einige Zeit nach Urias Tod meldet sich der Prophet Nathan beim König zur Audienz an. Nicht ungewöhnlich, Unterredungen zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Oberhaupt des Landes gab es immer mal wieder. Nathan kommt, um einen besonderen Fall mit dem König zu besprechen: Hier setzt unser heutiges Schriftwort für die Predigt aus 2.Samuel 10 ein:

Der Herr sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: „Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder, aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt’s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.“

(Als David das hörte,) da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: „So wahr der Herr lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.“

Der König hat es zunächst tatsächlich nicht kapiert, dass der Prophet ihm in dieser berühmt gewordenen „Nathansparabel“ seine eigene schändliche Geschichte erzählt hat. Er entrüstet sich nicht nur, sondern spricht auch gleich ein höchstrichterliches Urteil, gegen das es keine Berufungsinstanz gibt: Nicht nur Schadenersatz und Geldstrafe, nein, die Todesstrafe für ein geklautes Schaf. Das ist drastisch. Exemplarisch soll die Strafe sein und abschrecken. Schließlich will der König ja ein Freund der kleinen Leute sein. Darum kein Pardon für diesen Mann. Das Urteil steht! So hat der König gesprochen, so soll es geschehen! Fassungslos sieht der Prophet dem König in die Augen. Muss er noch deutlicher werden? Kann es sein, dass der König seine Geschichte nicht verstanden hat. Nathan geht einen Schritt auf den König zu und sieht ihm in die Augen. David wird nervös. In unserem Text heißt es weiter:

Da sprach Nathan zu David: „Du bist der Mann! – So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israels und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazu tun. Warum hast du denn das Wort des Herrn verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hethiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. Nun, soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hethiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.“

Wie vom Donner gerührt steht der König da. Es fällt wie Schuppen von seinen Augen: Auf einmal erkennt er das Ausmaß seiner Schuld. Ehebruch, Lügen, Intrigen, sogar Mord. Ja, auch wenn es die Pfeile der Ammoniter waren,. Die Uria das Leben kosteten, der Mörder war doch eigentlich er. Und auch wenn Bathseba in den Ehebruch eingewilligt hatte, der Verführer war doch er, David. In einem Augenblick wird David das Ausmaß seiner Schuld deutlich. Was soll er tun? Gott hat ihm durch das mutige Wort des Propheten die Augen geöffnet für seine Schuld. Der große König erkennt: Ich bin ja viel schuldiger als mancher, über den ich ein Urteil gesprochen habe.

Wir wollen noch einmal auf unseren Predigttext hören: Davids Antwort an Nathan: Da sprach David zu Nathan: „ich habe gesündigt gegen den Herrn.“ Nathan sprach zu David: „So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des Herrn durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.“ Und Nathan ging heim.

David sucht nicht nach Ausreden. Er bringt keine mildernden Umstände vor. Er verdrängt seine Schuld nicht, sondern er stellt sich Gott mit seiner Schuld: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn“. Das ist seine Beichte: Ich war es und kein anderer. Ich habe Gottes gute Ordnungen mit Füßen getreten. Kein ‚aber‘ setzt er hinter sein Bekenntnis. Und so unglaublich das klingt, das rettet ihm das Leben. Nathan sagt ihm im Namen Gottes noch in derselben Minute: „So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.“

David erlebt das Wunder der Vergebung Gottes. Er ist begnadigt. – Vielleicht geht Ihnen das zu schnell, und Sie fragen: Ist das so einfach? – Nein, einfach ist das nicht. Auch nicht selbstverständlich und nicht menschlich. Zum Wunder der Vergebung braucht es die ganze unbegreifliche barmherzige Liebe Gottes. Bis heute gilt: Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe.

David hat später noch viel Leid tragen müssen in der eigenen Familie und er wird wohl manchmal dabei an sein eigenes Versagen erinnert worden sein. Und wenn er im 103. Psalm sagt: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit“, dann nimmt man ihm ab, dass dieser Lobpreis der Gnade Gottes aus tiefstem Herzen kommt. Seine Liebe zu Gott gründet in der Erfahrung der Vergebung und Gnade.

David ist wohl bewußt, dass er Gottes Vergebung nicht verdient hat. – Wissen wir das auch? – Oder leben wir noch in der Haltung, die David zunächst so scharf richten lässt, über den Reichen in Nathans Parabel: Der Reiche hat Strafe verdient! Solches Richten ist allerdings eine sehr gefährliche Haltung, zu denken: Wie kann der nur! Unmöglich der Mann, unmöglich die Frau. – Wie schnell ist man selber verstrickt in die Sünde. Vielleicht ist es uns nur noch nicht aufgegangen. Vielleicht war Nathan noch nicht da. Und wir haben noch nicht erkannt: Ich bin der Mann! Ich bin die Frau!

Es gibt einen wunderbaren Satz des Apostels Paulus (Römer 5,20): Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Wo einer die Größe seiner Schuld erkennt, die Tiefe seiner Verlorenheit wahrnimmt, da wird die Gnade Gottes zum großen Geschenk. Für viele Christen, gerade solche, die in frommen Elternhäusern aufgewachsen sind, ist die Vergebung eine Selbstverständlichkeit. Sie haben das von klein auf so gelernt: Wenn ich böse war, bete ich um Vergebung und dann ist alles wieder gut. Keine Reue, kein Erschrecken über die eigene Schuld, keine Erkenntnis der tiefen Verlorenheit. – Da bleibt auch die Gnade klein. Ach was! Gnade, Gott muss doch vergeben, wenn ich ihn bitte.

Muss er? Vergebung wie Zähneputzen, Routine, Gewohnheit? Ist das nicht viel mehr, wenn der heilige Gott Schuld wegnimmt? Wenn ein Todesurteil aufgehoben wird? Der Tod ist doch der Sünde Sold. Begnadigt werden ist eine große Sache. Alles andere als selbstverständlich.

Mit dem Kreuz Jesu erinnert Gott uns daran: Da musste einer sterben, damit du leben darfst. Da hat einer sein Leben gegeben, damit du eine Zukunft hast und nicht verloren bist. Kannst Du das so gleichgültig, so ungerührt hinnehmen? Oder musst da nicht auch du in der Tiefe deiner Seele angerührt sagen: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.“

Wo keine Sündenerkenntnis ist, wird auch die Gnade nicht mehr verstanden. Da bleibt das Herz leer und der Glaube kalt und tot. Und umgekehrt: Die Menschen, die ein brennendes Herz für die Sache Gottes hatten, mussten vorher alle durch eine tiefe und ehrliche Sündenerkenntnis. Die waren erschrocken über sich selbst, ja die erschrecken immer wieder darüber, wozu sie noch fähig sind, obwohl Gott ihnen schon so viel Gutes getan hat. Und sie spüren, dass die eigenen Kräfte nicht ausreichen um loszukommen von der Sünde in Gedanken, Worten und Werken. David hat das begriffen, darum betet er mit dem 51. Psalm wir haben ihn vorhin gesprochen:

Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Der willige Geist, der sich nicht mit der gewohnten Sünde abfindet, der neu werden will, der es Gott zutraut, dass er ihn verändert, den können wir uns nur von Gott erbitten. Immer wieder, solange wir die Auflehnung, die Rebellion, den Ungehorsam gegen Gott in uns spüren. Dann machen wir auch die wunderbare Erfahrung der Gnade, die tief geht, die überwältigt und verändert und können von ganzem Herzen beten oder singen wie Philipp Friedrich Hiller vor 250 Jahren:

Mir ist Erbarmung wiederfahren,
Erbarmung deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem wunderbaren,
mein stolzes Herz hat’s nie begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut
und rühme die Barmherzigkeit.

Amen. (EG 355,1)

Verfasser: Martin Schöppel © , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168