Das Wort Gottes lässt sich nicht aufhalten

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16. Sonntag nach Trinitatis, 23.09.2012 Apg 12, 1-11

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Unser Schriftwort für die Predigt heute ist eine spannende Geschichte aus der Zeit der ersten Christenheit. Etwa ein Jahrzehnt war vergangen seit Kreuzigung und Auferstehung des Herrn Jesus Christus. Seit Pfingsten war die Gemeinde stetig gewachsen. Aber neben Anerkennung unter dem Volk hatte es immer wieder auch Verfolgung gegen die wachsenden christlichen Gemeinden gegeben. Doch durch Vertreibung aus manchen Orten wurde das Evangelium nicht ausgelöscht, sondern breitete sich zusätzlich an anderen Orten aus. Jerusalem war aber immer noch der Sitz der Urgemeinde.

Seit dem Jahr 41 war Herodes Agrippa, ein Enkel des Herodes, der für den Kindermord von Bethlehem verantwortlich war, König in Judäa. Durch seinen Schulfreund Claudius, der inzwischen Kaiser in Rom war, hatte er dieses einträgliche und mächtige Amt bekommen. Um sich bei den jüdischen Führern und beim Volk beliebt zu machen, begann er die Verfolgung der Christen auszuweiten. Es ist das Jahr 44. Da setzt der Bericht aus der Apostelgeschichte 12 ein:

Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes mit dem Schwert.
Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.
Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen.
So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten, aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, bevor Herodes ihn vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten mit zwei Ketten gefesselt und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.
Und siehe der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf!
Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!
Und er ging hinaus und folgte ihm; und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschah durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit und alsbald verließ ihn der Engel. Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

So weit der für diesen Sonntag bestimmte Predigttext. Aber ich möchte Ihnen noch erzählen, wie es unmittelbar danach weiterging:

Da steht er nun, der Petrus, allein, mitten in der Nacht, irgendwo in einer finsteren Gasse Jerusalems, noch etwas verwirrt. Hat er das alles nur geträumt? – Vor ein paar Tagen verhaftet und eingesperrt, gefesselt und mit Sonderbewachung wie ein Schwerverbrecher. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, nachdem er erst kurz vorher von der Enthauptung seines Freundes Jakobus erfahren hatte. Herodes wollte auch mit ihm einen Schauprozess machen, an dessen Ende ihn sicher auch das Todesurteil erwartet hätte.

Aber jetzt ist er frei. Er kann gehen, wohin er will. Gestärkt im Glauben und um die Erfahrung reicher, dass der Herr mächtiger ist als Könige und Soldaten. Petrus weiß, dass sein Brüder und Schwestern im Glauben für ihn beten. – Die Gemeinde, so hieß es, betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. – Wann haben wir schon in einer Sache so gebetet? Ohne Aufhören! Stundenlang, eine ganze Nacht lang! Es war wohl dieses treue Gebet der Gemeinde, das den Herrn dazu bewegt hat den Petrus so spektakulär aus dem Gefängnis zu befreien. Ein Engel genügt und Ketten fallen ab, Licht geht an, geschultes Wachpersonal schläft wie betäubt, eiserne Tore öffnen sich und keiner merkt etwas trotz des hellen Lichtes, das der Engel verbreitet.

Petrus hatte nicht mit dieser Befreiung gerechnet, sondern mit seinem bevorstehenden Tod. Aber jetzt weiß ich, so sagt er sich, als der Engel verschwunden ist, jetzt weiß ich wirklich, dass der Herr mich gerettet hat. Gut, wenn man nach erlebten Wundern und Hilfen das für sich so festhält und es sich nicht wieder nehmen lässt: Jetzt weiß ich wirklich, dass ich einen lebendigen, gnädigen mächtigen Herrn habe. Das will ich mir nicht mehr nehmen lassen.

Dank und Freude erfüllen den Petrus und er will seine Glaubensgenossen daran teilhaben lassen. Er macht sich auf zu einem Haus, von dem er weiß, dass sich die Gemeinde dort versammelt hat um für ihn zu beten. Er klopft am Tor. Vielleicht ist es zwei oder drei Uhr nachts. Die Beter drinnen hören das Klopfen. Wer kann das sein? Polizei? Verfolger? Soldaten? Eine weitere Aktion gegen Christen? Man schickt erst mal eine Magd ans verschlossene Hoftor. Sogar ihr Name ist überliefert: Rhode. Wer ist da? fragt sie ängstlich. „Ich bin’s, Petrus, mach doch auf!“

Vor lauter Schreck macht Rhode nicht auf, sondern rennt zurück ins Haus und berichtet. Doch man glaubt ihr nicht. Du bist ja verrückt! Das kann ja gar nicht sein. Petrus sitzt doch angekettet im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses. Vielleicht ist es sein Geist und man hat ihn bereits getötet. – So haben sie zwar gebetet, aber offensichtlich doch nicht wirklich geglaubt, dass Petrus frei kommen könnte. Trotzdem wurde ihr Gebet erhört. So gnädig kann Gott sein.

Nach einiger Aufregung – es klopft immer noch am Tor – wird Rhode, diesmal mit Verstärkung, wieder hinausgeschickt. Man öffnet und tatsächlich, es ist Petrus. Als er in den öllampenerleuchteten großen Raum tritt, blicken ihn viele Augenpaare fassungslos an. Ein Raunen, blankes Entsetzen, das sich zur Freude und zum Staunen verwandelt. Petrus! Wie ist das möglich! Es dauert eine Weile, bis Petrus sich Gehör verschaffen kann und er erzählt, was er gerade erlebt hat. Alle können nur loben und danken. Sie lachen und fallen sich um den Hals. Was für einen Gott haben wir! Aber ihnen ist auch klar, wenn Petrus’ Verschwinden bemerkt wird, wird man ihn suchen. Noch vor Morgengrauen verlässt er die Stadt.

Zur selben Zeit wird im Gefängnis das Fehlen des Gefangenen Petrus bemerkt. Die Wachen sind völlig ratlos. Herodes lässt sie verhören und einsperren. Als er sich wenig später auch noch vom Volk wie einen Gott verehren ließ, ist die Geduld des wahren Gottes mit ihm zu Ende. Der Engel des Herrn, so berichtet die Apostelgeschichte, schlug ihn, weil er Gott nicht die Ehre gab. Und, so die Apostelgeschichte, „von Würmern zerfressen gab er den Geist auf.“ Er nimmt ein schreckliches Ende. Und der biblische Bericht schließt mit den Worten: Aber das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus.

Das Wort Gottes lässt sich nicht aufhalten. Das lässt sich durch die zwei Jahrtausende christlicher Geschichte eindrucksvoll belegen. Immer wieder haben die Machthaber und Ideologen es versucht. Mit Spott und Drohungen, mit Folter und Blutvergießen, mit Massakern und Anschlägen. Bis heute geschieht das immer wieder irgendwo auf der Welt, dass Christen eingesperrt oder misshandelt werden, dass man ihre Versammlungen stürmt, ihre Kirchen sprengt, ihnen Hab und Gut nimmt, sie verjagt oder tötet. Aber trotzdem gilt: Das Wort Gottes lässt sich nicht aufhalten

Warum? Es steht Gottes Macht hinter diesem Wort. Und der Auferstandene Herr Jesus Christus baut seine Kirche gegen alle Widerstände. Er hat alle Macht im Himmel und auf der Erde und auch in unserem kleinen Leben. Wir dürfen ihm noch viel mehr zutrauen an Hilfe und Rettung. Und wir sollen gewiss sein: Einmal werden sich alle Knie vor ihm beugen und alle Zungen bekennen: Jesus Christus ist der Herr!

Das Wort Gottes lässt sich nicht aufhalten. Nicht durch eine gottlose Gesellschaft oder gotteslästerliche Filme, Lieder oder Theaterszenen; nicht durch Kirchenaustritte, Abschaffung von Sonntagsruhe oder Feiertagen, nicht durch Verbote von Kruzifixen in Schulräumen, nicht durch Gesetze und nicht durch Gefängnisse. Matthias Jorissen dichtete vor 200 Jahren (EG 281):

Erhebet er sich unser Gott, seht, wie verstummt der Frechen Spott. Sein furchtbar majestätscher Blick schreckt, die ihn hassen, weit zurück, zerstäubt all ihr Bemühen. – Wir werden das Lied nachher noch singen.

Wir würden uns wünschen, dass das immer ganz schnell geht, dass der Engel des Herrn den Spöttern und Lästerern aufs Maul haut und die Verfolger und Misshandler mit gewaltigen Blitzen niederstreckt. Aber das geschieht nicht. Er lässt sie zunächst nebeneinander leben, die Frommen und die Gottlosen. Und manchmal ist äußerlich auch gar kein Unterschied festzustellen. Beide haben Erfolg und Misserfolg, werden krank, erleiden Schicksalsschläge, müssen Verluste verkraften. Manchmal scheint es den Frommen, als ginge es ihnen gar noch schlechter als den Gottlosen. Am Ende müssen beide sterben. Die einen mit Hoffnung, die anderen ohne.

Dann aber gehen ihre Wege auseinander. Die einen sehen als Erlöste, was sie geglaubt haben und wissen, dass nun alles Leid überstanden ist und dass es sich gelohnt hat festzuhalten am Glauben. Die anderen sehen auch, aber sie sehen, was sie nicht geglaubt und was sie nie für möglich gehalten hätten. Ihre Begegnung mit dem heiligen Gott wird nicht von Freude und Dank erfüllt sein, sondern von Entsetzen und der furchtbaren Erkenntnis, verloren zu sein. Späte Erkenntnis, zu spät.

Viele lehnen solche Vorstellungen ab und wollen von Gericht, von Sünde, von Gottes Zorn nichts hören. Aber das ändert nichts an den Tatsachen. Wenn ich Gefahren verdränge, schlechte Diagnosen nicht hören will, ändert das auch nichts an der Krankheit, die in mir steckt. Die Heilige Schrift spricht ganz deutlich an vielen Stellen davon, dass es zwei Möglichkeiten gibt, die Ewigkeit zuzubringen: Erlöst und gerettet im Frieden Gottes oder verdammt und verloren in der Finsternis.

Die Entscheidung wo wir die Ewigkeit zubringen fällt in diesem Leben und sie macht sich fest daran wie wir mit dem Wort Gottes umgehen. Es ist nicht die Sünde, die uns von Gott für immer trennt, für Sünder gibt es Vergebung, wenn sie sie begehren. Es ist der Unglaube, der ausschließt vom Reich Gottes. Wer nicht an Jesus Christus als seinen Retter und Erlöser glaubt, der geht in Ewigkeit verloren. Markus 16,16 hat das so auf den Punkt gebracht: Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. In der Taufe wird uns ohne unser Zutun geschenkt, was wir nach Kräften im Glauben festhalten sollen. Aber wo der Glaube aufgegeben wird, bleibt die Taufe wirkungsloses Wasser.

Für alle die den Weg des Glaubens gehen wollen, mit ihren Fehlern und mit allem Versagen, für alle die ihren Glauben oft als klein und schwach erleben ist diese Apostelgeschichte der Trost, dass der Herr Gebete trotzdem hört und dass er aus jeder Finsternis und Gefangenschaft retten kann.

Nach menschlichem Ermessen gab es für Petrus keine Chance. So bewacht. Rund um die Uhr, 4-mal vier Mann Spezialbewachung. GSG 4 war das noch bei den Römern. Einzelkämpfer mit Spezialausbildung. Aber der Herr lässt sie einfach einschlafen, hält ihnen Augen und Ohren zu. – Wie auch immer das zugegangen sein mag. Wir sollten uns nie darüber den Kopf zerbrechen, wie Gott das macht, sondern im Glauben darauf vertrauen, dass ihm nichts unmöglich ist. Er kann durch Prüfungen und Prozesse helfen, aus Hochwasser und vor Feuerflammen retten, von inneren oder äußeren Zwängen befreien, aus Krankheiten und Ängsten befreien.

Wie viele unter uns könnten da aus dem eigenen Leben berichten, wie sie Gottes Eingreifen erlebt haben. Angefangen vom verlorenen und wiedergefundenen Schlüssel oder Geldbeutel, bis zur Genesung nach Krankheit oder schwerem Unfall. Schon manchmal stand ich an einem Bett auf der Intensivstation, hab den Menschen unter den Geräten und den Schläuchen und Kabeln kaum erkannt und gedacht, der ist ja mehr tot als lebendig. Ich hab es trotzdem gewagt zu beten und dem Herrn zuzutrauen, dass er Wunder tun kann. Vielleicht war auch mein Glaube manchmal so klein, wie der der betenden Gemeinde damals in Jerusalem, die gar nicht glauben wollte, dass Petrus vor dem Tor stand. Und dann hab ich es oft staunend erfahren dürfen, dass der Herr Wunder getan hat. Und er tut sie noch! Verlassen wir uns darauf!

Herr wir danken dir, dass du auch in unserem Leben noch Wunder tust, dass du unsere Gebete hörst und unseren kleinen Glauben gnädig ansiehst. Lass uns nicht los und stärke unser Vertrauen in deine Macht.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-LSuther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168