Das Wesen dieser Welt
Zur PDFKreuzkirche, 20. So. n. Trin., 14.10.18, 1.Kor. 7, 29-31
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt: …Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Das Schriftwort für diese Predigt steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, im 7. Kapitel:
Das sage ich euch aber, ihr Lieben: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine;und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.
Der Apostel Paulus geht in diesem 7. Kapitel seines ersten Briefs an die Korinther zunächst sehr praktischen Fragen nach, die das Zusammenleben von Frau und Mann betreffen. Er redet von Ehe und Ehescheidung. Vom verheiratet sein und vom ledig sein und den damit verbundenen Problemen. Er gibt Ratschläge dazu, äußert zu einigen Fragen seine Meinung, zu anderen beruft er sich auf klare Aussagen der Schrift. Alles vor dem Hintergrund, dass das Thema der Geschlechter zwar ein wichtiges, aber nicht das Wichtigste ist.
Oft wird dieses Thema in unserer Gesellschaft ja zum einzigen oder zum Bedeutendsten erhoben. Wer keine Frau hat, denkt: Ach, wenn ich nur eine hätte, dann wären alle meine Probleme gelöst und ich wäre glücklich. – Wer so denkt, dem kann man nur sagen: Mach dir nichts vor! Wenn Du verheiratet bist, dann hast Du manche Probleme, von denen Du als Lediger keine Ahnung hast und immer nur glücklich sind die meisten Paare auch nicht.
Andere, die vielleicht schon lange verheiratet sind, denken manchmal: Ach, wenn meine Frau nicht so wäre, dann könnte ich in Ruhe leben. Dann hätte ich keine Probleme. Dauernd will sie was von mir. – Auch wer so denkt täuscht sich gewaltig. Wenn er seine Frau nicht hätte, dann würde ihm vieles fehlen, was die so ganz selbstverständlich tut jeden Tag. Und manche Frau denkt vielleicht nach 23 Ehejahren: hätt ich nie gedacht, dass mein Mann mal so wird. Der sieht mich gar nicht mehr richtig an…
Damit ich nicht missverstanden werde: Man kann auch jahrzehntelang verheiratet sein und es geht einem gut damit und man ist dankbar dafür. Aber ich denke, alle Verheirateten wissen, was ich meine: Es ist einfach eine Tatsache, dass in einer Ehe und Familie nicht alles nach den eigenen Vorstellungen läuft, dass man Kompromisse schließen muss. Man muss Rücksicht aufeinander nehmen und kann nicht immer alle seine Wünsche erfüllt bekommen.
Da gibt es Stunden und Tage, an denen einen Frau, Mann und/oder Kinder anstrengen, aufregen, Kraft und Nerven kosten und es gibt andere Zeiten in denen man froh und dankbar ist, dass man sie hat. Und so ist das auch bei den Singles. Manchmal kommen sie gut damit klar und genießen es, dass sie keinen zu fragen brauchen und tun und lassen können, was sie wollen und ein andermal leiden sie darunter allein zu sein und haben Sehnsucht nach jemandem an ihrer Seite.
Den nur idealen Stand oder Zustand gibt es in dieser Welt nicht. Und es macht nur unglücklich, wenn man immer den Stand ersehnt, den man gerade nicht hat. Das ist eine Form von Unzufriedenheit und Undankbarkeit, die immer Sünde ist. Denn Du wirfst mit Deiner Unzufriedenheit Gott ja eigentlich vor, dass er etwas falsch gemacht hat und dass er dir etwas schuldig geblieben ist. Besonders gefährlich ist es, als Ehemann andere Frauen, als Ehefrau andere Männern zu sehen und zu denken: Ja, wenn ich die hätte oder wenn ich den hätte, und nicht meine Frau – oder meinen Mann, dann würde es mir viel besser gehen…
Paulus hat hier einige Ratschläge für uns. Einmal:
- Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen ist.
- Bedenkt, dass die Zeit kurz ist und schnell vergeht!
- Nicht das Bauchgefühl sollte unser Handeln steuern,
sondern das Hören auf Gottes Wort und das fragen nach seinem
Willen.
Wir sollen uns nicht von Stimmungen bestimmen lassen, sondern von dem großen Ziel und der wichtigsten Stimme, die unsere Zukunft bestimmt, vom Wort Gottes. Der Heilige Geist ist ein besserer Ratgeber als der Geist der Zeit. Der Zeitgeist dreht sich immerzu um das, was der Apostel das „Wesen dieser Welt“ nennt. Die Arbeit und die Familie, die Beziehung und die Kontakte, die Mode und der Trend, der Urlaub und das Hobby, das Aussehen und das Ansehen, der Erfolg und die Anerkennung, das Geld und die Sicherheit, das Haus und die Einrichtung, die Gesundheit und die Ernährung, der Spaß und die Unterhaltung, Erlebnisse und …, eben das Wesen dieser Welt.
Bei den meisten Menschen dreht sich den ganzen Tag lang nur alles um das Wesen dieser Welt, obwohl das Wesen dieser Welt vergeht. Es bleibt dann keine Zeit für das Wesentliche und Unvergängliche. Das sollte bei Christen anders sein. Bei Menschen, die wirklich an Jesus glauben. Bei denen, die wissen, dass ihr Leben ein Geschenk Gottes ist und dass sie ihre Zeit und Kraft nur einmal haben und eines Tages alles Tun u. Lassen vor Gott verantworten müssen. – Bei denen sollte sich nicht nur alles um das Wesen dieser Welt drehen.
Nun ist aber das Wesen dieser Welt sehr ansteckend. Da kann man sich ganz schnell infizieren. Mit dem Festvirus, dass man bei jedem Fest dabei gewesen sein muss: Oktoberfest, Weißbierfest, Bürgerfest, Kneipenfestival, Klöß-Fest, Straßenfest, Unifete… Vom Kindergartenfest bis zum Fest im Seniorenheim, ein Leben von Fest zu Fest. Ansteckungsgefahr!
Die Grippewelle ist harmlos gegen die Onlinewelle. Da zieht man sich jeden Rotz rein und hustet alles ab, was drinsteckt. Jede Träne und jeder Lacher muss geteilt und mitgeteilt werden. Die Propheten und Evangelisten heißen Google und Wikipedia, das Heil und die Erfüllung bringen Amazon und Co. Das ist in unserer Zeit „Wesen dieser Welt“.
Aber das vergeht. Und wie schnell! Was vor kurzem noch ganz aktuell war ist bald völlig out. Paulus macht den jungen Christen in Korinth klar, dass eine gewisse Distanz zum Wesen dieser Welt nötig ist, um die zukünftige Welt, die Welt Gottes nicht aus den Augen zu verlieren.
Wir können uns nicht völlig abkoppeln vom Wesen dieser Welt. Wir können nicht so tun, als gäbe es keine modernen Verkehrsmittel, keine digitale Welt und Telekommunikation. Wir müssen keine Totalverweigerer sein, wie manche christliche Gruppen, die versuchen ohne Technik und modernes Gerät auszukommen. Pflügen mit Pferden, auf Fernsehen, Handy und Computer verzichten.
Aber, so rät der Apostel, wir sollen „haben, als hätten wir nicht“. Was heißt denn das? – haben, als hätten wir nicht. Wir sollen uns nicht abhängig davon machen, nicht das Glück und die Erfüllung darin suchen. Nicht unser Leben darauf bauen. Wenn wir manchmal unsere Konfirmanden auffordern, das Handy nicht mit auf die zwei Tage Konfirmandenfreizeit zu nehmen, dann sind die entsetzt. Das geht gar nicht! Ich kann doch nicht ohne Handy sein! Ich kann nur mit der Lieblingsmusik auf den Ohrstöpseln einschlafen. Ich muss alle 10 Minuten sehen, ob mir wer was geschrieben hat. Ich brauch mein Spiel. Ich hab schon den 10. Level erreicht.
Nein, es sind nicht nur die Konfirmanden. Es sind so viele. Laufen Sie mal durch die Stadt. Sie sehen kaum noch Menschen, die nicht auf ihrem Wischkästla hantieren. Jogger, Radler, Autofahrer, Mütter mit Kinderwagen sind verkabelt und vernetzt. Kein Netz zu haben ist fast so schlimm wie keine Luft zu kriegen. Wesen dieser Welt! Wer schafft‘s, sich wenigstens zeitweise davon frei zu machen? Da gilt doch besonders, zu haben als hätte man nicht. Solls doch mal klingeln, das blöde Ding. – Abschalten und den Vögeln zuhören. Schöpfung wahrnehmen, sich mit dem Schöpfer verbinden. Bei Jesus einloggen, auch ohne Netz. Auf seine Sendung sehen. Auf seinen Rat hören und wieder klar sehen.
Die Zeit ist kurz! So viele denken, sie hätten noch viel Zeit. Gleichzeitig erfahren wir täglich von Menschen, die von einem Augenblick auf den anderen keine Zeit mehr hatten. Sekundenschlaf am Steuer, vom Handy abgelenkt, das Stauende übersehen, aus der Kurve getragen. Im Urlaub in eine Naturkatastrophe geraten. Plötzliches Herzversagen. Zur falschen Zeit am falschen Ort an einen Amokläufer geraten. Schlagen Sie die Zeitung auf, schalten Sie die Nachrichten ein und sie bekommen unentwegt gezeigt, dass die Zeit kurz und das Leben voller Gefahren ist. Und dass das Leben dieser Welt vergeht.
Paulus ist so aktuell! Nein, wir können nicht raus aus dem Geschehen um uns herum. Wir können aber Halt finden und Hilfe, wenn wir uns an den wenden, der nicht vergeht. Er hat die Zeit in Händen, auch unsere Zeit und er bietet uns eine Zukunft, die alles übertrifft, was das Wesen der Welt zu bieten hat: Glück, das nicht zerbrechen kann, Frieden, der bleibt, Geborgenheit, die von Angst befreit. Wer sich an das Wort Gottes hält und sein Leben Jesus anvertraut, der kann ganz gelassen in eine Operation oder eine Chemotherapie gehen. Mit dem Wissen, mein Leben ist in Gottes Hand und dem Vertrauen, Gott hat eine gute Zukunft für mich, auch wenn mein Leben in dieser Welt einmal zu Ende ist, kann man gut schlafen, auch in schwierigen Zeiten.
Ich erlebe den Unterschied als Pfarrer immer wieder: Menschen mit Gottvertrauen und kindlichem Glauben, die von Jesu, dem Kreuz und Ewigem Leben wissen, die können auch eine kurze Zeit, die ihnen bleibt, noch dankbar erleben und nutzen. Andere, die nur das Wesen dieser Welt kennen, verbringen solche Zeiten oft mit Zorn oder Resignation, mit Angst, Klagen und Bitterkeit und Fluchen.
Paulus meint es gut mit den Korinthern und mit uns, wenn er uns darauf aufmerksam macht, dass die Zeit läuft, dass sie schnell vergeht und kurz ist. Geben wir es ruhig zu, Dieses Denken, wie es der Apostel Paulus hier empfiehlt, ist auch uns oft sehr fremd und wir schieben es gern weg. Irgendwann müsste ich mal… meinen Keller und Dachboden entrümpeln, meine Schränke durchforsten… Wir hängen alle an viel zu vielen Dingen.
Und noch dringender ist es, Sünden auszuräumen, Gebundenheiten loszuwerden, ungute Gewohnheiten aufzugeben. Die richtige Einstellung zu den Dingen gewinnen. Seelsorge in Anspruch nehmen. Paulus sagt hier: Haben, als hätten wir nicht. Damit ist nicht Gleichgültigkeit und Undankbarkeit gemeint, sondern die Freiheit, etwas auch wieder loszulassen. So wie der alte Hiob, der immer sagen konnte: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.
Etwas nur besitzen und haben, bringt’s allein noch nicht. Vieles wird uns auf Dauer zur Belastung. Paulus weiß, sicher auch aus eigener Erfahrung, je mehr ein Mensch hat, umso mehr ist er belastet und umso größer ist die Gefahr, dass es einen gefangen nimmt und ablenkt vom Wichtigsten. In den Missionsjahren, als er unterwegs war, wird er nicht viel gehabt haben. Er musste es ja tragen. Was schleppen wir alles mit uns herum?
Wir dürfen haben, aber sollten haben als hätten wir nicht. Das meint eine große Freiheit. Eine Freiheit, die wir uns nur schenken lassen können vom Herrn. Um diese Freiheit dürfen wir, ja sollen wir vorher bitten: Herr, wenn ich das, was ich jetzt habe und woran ich mich jetzt freue, was ich dir heute danke, mal hergeben muss, dann schenk mir die Freiheit dazu.
Sören Kierkegaard hat gedichtet: „Noch eine kurze Zeit, dann ist´s gewonnen, dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen. Dann werd ich laben mich an Lebensbächen und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen!“ Aber so kann nur dichten, glauben und reden, wer sich und sein Leben ganz Jesus anvertraut hat. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168