Das Vertrauen zum Vater im Himmel
Zur PDFRogate, 05.05.2013 Matthäus 6, 7-13
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Wahrscheinlich ist kein Teil des Neuen Testaments so bekannt in
der Welt, wie das Schriftwort, das für den heutigen Sonntag
Grundlage für die Predigt ist: Das Vaterunser. Wir finden
es an einer besonderen Stelle im Matthäusevangelium, mitten in der
Bergpredigt. Jesus spricht dort über zentralen Inhalte des
Glaubens und der gelebten Gottesbeziehung und kommt dabei auch zum
Thema Beten.
In allen Religionen gibt es Gebete, freie oder feste Formen des Redens
mit Gott. In vielen Religionen sind es vorgegebene Sätze, die oft
wiederholt werden, verbunden mit bestimmten Haltungen und Gesten. Oft
auch als kollektives Erlebnis in einer großen Menge von Menschen.
Jesus rät in der Bergpredigt seinen Leuten, aus dem Gebet kein frommes Spektakel
zu machen, also nicht als Beter auffallen und auf Menschen wirken zu
wollen. Es kommt nicht darauf an, dass die Leute euch dabei bewundern,
sondern es kommt darauf an, dass ihr euch betend an Gott wendet und
dass er euch hört und ihr auf in.
Geh in dein Kämmerlein, mach die Tür hinter dir zu und bete zu deinem Vater im Himmel, der in das Verborgene sieht. Gebet ist ein Termin mit Gott.
Wenn es nicht in Gemeinschaft geschieht, dann ist es eine Privataudienz
mit dem Allerhöchsten. Es kommt, so Jesus, auch nicht auf die
Länge eines Gebets an, sondern auf die Ehrlichkeit und die innere
Haltung. Ich lese die zentralen Verse unseres Schriftworts:
Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen, Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen, denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Das Vaterunser ist beides, ein Gebet, das wir so übernehmen
dürfen, wie es uns der Herr gegeben hat und es ist zugleich ein
Vorbild für unser Beten und für die Inhalte unserer Gebete.
Schon das erste Wort ist wichtig. Unser. 9 Mal kommt in diesen wenigen Sätzen das Wort „uns“ oder „wir“ vor. Viermal das Wort „dein“
mit dem jedes Mal Gott gemeint ist. Nicht einmal die Worte
„ich“, „mir“ oder „mich“. Sollte
uns das nicht zu denken geben? Wir beten nicht als Menschen, die allein
auf der Welt sind, sondern als Gemeinschaft von Menschen, die alle ihr
Leben Gott verdanken, der uns hört.
Viele können nur noch in der ersten Person denken und handeln und
beten: „Ich…, mir…, mich…“ Aber schon
in unserem Beten soll zum Ausdruck kommen, dass wir nicht nur an uns
denken. Wenn wir es mit der dritten Person in der Mehrzahl ernst
meinen, dann ist auch das Vaterunser schon ein fürbittendes Gebet,
in das wir unsere Nächsten einschließen. Ich gehe zwar in
mein Kämmerlein und schließe die Tür hinter mir zu, um
mit Gott ganz persönlich zu reden, aber ich tu das auch für meine Familie, meine Gemeinde, meine Bekannten, meine Freunde und wenn ich andere Teile der Bergpredigt ernst nehme, sogar für meine Feinde.
Vater,
das nächste wichtige Wort. Es geht dabei absolut nicht um die Frage männlich oder weiblich.
Wer Gott eine Geschlechterrolle im Sinn von Mann oder Frau zuweist, hat
nichts von ihm begriffen. Es steht mit dieser Anrede auch nicht der
Missbrauch väterlicher Autorität oder ein entstelltes
Vaterbild im Raum, sondern das positive Urbild des Vaters. Der,
der mich ins Leben gerufen hat und der mich annimmt, der für mich
sorgt, der mich lieb hat, dem ich absolut und unbedingt vertrauen kann.
Im Urtext steht auch nicht das etwas distanziertere Wort Vater, sondern
das hebräische Wort „Abba“, das ein kleines Kind
gebrauchte und das besser mit dem Wort „Papa“ wiedergegeben
werden kann.
Das Kleinkind kommt mit allem zum Papa (natürlich genauso
zur Mama). Mit jeder Freude, jeder Not, jedem Schmerz, jeder Angst,
jeder Sorge. Es weiß, der Papa kann mir helfen, kann mich
schützen, kann mich trösten, weiß Rat, weiß
Antwort. Ich verstehe manchmal nicht, was und wie er etwas macht, aber
ich weiß, er macht es schon richtig und für mich gut, weil er mich lieb hat. Und: Er hat mich auch dann noch lieb, wenn ich ihm nicht gefolgt habe. Ich darf immer und mit allem zu ihm kommen.
Die Vateranrede drückt also ein tiefes Vertrauen aus, mit
dem wir beten sollen. Der, zu dem ich betend rede, ist kein Fremder,
kein Tyrann, kein Fernstehender, kein Erhabener, sondern ein
Vertrauter, ein Hörender, Naher, ein Liebender, der es ganz sicher
gut mit mir meint.
„Im Himmel“. Hier wird eine Unterscheidung
getroffen. Nein, es geht nicht um den Vater, den jeder Mensch auf
dieser Erde hat, der versagen kann, der Fehler machen kann, dessen
Möglichkeiten, bei aller Liebe, begrenzt sind. Es geht um den, der
über allem steht, der über alles herrscht, der alles überblickt.
Ihm ist nichts zu groß oder zu klein. Er beherrscht die Zeit, den
Raum und die Materie. Er kennt die Gedanken, die Motive, die Absichten,
die Gefühle, die Ängste, den Schmerz.
Darum sollt ihr so beten, sagt der Herr: „Unser Vater im Himmel“
damit Euch bewusst ist, mit wem ihr redet und wie der Angeredete zu
euch steht. Im Himmel, das ist zugleich der Hinweis darauf, dass Gott nicht den Gesetzen unserer Welt unterworfen ist.
Er hat sie gemacht, darum steht er über ihnen. Er ist nicht
vergänglich, nicht begrenzt, er ist nie der Zeit hinterher,
sondern ihr immer voraus. Im Himmel, das steht auch für unsichtbar und ganz nah.
Die Kinder dieser Erde die unter so mancher Not und Unvollkommenheit
leiden, dürfen zum Vater im Himmel kommen und wissen, dass der
Himmel auch ihre Heimat und ihre Zukunft ist.
Nach dieser gehaltvollen Anrede folgen die ersten drei Bitten, die noch
erfüllt sind von dem Gedanken an den Himmel und an diesen
wunderbaren Gott-Vater: „Geheiligt werde dein Name!“ Das drückt Wertschätzung
aus. Wenn ich sage, etwas ist mir heilig, dann gehe ich sorgfältig
damit um. Ich dulde es nicht, dass schlecht damit umgegangen wird, dass
es verspottet und lächerlich gemacht oder gering geschätzt
wird. „Geheiligt werde dein Name!“ Ich will ihn
nicht missbrauchen, nicht gleichsetzen mit irgendetwas anderem.
Geschweige denn ihn gedankenlos oder gar als Fluch und Schimpfwort
verwenden. Dein Name, das ist alles, was mit dir zu tun hat. Das ist dein Wort, dein Ansehen, deine Schöpfung, deine Gemeinde.
Das alles soll mir persönlich heilig sein und ich will mich mit
all meiner Kraft dafür einsetzen, dass es auch meiner Familie und
meinem Volk heilig ist und heilig bleibt.
„Dein Reich komme.“ Diese zweite Bitte zeugt davon,
dass der Beter etwas weiß von Gottes Plan mit der Welt und mit
den Menschen. In der ganzen Bergpredigt, ja in den gesamten Evangelien
geht es um das Reich Gottes. Gegenüber Pilatus spricht Jesus davon, dass sein Reich nicht von dieser Welt
ist (Joh 18,36). Pilatus versteht nicht und kann sich nichts darunter
vorstellen. Der mit Jesus gekreuzigte Verbrecher hat etwas davon
geahnt, darum sagt er, der ja auch den Tod vor Augen hat zu Jesus (Luk
23,42): „Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“
Er meint den oben angesprochenen Himmel, die für uns noch
unsichtbaren Welt Gottes, die am Ende der Zeiten sichtbar sein wird und
alles umschließt. Das Reich der Gerechtigkeit, des Friedens und
der Freude in Vollkommenheit. Das Reich, in dem es weder Schmerz noch
Tränen, weder Angst noch Tod geben wird. Ist dieses Reich nicht
unser Ziel? Einmal mit dabei sein beim großen Fest des Himmels.
Wenn wir nachher das Abendmahl miteinander feiern, dann ist das eine Vorankündigung des großen Festmahls im Himmel.
Jesus sagte zu den Jüngern bei seinem letzten Abendmahl in
Jerusalem, dass er im Reich Gottes wieder mit ihnen dieses Mahl feiern
wird. Und das gilt für alle, die es hier schon im Glauben an das
Reich Gottes empfangen.
Überall, wo der Name Gottes geheiligt wird, wo das Reich Gottes
geglaubt und der Wille Gottes geachtet wird, ist Reich Gottes schon
hereingebrochen in unser Leben und in diese Welt und es wird etwas
spürbar von der Liebe, der Macht und dem Frieden des Reiches
Gottes.
Wo dieses Reich wirkt, fällt es auch leicht, die dritte Vaterunserbitte zu beten: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Ja diese Bitte ist die Folge der geglaubten Anrede: Unser Vater im
Himmel. Wenn ich verstanden habe was das bedeutet, nämlich, dass
Gott es gut mit uns meint und unser Bestes will, dann kann ich doch nur
sagen: Herr, setz du deinen Willen durch, er ist gut für mich. Er
ist mit Sicherheit der Beste, auch wenn ich gerade nicht verstehen
kann, warum. Ein Chirurg muss das Skalpell nehmen und Einschnitte in
die unversehrte schöne und gesunde Haut eines Patienten vornehmen,
um einen vereiterten Blinddarm zu entfernen, der Schmerzen verursacht
und zum Tod führen würde. Aber der Patient muss vorher einwilligen
in die Operation. Er muss sagen: Tu, was du als Arzt tun willst und tun
musst, um mir zu helfen und mich zu retten. Es geht nicht ohne dieses
Vertrauen. So kann es auch sein, dass es anderer zunächst
schmerzhafter Einschnitte in unser Leben bedarf, um uns zu retten und
zu heilen und uns das ewige Leben zu schenken.
Mit der Bitte, dein Wille geschehe, geben wir unser Leben aus
der Hand. Aus der eigenen schwachen Hand in die starke Hand Gottes, der
nur das eine Ziel hat, uns an seiner Hand und durch seine Hand bis ins
Vaterland zu führen.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“. Erst mit der vierten
Bitte geht es um unseren Lebensunterhalt. Im Begriff
„tägliches Brot“ fasst der Herr alles zusammen, was
wir brauchen, um leben zu können. Besser als Martin Luther in
seiner Auslegung zu dieser Bitte, kann man es kaum kurz zusammenfassen.
Lesen Sie es daheim im Kleinen Katechismus in unserem
Gesangbuch auf Seite 1558 mal in Ruhe nach. Da ist alles drin, von der
Verpflegung bis zum rechten Wetter und der guten Regierung. Beachten
wir die Worte täglich und heute. Wer Gott vertraut,
braucht keine großen Scheunen und dicken Konten, der kann auch
ohne Garantien und Sicherheiten ruhig schlafen, denn er weiß ja,
dass der Herr ihn nicht zuschanden werden lässt. Als Jesus seine
Jünger einmal fragt: „Habt ihr“, solange ihr mir gefolgt seid, „je Mangel gehabt?“ Antworten sie ihm: Niemals! Und König David kann glaubend feststellen: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“
Ebenso wichtig, ja vielleicht noch wichtiger als die Bitte um Lebensmittel ist die fünfte Bitte: „Vergib uns unsere Schuld“.
Unser ganzer Lebensweg ist gesäumt von Schuld. Manche mit
böser Absicht, manche unbeabsichtigt, manche bemerkt und manche
unbemerkt. Wir werden schuldig durch unsere Gedanken und durch unsere Gedankenlosigkeit, durch unser Reden und manchmal auch durch unser Schweigen, durch unsere Taten und oft auch durch Nichtstun. Durch das, was wir uns merken und durch das, was wir vergessen.
Es bräuchte eine eigene Predigt um das weiter auszuführen.
Unsere immer neue Schuld ist und bleibt lebenslang, Tag für Tag.
Der Evangelist Friedrich Stanger hat das Wort geprägt: Wir bleiben Schuldenmacher unser Leben lang.
Darum bleiben wir auch vergebungsbedürftig unser Leben lang. Und es vergeht bestimmt kein Tag, an dem wir diese Bitte des Vaterunsers nicht bräuchten. Denn Schuld trennt uns von Gott und Schuld schließt aus vom Reich Gottes,
darum brauchen wir Vergebung wie das tägliche Brot. Und wir
dürfen sie auch täglich erbitten und werden mit dieser Bitte,
wenn sie aus dem Herzen kommt, nie abgewiesen. Dass es dabei nicht nur
um uns geht, sondern auch um die, mit denen wir leben, wird mit der
folgenden Verknüpfung deutlich. Wie selbstverständlich
heißt es: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Was ich für mich erbitte, bin ich auch bereit dem anderen zu gewähren. Das setzt der Herr voraus.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Wir brauchen die Hand, die uns führt, auch deshalb, damit wir
nicht auf jede Versuchung hereinfallen. So vieles scheint uns
verlockend, wollen wir ausprobieren, versuchen und es würde uns
schaden. Darum diese Bitte um Bewahrung vor falschen Entscheidungen,
vor dem Nachgeben gegenüber den Versuchungen.
Ja, wir brauchen Erlösung. Dass der Vater im Himmel uns
löst von falschen und unguten Begehrlichkeiten. Reicher sein,
stärker sein, freier sein, mächtiger sein… Mach uns
frei von der Unzufriedenheit und dem Egoismus, der uns zerstört.
Alles Gute, alles Bleibende, alles Helfende kommt doch von Dir.
„Dein“ beginnt der Schlusssatz: Dein ist das Reich…Von dir kommt, zu dir führt, was gut ist und wahr, was hält und trägt.
Dieses wunderbare umfassende und starke Gebet soll in unserem Leben
wieder neu wichtig werden. Wenn es bewusst, mitdenkend, glaubend
gebetet oder gehört wird, geht große Kraft und umfassender
Segen von ihm aus. Wir wollen es zum Abschluss betend hören. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168